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In Tokio gibt es viele Hotels. Sonderbare sogar. Hotels, in die so viele Menschen wie möglich hinein gequetscht werden, dass sie in kleinen Röhren schlafen müssen. In kleine Röhren passen zwar auch die Mitglieder der Band, um die es hier geht, aber ansonsten fehlt der direkte Bezug zu Tokio. Lässt man außen vor, dass alle gerne einmal Japans Hauptstadt besuchen würden, so sie denn Zeit dazu hätten.
Der Terminplan der Jungs von Tokio Hotel ist jedoch spätestens seit Sommer 2005 so proppevoll, dass an einen Ausflug in den Fernen Osten erst einmal nicht zu denken ist. Zu viel dreht dich um Promotion, Live-Auftritte, Interviews und sonstige öffentlichen Termine.
Zu diesem Zeitpunkt steht nämlich ihre erste Single "Durch Den Monsun" in den Startlöchern, die Kunde von den vier hat bereits - dank Internet - in ganz Deutschland die Runde gemacht. Der Song profitiert von poppigen Melodien und der damit einhergehenden Eingängigkeit, ohne auch nur halb so wild zu klingen wie es das Outfit der Band vermuten lässt.
Sänger Bill Kaulitz sorgt immerhin für einige Verwirrungen, klingt seine Stimme doch typisch für einen 15-Jährigen. Der Stimmbruch lässt noch auf sich warten, und auch sein Äußeres ist derart androgyn, dass viele sich fragen, ob da ein Mädchen oder ein Junge am Mikro steht. Jede Menge Haarlack, Kajal und schwarz lackierte Fingernägel mögen suggerieren, dass hier die Rocksau durchs Dorf galoppiert. Mit krachigen Tönen halten sich Tokio Hotel aber (noch?) zurück, auch wenn sie in "Leb Die Sekunde" (B-Seite der Debüt-Single) etwas ruppiger zu Werke gehen.
Die Keimzelle der Band liegt in Magdeburg. Sänger Bill wächst zusammen mit seinem Zwillingsbruder Tom in Leipzig auf. Der Stiefvater der beiden soll dafür verantwortlich sein, dass sich die Brüder mit dem Musikvirus infizieren. In Magdeburg treffen sie auf den am 8. September 1988 geborenen Gustav Klaus Wolfgang Schäfer (Schlagzeug) und Georg Moritz Hagen Listing (Bass, geb. 31.3. 1987).
Das Quartett nimmt 2003 am Bandwettbewerb "Hegel Rockt" des Hegel-Gymnasiums in Magdeburg teil. Diesen Contest leiern zwei 17-Jährige (Robert Kunstmann, Martin Blichmann) an. Da es in Magdeburg ständig an Auftrittsorten mangelt, sollen die Bands eine Plattform geboten bekommen. Der Name der Combo um die Kaulitz-Brüder lautete noch nicht stylish Tokio Hotel, sondern Devilish, es gab sogar schon eine Webseite (www.devilish-music.de). Den Sieg beim Wettbewerb tragen aber andere davon.
Um diese Zeit nimmt Bill an der Kinder-Ausgabe der Casting-Show Star Search teil. Der Blick hinter die Kulissen des Musikgeschäftes muss ihm wohl etwas auf den Magen geschlagen haben. Warum sonst sollte er einen Groll gegen Overground hegen, obwohl er selbst es bis ins Achtelfinale schafft, nachdem er zuvor schon die Herzen der älteren Damen mit einem Cover von "It's Raining Men" erobert. Heute findet er Casting-Shows - dem Image entsprechend - "voll arm".
Irgendwie dringt die Kunde von Devilish jedenfalls ins Universal-Hauptquartier nach Berlin. Ihr späterer Produzent Pat Benzner ist seinerzeit für das Album "Star Search The Kids" verantwortlich, daher wohl auch der Kontakt zu Bill. Ständig auf der Suche nach Marktlücken und Nischen, die noch nicht besetzt sind, rekrutiert der Major die vier Bengels und stattet sie mit einem Deal aus. Die Eltern setzen ihren Otto unter das Dokument, so dass der weiteren Karriere nichts im Wege steht.
Mit den alten Songwriter- und Produzentenhasen Dave Roth, Benzner und David Jost (Ex-Bed & Breakfast) werkelt das Quartett im Sommer 2004 im Studio am Album. Die Palette der Künstler, mit denen dieses Trio bislang gearbeitet hat, ist so bunt wie die Musikwelt selbst. Von den Lollipops über Patrick Nuo, Marianne Rosenberg, und Oli P. haben sie schon alle Höhen der Charts erklommen und helfen nun auch Tokio Hotel, ihren Traum zu verwirklichen.
Die Rechnung geht auf: Die erste Single "Durch Den Monsum" erobert die deutschen Charts im Laufschritt und setzt sich auf der Eins fest. Auch das im September 2005 folgende Album "Schrei" schafft es auf Platz eins der deutschen Charts. Die Konzerte sind ausverkauft, die erste Tour der vier Jungs muss verlängert werden. Schon Anfang Dezember schiebt ihre Plattenfirma die DVD "Leb Die Sekunde: Behind The Scenes" nach.
Von den Covern der Jugendmagazine sind Tokio Hotel nicht mehr weg zu denken. Sogar eine Veränderung von Bills markanter Frisur ist der Bravo eine Titelstory wert. Die Jungs hingegen finden das alles ein bisschen dick aufgetragen. Trortzdem kippen bei ihren Konzerten fast täglich über 100 junge Fans um. Im Februar 2006 kollabieren bei einem Konzert in Trier sogar über 200 Mädchen. Fünf von ihnen müssen ins Krankenhaus eingeliefert werden, die übrigen versorgen Notärzte und Sanitäter vor Ort. Ihren Schulpflichten kommen Bill und Co. mittlerweile per Fernunterricht nach.
Langsam aber sicher durchbricht der Tokio Hotel-Virus auch deutsche Landesgrenzen: Im September erscheint ihr Debütalbum "Schrei" auch in Frankreich und erklimmt dort aus dem Stand Platz 19 - Rekord: Noch nie gelang es einer deutschsprachigen Band, mit einem Debütalbum in der ersten Woche die Top 20 der französischen Charts zu knacken.
Derlei Erfolge machen selbstbewusst: Für das Amnesty International-Musikprojekt "Make Some Noise" nimmt die Band im Rahmen des 50-jährigen Jubiläums von Europas größter Jugendzeitschrift Bravo den John Lennon-Song "Instant Karma" neu auf.
Fürs Jahr 2007 kündigt die Band ein neues Studioalbum an. Im Februar ist es soweit, der Titel lautet "Zimmer 483". Bereits einen Monat zuvor erscheint daraus die Singleauskopplung "Übers Ende Der Welt". Der ursprünglich für Mitte März geplante Tourneestart muss allerdings um zwei Wochen verschoben werden. Grund: Die neue Bühne, das Herzstück der Show, ist nicht fristgerecht fertig geworden.
Die Gigs im benachbarten und amerikanischen Ausland machen deutlich, dass Tokio Hotel längst nicht mehr nur ein lokales Phänomen sind: Europaweit und darüber hinaus liegen die Mädchen den Magdeburgern zu Füßen, Goethe-Institute berichten von signifikant gestiegenem Interesse an der deutschen Sprache. Trotzdem reifen noch im Frühjahr Pläne für ein ganz auf Englisch aufgenommenes Album: "Scream" kommt im Juni mit Songs vom Debüt und von "Zimmer 483" europaweit auf den Markt.
Im Herbst 2007 erscheint ein Mitschnitt der "Zimmer 483"-Tour auf Doppel-DVD, aufgenommen beim Auftritt in der Arena in Oberhausen und mit etwa 50 Minuten Backstage-Material versehen. 'Weltpremiere' ist bereits am 25. November: Knapp eine Woche bevor der Livemitschnitt in die Läden kommt, zeigen bundesweit über 100 Kinos zeitgleich "Zimmer 483 - Live In Europe".
2008 gelingt der erhoffte totale internationale Durchbruch. Im August touren Tokio Hotel durch die USA. Im Zuge der diversen Konzerte und der öffentlichen Aufmerksamkeit notieren sie Platzierungen in den offiziellen Billboard Charts. Bei den prestigeträchtigen MTV-Music Awards räumen die Magdeburger in den Staaten sogar den Preis für den "Best New Artist" ab.
Ebenso erhalten sie in Südamerika nicht weniger als vier MTV Latin America Awards; u.a. in der dort sehr wichtigen Song Of The Year-Kategorie. Zu guter Letzt verleiht man den Teen-Rockern im November bei den MTV European Music Awards die Auszeichnung im Bereich Best Headliner. Mit dieser Fülle an Ehrungen gehören sie pophistorisch zu den ganz wenigen international anerkannten und erfolgreichen deutschen Acts.
Bill, Tom, Georg und Gustav über das Songwriting, US 5, Hip Hop, die Arbeit im Studio und bisexuelle Vorbilder.
Tokio Hotel sind wirklich nette Jungs. Vielleicht nicht ganz wie "von nebenan", dazu sind sie einfach zu auffällig. Doch nicht nur ihr Äußeres ist bemerkenswert, wie Teil zwei unseres Interviews beweist.
Vor allem die Professionalität im Umgang mit der Presse und ihr Geschick im fast druckreifen Sprechen ist nicht gerade üblich für 16- bis 18-jährige Musiker. Nur wenn sie ihrer Begeisterung Ausdruck verleihen wollen, driften sie in ihre Schulhofsprache ab.
Mich würde ja auch mal interessieren, wie viel ihr wirklich an den Songs mitarbeiten durftet, wie eure Arbeit an den Songs und dem Album abgelaufen ist.
Bill: Wichtig war uns, dass wir das sind. Wir sind den ganzen Tag damit beschäftigt, du kannst bei uns ja Job und Privatleben schwer trennen. Das Ganze, was wir gerade erleben. Das alles ist unser Job und unser neues Leben. Das vermischt sich total. Und wenn man sich da die ganze Zeit verstellen müsste oder für was auf der Bühne stehen müsste, was man nicht selbst ist oder was man nicht tragen kann, weil man da nicht mit dran gearbeitet hat oder so ... Also wenn ich jetzt einen Song hingelegt bekäme und den einfach so spielen sollte, dann könnte ich nicht dahinter stehen. Dann könnte ich nicht da stehen, den performen und dabei auch noch etwas fühlen.
Habt ihr so was schon mal angeboten bekommen? Einfach einen Song zu spielen, den andere euch auf den Leib geschrieben haben?
Bill: Nein, eigentlich nicht. Wir haben ja von Anfang an mit den selben Produzenten gearbeitet und da haben wir eigentlich alles zusammen geschrieben.
Tom: Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Wenn man einen Song kriegt, der komplett von jemand anders geschrieben ist, da hätte ich gar keinen Bock drauf, das ist doch nicht meins. In jedem unserer Songs ist ja ein Teil von einem drin. Im Song steckt immer ein Stück von dir. Und das könnte ich nie, wenn das von jemand anders kommt.
Und die Zusammenarbeit bei uns war so, dass wir ... die Songs in der Band entstehen ja immer so, dass entweder Bill mit dem Text kommt, oder wir haben neue Riffs und versuchen uns dann einen zurecht zu frickeln, jammen also. Und dann sind wir ins Studio eingeladen worden, haben da viel mit den Produzenten zusammengearbeitet. Das heißt, wir haben gemeinsam an Songs gefeilt, wir haben auch noch mal neu getextet ... Man kriegt dadurch, dass das Produzententeam so groß ist, auch viel mit.
Was war denn das Beste oder Wichtigste, was ihr während der Produktion des Albums über Musik - oder wie man Musik noch besser machen kann - gelernt habt?
Tom: Den Songaufbau. Wir haben quer drauflos geschrieben, haben aber erst im Studio, nachdem wir uns viele alte Sachen und auch andere Bands ganz intensiv angehört haben, rausgefunden, wie so ein Song überhaupt aufgebaut wird. Das hat total geholfen, auch beim Songwriting. Das ist das, was uns da richtig nach vorne getrieben hat. Danach konnte man es besser verstehen, man konnte so viel mehr schreiben. Das war so etwas wie der Meilenstein.
Habt ihr denn jetzt live auch schon neue Songs, die die Fans noch nicht vom Album oder den Singles kennen?
Tom: Auf der Tour spielen wir jetzt zwei neue Songs, einen hatten wir schon auf der ersten Tour, also auf dem ersten Teil der Tour hatten wir einen neuen Song und jetzt haben wir noch mal einen neuen dabei. Wir kommen ja gerade aus dem Studio und haben da viel aufgenommen und geschrieben. Da ist jetzt eben ein Song fertig, den wir auch auf der Tour spielen.
Sind das schon Aufnahmen für ein zweites Album?
Tom: Man weiß ja nicht, wir nehmen erst mal alle Ideen auf, damit man das hat und ob das jetzt im Endeffekt aufs Album kommt, ob das nur ein Bonustrack auf einer Single oder gar eine eigene Single wird ... Hauptsache, man hat's erst mal aufgenommen. Wo das wirklich hingeht, weiß man am Anfang noch nicht.
Bill: Was heißt getroffen. Wir sind natürlich auf vielen Veranstaltungen, auf denen man ganz viele Künstler trifft. Und ich muss sagen, da macht jeder sein Ding. Jeder hat seine Termine und so weiter. Man sieht sich da quasi nur auf dem Gang. Und klar, US 5 waren auch schon auf den selben Veranstaltungen wie wir. Aber es gab keinen persönlichen Kontakt oder so.
Mir ist nur aufgefallen, dass die Fans der beiden Bands sich irgendwie nicht besonders gut leiden können.
Tom: Ja, das wurde uns auch schon zugetragen. Aber das ist so komisch, denn viele Leute, die die Musik hören, denken: "ich muss jetzt die andere Band scheiße finden, weil auch unter den Bands Konkurrenz herrscht". Aber das ist überhaupt nicht der Fall. Jeder soll sein Ding machen. Auch intern gibt es keinen Neid.
Viele denken ja auch, wir würden uns dann bei Veranstaltungen die Köpfe einschlagen. Aber so ist das überhaupt nicht. Wie gesagt: Da hat jeder seine Termine und seinen Kram zu tun. Und dann trifft man sich bestenfalls noch auf einer Aftershow-Party. Aber sonst ist da nicht viel mit Schnacken oder so.
Man hat gerade auf Veranstaltungen und Preisverleihungen extrem viel zu tun. Da hat man erst nach der Show Zeit, aber da müssen die meisten dann schon weiter. Das ist schon eine ziemliche Hektik. Und so was wie Neid oder Konkurrenzkram oder so läuft da überhaupt nicht. So könnte ich mir das nur erklären, dass die Fans sich nicht leiden können – weil die eben denken, dass wir uns hassen würden.
Absolute Beginner – "Hammerhart"
Keiner erkennt es, mit der Stimme kommt dann die Promoterin ins Gespräch: Jan Delay!?
Fast, das sind die Beginner.
Georg erkennt dann den Song.
Tom: Das Album hab' ich auch, aber Beginner, da hab' ich, hm, das hab' ich nie so intensiv gehört. Es ist auf jeden Fall gut, und von der Musik her kann man da auch nichts dagegen sagen, aber ich mag' die Stimme nicht so. Vielleicht sollte ich da auch mal wieder reinhören.
Georg: Da sind auch viele geile Lieder auf der Platte. Er verwechselt's dann doch ein bisschen, denn "Jein" ist eindeutig von Fettes Brot.
Tom: Das sind gute Songs, aber die Stimme ...
Ok, dann der nächste Song:
Placebo – "Nancy Boy"
Ratlosigkeit bei den Jungs.
Bill, ich hab dich auf eurer DVD schon in einem T-Shirt von denen gesehen.
Bill: Mich? (etwas patzig und peinlich berührt:) Die Stimme kenn' ich, aber den Song nicht.
Das sind Placebo.
Bill: (klingt ganz aufgebracht, seine Stimme überschlägt sich) Das ist Placebo? Das haben die aber nicht draußen, das Lied, ne?
Das ist von ihrer allerersten Platte!
Bill: Echt jetzt? Placebo find ich ganz, ganz geil, die haben super Songs, "English Summer Rain" zum Beispiel. Aber das hätte ich jetzt gar nicht erkannt. Das ist ein Song, den ich gar nicht kenne. Aber die Stimme! Hat sich ganz schön verändert.
Ja, da waren sie noch etwas roher. Hast du sie schon mal live gesehen?
Bill: Ich hab mal einen Ausschnitt von einer DVD gesehen. Das war aber sehr schlechte Qualität. Ich würde gerne mal auf ein Konzert, würde mir die gerne mal anschauen. Sind die gut live?
Ja, die sind super! Da kommt ja bald ein neues Album, dann kommen sie sicher auch nach Deutschland.
Bill: Der Sänger ist tierisch, finde ich.
Die Gestik von Bill erinnert auch in diesem Augenblick ein wenig an den Ausdruck Brian Molkos, den bisexuellen Sänger von Placebo.
Nine Inch Nails – "Closer"
Allgemeine Ratlosigkeit, ist aber auch ein harter Brocken. Ins Blaue hinein rät Georg Scooter.
Nein, das sind Nine Inch Nails. Den nächsten Song solltet ihr aber kennen:
Nirvana – "Come As You Are"
Alle: Ah ja!
Tom: Das ist der erste Song, den man spielt, wenn man auf der Gitarre anfängt. Das kann jeder. In der Schule sitzen sie alle auf dem Gang und spielen das. Das war so das erste, was ich gespielt hab' ... und dann noch ...
Georg: "Smoke on The Water"
Tom: Genau, und "Knocking On Heaven's Door". Das waren die ersten Songs, die man spielt, wenn man anfängt.
Kennen denn wirklich noch viele Leute in eurem Alter Nirvana?
Tom: Ja, extrem viele. An unserer Schule super viele Leute. Da hört bestimmt jeder zweite Nirvana. Als wir den Backstagebereich verlassen, sind die Mädchen verschwunden, die so sehnlich darauf gewartet haben, die Band einmal von nahem zu sehen. Angeblich hatte Bill ihnen in einem Chat versprochen, sie Backstage zu holen ... Inzwischen ist Einlass. "Wird auch Zeit, dass die reinkommen", meint der Pförtner, der das Tor zum Glück bewacht, " manche standen schon seit vier Uhr morgens hier in der Kälte". Kurze Zeit später bricht ein fettes Gewitter los. Die Mädchen in der Halle müssen darauf noch gute drei Stunden warten.
Bill und Co. über RATM und Green Day, Bills Frisur und ungewollte Urlaubsfotos.
Am Rande ihres Konzertes in Düsseldorf sprachen wir mit Bill, Tom, Georg und Gustav über andere Bands, Haarschnitte und ihr Interesse an den ganzen Boulevard-Geschichten.
Während Bill schon im Backstage wartet, kommen Tom, Georg und Gustav frisch vom Soundcheck. Brav und mit einer ordentlichen Portion Puder im Gesicht stellen sie sich vor, während sie nacheinander von der Bühne in den Backstagebereich einlaufen. "Herzallerliebst", möchte man rufen. Schon haben die drei einen gut bei uns. Auch Bill - in Natura wesentlich größer und vor allem erwachsener als auf Bildern - stellt sich mit seiner noch leicht brüchigen Stimme freundlich vor.
Eine meiner Fragen beantwortet sich bereits nach sehr kurzer Zeit von selbst: "Habt ihr nach den ganzen Boulevard-Storys, die über euch geschrieben wurden, jemanden, der auf euch aufpasst?" Ja, kann ich mir selber antworten, zumindest bei Interviews stellt das Label den Jungs eine Mitarbeiterin zur Seite, die schon mal dazwischen geht, wenn die Fragen nicht genehm sind.
Nun ja, wir sind ja keine Klatschpresse. Die Dame von der Plattenfirma wird wohl heute nichts zu tun haben. Auch zu viel Trubel mutet man den vier Jungs nicht zu: Sie hätten heute erst ein Interview gegeben, das leider ausgerechnet beim Frühstück. Da sie nicht im 30-Minuten-Takt die selben, langweiligen Fragen beantworten müssen, scheinen sie sich sogar ein bisschen zu freuen, hier etwas mit uns plaudern zu dürfen. Wir haben ihnen ja auch was besonders Schönes mitgebracht:
Zu Beginn wollen wir euch ein paar Songs vorspielen – von Bands die euch beeinflusst haben oder gefallen könnten.
The Cure – "Boys Don't Cry"
Stille.
Das ist von The Cure.
Georg: Gefallen tut er mir auf jeden Fall, ist aber schon ein bisschen älter. Bill: Ist nicht so meine Musik, aber ist OK.
Du weißt schon, wie der Sänger aussieht, oder?
Bill: Wieso, wie sieht der denn aus?
Er hat ein bisschen Ähnlichkeit mit dir, ok, nur vom Styling, du passt vom Umfang her ungefähr achtmal in den rein ...
Alles klar, hier gibt es nicht viel aus Tokio Hotel rauszuholen. Bevor wir den nächsten Song anspielen, wird Chipsgeknister laut. Bill und Tom haben eine coole, neue Sorte entdeckt, die sie während des Interviews unablässig essen. Georg gibt sich mit einer Banane zufrieden, Gustav sitzt abseits, so dass er zwar nicht an den Fresstisch kommt, dafür aber fast unbemerkt mit seinem Handy spielen kann (und sich deshalb weitestgehend aus dem Interview ausklinkt).
Gustav: (blitzschnell, nach nur wenigen Tönen) Rage Against The Machine, "Killing In The Name". Das ist die Musik, die ich eigentlich nur höre. Sonst hör ich noch System Of A Down, Korn, Slipknot und Metallica, das sind die Hauptbands.
Georg: Ich steh' da auch total drauf, leider gibt's die ja nicht mehr. Aber "Bombtrack" und so was find' ich schon extrem geil! Aber Audioslave sind auch ganz geil.
Gustav: Das ist ja die komplette alte Besetzung von Rage Against The Machine mit anderem Sänger.
The Clash – "London Calling"
Stille.
Das ist The Clash. Das sagt euch was, oder?
Bill: The Clash, klar, aber den Song kenn' ich nicht. Aber The Clash, wie soll ich sagen ... Ich hab ein paar Alben gehört und finde nur ganz wenige Sachen gut. Aber ein ganzes Album von denen könnte ich mir nie durchgängig anhören. Vereinzelt sind da aber echt gute Sachen dabei.
Georg: Ich hab mich noch nicht wirklich mit The Clash beschäftigt, aber mit Bill schon ein paar Songs gehört. Wir hören ja auch oft zusammen Musik.
Woher bekommt ihr die Musik, die ihr zur Zeit hört?
Bill: Von unserer Plattenfirma. Unsere CD-Regale sprengen bald auseinander, wir bekommen so viel Zeug mitgebracht. Wir hören im Moment echt ganz, ganz viel Musik.
Wann kommt ihr denn noch dazu?
Tom: Wir fahren ja ganz viel Auto durch ganz Deutschland. Oder wenn wir fliegen. Eher im Gegenteil: Wir hören gerade sehr viel Musik.
Was ist denn die Platte, die gerade im Bus am meisten läuft?
Bill: Das ist ganz gemischt, also ich hör auf jeden Fall ...
Georg: Ich hab' heute im Bus z.B. Michael Bublé gehört.
Und?
Georg: Ja, gut ... zum Einschlafen.
Bill: Ich hör ja eher Sachen wie Green Day oder Three Doors Down. Von Three Doors Down find ich alle Alben gut. Ich hab noch nie was live von denen gehört, da weiß ich leider nicht, wie die sind.
Tom: Naja, wir haben ja die Live-Platte. Aber die war wahrscheinlich bearbeitet.
Bill: Ja, Green Day haben auch eine geile Live-DVD rausgebracht, super! Sehr geil – Green Day, da steh' ich sehr drauf.
Nebenbei knistern immer wieder die Chipstüten von Bill und Tom. Trotzdem sind sie voll bei der Sache.
Fühlst du dich auch ein bisschen beeinflusst von Billie Joe Armstrong, dem Green Day-Sänger? Der hat ja auch so einen Schmink-Style mit schwarzem Eyeliner und so ...
Bill: Ich muss sagen, ich lass' mich relativ wenig beeinflussen von anderen Leuten. Also, bei mir ist das so, dass ich ganz viele Sachen total cool finde und das gerne höre und so weiter. Aber wenn es jetzt um Sachen Musik oder Style oder so geht, lass' ich mich wenig beeinflussen, das war aber schon immer so. Wir hatten zum Beispiel alle noch nie richtige Vorbilder oder so was. Wir haben uns nie jemanden zum Vorbild genommen und gesagt "So was ähnliches wollen wir machen" oder "so ähnlich wollen wir aussehen" oder so was, sondern das entstand einfach.
Und wie bist du dann auf deinen Style gekommen? Das ist ja schon ziemlich speziell!
Bill: Das ist schon lange her, ich mach' das ja schon eine ganze Weile. Wir waren auf einer Halloween-Party, da bin ich als Vampir gegangen. Ich steh' ja tierisch auf Vampirfilme, und dann hab' ich mich mal geschminkt und so weiter - so entstand das. Da hatte ich dann Bock drauf.
Bill: Also, für mich ist das eher uninteressant. Ich finde, dass da viel zu viel Wirbel drum gemacht wird. Ich hab' ja da auch nicht viel zu gesagt, weil das für mich keine große Sache war. Ich hatte einfach Lust drauf. Ich hatte fünf Jahre die alte Frisur und Lust auf was Neues. Das ist eigentlich alles, was man dazu sagen kann.
Und bei der musst du auch nicht so viel stylen. Was als kleine Anmerkung gedacht war, animiert die Plattenfirmenvertretung im Raum dazu, dazwischen zu gehen "Ach Leute, das Thema ist so off". Alles klar, wir wollten auch gar nicht weiter über Extensions reden.
Es gibt diese ganzen halbseidenen Geschichten, die die Bild-Zeitung über euch schreibt. Lest ihr so was überhaupt noch?
Tom: Ja, das auf jeden Fall. Man würde lügen, wenn man jetzt sagt, wir lesen nichts über uns. Na klar verfolgen wir das auch ...
Ihr holt euch also jede Woche die Bravo ...
Tom: Also so extrem jetzt nicht, aber immer wenn man an Tankstellen ist (und das dürfte der Band fast täglich passieren, Anm. d. Red.), schaut man, was so über einen geschrieben wird. Man nimmt dann natürlich auch ein paar Zeitschriften mit. Wir sammeln ja auch viel, denn es kann ja auch sein, dass wir irgendwann nirgends mehr drin stehen.
Es wird natürlich auch viel dazu gereimt und ausgedacht. Das ist aber für uns eher lustig. Wir wissen ja, was wir gesagt haben und was nicht. Das ist dann eigentlich eher belustigend. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Da wird viel geschrieben. Leute denken, sie wissen extrem viel über dich, und das ist eigentlich echt lustig.
Kommt es dann auch vor, dass ihr gar nicht mit denen geredet habt? Es bringt also gar nichts, einfach vorsichtiger im Umgang mit den einschlägigen Medien zu werden – die schreiben ja eh was sie wollen?
Tom: Das kommt auch mal vor, dass Artikel entstehen, ohne dass wir überhaupt was dazu gesagt haben, klar. Logisch! (Klar? Logisch? Ganz schön abgebrüht, die Jungs!)
Es gab ja auch Leute, die eure Urlaubsfotos verkauft haben. Wie fühlt man sich da?
Tom: Wir haben uns von vornherein drauf eingestellt, dass mit dem Erfolg wenig Privatsphäre übrig bleibt. Das ist ganz klar. Und da ist man zwar drauf eingestellt, aber es ist trotzdem überraschend, in wie weit ... Jeder muss da seine Grenzen ziehen, aber es ist schon manchmal komisch, wie weit das geht. Klar. Aber da muss man sich drauf einstellen. Und dass so was passiert ... so what?
Wir sehen das mehr als privat an und wollen nicht so viel drüber erzählen. Für uns ist das meiste immer noch privat, auch wenn viele Leute meinen, sie wüssten da ganz viel drüber. Aber für uns ist das eher uninteressant und unsere Sache.
Es gibt im Netz einen Fan, der hat auf seiner Seite eure Geschichte genommen, und die dann mit seiner Phantasie ausgeschmückt und weitererzählt. Eure Fans machen sich anscheinend ein komplett eigenes Bild von euch, das euch wahrscheinlich so nicht entspricht. Wie ist es denn dann, wenn ihr auf solche Leute trefft?
Tom: Dass die sich so ein komplett anderes Bild von uns machen, glaub' ich gar nicht. Jeder sieht einen ja irgendwie anders. Und ich finde das gut. Wir versuchen, uns so zu geben, wie wir sind, und uns nicht großartig zu verstellen. Die Leute sollen dann das in uns reininterpretieren, was sie meinen. Ich will da keinen beeinflussen. Wir versuchen einfach nur, unser Ding zu machen. Da wird sich zeigen, was die Leute so von uns halten.
Es kommt ja auch vor, dass sich Leute für uns ausgeben, was wir persönlich scheiße finden, weil unsere Fans dann total verarscht werden. Das wird ja immer an uns rangetragen, dass es Telefonate gibt, in denen sich jemand für uns ausgibt. Oder Chats mit bestimmten Gästen, die sich für uns ausgeben und so. Das ist eigentlich total der Schwachsinn. Denn wir können nur sagen, dass wir im Internet so gut wie gar nicht unterwegs sind. Und wenn, dann sind wir im Internet, um eMails abzuholen, und haben keine Usernames in irgendwelchem Chat-Krams. Wir sind wie gesagt gar nicht am Chatten. Auch Handynummern geben wir nicht raus. Das ist Verarsche!
Georg: Wir sind höchstens mal im Chats, wenn's offiziell angekündigt ist.
Bill: Wenn wir bei einem Magazin oder so einen Bandchat machen. Dann ja. Aber privat nicht.
Im zweiten Teil des laut.de-Interviews mit Tokio Hotel geht es um das Verhältnis zu US 5, um Hip Hop und um bisexuelle Vorbilder. Er folgt am kommenden Freitag (10.3.), an dem auch die neue TH-Single "Rette Mich" erscheint.
Schrei: Live (2006)
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