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Wir schreiben die ganz frühen Nullerjahre, die NuMetal-Bewegung ist kurz vor ihrem absoluten Höhepunkt. Aus einem Sound, der zuvor noch unter Begriffe wie Crossover oder Rapmetal fiel, ist die größte Jugendbewegung des Alternative Rock geworden. In Skateparks und Kinderzimmern wird dem Pubertätsfrust mächtig Luft gemacht. Aggressive Songs über Teenage Angst und Außenseitertum dominieren die Rockradios weltweit.
Während in Deutschland die Guano Apes mit geshouteten Vocals und Powerchords Karriere machen, trifft in den USA neben Korn, Limp Bizkit und Slipknot niemand so präzise den Zahn der Zeit wie Linkin Park. Schlagzeuger Rob Bourdon, Gitarrisdt Brad Delson, DJ Joseph Hahn, Sänger Mike Shinoda und Shouter Chester Bennington nennen sich 1996 erst Xero, dann Hybrid Theory, bald Linkin Park (Slang für "Lincoln Park").
Dank Majorsupport avancieren die fünf Kalifornier 2001 in kürzester Zeit zur Blaupause eines Genres. Shinoda rapshoutet, Bennington shoutsingt, DJ Hahn liefert die aus dem HipHop übernommenen Scratch-Parts. Kurz: Linkin Park zielen stets melodieseelig auf die ganz große Masse. Mann könnte es Hard-Pop nennen.
Die Gitarren sind verzerrt und druckvoll genug, um die junge Klientel mitzureißen, die Videos kommen durchgestylt und düster. Gleichzeitig wirkt die Präsentation aber nie zu befremdend, als dass die Elterngeneration Angst um ihre Schützlinge bekäme - "Parental Advisory"-Sticker hin oder her.
Gold- und Platinstatus folgen alsbald auch in Brasilien, Kanada, der Schweiz. In den Vereinigten Staaten erntet die Band für ihr Debütalbum gleich zwei Grammy-Awards. Logische Folge: der Superstarstatus.
Klar, dass Linkin Park in Europa von Anfang an Hallen statt Clubs bespielen. Auch auf Festivals rangieren Bennington und Co. schnell auf Augenhöhe mit naher (Deftones) und fernerer Artverwandtschaft (Metallica). Eine Bastardpop-Platte mit Rapkrösus Jay-Z entsteht, für das dritte Album schafft man es gar, Produzentenlegende Rick Rubin persönlich hinter das Mischpult zu holen.
Und wie das so ist mit Jugendbewegungen - irgendwann werden Teens zu Twens, adoleszente Wut weicht differenzierter Betrachtungsweise, aber vor allem: der nächste Trend kommt bestimmt. In vorliegendem Fall übernimmt Vintage-Rock die Wachablösung.
Während die Kalifornier noch vom Ruhm vergangener Tage profitieren, führt das Genre NuMetal heute wieder ein Nischendasein. Neben Grunge, Britrock, Punk-Revival und all den anderen verblassten, rockistischen Eroberungen des Mainstreams.
Mike Shinoda und Rob Bourdon erklären, warum sie unbedingt mal was anderes machen wollten.
27 Stunden Flugzeit für 20 Minuten Interview. Manchmal sollte man besser nicht nachrechnen, ob sich der Aufwand für eine bestimmte Aktion überhaupt lohnt. Aber wenn man das Angebot bekommt, mal kurz nach L.A. zu brettern, um dort Linkin Park zu interviewen, überlegt man halt nicht lange.
Manche Erfahrungen muss man einfach machen und auch wenn der Chaosgehalt dieser Aktion relativ hoch ist, läuft am Ende doch die Anreise weitgehend glatt über die Bühne. So sitze ich an einem Mittwoch Mittag im Juli um 14:00 (Ortszeit) in einer Hotel-Suite und höre mir sechs der neuen Songs von "A Thousand Suns" an.
Allein die Single "The Catalyst" ist bereits gemastert, drei weitere haben noch nicht einmal einen Titel. Aber auch so wird schnell klar, dass das neue Album für einige Überraschungen sorgen wird – und mit Sicherheit auch für einige enttäuschte Fans. Denn in Sachen rockiger Gitarrenpower ist bei den gehörten Nummern nicht viel los.
Nach zwei Durchläufen werde ich schließlich in die nächste Suite gebeten, wo bereits Mike Shinoda und Drummer Rob Bourdon am Tisch sitzen und gerade ihr Mittagessen beendet haben. Beide scheinen gut gelaunt, Mike beobachtet seine Gegenüber sehr interessiert und wirkt ausgesprochen höflich. So kommt ein gutes Gespräch zustande, und am Ende hat sich die Reise doch noch gelohnt.
Ich hatte gerade die Möglichkeit sechs Songs zweimal anzuhören. Ich sags mal so: die Sachen klingen nicht unbedingt nach dem, was ich erwartet hätte ...
Mike: Echt? Da bist du jetzt der Erste ,der das sagt.
Was? Ja klar …
Mike: Nein, ich mach nur Spaß (lacht). Das sagt eigentlich jeder und ich sehe das als Kompliment. Du hast jetzt sechs Songs gehört, aber um dir ein wirkliches Bild von der Scheibe zu machen, musst du eigentlich erst alles gehört haben. Das ist ein echtes Album und nicht nur eine Sammlung von Songs, die eben zufällig auf der selben CD gelandet sind. Das Album steht für sich und funktioniert als eine Einheit. Die Reihenfolge der Songs ist auch nicht die, wie sie letztendlich auf dem Album angeordnet sind. Du hast im Prinzip so was wie den Trailer zu einem Film gesehen. Da sind auch immer nur einige, wenige Szenen aus einem Film zu sehen und auch nicht zwingend in der richtigen Reihenfolge. Du bekommst zwar einen Eindruck vom Film, aber was letztendlich auf dich zukommt, weißt du erst, wenn du ihn gesehen hast.
Bei den ersten beiden Songs frag ich mich aber schon, ob Rob da überhaupt Schlagzeug gespielt hat.
Rob: Schon, aber jetzt nicht im Sinne von einem normalen Drumbeat. Das meiste sind Samples und ich hab vor allem auf den Toms ein paar Sachen dazu gespielt. Die Songs funktionieren hauptsächlich mit Percussion. Wie das live aussehen wird, steht dann wieder auf einem anderen Blatt. Kann gut sein, dass wir die Songs live deutlich rockiger angehen werden. Sie unterscheiden sich doch sehr von den Sachen, die wir bisher gemacht haben, und da war es gar nicht so einfach, was Interessantes dazu zu spielen. Letztendlich hab ich mich auf ein paar Toms konzentriert, weil ein komplettes Rockdrumset in dem Zusammenhang keinen Sinn gemacht hätte. Das war auch für mich eine neue Erfahrung und ich gehen mittlerweile auch alte Songs von uns ein wenig anders an. Der Reiz an der neuen Scheibe war einfach, etwas ganz anderes zu machen und entsprechend muss ich auch von meinem Spiel her die Dinge anders angehen.
Mike: Sobald wir gemerkt haben, dass wir an etwas arbeiten, das wir früher schon genauso oder ähnlich getan haben, hat uns das direkt irgendwie abgeschreckt und wir haben das gleich wieder verworfen. Das hatte keine Reiz mehr für uns, weil es irgendwie zu einfach wurde.
Mike: Nein, bisher nicht, aber ich sehe da kein großes Problem. Die Sache ist die, dass wenn wir anfangen an Songs zu arbeiten und zu schreiben, nehmen wir das auch gleichzeitig auf. Alles was wir in dem Stadium machen, auch die Jams, wird direkt auf Band gepresst und damit arbeiten wir dann später und suchen uns die besten Stellen raus. Ich denke, wir haben unseren ganz eigenen Schreibstil, der sich wohl von den meisten anderen Bands unterscheidet, und das funktioniert für uns ganz gut. Für Außenstehende ist es unmöglich zu sagen, welcher Teil eines Songs von wem stammt. Rob spielt zum Beispiel genauso Klavier und Gitarre wie ich. Viele der Gitarrenriffs auf der Scheibe stammen von mir. Aber das ist schon seit langem so, nur wissen das die wenigsten Leute. Für "Papercut" vom ersten Album stammen auch die meisten Gitarren von mir.
Was die Live-Situation angeht, haben Rob und ich uns vorhin schon darüber unterhalten. Wir sind nicht der Ansicht, dass sich ein Song live genauso anhören muss, wie auf CD. Da gibt es genügend Möglichkeiten, wie wir die Sachen auf der Bühne angehen können, ohne dass die Songs sich dadurch maßgeblich verändern. Da ist es dann durchaus auch möglich, dass Rob einfach die Samples mit seinem Kit spielt.
Dennoch kamen mir die sechs Songs zum Großteil recht ruhig und relaxt vor. Auch in Sachen Gesang. Was ich mich dabei gefragt habe war: ist denn hier keiner mehr über irgendwas wütend? Alles macht einen sehr relaxten, ruhigen Eindruck. Mir fehlt so ein wenig die Power nach vorne.
Mike: Wirklich? Hm, ich hab den Eindruck, dass du die Songs als ziemlich sanft empfindest aber gerade eine Nummer wie "Wretches And Kings" würde ich auf keinen Fall als sanft beschreiben. Auch "Blackout" nicht, denn Chester schreit hier was von bloody murder. Das ist nicht gerade sanft (lacht). Vielleicht kommt dir das so vor, weil es keine harten Gitarren gibt?
Auch die Gesangslinien sind aber sehr ruhig. Beim ersten Song hab ich mir als Stichpunkt einfach nur 'feelgood music' notiert.
Mike: Das wäre dann wahrscheinlich "Waiting For The End" gewesen. Das ist ein wirklich sehr komplexer Song und passiert auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Man kann wirklich sagen, dass der Song über mehrere, unterschiedliche Phasen hinweg geschrieben wurde. Wir haben dort letztendlich sogar zwei Songs miteinander verbunden, weil es einfach so gut gepasst hat. Aber du hast schon recht, wenn du sagst, dass bei den Songs nicht die Heaviness der alten Scheiben auftritt. Darum geht es dir doch, oder? Dir fehlen die Gitarren (grinst).
Ja, in gewisser Weise schon. Es muss ja nicht in allen Songs krachen, aber so ein paar Riffs wären schon nett gewesen.
Mike: Ok, verstehe. Mal ganz davon abgesehen, dass es mir in Songs nicht darum geht, ob sie heavy sind oder nicht, geht Heaviness meiner Meinung nach nicht unbedingt nur von einer verzerrten Gitarre aus. Das ganze Album ist so vielschichtig, und wenn es sich für mich heavy anhört, dann mag das durchaus auch allein an den Texten liegen. Das hängt nicht allein an Gitarren oder keinen Gitarren. Wir hatten durchaus Ideen, die viel mit fetten Gitarren zu tun hatten, aber das klang eben nur nach etwas, das wir schon lange gemacht hatten. Das war nicht mehr sonderlich reizvoll für uns. Wir wollen die Sachen einfach dynamisch machen.
Rob, siehst du das genauso wie dein Kollege?Rob: Wie Mike schon sagte, wir wollten die Scheibe nicht auf Teufel komm raus heavy haben, wenn das bedeutet, dass wir im Prinzip denselben Kram wie früher auch schon machen müssen. Dann lieber Abstriche in Sachen Heaviness, dafür aber ein frisches Album mit neuen Ansätzen und Ideen. Das ist uns auf diesem Album, wie ich finde, sehr gut gelungen - es wirkt vor allem als Ganzes. Man sollte sich wirklich mit der Scheibe hinsetzen und sie von vorne bis hinten anhören, ehe man sich ein Urteil erlaubt. Die Songs werden deutlich kraftvoller, wenn man sie in Verbindung mit den anderen hört, die Atmosphäre bekommt viel mehr Power. Aber wie gesagt, das ergibt sich dann aus dem Kontext. Bei den Songs, bei denen du kein volles Drumset hörst, habe ich anfangs durchaus mit normalen Beats gearbeitet, aber es wurde schnell klar, dass die Songs auf diese Art im Kontext des Albums nicht funktionieren. Das war auch für mich dann eine recht große Herausforderung, das als Drummer komplett anders anzugehen und effektiv dazu zu arbeiten.
Mike: Was mich jetzt mal interessieren würde: Welche Linkin Park-Scheiben haben dir denn am besten gefallen?
Ganz ehrlich? Ich mochte die ersten beiden ganz gern. Ich mein, schau mich an. Ich bin halt der Metalhead und mag es, wenn die Gitarren einen Song nach vorne drücken. Mike: (grinst) Ja, das dachte ich mir. Super, das ist genau die Art Unterhaltung, die ich mag, ganz ehrlich! Das ist keine einfache Angelegenheit, aber wir wissen natürlich, dass wir jede Menge Fans da draußen haben, die so sind wie du und auf eine rockige Platte mit jeder Menge harter Gitarren gehofft haben. Aber sie die Sache mal so: Wir haben "Hybrid Theory" vor fast zwölf Jahren geschrieben. Erinner dich mal daran, wie du vor zwölf Jahren drauf warst und an alles, was dazwischen passiert ist. Wir lieben unsere Scheiben wirklich alle, und vor allem das Debüt ist natürlich die wichtigste Scheibe für uns. Die Fans von dieser Scheibe kommen immer noch zu unseren Shows und natürlich spielen wir die entsprechenden Songs auch jedes Mal und werden damit bestimmt auch nie aufhören. Aber das waren und sind einfach Songs, welche wir zu einem bestimmten Zeitpunkt geschrieben haben, die wollten damals eben genau so aus uns raus.
Mittlerweile gehen andere Dinge in uns vor, mittlerweile hat sich unser Songwriting weitgehend verändert und andere Songs wollen aus uns raus. Als wir die Sachen damals geschrieben haben, war das für uns was Neues und wir wollten das machen. Dann haben wir die Scheibe veröffentlicht, und andere dachten sich: 'Hey, das ist cool, das will ich auch machen.' Das haben dann immer mehr gemacht und irgendwann wird es einfach uninteressant. Ich hab erst neulich wieder einen Song von einer Band gehört, der original wie ne Nummer von unserem Debüt klang. Und wenn 1000 andere Bands solche Songs schreiben können, was denkst du, wie leicht das für uns wäre? Wir haben tatsächlich ein paar Witze darüber gemacht, ob wir nicht für unsere Fanclubs mal "Hybrid Theorie II" aufnehmen wollen. Das wäre in ein paar Wochen fertig. Für uns wäre das aber alles nicht sonderlich spannend.
Wenn ich der Meinung bin, dass mich ein Riff oder ein Song bei den Eiern packt, dann ist das cool für mich und ich benutz das Riff oder den Song. Ob das jetzt was ähnelt, was ich vorher schon geschrieben habe, ist mir in dem Moment erst mal egal. Aber ich kann verstehen, wenn ihr diese Herangehensweise langweilig findet. Als ich die sechs Songs vorhin zum ersten Mal hörte, dachte ich nur: Ok, das ist ein verdammt mutiger Schritt, den die da machen.
Mike: Danke, schon allein diese Aussage freut mich sehr von jemandem wie dir zu hören. Ich denke nämlich, dass viele von den Fans, über die wir gerade gesprochen haben, diesen Schritt zunächst womöglich nicht nachvollziehen können und dem Album bereits nach dem ersten Durchlauf keine zweite Chance geben. Das braucht die Scheibe aber auf jeden Fall! Wenn man ansatzweise verstehen will, was wir da machen und WARUM wir das machen, dann muss man sich ein wenig mit dem Album beschäftigen. Ich erwarte ja gar nicht, dass die alten Fans das Album genauso lieben werden wie die ersten Scheiben von uns. Ich hoffe nur, sie geben auch diesem Album wenigstens eine Chance.
Ich weiß die Möglichkeit, mich mit jemandem wie dir zu unterhalten gerade sehr zu schätzen. Eben weil du eine große Fanbase von uns vertrittst, die solche Fragen stellen wird und eine Antwort darauf erwartet. Die haben es absolut verdient, dass wir uns zumindest erklären und versuchen klar zu machen, warum wir dieses Album gemacht haben und warum wir zumindest momentan keine Songs mehr wie auf "Hybrid Theory" schreiben wollen. Schließlich schreiben wir diese Art Songs ja nicht, weil uns unsere Fans der ersten Stunde auf einmal scheißegal wären. Sondern weil wir der Meinung sind, dass die neuen Songs geil klingen, und dass sie was Besonderes haben. Wir suchen auch den Dialog zu denen und da ist es sehr wichtig, auch Leute wie dich dabei zu haben, die solche Fragen stellen. Vielleicht schaffen wir es mit den neuen Songs ja auch bei den Fans der ersten Stunde, irgendeine positive Reaktion zu erreichen.
OK, und bevor ich hier gleich von eurer Promoterin rausgeschmissen werde, noch ne ganz andere Frage: Gibt es ein Buch, das ihr unseren Lesern gern empfehlen würdet?
Rob: Was mich zuletzt sehr beeindruckt hat war "Born To Run" von Christopher McDougall. Ich hab Joggen immer gehasst und wollte damit nie im Leben anfangen. Das Buch hat meine Meinung darüber aber ganz schön geändert und ich habe vor, auf den kommenden Touren ein wenig in die Richtung zu machen. Das Buch beschreibt, wie sich Menschen selber zu immer größeren Leistungen pushen können und das hat mich sehr beeindruckt.
Mike: Mich hat zuletzt "Free" von Chris Anderson sehr beeindruckt. Jeder, der in einer Band spielt und sein Material selbst promoten muss oder will, sollte das gelesen haben. Es geht darum, wie man Technologien und vor allem das Internet für seine eigenen Zwecke einsetzen kann. Mich interessieren solche Sachen immer sehr. Für Independent-Bands ein absolutes Muss!
C. Bennington über Kaffeebeutel, Gitarren im Bett und die Angst vor dem Scheitern.
Eigentlich war Dead By Sunrise nur als Nebenprojekt von Chester Bennington (Linkin Park) geplant. Jetzt veröffentlicht die Band ihr erstes Album "Out Of Ashes". Im Interview mit Chester Bennington und Bandkollege Ryan Shuck (auch Mitglied von Orgy und Julien-K) stellen sie gleich fest: "Wir sind nicht Linkin Park!"
Schwarze Stiefel, schwarze Tight Pants, schwarzes Haar. Ein relativ kleiner Mann in relativ großen Schuhen betritt den Raum, schwarz angezogen von Kopf bis Fuß. Tattoos an den Händen, Tunnel im Ohr.
Chester Bennington – gefolgt von Ryan Shuck, ebenfalls Mitglied von Chesters Nebenprojekt Dead By Sunrise und außerdem Mitglied der Gruppen Julien-K und Orgy. Ein weiterer Mann ist bei ihnen, daneben noch ein Promoter. Hoffentlich wird das kein allzu steifes Interview, denke ich noch, als ein Quieken ertönt.
Ryan stößt diesen Schrei aus, verschwindet auch gleich wieder. Aus dem Nebenzimmer tönt: "Ich erkunde erst mal die Suite." Plötzlich taucht er hinter mir wieder auf, grinst. "Ok. Alles gesehen. Es ist wunderschön." Wieder ein Lachen, in das auch Chester einsteigt: "Mein Zimmer sieht ganz genauso aus. Ist fast wie nach Hause kommen." Wie Ryan darauf reagiert, verstehe ich nicht. Er nuschelt in sich hinein, ans Ende des Satzes hängt er jedenfalls ein "Motherfucker", so viel ist sicher. Chester ist jetzt auch verschwunden. Aus der Küche der Ruf: "Auch nen Kaffee?" Oh ja. Gerne. "Den harten Stoff oder lieber medium?"
Ist fast so, als wäre man mit Freunden zum Kaffeeklatsch verabredet. Aufgedrehten Freunden, die gerne ihre Stimmen verstellen. "Was zum Teufel ist das denn?", fragt Ryan, der Chesters geübte Handgriffe an der Maschine beobachtet. "Kaffeeeeeee", flötet der Sänger. Danach folgt eine Erklärung über verschiedene Kaffeebeutel, die Arten von Zucker und unterschiedliche Tassengrößen. Er plappert und grinst und lacht.
Unterbrochen werden die Erläuterungen von einem meckernden Ryan aus dem Hintergrund. "Du hörst dich an, als wärst du zehn. Nä nä nä nä nä", scherzt Chester zurück. Inzwischen wundert es mich nicht mehr, dass Ryan darauf einsteigt und beide "Nä nä"-kreischend durch das Zimmer wuseln. Kindergarten hier? Dafür verwenden die Jungs zu oft Wörter wie "Fuck" und "Shit" und "Motherfucker". Aber jetzt sollte das Interview doch langsam beginnen. Am Tisch oder auf der Couch?
Ryan: Schau dir dieses Bett an. Das sieht toll aus.
Wollt ihr das Interview jetzt etwa im Bett machen?
Ryan: Ja klar, komm, gehen wir miteinander ins Bett (lacht). Stellt euch das vor, wie das wäre (grinst). Dann kommt jemand rein, und wir liegen da so ...
Chester: ... nackt ...
Ryan: ... auf dem Bett.
(Über das Gelächter hinweg brüllt Chester mit gespielter Prollstimme:) Ey Leute, kommt rein, machts euch bequem. Von welchem Magazin seid ihr?
Also sollen wir anfangen?
Ryan: Ich dachte, wir hätten schon längst angefangen.
Chester: Hey, wir machen nur Spaß. Du hast das Glück, uns als erste interviewen zu dürfen. Deswegen sind wir jetzt noch am lustigsten, am energiegeladensten ...
Das ist kaum zu übersehen.
Chester: ... und am glücklichsten - im Vergleich zum Ende des Tages. Der, der als letztes mit uns redet ...
Ryan: ... das wird scheiße.
(Beide grummeln. Chester zieht eine Grimasse. Na dann hoffe ich mal, dass meine Fragen die beiden Quatschköpfe nicht langweilen.)
(Chester wiederholt den Titel - mit verstellter Stimme versteht sich - übertrieben dramatisch und sehr pathetisch:)
Meister der Selbstzerstörung. Das ist mein offizieller Titel. Kanye West ist der König der Volltrottel und ich bin der Meister der Selbstzerstörung. Ist echt toll, wie sich so was entwickelt.
Na, was ist dir denn passiert? Führst du Buch darüber?
(Chester will gerade antworten. Ryan fällt ihm ins Wort. Es ist nicht das erste Mal an diesem Tag und sicherlich nicht das letzte. Die beiden ergänzen sich, beenden Sätze füreinander. Man merkt ihnen an, dass sie sich bereits seit Jahren kennen.)
Ryan : Die Frage ist, was ihm noch nicht passiert ist.
Chester: Nun, hm. Also. Weißt du, ich denke, es gibt sicher Leute, die ihr Leben besser hinkriegen als ich. Also, na ja, ich denke, auf die eine Weise ... weißt du ...
(Ryan war zu lange still. Jetzt gibt er Schmerzlaute von sich, macht dazu zerstörerische Gesten und übertönt Chesters Gestammel.) Ryan: Also. Erstens: Du bist von der Linkin Park-Bühne geflogen und hast dir deinen verfickten Arm gebrochen. Du hast einen Tisch zerhauen und dir dabei die Hand gebrochen.
Chester: Ich hab gegen ein Stoppschild gehauen ...
Ryan: ... und dir deine verdammten Knöchel gebrochen. Du hast dir deinen Rücken so sehr zerstört, dass du damit für den Rest deines Lebens Probleme haben wirst.
Chester: Und das sind nur die witzigen Sachen (lacht).
Eigentlich haben wir für das Interview nur eine halbe Stunde Zeit, aber erzählt ruhig weiter.
Chester: Ich bin vielleicht nicht Meister der Selbstzerstörung, aber ich bin schon gut darin.
Was müsste dir denn passieren, damit du sagst: Ok, es reicht. Nie wieder auf die Bühne.
Chester: Ich habe diese Linie bereits einmal überschritten. Ich hatte einen - sagen wir - mentalen Zusammenbruch. Da drehst du durch. Beginnst, verdammte Dämonen zu sehen. Leute, die aus dem Boden auftauchen und all dieses verfickte, durchgeknallte Zeug. Dann sagst du irgendwann: Jetzt hab ich genug. Wenn es sich so anfühlt, als würdest du gar nicht mehr richtig leben, und du willst die ganze Zeit nur sterben, dann ist das ein ziemlich gutes Zeichen, dass du aufhören solltest.
Wie hast du es geschafft, dass du jetzt wieder weiter machen willst und kannst?
Chester: Weißt du, das war nie so, dass ich das gemacht hätte, weil ich mein Leben oder mich selbst hasste. Es war damals einfach ein perfekter Ansturm vieler verschiedener Dinge. Alles zur gleichen Zeit. Plötzlich befand ich mich umgeben von so viel Negativität. Aber dann fand ich die Liebe meines Lebens. Ich habe wirklich tolle Freunde um mich, die ehrlich zu mir sind und mir weiter helfen. Sie bringen mich auf die richtige Bahn zurück. Ich hab eine tolle Familie und wunderbare Kinder, die mir einfach alles bedeuten. Ich habe meine Karriere. Und das sind die Sachen, die ich wirklich will. Leider beschwören wir manchmal unsere Dämonen herauf und lassen uns von ihnen das Beste nehmen.
Also gibt es für dich kein bestimmtes Alter, bei dem ein Rockstar lieber die Bühne räumt?
Chester: Ich bin noch völlig unreif. Ich werde zwar älter, aber ich mach trotzdem noch die ganze Zeit dumme Fehler.
(Chester ist ernst geworden bei diesen Fragen. Verständlicherweise. Er kämpfte gegen seine Alkoholkrankheit, hat seine Scheidung hinter sich. Eigentlich mochte ich Dead By Sunrise lustig drauf lieber. Themenwechsel: Ihr Album "Out Of Ashes". Lange schon arbeitet die Band an der Platte, einige Tracks sind bereits ziemlich alt.)
Chester: Ja, der älteste Song von Dead By Sunrise ist "Morning After". Den hab ich geschrieben, als ich 15 war. Mit dem Rest haben wir im Sommer 2005 angefangen.
Aber nervt das nicht, wenn sich die Produktion über einen so langen Zeitraum hinzieht?
Chester: Na ja, wenn wir nur in Dead By Sunrise spielen und trotzdem vier Jahre für die Aufnahmen brauchen würden, dann wäre das echt nervig. Aber in der Realität hat das ja gar nicht so lange gedauert.
Ryan: Nicht mal ein Jahr.
Chester: Ja, nicht mal ein Jahr.
Ryan: Das Ganze hat vielleicht acht bis zehn Monate gedauert.
Chester: Ja, acht bis zehn Monate.
Ryan: Wir haben es halt nur ein paar Jahre liegen lassen.
Chester: Wenn es wirklich so lange gebraucht hätte, wären wir heute keine Band mehr, schätze ich.
Wie habt ihr daran gearbeitet? Erst einen Song fertig geschrieben und dann den nächsten? Habt ihr einen fertigen Song über die Jahre hinweg immer wieder verändert oder war er nach der ersten Beendigung endgültig fertig?
Chester: Musik ist etwas Organisches. Sie wächst so schnell oder langsam, wie sie möchte. Manche Songs brauchen eben zehn Jahre. Da musst du den Code knacken. Andere Songs hingegen lässt du einfach bleiben, wenn sie zu lange dauern. Wieder andere (schnipst mit den Fingern) kriegst du an einem Tag hin. Das ist schon ziemlich bizarr. Wenn ich nicht zu verbissen daran denke, klappt es am besten.
Ryan: Es ist nicht leicht. Aber es ist auch nichts, was dich quält. Wir arbeiten echt hart, aber es macht jede Menge Spaß. Manchmal sitzen alle zusammen und machen sich Notizen. Dann sind wir irgendwann richtig frustriert und schreien: Fuck. Danach hören wir auf. Lassen ein bisschen Dampf ab. Spielen Computer. Wir erschießen uns gegenseitig, danach gehts zurück ins Studio. Ein erneuter Angriff. Es ist echt kompliziert, verrückt, tricky. Aber bei uns ist das auch nach einem Jahr nicht so, dass wir denken: Fuck it, jetzt reichts. Im Gegenteil, das gibt uns nur noch mehr Energie und wir wollen es endlich schaffen.
Chester: Ja, ja, ja. Stimmt. Würde ich jemals ein Jahr an einem einzigen Song arbeiten? Nee. Es ist mal ein Stündchen hier, mal eines da. Wenn ich nach zwei Wochen nicht denke, dass es klappt (schnipst wieder), dann leg ich den Song einfach zur Seite. "Fire" zum Beispiel hat echt lange gedauert. Aber bei ihm fühlte ich, dass es wert war, für ihn zu kämpfen. Ich wusste einfach, dass an ihm irgendetwas Cooles ist, obwohl die ursprüngliche Melodie und die Lyrics noch gar keine Bedeutung hatten. Ich hatte in der Rohversion diese Zeilen, von denen ich dachte: Verdammt, die sind echt gut. Die sind verdammt nochmal großartig. Wie krieg ich eine beschissene Geschichte um die herum? Allerdings musste ich die Ursprungsidee am Ende komplett fallen lassen. Plötzlich machte es dann: Bam! Anders bei "Condemned". Da bin ich morgens aufgewacht. Ich hatte die Musik. Ich hatte die Lyrics. Ich hatte die Melodie. Ich dachte: Fuck, das darf ich nicht verlieren. Da musste es echt schnell gehen.
Das heißt, du hast eine Gitarre neben deinem Bett stehen?
Ryan: Eigentlich in jedem Raum.
Chester: Ja, entweder eine Gitarre oder eben mein Handy. Dann geht's Nänänänä.
(Chester tut jetzt so, als würde er ein Handy vor seinen Mund halten. Er gibt Gitarrengeräusche von sich und schrammelt so eine Melodie vor sich hin. Ob er schon neue Ideen hätte, frage ich Chester. Sicher 40 bis 50, antwortet er. Eine Kostprobe erhalte ich sofort. Lachend streckt Ryan mir sein Handy entgegen. Eine Melodie erklingt vom Player. Keine Lyrics, aber imitierte Gitarrentöne, Schlagzeuggeräusche. Nänänä vom Handy.)
Chester: Ja, so funktionierts. Einfach den kosmischen Radiosender in deinem Kopf anschalten und zuhören. Als junger Musiker ist das natürlich schwer. Da versteht man noch nicht, wie man einen Song richtig aufbaut und wie man Titel eigentlich schreibt. Ich habe so viele wirklich beschissene Songs geschrieben. Bis du deinen ersten richtig guten Track schreibst, ist alles andere davor zum Kotzen. Das frustriert dann schon. Es ist eben einfach verdammt schwierig. Da musst du echt kritisch mit dir selbst sein. Ich glaube, dass ist das Härteste am Bandleben: Du musst dein Ego zurück stecken. Wir sind Künstler. Wollen gut aussehen, cool sein. Wir sind sehr auf uns fixiert und egoistisch. Wenn dir dann jemand sagt: Nö, das ist scheiße, dann musst du das manchmal akzeptieren und erkennen, dass es eben einfach scheiße ist. Du darfst dich nicht mit einer Melodie verheiraten und dich auf sie fixieren.
Ryan: Sie unterstützen uns total.
Chester: Wenn es für sie nicht ok wäre, würde ich es niemals tun.
Was ist denn für dich der größte Unterschied zwischen den beiden Bands?
Chester: Kein Mike Shinoda, kein Brad Delson, kein ...
Ryan (lacht): Ja, eine ist halt Linkin Park und die andere halt Dead By Sunrise.
Chester: Naja, ich will keinen der Jungs von Linkin Park beleidigen, ich finde, Linkin Park ...
Ryan: ... ist die "fucking best band of the world"!
Chester: Es ist echt fantastisch und eine Ehre für mich. Unser Sound klingt aber sehr nach Mike, er ist der Kern Linkin Parks. Brad ebenso. Deswegen fühlst du bei LP Mike Shinoda. Bei Dead By Sunrise bin diese Person ich. Mikes und meine Art, Songs zu schreiben, ist ganz anders.
Wäre das hart für dich, wenn du mit Dead By Sunrise nicht so erfolgreich werden würdest?
Chester: Ehrlich gesagt, bin ich immer noch überrascht, dass LP so erfolgreich sind. Ich weiß nicht, warum die Leute unsere Musik so lieben, es gibt schließlich noch so viele andere gute Bands. Mir vorzustellen, dass Dead By Sunrise jemals so erfolgreich werden könnte, ist irgendwie lächerlich. Allein mit "Hybrid Theorie" haben wir mehr Platten verkauft als manche Künstler in ihrem ganzen Leben. Meinst du, so was könnte noch mal passieren? Wahrscheinlich nicht. Deswegen geht es uns als Band einfach darum, dass alle, die unsere Platte kaufen, sie auch mögen. Wenn das passiert, ist das für uns ein Erfolg. Klar, gibt es da immer ein paar Leute, die Linkin Park und Chester Bennington hassen und deswegen dann auch grundsätzlich schon Dead By Sunrise scheiße finden. Bisher haben wir aber eigentlich nur Gutes gehört. Sollte "Out Of Ashes" jetzt doch floppen und Horrorkritiken bekommen, dann ist das meine Schuld als Songwriter. Dann habe ich einfach alles falsch gemacht. Ich werd mich bei euch Jungs entschuldigen.
(Chester wendet sich an Ryan, schlägt ihm auf die Schulter – der allerdings lacht nur.)
Du würdest dann aber nicht bei Dead By Sunrise aufhören, oder?
Chester: Ich weiß nicht. Ich bin ziemlich sensibel. Wenn mir jetzt jeder sagt, dass es scheiße ist, würde mir das schon nahe gehen. Wenn uns die Leute dann bei Auftritten ausbuhen und kein Schwein die Platte kauft, wenn wir nicht mal unsere Schulden an unser Label zurückzahlen können, dann... Fuck! Ja, dann würde ich es lassen. Ich wäre am Boden zerstört.
Ryan: Wir haben überhaupt nicht das Ziel, so erfolgreich zu sein wie Linkin Park. Wir sind Dead By Sunrise und nicht Linkin Park. Deswegen sitzen wir auch nicht da und sagen uns den ganzen Tag: "Ach Fuck. Wir sind nicht so erfolgreich wie LP. Scheiße." Wir wollen doch nur Sachen machen, die den Leuten gefallen.
Und wie entscheidest du, welche Ideen du für Dead By Sunrise verwendest und welche für Linkin Park?
Chester: Am Anfang war das schwieriger. Da schrieb ich die Songs mit der Absicht, sie mit Linkin Park zu veröffentlichen. Ich bin mir sicher: Wenn ich Mike die Songs geben würde, könnte er einen Mike-Song daraus machen. Aber dabei würden sie genau das verlieren, was ich an ihnen mag. Wir unterscheiden uns sowohl von den Melodien als auch den Lyrics sehr. Deswegen ist mir heute bereits beim Schreiben klar, was ich für Linkin Park verwende. Oder bei was ich mir denke: Nein, das hebe ich für Dead By Sunrise auf. Wenn ich mit Brad und den anderen im Studio bin, sagen sie mir auch: "Ja, das ist cool ... aber ... nimm es doch lieber für Dead By Sunrise" (lacht).
Ryan: Linkin Park sind wirklich so cool. Die gehen echt gut damit um. Sie unterstützen uns, wir sind gut befreundet. Das macht die Sache natürlich noch einfacher.
Chester: Wenn es ihnen damit nicht gut gehen würde oder sie sich versetzt fühlen würden, würde ich Dead By Sunrise zurückstellen. Ich habe allen im Vorfeld gesagt, dass ich gerne an dem Soloprojekt arbeiten möchte. Sie fanden es cool. Aber sie wissen auch, dass es Linkin Park niemals im Weg stehen wird. Wenn alle von LP ins Studio gehen wollen, dann sage ich nicht, dass ich jetzt aber lieber mein eigenes Ding durchziehe. Das wäre total uncool. Ich rufe Ryan einfach an und erkläre ihm, dass ich ab morgen mit Linkin Park im Studio bin.
Chester, du hast in einem Interview gesagt, dass es auf der Welt so viele Künstler gibt und alle sind einzigartig. Dann sag mal, was macht Dead By Sunrise so einmalig?
Chester: Ich wusste bereits, als ich die Songs fertig hatte und den anderen zur Bearbeitung gab, dass ein Sound herauskommen würde, den wir nur haben, weil genau wir zusammen arbeiten. Wir brauchen schließlich nicht noch eine Band, die genauso klingt wie Linkin Park oder Julien-K oder Orgy. Wenn Leute Dead By Sunrise beschreiben, benutzen sie Bands von Tears for Fears über T-Rex bis zu Soundgarden als Vergleich. Wie zum Teufel kann so was passieren, frag ich mich dann immer. Aber ist ok, die Leute versuchen so was ja ständig ...
Ryan: ... ist aber auch wirklich schwierig.
Langweilen euch die ewigen Vergleiche?
Beide: Nein, nein.
Ryan: Ist ok, verglichen zu werden. Aber für uns selbst wäre es schwierig, festzulegen, dass wir nach einer Kombination von dem und dem und dem klingen.
Chester: Ich denke, am besten beschreibt man es so: irgendwie grungy, dirty und punky - gemischt mit einer Art Elektro-Pop-Alternative-Sound. Das ist Dead By Sunrise.
(Inzwischen rede ich bereits 40 Minuten mit den beiden - 30 sollten es sein. Ich hatte mir im Voraus eigentlich noch viele Fragen überlegt. Aber die Jungs sind so verplappert und witzig. Antworten sprudeln aus ihnen heraus, so dass das Gespräch eine ganz andere Richtung eingeschlagen hat als geplant. Nur noch eine letzte Frage.)
In einem deiner Songs singst du: "What the hell is wrong with me, this isn’t who I'm supposed to be." Hast du darauf inzwischen eine Antwort?
Chester: Nein, keine Ahnung, was mit mir nicht stimmt. Ich will immer die richtigen Sachen machen. Will darauf hören, was mein Herz mir sagt. Und immer wieder bau ich Scheiße und mach etwas ganz anderes. Genau so war es mit meinem Alkoholproblem. Ich hatte ein Glas in der Hand und dachte nur: "Scheiße. Ich will das nicht trinken. Fuck!" Dann hab ich es angesetzt und den ganzen Scheiß auf einen Zug runter gehauen. Was zur Hölle passierte da nur? Das ist mein Dilemma. Ich komme immer wieder in Situationen, in denen ich die Kontrolle über mich verliere. Das ist total kacke. Voll verrückt. Ich bin ein verfickter Irrer.
(Schon irgendwie verrückt, dass wir alle drei herzhaft darüber lachen. Fuck yeah.)
Brad und Joe plauschen bei Kerzenschein über Frisuren, Fußball und eigene Fehler.
Der auf der Bühne stumme Leadgitarrist Brad Delson und Joe Hahn, Herrscher über die Samples und Scratches, erzählen, was sich bei Linkin Park im Vergleich zu früher geändert hat.
Nachdem wir das Hamburger Nieselregenwetter hinter uns gelassen haben, wähnen wir uns sogleich in den wundervollen Vereinigten Staaten von Amerika. Nicht nur die angelsächsische Namensgebung der Halle, sondern auch das Flair der zahlreichen Imbissbuden, jedes in von Marketingexperten wohl erdachten Mottos liebevoll designt, lässt ein Gefühl des American Way of Life aufkommen. Vom Fish & Chips, Burger, Wurst, Pommes bis zum Café Latte kann der Freund des durchdachten Entertainments die kulinarischen Leckerbissen erstehen. Auch das Merchandising kommt nicht zu kurz und wird von Horden von Teens und Twens mit Begeisterung gekauft und getragen.
Nachdem wir uns durch zahlreiche Korridore und Sicherheitsposten gewühlt haben, stehen wir noch eine Viertelstunde in einem Gang des Backstagebereichs. Auch hier Massen von Securitypersonal, und wir wähnen uns am G8 Gipfel, nur dass hier 30 Seconds To Mars und Linkin Park die Rollen von Blair und Bush einnehmen. Schließlich führt man uns in einen stimmungsvoll beleuchteten und mit kuscheligen Sofas eingerichteten Raum.
Wir nuckeln gerade bei Kerzenschein an unseren französischen Wassern, als ein paar Stiernacken Brad Delson und Joe Hahn in den Raum schieben. Zu meiner Verwunderung lässt man uns sogar allein mit den beiden. Wuschelkopf Brad strahlt von der ersten Minute an und nimmt schon nach dem ersten Händedruck die Rolle des Sympathieträgers für sich ein. Sein wohl proportionierter Bandkollege Joe gibt sich eher reserviert und nimmt mit aller nötigen Contenance in den weichen Kissen Platz. Kurz vor dem Interview hatte ich noch von einem Fußballspiel zwischen Linkin Park und ihren "Betreuern" von der Plattenfirma gehört, somit meine erste Frage:
Wie war Fußball gestern?
Brad: (Mit breitem Grinsen) Gut, weil wir gewonnen haben. Es war ein ganz schön hartes Spiel. Ich hab immer noch ziemlichen Muskelkater.
Die Jungs von der Plattenfirma haben gesagt, dass ihr und besonders du, es wirklich drauf habt ...
Brad (erstaunt): Ich, du meinst ich besonders? (und da ist wieder, dieses unnachahmliche Zucken um die Mundwinkel) Na ja, ich würde sagen, dass ich ein paar der Jungs ein klein wenig durch die Gegend geschubst habe ... (grinst)
Genau, das haben sie gesagt!
Brad: Wenn es ein reguläres Spiel gewesen wäre, hätte ich wohl eine rote Karte kassiert. (grinst breit)
Also seid ihr an Fußball wirklich interessiert. Schaut ihr euch manchmal Spiele im Fernsehen an?
Brad: Ein paar der Jungs haben in der High School Fußball gespielt und sind daher Fußballfans.
Irgendeine Lieblingsmannschaft?
Brad: Fußball ist in der USA nicht wirklich so beliebt wie hier, also wenn du überhaupt eine Mannschaft anfeuerst, ist es meist ein europäisches Team.
Da Brad nicht gerade der Fußball-Experte der Band zu sein scheint und sich auch Joe nicht gerade anschickt, gleich aus seinem Sitz zu hüpfen um uns seine Lieblingstricks am Leder zu zeigen, gehen wir zum eigentlichen Thema unseres Interviews über, der neuen Platte von Linkin Park "Minutes to Midnight".
Eure Zusammenarbeit mit Jay-Z war ein großer Erfolg und brachte euch sogar einen Grammy ein. Im Rockbiz kann man allgemein einen Trend hin zu elektronischen Einflüssen wahrnehmen. Warum ist "Minutes to Midnight" das rockigste Album in der Geschichte von Linkin Park?
Joe: Wir haben schon eine Menge Elektronik für das Album verwendet, aber als es dann dem Ende zuging, haben wir ein paar Entscheidungen getroffen, die das gesamte Album natürlicher, ja vielleicht ein bisschen wie Classic Rock klingen lassen. Aber das hängt mit einem Haufen anderer Dinge zusammen. Einer der Gründe ist sicherlich, dass wir an die Songs mit einer minimalistischen Sichtweise herangegangen sind. In der Vergangenheit hatten wir eher einen härten Sound mit wuchtigen Gitarren und wuchtiger Elektronik. Da sich das Ganze auch noch auf mehreren Ebenen gleichzeitig abspielte, ergab es eine ziemlich überfrachtete Angelegenheit. Dieses Mal wollten wir die einzelnen Songs ein bisschen mehr atmen lassen und sichergehen, dass jeder Sound, den wir in dem Album verwendeten, auch wirklich gehört wird ... kurze Pause mit der Stirn in Falten ... falls das Sinn macht?
Diese Unterteilung der einzelnen Elemente hört man auch beim Gesang. Der typische Aufbau euerer Songs, in dem Mike mit seinen Raps die Strophen und Chester mit Gesang und Screaming die Refrains übernahm, findet man auf eurem neuen Album kaum.
Brad: Ja, gerade der Umstand, dass man hier ein Muster erkennen konnte, war einer der Gründe, warum wir damit brechen wollten. Wir wollten die Leute wirklich überraschen, und ich denke, das ist uns gelungen.
Limp Bizkit haben sich aufgelöst, und immer mehr Bands aus der Alternative, Indie-Richtung übernehmen den Markt. Denkt ihr, Nu Metal ist tot?
Brad: Ich hoffe doch! (Breites Grinsen) Wir haben uns nie einem bestimmten Genre oder Kategorie zugehörig gefühlt. Als wir die Band gründeten, kombinierten wir unterschiedlichste Musikstile, um genau dieses Denken in Schachteln herauszufordern, und natürlich wurde uns ein Stempel verpasst, so wie es Journalisten und Magazine mit jedem Künstler tun. Mit "Minutes To Midnight" wollten wir die Leute wirklich was Neues bieten und die Meinung über die Musik, die wir machen, in ein neues Licht rücken. Das Album ist wirklich durch die einzelnen Songs bestimmt, und man kann nicht einfach sagen, es sei eine bestimmte Sache oder ein bestimmter Stil.
Joe: Oh, das ist nur schwer in ein paar Worten zu beantworten. Es gab da einen Haufen von unterschiedlichen Schritten, bis wir das Album vollendet hatten. Vom Songwriting her sind wir ganz neue Wege gegangen. Unterschiedlichste Paarungen in der Band wirkten an den einzelnen Parts der Songs, und wir versuchten wirklich jede Idee, die uns auch nur irgendwie in den Kopf kam, zu verwirklichen. Am Ende standen 150 Songs zur Debatte. Die besten von ihnen schafften es in das Album. Die beiden Sänger Mike und Chester waren sehr offen für neue Ideen bezüglich der Texte. Das war vorher nie der Fall, und hinzu kommt, dass wir alle wesentlich älter sind als vor zehn Jahren, als wir das Ganze starteten. Die beiden ersten Alben waren nach dem selben Muster gestrickt.
Natürlich war "Meteora" eine Weiterentwicklung in der Evolution der Band, aber dennoch enthielt es einen großer Teil der Prinzipien und Ideen von "Hybrid Theory". Das ergibt ein nettes Buch mit Kapitel Eins und Zwei, aber wir wollten diesmal sicher gehen, uns von all dem abzugrenzen. Und um noch mal zu den Texten zurückzukommen: Sie sind alle von einer beobachtenden Warte aus geschrieben, im Gegensatz zu unsern alten Texten, die sich alle aufs Persönliche und den Blick nach Innen konzentrieren. Und von dem her hast du vielleicht schon Recht, wenn du sagst, dass sich auf diesem Album viele Dinge verändert haben, weil wir beobachten, was in der Welt um uns herum geschieht.
Bei so vielen Songs, warum habt ihr es nicht wie die Red Hot Chili Peppers auf "Stadium Arcadium" gemacht und ein Doppelalbum herausgebracht?
Joe: Ja, wir haben wirklich daran gearbeitet, ein Doppelalbum herauszubringen. Aber als wir uns es dann anhörten, war es einfach zu anstrengend. Zu viel Musik auf einmal. Wir wollten das Album so besonders wie möglich machen, und so stellten wir letztendlich die Qualität über die Quantität. Wie jeder Künstler mussten wir auch erst unsere Fehler durchleben, bis wir unsere Treffer landen konnten. Nicht alle Songs waren unbedingt das Gelbe vom Ei.
In Berlin war euer Auftritt in 90 Minuten ausverkauft und euer Album ging von Null sofort auf Platz Eins der deutschen Charts. Wie erklärt ihr euch euren Erfolg, besonders in Deutschland?
Brad: Können wir nicht!
Obwohl ich mich eigentlich ganz wohl fühle, so wie mich dieses sympathische Wesen in aller Ruhe angrinst, stammle ich nach gefühlten zehn Minuten doch etwas wie:
Du meinst es passiert einfach so...?
Brad: Wir sind wirklich sehr dankbar dafür und haben sicherlich hart dafür gearbeitet. Wir haben eine wirklich gute Beziehung zu unseren Fans beibehalten, ich bin nämlich davon überzeugt, dass das Ganze von unseren Fans getrieben wird. Aber dieses Ausmaß von Erfolg? Wir haben das nie erwartet und schwimmen daher im Moment einfach weiter auf der Welle.
Ja, ihr seid wahrscheinlich überall beliebt ...
Brad (Plötzlich ganz aktiv und bestimmt): Aber das kannst du nicht als selbstverständlich ansehen! Es ist wirklich etwas sehr Besonderes, wenn es dann passiert. Als wir den Gang runter kamen, hatten wir gerade erst Platin für unser neues Album erhalten. Das erste Mal, dass wir überhaupt Platin bekommen haben. Und es ist erst eine Woche her, dass die Platte draußen ist, und so war es wirklich surreal, als es so schnell passierte. Ich dachte, es könnte vielleicht in sechs Monaten oder in einem Jahr passieren. Und dass es gerade hier in Deutschland so erfolgreich ist, macht uns richtig glücklich. (Quizfrage: Welcher Gesichtsausdruck ist bei Brad festzustellen?)
Auf eurem Cover und auch in eurem Video präsentiert ihr euch in einem optisch ganz neuen Look. Alles ist sehr viel dunkler und klassischer arrangiert. Auch die Haare, besonders Brads fallen auf. Ist das der Linkin Park-Style der Zukunft?
Joe: Ich pflichte dir bei, dass Brads Haar die Zukunft ist. (Lautes Gelächter im ganzen Raum) Nicht bloß von Linkin Park sondern der Welt im Allgemeinen. Es ist wie eine Kristallkugel, aber du kuckst eben in Brads Haare. Es ist wie beim Händelesen, verschiedene Linen mit denen man Dinge aus der Zukunft vorhersagen kann. (Joe und Brad giggeln sich gegenseitig auf der Couch an, und nach ein paar dummen Sprüchen von mir in Richtung Sponsoring-Vertrag für ein Haarshampoo greife ich noch mal nach dem roten Faden, der in dieser gediegenen Atmosphäre leicht verloren geht.)
Joe, ich habe gehört, dass du für den Inhalt der Videos verantwortlich zeichnest ...
Ja, genau ... (Hey, der Kerl hat vor lauter Albernheit also doch noch nicht den Bezug verloren. Scheint wirklich ein Profi durch und durch zu sein...) Nein, es ist nicht wie du sagtest, dass hier ein bewusster Vorgang stattgefunden hat, mehr in die klassische oder dunklere Richtung zu gehen. Es ist eine sehr natürliche Sache, wenn wir Videos oder irgendetwas produzieren. Wir versuchen einfach etwas Neues und Interessantes zu produzieren, weil wir darin unsere Aufgabe als Künstler sehen. Es ist eben immer etwas anderes, was sich zu dem bestimmten Zeitpunkt richtig anfühlt. Und bei diesem Video fühlte es sich einfach passend zum Song an. Und auf eine Weise denk ich mal, ist das schon eine Art von Entwicklungsprozess, aber wir versuchen, das bei jedem Video, Single oder Album zu erreichen.
Nein, ich glaube nicht, dass wir uns verantwortlich fühlen für das, was in der Welt so vor sich geht. Ein paar der Sachen, die du erwähnst, sind sicherlich Teil unseres beobachtenden Standpunkts. Das Album deckt von globalen Themen hin bis zu sehr introspektiven Themen alles ab. Die nach innen gerichteten Themen sind ein Tribut an unseren älteren Dinger. Na ja und wenn du sagst, dass wir viele dunkle Themen berühren: Dunkle Themen waren schon immer das Grundgerüst unserer Musik. Das macht sie für mich sehr besonders, und ich habe auch mit ein paar Fans gesprochen, und die haben mich darin bestätigt, dass die Musik ihnen helfen konnte.
Um mit dir ins Reine zu kommen, musst du nun mal einen Blick in dein Inneres werfen, die negativen Seiten beleuchten und letztlich mit ihnen klarkommen. Am Ende sollte es dennoch positiv sein, und diese besondere Art der Freiheit ist, was ich an unserer Musik schätze. Es ist wie ein Schrei, um es aus deinem System zu bekommen. Ich kenne ein paar Leute, z.B. Athleten, die die Musik gerne vor Spielen hören, oder manche hören es auch, während sie Auto fahren. Es ist einfach ein sehr berauschendes Gefühl.
Ein Angestellter der Plattenfirma hat sich reingeschlichen, um zu verkünden, dass die nächste Frage die letzte sein wird.
Fernab der individuellen Aspekte berührt ihr in eurem neuen Album zum ersten Mal auch gesellschaftlichkritische Themen bzw. übt harte Kritik an euerer politischen Führung. Bei eurem letzten Interview mit laut.de im Jahre 2003 habt ihr dagegen zu diesem Thema vehement jede Aussage verweigert. Woher der plötzliche Sinneswandel. Was genau hat euch dazu veranlasst, einen anderen Weg einzuschlagen?
Brad: Wie Joe und auch du es schon früher gesagt habt, haben sich unsere beiden früheren Alben fast ausschließlich um die Erkundung der eigenen Gefühle gedreht. Jetzt haben die beiden Texter Mike und Chester damit begonnen, die Welt um sie herum zu erforschen. Ich würde nicht sagen, dass das Album vornehmlich politisch ist. Auch ist keiner von uns sechs politisch orientiert. Wir sind keine politische Band! Wir alle haben total verschiedene Ansichten von der Politik und der Welt, und daher ist es unmöglich, einen einzigen Standpunkt zu finden, den die gesamte Band vertreten könnte.
Aber die Platte hat definitiv ein soziales Bewusstsein, und als Band versuchen wir, dieses soziale Bewusstsein zu zeigen, indem wir die Position, in der wir uns befinden, dazu einzusetzen, unseren Beitrag zur Verbesserung der Welt zu leisten. Und wenn wir mit "Music for Relief", einer Organisation, die wir gründeten, um Menschen die Opfer von Naturkatastrophen wurden, zu helfen, mit anderen Bands zusammen Geld sammeln und Häuser bauen können, dann ist das einfach unglaublich! Wir versuchen einfach, etwas zurückzugeben in der Art wie es uns möglich ist.
Aber gab es einen bestimmtes Ereignis, das euch dazu bewog, den Kurs zu ändern?
Brad: Ich würde einfach sagen, dass das Älterwerden und der damit verbundene Reifeprozess dazu führten. Mike und Chester sind verantwortlich für die Texte, und so wie wir alle sind sie älter geworden, und wir haben einen Haufen gesehen und erlebt. Indem du älter wirst, siehst du anders auf die Welt und wie sie sich verändert. Dementsprechend bringst du dich auch anders ein.
Da 14 000 Fans auf den Auftritt warten, die Band eh schon eine dreiviertel Stunde hinter dem Zeitplan hinterher hängt und mir sowieso keine andere Wahl bleibt, gebe ich dem vehementen Drängen der Organisatoren nach und entlasse Brad und Joe in die Hände der Sicherheitsleute. Ich hätte noch gerne beim Thema Politik weiter gebohrt, aber Brad lässt es sich nicht nehmen, mit seiner charmanten Art meinem Ego eine gehörige Politur zu verpassen. So bewege ich mich beschwingt in die schon prall gefüllte Halle dieser amerikanischen Enklave im Norden Deutschlands.
Nach ihrem Clubgig im Hamburger Docks trafen wir Chester Bennington, Brad Delson und Rob Bourdon, um mit ihnen über ihr zweites Album "Meteora" und die Live-Gigs neben Metallica zu plaudern.
Ende 2000 läuft der Track "One Step Closer" der bis dahin völlig unbekannten Band schon vier Wochen vor Veröffentlichung bei allen Major-Radiosendern auf Rotation, verhilft dem Album aus dem Stand zum Sprung in die Top 20 der Billboard Charts und wird schon nach drei Wochen vergoldet. Nicht viel anders ergeht es dem Debüt-Album der Kalifornier - kein Wunder, dass die Erwartungen an den Zweitling "Meteora" schier in den Himmel wachsen.
Eure Vorabsingle "Somewhere I Belong" ist stilistisch nahe am Sound des letzten Albums. War dies ein Grund, warum ihr euch für den Song entschieden habt?
Chester: Wir wählen die Singles nicht aus, das überlassen wir lieber den Profis bei der Plattenfirma. Wir sind emotional mit jeder Nummer sehr eng verbunden, so dass von unserem Standpunkt aus jeder Song eine potenzielle Single ist.
Brad: Wir schreiben ja ein Album und nicht nur einzelne Songs. Also sind wir so oder so glücklich, egal wie sich die Plattenfirma entscheidet.
Auf der Single sind zwei Livetracks enthalten. Werden demnächst auch Stücke veröffentlicht, die es nicht aufs Album schafften?
Chester: Es gibt tatsächlich einige Songs, die wir nicht auf "Meteora" drauf genommen haben, einfach weil sie nicht ins Gesamtkonzept des Albums gepasst hätten. Ich kann nicht sagen, wann sie veröffentlicht werden, aber es könnte gut sein, dass etwas davon auf kommenden Maxis erscheint.
Gestern habt ihr hier in Hamburg einen Clubgig gespielt. Wie empfandet ihr die Reaktionen der Fans?
Rob: Es hat verdammt großen Spaß gemacht, da es ein ziemlich kleiner Laden war. Wir haben fast ein Jahr kein Konzert mehr gegeben und gestern war es erst das zweite nach dieser langen Auszeit. Ich denke die Reaktion war großartig und das Gefühl, plötzlich zwei Alben in die Songauswahl miteinbeziehen zu können, war irre aufregend. Die neuen Songs sind dann auch sehr gut angekommen. Als wir "Easier To Run" vom neuen Album spielten, versuchte eine Gruppe von Leuten gegen Ende der Nummer die Worte mitzusingen, einfach nachzusingen, was sie von uns hörten. Sie wollten eben auch an den neuen Sachen teilhaben, die sie noch nicht kannten.
Habt ihr auch die Emil Bulls gesehen, eure Vorband?
Brad: Emil Bulls sind top. Ich mag ihre Musik sehr.
Chester: Ja, die sind wirklich gut.
Kanntet ihr sie schon vor eurem Gig?
Brad: Ich hörte sie zum ersten Mal, als ich hier in Hamburg auf einer Party im Docks war. Ich fragte den DJ nach einem Song, er gab mir die CD und es waren die Emil Bulls.
2001 habt ihr mehr als 300 Shows gespielt. Kann solch ein Marathon nicht einen negativen Effekt auf die Bandchemie haben?
Chester (grinst): Nein, ich denke, es hat genau den umgekehrten Effekt. Je mehr du spielst, desto besser wirst du. Vielmehr wird es dann schwierig, wenn du über einen längeren Zeitraum nicht gespielt hast. Du musst dich erst wieder an diesen Rhythmus gewöhnen, an diese unterbewusste Kontrolle darüber, was du tust. Das Unterbewusste muss zur Normalität werden, muss zu einer bewussten Sache werden. So denkst du zum Beispiel am Anfang ständig darüber nach, was du gerade spielst, einfach weil du lange nicht mehr gespielt hast. Wir müssen uns auch gerade erst wieder einspielen, uns an die Zeitabfolgen gewöhnen und den Groove zusammen finden. Sobald wir wieder ein paar Monate auf Tour sind, wird alles angenehmer und läuft unbewusster ab.
Im April spielt ihr zusammen mit X-Zibit, im Juli spielt ihr mit Metallica und den Deftones. Wie fühlt man sich, wenn man die Bühne mit solch großen Namen teilen darf?
Chester: Es ist ein Privileg und eine große Ehre, mit Leuten auf einer Bühne zu stehen, die man bewundert. Ich meine, X-Zibit und Metallica, das sind fette Acts. Letztes Jahr durften wir schon mit Cypress Hill spielen. Diese Gruppen sind alle etabliert, sie haben sich über Jahre hinweg immer wieder bewiesen und veröffentlichen qualitativ hochwertige Musik.
Brad: Wir sind schon ziemlich aufgeregt, bei solch einem großen Line Up wie Rock Am Ring teilzunehmen. Es wird verdammt schwer werden, nach so vielen coolen Bands zu spielen. Der Druck auf uns wird unglaublich sein ... (lacht).
Euer Song "One Step Closer" stürmte die Charts in Zusammenhang mit dem Film "Das Experiment". Wie kam dieses Projekt zustande?
Chester: Beim Thema Film ist es normalerweise so, dass die Produzenten des Films auf die Band zukommen. Sie informieren uns, wovon der Film handelt und fragen uns, ob wir generell Interesse daran hätten, einen Song beizusteuern. Die Art und Weise, wie uns "Das Experiment" beschrieben wurde, klang sehr vielversprechend. Und natürlich ist es schön, einen guten Song zu einem guten Film beisteuern zu können.
Auf eurem Remix-Album "Re-Animation" wurden viele Songs weit von den Originalen weg getragen. Wie fandet ihr die Ergebnisse?
Rob: Eigentlich gut, denn wir planten ursprünglich gar kein Remix-Album. Wir wollten es erst realisieren, als wir die Remixes hörten. Angefangen hat die ganze Sache mit einem Remix der Humble Brothers für die Deftones. Wir fragten sie, ob sie auch Lust hätten, einen Remix von "One Step Closer" für uns zu machen, was ihnen fantastisch gelungen ist. Ab da lief es dann von selbst, wir gaben die Songs aus der Hand und bekamen wirre Sachen zurück, die wir unseren Fans nicht vorenthalten wollten.
Würdet ihr es als reguläres zweites Linkin Park-Album ansehen?
Chester: Ich denke schon, einfach weil es so anders ist. Aber vor allen Dingen war es eben eine gute Möglichkeit, unseren Fans etwas zurück zu geben und ihnen die Zeit zum nächsten Studioalbum zu verkürzen. Für uns war es auf der anderen Seite schön, all die Underground-DJs und HipHopper zu treffen, die wir bewundern. Vielleicht hat es ein paar Fans von uns auch unserem eigenen Background näher gebracht.
Chester, du hast mit deiner Frau ein paar Klamotten für "Replicant Clothing" designt. Möchtest du auch in Zukunft auf diesem Gebiet kreativ sein?
Chester: Das wurde mir eigentlich angeboten, ich hatte das nie geplant. Ein Freund von mir hatte mit der Firma zu tun und fragte mich, ob ich Lust hätte. Es war eine sehr interessante Sache, all das Aufzeichnen, Schneiden und so. Aber ich habe das nicht als Zukunftsprojekt geplant. Es war etwas, das mir für eine Weile großen Spaß machte und ich denke nicht, auf dem Gebiet weiter aktiv zu sein. Andererseits, wer weiß das schon genau ...
Letzte Frage: Wie steht ihr zu einem möglichen Irak-Krieg seitens der US-Administration?
Chester: Wir sind Musiker, keine Politiker.
Was antwortet ihr, wenn Linkin Park-Fans wissen wollen, was die Band über die schwierige politische Situation derzeit denkt?
Chester: Wir wollen keine Meinung dazu äußern, sorry. Go to your local congressman! Setzt euch mit euren zuständigen Abgeordneten in Verbindung!
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