laut.de-Kritik

Die nach Erlösung schreienden Abschiedszeilen.

Review von

Das Nachbeben dauert an. Weltweite Gedenkveranstaltungen, tonnenweise Coverversionen, großes Tribute-Konzert mit dutzenden Gästen. Und nun: "One More Light Live". Erklärtes Ziel ist es, Sänger Chester Bennigton mit diesem Release die letzte Ehre zu erweisen.

Live-Alben im Anschluss an den Albumtournee-Zyklus haben Tradition im Hause Linkin Park. Wo Nu-Metal-Hardliner auf ewig das 2003er "Live In Texas" als Heiligen Gral im Regal hüten, schossen Releases wie "A Thousands +" und "Living Things +" schneller aus dem Boden als die potenziellen Stilwandel-Hater zählen konnten. Nur wirklich repräsentativ (nimmt man einmal das 2008er "Road To Revolution" aus) waren die setlistmäßig jeweils am aktuellen Studiowerk orientierten Dokumente nie.

"One More Light Live" macht da keinen Unterschied – trumpft aber mit dem besseren Sound. Die Hälfte aller Tracks stammt direkt vom letzten Album mit Bennington – und legt den Fokus entsprechend klar auf seine Vocalpassagen.

Nun lässt es einen gewiss den Hut ziehen, dass Linkin Park ihre Pop-Auftragskompositionen mit einer Präzision auf die Bühne bringen, die es anderswo im Business nur von zusammengemietete Backing-Band zu hören gibt. Arrangements fein, Orgel- und Synth-Geblubber im eröffnenden "Talking To Myself" schon durch und durch klanglich makellos und professionell umgesetzt – jaja, mitgedacht wird hier natürlich schon. Den qualitativ von allerhand Fettstreifen durchzogenen Songwriting-Braten macht das aber dennoch nicht mehr fett.

"Battle Symphony" und "Invisible" funktionieren zwar hervorragend als Wunderkerzen-App-Hymnen, "Nobody Can Save Me", "Talking To Myself" und "Good Goodbye" bleiben mit ihrem generisch-affektierten Wohohoho-Songwriting samt Vocal-Pitches aber weiterhin unhörbar. Jedem Stormzy-Feature zum Trotz.

Stattdessen auf der Tracklist: Eine äußerste luftig-atmosphärische Version des Transfomers-Smashers "New Divide", eine neue "Leave Out All The Rest"-Interpretation und: So ziemlich alles, außer irgendwelchen Überraschungen. "Numb", "In The End", "Bleed It Out" – starke Tracks in der achtzigsten Live-Fassung. Metallica-Style. Schade.

Wenn dieses Album eine Ode an Bennington sein soll, wo ist dann bitte der große Diskografie-Querschnitt, den Linkin Park-Konzerte in Wirklichkeit seit Jahren bieten? Wo ist das in diesem Jahr regelmäßig live geremixte "The Catalyst"? Wo sind alte Fanlieblinge wie "Papercut"? Wo ist das alleine in diesem Jahr 22 Mal performte "Breaking The Habit", wo doch kaum ein anderer Song so sehr das letzten Endes fatalistische Seelenleben Chesters Benningtons widerspiegelte?

Zugegebenermaßen, neben dem hier bravourös-einfühlsamen Titeltrack "One More Light" ist es in erster Linie die Klavierversion von "Crawling", die angesichts der nach und nach offengelegten Lebens- und Leidensgeschichte des Linkin Park-Fronters unter die Haut geht. Wochen vor seinem Tod eine so intime Version einer Depressions- und Drogenballade zu präsentieren – das grenzt in seiner eigenen Auswahl fast schon makabren Zynismus.

Und so schmerzen sie eben schon irgendwie, all die unbeschwerten Ansagen, die brüderlichen Neckereien zwischen Bennington und Shinoda vor "Numb" und die letzten Endes nach Erlösung schreienden Abschiedszeilen in "Leave Out All The Rest".

Es mag stimmen, was Shinoda, Delson, Farrell, Bourdon und Hahn regelmäßig auf ihrer Facebook-Präsenz verlauten lassen: Die Magie und die Atmosphäre mögen auf dieser letzten gemeinsamen Tournee eine besondere gewesen sein. Dem gesanglichen Abwechslungsreichtum eines Ausnahmesängers wird dieses gänzliche screamfreie Dokument aber trotzdem nur bedingt gerecht.

Trackliste

  1. 1. Talking To Myself
  2. 2. Burn It Down
  3. 3. Battle Symphony
  4. 4. New Divide
  5. 5. Invisible
  6. 6. Nobody Can Save Me
  7. 7. One More Light
  8. 8. Crawling
  9. 9. Leave Out All The Rest
  10. 10. Good Goodbye (feat. Stormzy)
  11. 11. What I've Done
  12. 12. In The End
  13. 13. Sharp Edges
  14. 14. Numb
  15. 15. Heavy
  16. 16. Bleed It Out

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