laut.de-Kritik

Das letzte Licht geht aus. Begräbnis einer einst kreativen Popband.

Review von

11. Mai 2007. Vor zehn Jahren und acht Tagen begann die Desillusionierung des frühen Linkin Park-Fans. "Minutes To Midnight" schrie es in die Welt hinaus: Diese Band kann mehr, diese Band will mehr. Ein früh unter Beweis gestelltes Händchen für radiotaugliche Popmelodien und die wenig überraschende Kooperation mit einem gewissen Mister Rick Rubin, die für weitere nicht unumstrittene Großtaten prädestinierte.

"We wanted to create something that maintained the integrity of the band's personality, but pushed our boundaries." Ein Zitat aus dem Booklet des dritten Studioalbums. 2017 klingt es wie blanker Hohn.

Sicher, kräftig gepusht wurden die Boundaries, verschoben sich von verspielter Elektronik über Radiotauglichkeit bis hin zu punkiger Extraversion. Als gekonnte Songwriting- und Produktionseinheit haben sich Linkin Park und insbesondere Mastermind Mike Shinoda oft genug bewiesen. Die Anerkennung aus dem Nu-Metal-Bereich wurde rasch verspielt, längst hat sich das Sextett aber eine starke Fanbasis von Freunden gelegentlich zwar berechenbarer, aber zumindest handgemachter, abwechslungsreicher Popmusik erarbeitet.

Warum jetzt damit aufhören? Ideenlosigkeit, Masochismus oder Whataboutism. Die Antwort sucht man in den Sternen. "One More Light" zeigt eine völlig machtlose Band, die gänzlich gewillt ist, sich nicht nur die Produzenten-, sondern in Teilen auch die Songwritingcredits entreißen zu lassen. Für eine Nu-Pop-Rock-Band am Scheideweg vielleicht nicht die schlechteste Option. Der Versuch, die eigene Orientierungslosigkeit mit Flo Rida-, Robin Schulz- und Justin Bieber-Songwritern zu kaschieren, könnte aber drastischer kaum scheitern.

Wo in jüngerer Vergangenheit catchy Synth-Melodien und düstere Elektro-Experimente dominierten, regiert inzwischen elektrisches Hi-Hat-Geflacker und blanker Autotune – mal mehr, mal weniger subtil. Bereits in den ersten Takten des Openers "Nobody Can Save Me" stellen Linkin Park ihren neuen Lieblingsbaustein aus der Pro-Tools-Soundkiste vor: Hochgepitcht zuckende Vocoder-Backings, teils in einer Ausprägung, wie man sie schlimmstenfalls auf Mark 'Ohs verschollenen Mandy & Randy-B-Seiten erwartet hätte ("Sorry For Now").

Eine der früh ausgeprägten Stärken der einstigen Nu-Metal-Lieblinge ist die Fähigkeit der Musiker, sich im Gesamtmix zurück zu halten. Während die Gitarren also bis auf wenige Ausnahmen in trauriger Imagine Dragons-Manier ("Talking To Myself") wieder einmal ihren gewohnten Platz in der dritten Reihe einnehmen, spielt sich das wahre Drama noch eine Ebene über dem generischen Plastiksynthgeorgel ab: Beim Gesang.

Dabei unterstreicht das von Altfans in der Luft zerrissene "Heavy" klar, dass Chester Benningtons Stimme für mehr als ein Genre taugt. Gerade angesichts dieser liebgewonnenen Zärtlichkeit wirkt der gerade auch in fragileren Momenten stets minimal durchschimmernde Autotune-Gleit-Einsatz wie schiere Provokation. Das machen auch gewohnt catchy überzuckerte Festtagsmelodien nicht mehr wett. Im Gegenteil: Derart airplayoptimierte Nanananana-Schunkelkaskaden wie in "Halfway Right" würden selbst auf aktuellen Coldplay-Shows deplaziert wirken. Wer bei Songwriter Ross Golan einkauft, kriegt eben was für sein Geld. Will heißen: Wo Selena Gomez und Nicki Minaj draufsteht, ist auch Gomez und Minaj drin.

Ein Trauerspiel sind auch die Shinoda-Parts: Hat sich der heimliche Mastermind spätestens 2007 mit "In Between" ein Herz gefasst und sich seitdem immer häufiger als zweite Lead-Stimme in Szene gesetzt, entdeckt auch die einstige Kreativinstanz das lähmende Suchtpotenzial der Melodyne-Nachbearbeitung für sich ("Sorry For Now"). Diese Selbstverleugnung steht exemplarisch für das gesamte Drama: Alle Reifeprozesse der letzten zehn Jahre kippt man auf "One More Light" derart schamlos über Bord, dass jedes kleinere Novum wie ein gegenteiliger Rap-Part Benningtons im Kalkül untergeht.

Klar: Linkin Park-Hate ist die einfachste Disziplin im Kommentarspalten-Bullshit-Bingo der Post-Nu-Metal-Generation. Doch wer in dieser Weise im Ed Sheeran-Teich fischt ("Sharp Edges") und totgefiltertes Akustikgitarren-Strumming mit frisch gehackten, pseudo-deepen Instagram-Selfie-Untertiteln à la "Sharp edges have consequences / Guess that I had to find out for myself" unterlegt, hat sich sein Plätzchen im bedeutungslosen unteren Drittel der kalifornischen Pop-Industrie redlich verdient.

"Hands Held High"-Conscious-Rap-Zeilen waren gestern. Da hilft auch Shinodas letztes Aufbäumen im Pop-Grime-Abklatsch "Good Goodbye" mit Stormzy und Pusha T nicht mehr. "Enemies trying to read me / You're all looking highly illiterate / Blindly forgetting if I'm in the mix / You won't find an equivalent / I've been here killing it / Longer than you've been alive, you idiot." Sorry Mike. Bei euch killt gar nichts mehr.

Trackliste

  1. 1. Nobody Can Save Me
  2. 2. Good Goodbye
  3. 3. Talking To Myself
  4. 4. Battle Symphony
  5. 5. Invisible
  6. 6. Heavy
  7. 7. Sorry For Now
  8. 8. Halfway Right
  9. 9. One More Light
  10. 10. Sharp Edges

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