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Dass sie ihre Heimatstadt Newmark eines Tages monatelang für ausgedehnte Tour-Sessions verlassen müssen, hätten sich My Chemical Romance sicher nicht erträumt. Weit weg von der örtlichen Stahl- und Beton-Industrie, der später viele Schul-Kollegen dienen, erlangen die fünf Amerikaner Rockstarstatus.
Als Teenager beherrschen sie zum Teil noch nicht einmal Instrumente, und es gibt auch keine High-School-Band-Ambitionen, obwohl die Brüder Gerard und Mikey Way schon in der Band Raygun Jones zusammen gespielt haben. Nach dem Abschluss verlieren die Jungs sich aus den Augen. Sie ahnen noch nicht, wie nahe sie sich ein paar Jahre später stehen. Gerard Way (Gesang), Ray Toro (Gitarre), Mikey Way (Bass) und Matt Pelissier (Drums) gründen die Band Ende 2001, nachdem Gerard Way ein Kunststudium am College in New York abgebrochen hat.
Als der einen Song schreibt, um das amerikanische Trauma 9/11 zu verarbeiten - Gerard hat die Türme in New York auf dem Weg in die Uni einstürzen sehen, klinkt sich Kumpel Matt ein, um ihm mit seinen Drums zur Seite zu stehen. "Der Song 'Skyline and Turnstiles' kam richtig gut raus. Ich entschloss mich, Ray anzurufen, der der beste Gitarrist ist, den ich kenne", schwelgt Sänger Gerard später in Erinnerungen.
"Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Gitarre schon seit etlichen Jahren nicht mehr in der Hand. Aber Gerard rief mich an und sagte, er möchte mit mir seine Lieder auschecken", meint Ray später dazu. Er orientiert sich an Klampfern wie Slash, Randy Rhoades and Kirk Hammett von Metallica.
Bald stößt Gerards kleiner Bruder Mikey zur Band, der bis zu diesem Zeitpunkt noch nie einen Bass in der Hand hatte. Dass es auch nicht leicht ist, sich auf einen Stil zu einigen, ahnen die Jungspunde damals schon: "Bei uns reichen die Einflüsse von Anthrax über Black Flag oder Cradle of Filth bis zu den Stones. Das war uns aber von Anfang an klar, dass wir zwar keinen gemeinsamen Nenner hatten, aber einen finden konnten. Wobei ich nicht exakt weiß, was genau uns da als Band zusammenbringt. Man muss auch nicht immer alles begründen können".
Iron Maiden bleibt das unangefochtene gemeinsame Vorbild der verkappten Romantiker, dazu die Lokalhelden Misfits und Schmachtpapst Morrissey. Wenn man die beiden, die Punker Misfits und den bitter-wehmütigen Smiths-Sänger in einer Band vereinen könnte, das wärs, meinen MCR.
Das Debüt "I Brought You My Bullets You Brought Me Your Love" entspringt miserabel ausgerüsteten New Yorker Studios. Mit ein paar Tausend Dollar müssen sie zurecht kommen. Da Way und Co. einen druckvollen und fetten Sound machen wollen, wird Frank gefragt, ob er nicht als zweiter Gitarrist in die Combo einsteigen möchte. Als Fan der Band kann er natürlich nicht nein sagen. My Chemical Romance, benannt übrigens nach einem Buch des "Trainspotting"-Autors Irvine Welsh, zeichnen sich nicht durch glatte Produktionen aus, sondern durch ihre ergreifenden Texte. Way verarbeitet in düsteren, bedrückenden Lyriks den Hang zur Depressivität seiner Familie. Kritiker vergleichen MCR in Zukunft immer öfter mit Thursday, die auch schon via Eyeball Records releasten.
Nach der Japan-Tour 2003 trennen sich MCR von Matt Pelissier und heuern als "Neuen" Bob Bryar an. Matt mimt schon den Drummer im Video zu "I'm Not Okay (I Promise)", zwei Tage, nachdem er in die Band eingestiegen ist, und bevor er je eine Show mit My Chem gespielt hat. Damals war laut seinen Bandkollegen noch gar nicht klar, ob er überhaupt festes Bandmitglied werden würde.
An die zweite Platte "Three Cheers For Sweet Revenge" beim Warner-Sublabel Reprise gehen sie mit viel Mühe und Sorgfalt. MCR entscheiden sich für den Produzenten Howard Benson, der bereits Bands wie P.O.D. oder Hoobastank produziert hat. Das Artwork gestaltet der Sänger zum Teil mit, der früher mal als talentierter Comiczeichner gearbeitet hat.
Der Sound nähert sich ein wenig dem der neuen Labelkollegen The Used an, mit deren Frontmann Bert McCracken Gerard mittlerweile ein freundschaftliches Verhältnis pflegt. Gerard ist mittlerweile clean und trocken, so dass er keine Belastung mehr für die Band ist, und so können MCR richtig durchstarten.
Mit "The Black Parade" (2006) haben sich MCR soundmäßig deutlich weiter entwickelt und etwas geschaffen, was die Presse als "schwarze Oper" bezeichnet. Tatsächlich klingt "The Black Parade" pompöser als alles, was MCR bisher veröffentlicht haben.
Nach einer ausgiebigen Tour rund um die Erde veröffentlichen sie den Tourmitschnitt "The Black Parade is Dead!" Das letzte Konzert in Mexico City ist ebenso auf der DVD vertreten, wie ein Auftritt vor kleinem Publikum in ihrer Heimatstadt Hoboken, in New Jersey.
Mit "Danger Days" treten neue Inspirationen in den Vordergrund. Manchmal meint man die Killers heraus zu hören, offenkundig ist die Lust an der Apokalypse, an der von David Bowie oder Iggy Pop im Berlin der späten 70er auf die Spitze getriebenen Endzeitstimmung. Oder, mit MCRs eigenen Worten: "Wir haben unsere Herzen dem Glamrock geschenkt".
Im März 2013 beschließt ein Statement auf der Band-Homepage die Geschichte von MCR: "And now, like all great things, it has come time for it to end. Thanks for all of your support, and for being part of the adventure."
MCR über Mad Max, David Bowie, Iggy Pop und die Endzeit-Stimmung in der Hauptstadt.
Bindfadenregen und Verkehrschaos in Hamburg. Ein mit Grippe geschlagener Chemicals-Sänger, eine wegen Stau seit einer Stunde zum Interviewtermin überfällige Band, die in 90 Minuten ganz woanders ein Konzert geben soll und ein neues Album, das vom Label wie ein seltener Diamant unter Verschluss gehalten wird.
Mit anderen Worten: Die perfekten Voraussetzungen für ein entspanntes und fundiertes Gespräch. So treffe ich für eine knappe Viertelstunde auf die verständlicherweise ein wenig hektisch wirkenden Mikey und Frank.
Doch die Abwesenheit des teils als egozentrisch verschrienen Bandchefs Gerard tut den beiden sichtlich gut. Befreit leben die beiden im leider zu kurzen Gespräch förmlich auf und geben freudig Auskunft.
Hi Leute, was ist eigentlich mit Gerard los? Warum ist er nicht hier?
Mikey: Der hat sich eine üble Grippe geholt. Er hat Angst, dass das Gequassel bei den Interviews seine Stimme für den Gig vollends ruinieren würde. Da lässt er das natürlich lieber bleiben. Konzert geht vor, weißt du.
Krankheit und Tod entschuldigen ja immer. Von letzterem seid ihr inzwischen - ein paar Jahre nach "Black Parade" anscheinend komplett runter. Das neue Album klingt im Vergleich schon eher nach der großen ersehnten Party.
Frank: Ja, das ist schon was ganz anderes und sollte es auch sein. Wir haben unsere Herzen dem Glamrock geschenkt. Zuerst hatten wir noch viele andere Songs verfasst. Die waren aber eher eine Fortsetzung der alten Richtung. Das sollte es nicht werden. Wir wollen vorwärts schauen und uns nicht wiederholen. Wie gefällt es dir denn?
Ehrlich gesagt kann ich mich dazu abschließend noch gar nicht äußern. Eine Bemusterung zum Einarbeiten gab es vor dem Interview nicht. Ich habe das Album vorhin einmal komplett anhören können und Notizen gemacht. Es kann hier also nur um den ersten Eindruck gehen.
Frank: Das ist natürlich nicht gut aus deiner Sicht. Wir haben da aber wirklich keine Wahl. Unser Publikum ist ja bestens gerüstet und versiert im Netz unterwegs. Wenn es da auch nur ein Leck vorab gibt, ist doch gleich die Arbeit von Monaten oder sogar Jahren dahin. Da haben wir einfach keinen Bock drauf.
Ihr habt euch im Vorfeld ja auch sehr viel Mühe mit einer mehr als aufwändigen Präsentation gegeben. Allein die Endzeit-Trailer und die ganze Storyline - ihr steht schon sehr auf dieses Konzeptalbum-Ding, nicht wahr?
Mikey: Ja und nein. Es gibt hier schon einen roten Faden. Vergiß auch nicht den Radio-DJ zwischen den Tracks. Aber als richtiges Konzeptalbum würde ich es diesmal echt nicht bezeichnen. Jeder Song kann auch ohne einen großen Rahmen total für sich alleine stehen. Aber dieses Mad Max-Ding war schon bewusst. Wir stehen auch auf solche Filme. Das macht einfach total Spaß, so etwas auch mal selbst zu machen.
Dann lass uns doch einfach mal näher auf die Scheibe eingehen. Die Einflüsse und Vorbilder hört man diesmal ja schon deutlich heraus. Vorher habt ihr hingegen immer sehr peinlich genau darauf geachtet, originär nach MCR zu klingen.
Mikey: Wir klingen immer nach MCR, ganz einfach, weil wir MCR sind. Aber was meinst du denn genau?
Nehmen wir z.B. "Bulletproof Heart". Das klingt stilistisch und in der Melodieführung schon sehr nach den frühen Killers. Die "Kids From Yesterday" hingegen hätten sich als Flowers-Song Imitat schon sehr gut auf "Day And Age" gemacht.
Mikey (lässig): Das ist für uns jetzt aber gar nicht negativ oder Kritik, was du da sagst. Die Killers sind eine Superband. Da ist der Vergleich doch ein echtes Kompliment. Wir kennen die Jungs ja ein wenig und mögen einander. Die sind schon sehr sympathisch.
Frank: Außerdem darfst du echt nicht vergessen, wir starteten doch ungefähr zur selben Zeit und haben größtenteils auch dieselben Vorbilder.
Du meinst die Vorliebe für 80er Keyboards und Waverock wie Morrissey oder Psychedelic Furs?
Mikey: Genau! Die Furs sind doch wirklich mal eine geile Band. Und auf die Smiths fahren wir auch ab. Da ist natürlich manchmal eine gewisse Ähnlichkeit in der trotzdem ganz eigenen Umsetzung nicht so unwahrscheinlich.
Was soll die US-Hymne zwischendurch? Gimmick für die Storyline?
Frank: Nö, wir fanden das ästhetisch einfach gut. Das passt schon an der Stelle des Albums dramaturgisch gesehen.
Also kein politisches Statement à la Hendrix seinerzeit?
Mikey: Nee, nicht wirklich. Aber das ist auch schwierig. Hendrix hat das im Rockkontext einmal so unfassbar gut gemacht. Da kann man nur verlieren, wenn man Ähnliches anstimmt. Deshalb haben wir uns für die eher traditionelle Variante entschieden. Obwohl mir persönlich so eine fette Schrammelversion schon gefallen hätte. Sehr sogar.
Also ist das Album weder konzeptionell noch politisch? Was soll denn dann die ganze apokalyptische Nummer? Ist das nur ein Mantel? Mad Max und den Neuromancer gibt es ja auch schon.
Mikey: Naja, Gerard nimmt das schon alles sehr ernst. Für uns ist das insgesamt eher eine künstlerische Sache, eine Frage der Ästhetik.
Frank: Weißt du, da fährt man dann als Hörer einfach drauf ab oder nicht. Das ist doch gechmacklich von Person zu Person verschieden. Wir stehen im Moment total drauf. Da steckt auch viel von der endzeitlichen 'Bowie und Iggy in Berlin'-Phase drin. Glam und fetter Punk in die Fresse. Das transportiert "Danger Days" recht gut, denke ich.
Deshalb auch die japanischen Frauenschreie in "Party Poison"? Geht das als Bowie-Hommage analog seines "It's No Game" von 1980 durch?
Mikey: Kannst du gern so sehen. Ich glaube, das war jetzt weniger bewusst angelegt. Aber ich kenne das Bowie-Lied. Das passt schon gut zusammen. Das war sicherlich eine total abgefahrene Zeit damals mit den beiden in Berlin. So ein Feeling wollten wir auch rüberbringen.
Bowie hat das mal etwas sophisticated als 'so existenzialistisch' beschrieben. Ich hab da mal in der Nähe gewohnt, und wenn man sich das heute ebenso wie damals verdreckte Loch mit dem wohl hässlichsten Hinterhof Deutschlands anschaut, ist klar, was er meint. Einen Real Life Abenteuerspielplatz für verhätschelte Rockstars. Ist es das auch bei euch?
Mikey: Du hast da mal gewohnt? Geil! Das ist ohnehin so toll bei euch Deutschen und in Europa. Bei euch sind sogar Museumsbesuche interessant, weil ihr so eine alte Geschichte habt. Da kann man schon mal neidisch werden aus amerikanischer Sicht. Aber diese verwöhnte Rockstar-Sache ist doch selbst auch so ein Klischee. Hey, wir sind auch einfach ganz normale Typen, die das Glück haben, von der eigenen Musik leben zu können. Wir sind definitiv keine gelangweilten Rock-Schnösel!
Ihr kommt aus New Jersey, nicht wahr?
Frank: Ja
Was ist denn das große Ding aus New Jersey? Bon Jovi, Springsteen oder doch die Sopranos?
Mikey: Bon Jovi ... naja gut. Das ist ja eher was für ältere. Springsteen ist natürlich ein Gott für uns. Aber Alter, die Sopranos, man. Das ist die verdammt beste Serie, die jemals gedreht wurde.
Stimmt denn dieses Jersey-Stereotyp vom etwas tantigen Langweilerstaat?
Frank: Nur verglichen mit New York. Eigentlich ist es dort recht angenehm. Wir mögen die Gegend schon.
Mikey (begeistert): Alter, die Diner Szene zum Schluss. Kennst du die? Das ist keine künstliche Studiokulisse. Das ist genau der Diner, in dem wir als Kids immer rumhingen. Ich habe da alles wieder erkannt. Der Hammer!
Frank: Die ist schon gelungen. Wir mögen das Lied selbst alle sehr. Da freuen wir uns auch jedes Mal über die Live-Performance. Das ist für uns selbst ein echtes Highlight.
Vor allem, wenn man das Original hört. Ich bitte euch: Das ist im Refrain so total der alte Pop-Evergreen "Everlasting Love". Auf euren Chorus kann man sogar den Originaltext mitsingen, ohne sich groß zu verbiegen. Fällt einem so was nicht auf als Songwriter? Spätestens im Studio, sagt da keiner etwas? Erklärt das doch bitte
Mikey (lacht) Scheiße, ich kenne das Lied, von dem er spricht. Aber neee, da haben wir gar nicht hingeschaut. "Sing" ist schon komplett unser Song. Wir gehen ja nicht los und denken: Mal sehen, wo wir heute was abstauben können. Es gibt doch auch immer nur eine begrenzte Anzahl von Noten, Tönen und Kombinationsmöglichkeiten. Da kann so etwas schon mal vorkommen, ohne dass es etwas bedeutet.
Aber ihr könnt schon nachvollziehen, dass man sich als Hörer sofort daran erinnert fühlt? Come on, die Ähnlichkeit ist schließlich keine Einbildung.
Frank: Absolut kann ich das verstehen. Wenn man eine Melodie lange Zeit kennt, reichen schon Kleinigkeiten für so etwas. Gibt es denn auf "Danger Days" gar nichts, was dir richtig gefällt?
Doch, schon. Den "Scarecrowsong" halte ich für total gelungen, typisches MCR-Songwriting. Mein Lieblingstrack ist das schnoddrige "Vampire Money". Das ist so schön creepy. Cramps auf speed quasi.
Mikey: Geiler Vergleich! So was Punk'n'Roll-mäßiges wollte ich immer schon mal machen. Das hat auch extrem Spaß gemacht. Das Lied ist auch so Beispiel für das Erforschen neuer Wege und Grenzen. Das ist ja schon recht untypisch für unsere bisherigen Sachen. Aber wie wir schon sagten. Wir wollen ja nicht stehenbleiben in der Entwicklung.
Mikey: Atmosphäre ist so ein großes Wort. Dabei ist das doch auch eine Geschmacksfrage. Ich gebe dir absolut recht, dass man viele unserer Lieder ebenso gut in die schnelle als auch in die ruhigere Richtig arrangieren kann. Wir stehen im Moment als junge Band total auf die Punkrock-Variante. Das muss abgehen! (Lacht) Und dann gibt es Pussies wie dich, die hätten es eben lieber akustisch.
Schöner Konter! Pussies wie ich fragen sich auch, wie sich denn live der teils eher düstere Charakter älterer Songs mit der neuen Glamrock-Party verträgt? Keine zu starken Stimmungskontraste für Band und Publikum?
Frank: Aus unserer Sicht nicht. Wir lieben unsere Songs alle gleichermaßen. Und die Fans mögen die neuen Sachen hoffentlich auch. Bislang funktioniert das live wunderbar. Aber das wird natürlich noch spannender, wenn sie die Platte nach der Veröffentlichung erst einmal gehört haben und alles richtig gut kennen.
Meine Herren, ich wünsche euch viel Glück für das Konzert gleich und bedanke mich für das trotz Hektik sehr entspannte Gespräch.
Keine Frage: der Wind steht gut für Bands wie My Chemical Romance. Die Kollegen von A.F.I. oder The Used haben den Pfad schon ein wenig geebnet, Punkrock mit düsteren Texten ist definitiv angesagt.
Just another Hype? Sicher nicht! Denn My Chemical Romance haben mit "Three Cheers For Sweet Revenge" ein fulminantes Album vorgelegt und trotz ihres jugendlichen Alters bereits eine bewegte Bandgeschichte hinter sich. Als ich am Venue eintreffe, um die Jungs zu interviewen, bekomme ich gerade noch das Ende vom Sound-Check mit und sehe fünf Musiker, die auf der Bühne zu 70ies-Disko-Sound herumblödeln. Passt gar nicht so richtig zum Image der Band, aber im Gespräch mit Sänger Gerard Way und Gitarrist Ray Toro stellt sich heraus, dass nicht alles an dieser Band so einfach ist, wie es scheint.
Euer Album ist hier erst gestern erschienen, während es in den USA schon über ein halbes Jahr draußen ist. Eine komische Situation für euch?
Gerard: Ich finde es ganz spannend, denn es erinnert uns an die Zeit vor dem Release in den USA. Da waren die Shows ganz ähnlich. Sie waren sehr intim, sehr aufregend. Überall flogen Körper herum. Leider können wir uns den Luxus, diese Shows zu spielen, nicht mehr leisten. Die Shows werden immer größer und besser, aber es gibt in den Hallen auch Absperrungen und so. Die Intimität geht da verloren.
Ihr kennt die Songs ja schon recht gut, die Crowds hierzulande noch nicht.
Gerard: In Köln kannten sie alles, die alten und die neuen Sachen. Gestern Abend in München nicht so sehr. Sie kennen das Material nicht immer, aber sie schätzen uns als Band, oder sie sind einfach neugierig, oder sie wollen einfach ihren Spaß haben. Eigentlich reicht schon eines dieser Dinge, um einen guten Gig zu haben.
Ihr scheint hohe Erwartungen zu haben, was den europäischen Markt angeht.
Gerard: In der Tat. Nicht so superhohe, aber schon ein wenig. Immerhin hat man uns in Großbritannien zuerst gemocht. Noch vor den USA. Da haben wir noch im Untergrund gespielt, als wir dagegen in Großbritannien waren, haben wir gleich unsere Shows ausverkauft und viel Presse bekommen. Zuhause haben sie sich einfach nicht so für uns interessiert.
Dabei ist euer Sound doch eher untypisch für etwas, was auf der Insel groß wird. Eigentlich klingt ihr doch ziemlich amerikanisch.
Gerard: Das mag sein, aber ich finde, wir haben einen sehr britischen Vibe. Als wir im Studio waren, haben wir immer wieder gehört, dass die Platte sehr UK-typisch sei. Vielleicht wegen der Ironie und dem schwarzen Humor. Das kommt in den USA nicht immer so gut.
Und die morbide Grundstimmung. Das sticht bei euch ja schon etwas heraus. Wieso ist das so?
Gerard: Es ist einfach ein Thema, das die Band interessiert. Wir sind mit Morbidität aufgewachsen. Wir haben in gefährlichen Vierteln gelebt. Es gab viel Gewalt, Schießereien und so. Oft konnten wir als Kinder nicht mal zum Spielen raus. Das waren so Gang-Geschichten, oder Mafia-Sachen. Hatte viel mit Drogen zu tun. Dazu kommt, dass wir in Jersey alle sehr familiäre Menschen sind. Wenn man eine große Familie mit engen Verhältnissen hat, hat man automatisch auch viel mit Tod zu tun. Seit einem frühen Alter. In unserer Jugend kam dann noch hinzu, dass wir Einzelgänger waren. Horrorfilme und Comics waren unsere Welt.
Wie arbeitet ihr als Band? Gerard, du schreibst die Lyrics nehme ich an?
Ray: Ja, er schreibt die Lyrics, und die Musik stellt sich aus dem Input aller zusammen. Manchmal komm ich mit einem Riff an, und wir spielen dann, freestylen ein wenig, so ergibt sich dann eine Melodie.
Ist es manchmal schwer für euch, mit den Lyrics von Gerard klar zu kommen?
Ray. Nein, wir vertrauen Gerard voll und ganz. Manchmal kommt er auch zu uns und fragt uns um Rat. Wir lieben seine Lyrics.
Gerard: Ja, sie sind in der Hinsicht wirklich cool zu mir. Aber ich zeige ihnen immer alles, was ich schreibe, denn ich will, dass sie das fühlen, was ich fühle. Sonst können wir den Song nicht ernsthaft und aufrichtig spielen. Das klappt ganz gut so.
Könntet ihr euch vorstellen, "normale" Pop-/Rock-Tunes zu schreiben?
Gerard: (überlegt) Wenn wir mal an einen Punkt kommen, wo wir fröhliche, hell klingende Musik spielen, ist das wahrscheinlich ein Experiment oder eine Studie. Bei uns ist es ja so: je poppiger ein Song ist, desto düsterer müssen die Lyrics sein. Es ist immer wie ein Tauschgeschäft: "Not Okay" zum Beispiel ist sehr poppig, hat einen düsteren Text. Genauso bei "Cemetary Drive".
Ray: Wir haben keine Angst vor Pop und poppigen Melodien, aber wir haben das Gefühl, dass wir einem solchen Song unseren Stempel aufdrücken müssen, damit er einzigartig wird. "Not Okay" ist da ein gutes Beispiel. Er ist sehr catchy, aber klingt gleichzeitig sehr nach uns.
Gerard: Das ist so etwas wie eine ausbalancierende Ironie. Wir wollen nicht so offensichtlich sein.
Ihr steht mit eurer Herangehensweise an Punkrock, oder wie ihr es nennen wollt, ja nicht allein da. Bands wie A.F.I., The Used oder Alkaline Trio schlagen in die selbe Kerbe. Wäre es ok, von einem neuen Subgenre zu reden?
Gerard: Ja, schon irgendwie. Es gibt einige Bands im Moment, die in dieses unerforschte Territorium vordringen. Aber andererseits gibt es schon länger solche Gothic-Punkbands, die Deathrock oder Deathpunk machen. Wir versuchen diesen Sound ein wenig moderner zu gestalten.
Wie würdet ihr dieses Genre nennen? So weit ich weiß, hat sich noch niemand einen Titel dafür ausgedacht.
Gerard: Ich würde es Darkrock nennen. Hm, das ist schwer. Wir nennen es gerne Violent Pop, aber ich bin mir sicher, sie werden es Gothrock nennen. Oder Deathrock. Oder Deathpunk, oder Gothpunk. (lacht)
Gerard, du hattest ja nicht unerhebliche Alkoholprobleme, die du scheinbar hinter dir gelassen hast. Wie schwer ist es, in einer Rockband zu sein, und nüchtern zu bleiben?
Gerard: Das ist ähnlich schwer wie bei einem Bartender. Man spielt immer da, wo es auch eine Bar gibt, also ist man immer von Alkohol umgeben. Backstage gibt es Alkohol, die anderen Bandmitglieder trinken, deine Freunde trinken, die anderen Bands trinken ... Es ist schwer, aber es ist eine gute Herausforderung. Manchmal ist es wie ein Spiel für mich. Ich kann mittlerweile mit den Jungs ausgehen, richtig Party machen und trotzdem den ganzen Abend keinen Tropfen Alkohol trinken.
Wie hat sich dein Leben dadurch verändert, abstinent zu sein?
Gerard: Ich bin in allererster Linie viel klarer im Kopf. Ich erinnere mich an die Shows. Ich erinnere mich an nicht viel aus den letzten drei Jahren, weil ich jeden Abend betrunken war. Aber jetzt kann ich mich an unsere besten Shows erinnern, weil ich wirklich dabei war. Ich fühle mich gesünder, fitter, bin nicht so müde und bin viel konzentrierter.
Wie war es für euch als Band?
Ray: Als er sich entschloss, mit dem Trinken aufzuhören, haben wir das zuerst auch getan. Jetzt heben wir nur noch ab und zu einen, aber wir haben festgestellt, dass wir als Band so viel stärker sind. Man kann bei Gerard einen großen Unterschied in seinem Gesang und seiner ganzen Performance feststellen. Die Band hat dadurch viel mehr Energie bekommen. Es ist wie eine neue Zeitrechnung für unsere Leben und unsere Karriere. Es ist wie Tag und Nacht.
Gerard: Zuerst war es schon irgendwie schrecklich. Wir mussten uns ja gleichzeitig auf Bob [den neuen Drummer; d. Red.] einstellen, das waren schon fast zu viele Veränderungen auf einmal. Wir mussten quasi unsere ganze Liveshow neu aufbauen. Diese Phase hat eigentlich die ganze letzte Tour über gedauert.
Hat deine Nüchternheit denn auch Auswirkungen auf dein Songwriting?
Gerard: Ich weiß nicht. Wenn ich geschrieben habe, war ich sowieso nie besoffen. Andererseits war ich immer noch hangover und depressiv, also ich denke schon, dass es sich verändern wird.
Hattest du nicht Angst, dass da ein wichtiges Element verloren geht?
Gerard: Das hatte ich in der Tat, ja, aber nur für kurze Zeit. Ich habe mich dann entschlossen, das Risiko einzugehen, und dafür ein gutes, normales Leben zu führen. Naja, ein halbwegs normales, anstatt irgendwann daran zu sterben. Die Entscheidung musste ja getroffen werden, es führte kein Weg drum herum.
Da es dir offensichtlich wichtig ist, darüber zu reden: würdest du behaupten, dass du eine Vorbildfunktion für andere erfüllst?
Gerard: Nein, ich möchte kein Vorbild für die Kids sein. Wenn ich jemanden dazu inspiriere, von Drogen loszukommen, und wenn derjenige es aus den richtigen Beweggründen macht, dann finde ich das toll. Ich habe es in allererster Linie für mich selbst getan. Wenn die Leute etwas Lehrreiches daraus ziehen wollen, dann die Tatsache, dass ich es für mich getan habe. Ich wollte niemandem etwas beweisen, ich wollte niemandem zeigen, dass das der richtige Weg ist. Aber wenn ich einen positiven Effekt auf andere habe, ist das natürlich super. Aber ich propagiere das nicht.
Etwas anderes: ihr unterstützt Amnesty International.
Gerard: Ja, wir haben uns immer sehr für Menschenrechte interessiert und sind strikt gegen Selbstmord. Es ist uns einfach wichtig, diese Leute zu unterstützen. Wir wollen helfen, wo wir können, und wir sind gerade an einem Punkt angekommen, an dem wir merken, dass uns die Leute zuhören. Im Moment haben wir aber so viel mit den Shows zu tun, dass wir uns wohl erst nach der Tour darum kümmern können.
Was verbindet euch mit The Used?
Gerard: Ich habe Bert [McCracken, Sänger von The Used; d. Red.] zuerst kennen gelernt. Dann haben sie uns mit auf Tour genommen. Eigentlich wollten wir gar nicht touren, aber sie haben uns gefragt, das fanden wir echt cool von ihnen. Sie haben uns sozusagen die Welt gezeigt, mit ihnen waren wir auch hier in Deutschland. Sie haben immer an uns geglaubt.
Besteht nicht trotzdem eine gewisse Konkurrenz zwischen euch?
Gerard: Nein, überhaupt nicht.
Bert und du, ihr seid euch auch als Sänger sehr ähnlich.
Gerard: Das stimmt, es gibt Ähnlichkeiten. Wir versuchen beide, immer alles aus uns rauszuholen, und wir haben eine gewisse Eklektizität. Aber ich denke, dass wir beide von unterschiedlichen Sängern inspiriert sind.
Und bei dir wären das ...
Gerard: Gesangstechnisch von Morissey, Bruce Dickinson und Glenn Danzig. Wobei die natürlich nicht alle gleichzeitig durchklingen. Ich habe auch nie versucht, jemanden zu imitieren. Ich singe einfach mit der Stimme, die mir gegeben ist.
Wen würdest du von deinen Kollegen als größere Inspiration bezeichnen? Geoff Rickley von Thursday oder Bert?
Gerard: Oh, das ist schwer. Ich habe Thursday mal bei einem Secret-Gig in Jersey gesehen, und Geoff und seine Jungs waren so inspirierend an dem Abend, dass ich genau das machen wollte. Ich glaube, Thursday sind, und das sage ich nicht, weil es meine Freunde sind, eine der besten Live-Bands ever.
Ray: Ihre Shows haben einfach diese Power. Ihre Alben sind ja schon großartig, aber wenn man sie live sieht, ist das noch mal was anderes. Die Kids drehen jedes Mal völlig durch.
Thrice gehen live ja auch ziemlich ab.
Gerard: Ja, aber Thrice sind etwas kontrollierter, würde ich sagen. Sie sind technisch sehr versiert.
Ray: Thrice sind die tighteste Band, die ich kenne. Die sind einfach fehlerlos. Aber Thursday haben halt diese rohe Energie.
Gerard: Das ist wie ein Ballett des Todes.
Ein Ballett des Todes?
Gerard: Ja, finde ich. Man fragt sich immer, warum die nicht zusammenstoßen auf der Bühne. Warum keiner stirbt von denen, bei dem, was sie auf der Bühne abziehen.
A propos, Ray, du hast diese Verletzung am Kopf davon getragen. Wie kann so was passieren?
(Gerard macht ein schmerzverzerrtes Gesicht)
Ray: Das war bei einem Gig in Detroit. Frank [Iero, der andere Gitarrist der Band; d. Red.] hat seine Gitarre herumgerissen, traf mich mit dem Gitarrenkopf am Kopf und hat ihn mir aufgerissen. Aber er selbst hat sich vorher ja schön öfter eine verpasst.
Gerard: Aber jetzt sind wir viel kontrollierter on Stage. Wir würden so was auch nie nur zur Show machen. Aber das war schon krass. Einer der Wirbel von Franks Gitarre war abgebrochen, also stand da nur so ein scharfkantiges Stück Metall heraus. Und damit hat er Rays Stirn aufgeschlitzt. Das war, glaube ich, eines der coolsten Dinge, die ich je gesehen habe. Da war überall Blut, und die Leute dachten, es gehöre zur Show. Wie beim Wrestling.
Ray: Es war irgendwie lustig.
Einen lustigen Humor haben die Jungs, aber beim Gig später zeigt sich, dass sie nicht zu viel versprochen haben. Frank Iero ist performancemäßig in der Tat einer der krankesten Gitarristen, den ich je gesehen habe - aber an diesem Abend verletzt sich niemand. - Gerard hat mir freundlicherweise noch seinen i-Pod überlassen, und das hört er im Moment so:
Aphex Twin Charlie Parker Coldplay De La Soul Emilia Torrini Faith No More HIM The Replacements
The Black Parade is Dead! (2008)
49,99 €
9,90 EUR
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