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"Lyrics über Beats repräsentieren Gut und Böse."
Die Hip Hop-Formation Die Firma aus Köln wird 1996 von den MCs Tatwaffe und Def Benski Obiwahn sowie DJ/Produzent Fader Gladiator gegründet. Mit den Alben "Spiel Des Lebens / Spiel Des Todes" (1998) und "Das 2. Kapitel" (1999) bringen sie frischen Wind in die deutsche Rap–Szene.
Wer nun denkt, es handle sich bei der Gruppe um Newcomer, der irrt: Daniel Sluga alias Fader Gladiator zählt mit seiner Band C.U.S. Ende der 80er zu den Pionieren der noch ganz jungen Hip Hop-Szene in Deutschland. Nebenbei macht er sich auch als Produzent von Blitzmob, MC Rene und dem Äi-Tiem einen Namen.
Bei der Arbeit mit letzteren trifft er erstmals auf MC Ben Hartung, besser bekannt als Def Benski Obiwahn. Alexander Tarboven alias Tatwaffe, der bis 1989 noch auf Englisch rappt, ist mit Ben seit den ersten Auftritten in den frühen Neunzigern bei der Düsseldorfer Crew Konstruktive Kritik befreundet.
Gemeinsam sind sie von 1994 bis '96 mit dem Dualen System unterwegs und veröffentlichen neben mehreren Songs auf diversen Samplern die LP "Land In Sicht". 1996 machen sie sich auf die Suche nach einem neuen Produzenten und finden ihn in Person von Fader Gladiator.
Das erste Ergebnis der Zusammenarbeit liefert im gleichen Jahr der Song "Todeskuss" auf der ansonsten instrumentalen Soloplatte "Der Profi" von Fader Gladiator. Außerdem tritt man mit einem Gastfeature auf dem Coole Säue-Track "Original" in Erscheinung. Nachdem genug Material für ein eigenes Album zusammen gekommen ist, geht man auf die Suche nach einer Plattenfirma.
Überall wegen angeblich fehlender Mainstream-Tauglichkeit abgeblitzt, entscheiden sich die Herren, alles auf dem eigenen, eigens dafür gegründeten Label La Cosa Mia herauszubringen. Und so steht 1997 "Spiel Des Lebens / Spiel Des Todes" in den Läden. Als Doppelalbum konzipiert, enthält die Platte zwei Teile mit gegensätzlichem Inhalt.
Die erste Hälfte "Spiel Des Lebens" steht für das Gute bzw. die Sonnenseite des Lebens und wird von Songs wie "Die Eine", "Ich Lebe Nur Einmal" und "Süße Früchtchen" untermauert. Die zweite Hälfte "Spiel Des Todes" symbolisiert das Böse, die andere Seite. Dieser Dualismus, Seite und Kehrseite, dient der Firma als Fundament, auf dem sie ihre Reime ausbreiten.
Die Texte behandeln die Erlebnisse und Träume der drei, sowie Utopien und Verschwörungstheorien der Menschheit. Den Sound bildet eine Kombination aus knochentrockenen Beats und meist orchestralen, dramatischen Samples. Er ergänzt die tiefgehenden Lyrics perfekt.
Ohne nennenswerte Promotion verkauft das Album etwa 30.000 Einheiten. Die Singleauskopplung, inklusive Video, "Scheiß Auf Die Hookline" verdeutlicht die Hardcore-Einstellung der Gruppe. Anstatt einen kommerziellen Sure-Shot wie "Die Eine" auszukoppeln, entscheidet man sich für den härtesten Track des Albums.
Nach einer ausgiebigen Tour veröffentlicht die Firma 1999 den Nachfolger "Das 2. Kapitel". Aufgrund des Erfolges des ersten Albums findet sich diesmal mit V2 Records ein Major-Unterlabel an Bord ein. Das Video zur Vorabsingle "Kap Der Guten Hoffnung" rotiert ordentlich auf MTV und VIVA, und so steigt die Platte bis in die Top Ten der Media Control-Charts auf.
Die Firma baut ihren Style auf "Das 2. Kapitel" zum Beispiel durch ein Gentleman-Feature und die Auflockerung der orchestralen Sounds noch weiter aus. Anfang des neuen Jahrtausends fällt die Crew mit erlesenen Gastauftritten bei anderen Künstlern wie Plattenpapzt oder DJ Tomekk auf.
"Das Dritte Auge" erscheint Anfang 2002. Danach kümmern sich die Firmenmitglieder vor allem um den Aufbau ihres Labels La Cosa Mia, auf dem unter anderem Jens Ernesti alias Nesti und Gianni ihre Debüt-Scheiben veröffentlichen. Ebenfalls noch 2002 releast Fader Gladiator eine reine Produzenten-CD.
MC Tatwaffe gibt 2004 mit "Volltreffer" sein viel gelobtes Solodebüt. Erst 2005 erscheint mit dem erstklassig produzierten "Krieg und Frieden" wieder ein regelrechtes Firma-Album, bei dem das Trio seinen Stärken treu bleibt und das sich, zumindest in den Ohren manches Kritikers, "hervorragend in den musikalischen Plan der drei Verschwörungstheoretiker einfügt". Mit der Neuauflage der Schnulze "Die Eine" legt die Firma ihren bis dato größten Hit hin. "Die Eine 2005" wandert 280.000 mal über die Ladentische.
An dieser Stelle knüpft das nächste Album, "Goldene Zeiten", an, das im August 2007 erscheint. Die Geschichte "der Einen" wird darauf in "Wunder" fortgesetzt und gewährt intimere Einblicke ins Familienleben der Hauptdarsteller, als so mancher vertragen kann.
Auch mit der Vorab-Single "Glücksprinzip" geben sich die Herren gefühlvoll und optimistisch. Die Zeit als Straßenjungs hat man ganz offensichtlich hinter sich gelassen. Jetzt sind Eigenheim und Familie angesagt.
"Das Sechste Kapitel" schließt 2010 einen Kreis: Baut man bei der Firma von Anfang an auf orchestralen Sound, macht das Trio diesmal Nägel mit Köpfen: Ein mehr als 50-köpfiges Sinfonieorchester spielt unter der Regie Fader Gladiators die aufwändig arrangierten Beats ein. Das Resultat: höchst edel.
In hanseatischer Caféhausatmospähre entpuppen sich die drei Mitglieder der Firma als so redefreudig und nachdenklich wie auf ihren Alben. Am meisten Sabbelwasser hatten EmceeTatwaffe und DJ/Produzent Fader Gladiator getrunken, während sich Def Benski eher zurück hielt. Doch die Zeit verging dank der beiden anderen wie im Fluge, und so wurden neben den üblichen Sachen auch Themen wie Udo Jürgens, James Last, Akte-X, der 11. Sept., die Juice oder der schwellende Beef im Rapgame abgehandelt.
Die Kölner Firma übernimmt das Staffelholz von Samy Deluxe und geht mit ihrem dritten Werk "Das dritte Auge" in die Top 20 der deutschen Albumcharts. Das ist umso erstaunlicher, da das Trio im Gegensatz zu Samy sicherlich nicht in einen Verdacht der Kommerzanbiederung geraten wird. Doch die zwei unterschiedlichen, aber sehr sehenswerten Videos "Kein Ende in Sicht" und "Hör Ma!" rotieren sich auf den einschlägigen Musiksendern bereits die Spulen wund.
Moin miteinander, gehen wir also gleich ins Eingemachte. Welche kommerziellen Erwartungen habt ihr an das neue Album "Das Dritte Auge"?
Tatwaffe: Nun ja, ich kann dir sagen, was ich hoffe und was ich mir wünsche. Aber ich kann dir nicht sagen, was ich erwarte. Ich bin da jemand, der sich vorher keinem Erwartungsdruck aussetzt. Wir haben zum Beispiel gestern die Rotations für unser erstes Video bekommen, und ich bin davor vom schlimmsten ausgegangen, genau wie beim Album, so mach ich das immer. Wenn es dann wie jetzt gut läuft, um so besser. So schütze ich mich halt davor, enttäuscht zu werden. Wichtig ist eigentlich nur, dass die Platte gut wird.
Du empfindest das neue Album als dein bestes. Ich dagegen finde, dass erste Werk schlägt gar nix. Ich glaube, 1998 habe ich nur euer Debut gehört.
Def Benski: Für die Zeit ...
Fader Gladiator: Ja, das kann man so sehen, das Album hatte auch den meisten was voraus. Ich mein, wenn ich das jetzt mit unserem Neuen vergleiche, gewinnt "Das dritte Auge" vom Sound und den Songs allemal. Aber eine Album muss man immer in einem Kontext mit dem Entstehungsdatum sehen. Nachdem man es dann abgemischt und gemastert hat, stellt sich die Frage: Wie fühle ich jetzt? Und beim Debut waren meine Gefühle einfach am stärksten.
Damals gab es einen solchen Sound aus Deutschland noch nicht. Ich finde aber, dass ihr auf der neuen Scheibe geschlossener rüberkommt, alles wirkt wesentlich einheitlicher.
Tatwaffe: Das meinte ich auch vorhin, deswegen finde ich die Platte ja auch so gut. Die kannst du durch hören, du bist die ganze Zeit dabei, wirst immer wieder neu gefesselt. So oft hab ich mir noch nie eine unseren Platten angehört. Wir hatten noch zwei weitere Songs, hätten es also noch voller packen können, aber die Mischung klingt so einfach runder.
Der Sound klingt ähnlich der Fader Gladiator, finde ich.
Fader Gladiator: Kannst du so nicht sagen. Ich hab Leute gehabt von einer großen Hip Hop-Zeitung, die gesagt haben, meine (Fader Gladiator) klingt Firma-mäßig, aber eure Neue ist ja was ganz anderes. Genau umgekehrt also (lacht).
Vielleicht liegt es auch nur daran, dass sie einfach mehr groovt und rockt.
Fader Gladiator: Ja, beide Scheiben haben im Großen und Ganzen mehr Tempo, nehmen mehr Geschwindigkeit auf als frühere Werke. Das mag sein.
Und Tatwaffe oder Def Benski-Solos stehen noch nicht an, oder ist da bereits etwas im Busch?
Tatwaffe: Mein Soloalbum kommt irgendwann im nächsten Jahr. Neun Stücke habe ich bereits fertig. Als Produzenten sind bis jetzt dabei my man Fader, Peer von DCS, Roey Marquis, Roman von Headrush und Lord Scan. Bin auf jeden Fall dabei.
Def Benski: Ich habe mir jetzt auch ein bisschen Equipment zu gelegt und klimpere ein bisschen auf’m Keyboard rum und experimentiere eher. Mal gucken, was dabei rumkommt. Aber etwas konkretes gibt es noch nicht. Wenn ich dann mal meine Soloscheibe herausbringe, will ich auch von der Produktion bis hin zu der Covergestaltung alles selbst in die Hand nehmen.
"Wenn dein Nachbar ein Schläfer ist, lade ihn ein!"
Wie entsteht ein Text wie der von "Die dunkle Seite des Mondes", der ja zwischen Wahrheit und Fiktion hin und her schwankt?
Tatwaffe: Zu den Verschwörungstheorien komme ich eigentlich genauso wie zu allen anderen Themen des Album auch. Ich lese Bücher, gucke Filme oder surfe im Netz, weil mich das halt interessiert. Es gibt vor jedem Album einen Zeitpunkt, wo mir klar wird, über was ich rappen will, was ich der Hörerschaft mitteilen möchte. Ich fange an, alles über das jeweilige Thema zu sammeln und mir durch den Kopf gehen zu lassen. Dann versuche ich mir aus den ganzen verwirrenden Sachen eine halbwegs plausible, mögliche Theorie zusammen zubasteln, die sich nicht nur auf Fiktion und nicht nur auf harten Fakten beruft. Und zu guter Letzt setze das alles mit meinem Storytelling-Style in Raps um. Dieses Mal ist es fast eine spannende Kurzgeschichte geworden.
Die Geschichte könnte auch ganz gut als Akte X-Folge durchgehen.
Tatwaffe: Ja, das haben auch schon mehrere behauptet, aber die Serie gibt mir relativ wenig, weil sie mir zu platt und oberflächlich ist. Ich versuche schon, auf meinen Songs tief zu gehen und hoffe, dass ein paar Gedanken durchaus einen wahren Kern ansprechen. Natürlich ist es schwierig zu behaupten, was ist jetzt wahr, und was ist unwahr. Aber am wichtigsten ist mir eigentlich auch, dass der geneigte Zuhörer anfängt, vieles zu hinterfragen und nicht alles zu glauben, was die Medien oder die Politiker so erzählen.
Der angesprochene Track wirkt schon arg erschreckend ...
Tatwaffe: Natürlich, es soll schon bedrohlich wirken, und das Ende des Liedes ist ja auch alles andere als positiv. Aber ich habe halt das Gefühl, dass man in dieser Welt irgendwie bevormundet wird von den Männern im Schatten, den Wirtschaftsbossen, die selbst noch über den Politikern sitzen. Ich komm mir halt nicht wirklich frei vor. Deshalb schreibe ich solche Raps, um daraufhin zu weisen, was in der Welt ohne unser Wissen passiert.
Okay, du bist ja noch mit einem weiteren Solostück ("Kein Ende In Sicht") auf der Platte vertreten, und ich finde, dass sich die Themenkomplexe der Verschwörungstheorien und der Terrorproblematik durchaus überschneiden.
Tatwaffe: Das sehe ich genauso. "Kein Ende in Sicht" ist jetzt aber ein Lied, das sich von diesem Storytelling-Style freimacht und auf harte Fakten zurückgreift. Ich versuche, alle möglichen Perspektiven zu diesem Themen in meinen Text einfließen zu lassen. Mein Blickwinkel hier aus Deutschland, die Sicht der USA, aber auch die Eindrücke der arabischen Nationen und Ansichten von irgendwelchen Kirchenoberhäuptern. Damit schaffe ich einen historischen Background, der den Hörer packen soll. Zum Beispiel Textzeilen wie "Wenn dein Nachbar ein Schläfer ist, lade ihn ein. Leute, ihr müsst euch näher sein. Zurückhaltung zu üben, kann momentan nur ein Fehler sein."
Meine Lieblingsvers übrigens, denn diesen Ansatz findet man in unserer ach so verständnisvollen, zivilisierten Welt ja gar nicht. Der existiert einfach nicht.
Tatwaffe: Für mich ist es halt im Gegensatz zur "Anderen Seite des Mondes" wichtig, dass es hier um die Realität geht. Ich will die Fakten nicht nur runterdreschen, sondern dem Hörer auch Sachen mitgebe, die er im echten Leben umsetzen kann. Denn man kann nur jemanden ändern, wenn du dich ihm öffnest und versuchst, ich zu verstehen. In unserer heutigen Gesellschaft ist es leider nicht mehr so. Aber gleichzeitig halte ich gar nix von der typischen deutschen Betroffenheit wie: Komm, lass uns wegen der jüngsten Ereignisse mal in eine Moschee gehen. Das macht man doch nur, wenn man sich bereits mit einem anderen Menschen angefreundet hat oder sich ohnehin für solche Dinge interessiert. Dieses Zwanghafte finde ich zum Kotzen. Dann schon lieber, wie beim Track "Straßenfest", Leute, wenn ihr feiern wollt, geht auf die Straße und tut das einfach. Nur so kann man sich wirklich kennen lernen.
Und da kommt ja wieder unser alle Passion Hip Hop ins Spiel. Kann die Kultur für mehr Verständigung, mehr Toleranz in der Welt sorgen?
Tatwaffe: Ich würde nicht rappen, wenn ich denken würde, dass ich nichts verändern könnte. Aber auf jeden Fall reiten wir ungern darauf rum, dass wir Hip Hop machen, dass wir Hip Hop sind, dass wir von und für Hip Hop leben, was auch immer. Für mich ist es halt wichtiger diese Texte zu machen. Die Ideale sind bei uns zudem auch nie verloren gegangen. Bei manchen anderen Gruppen habe ich dagegen manchmal das Gefühl, dass denen der Respekt abhanden gekommen ist. Bevor mir nicht jemand blöd kommt, respektiere ich jeden, der versucht, Hip Hop nach vorne zu bringen. Das ist das Wichtigste.
Du sprichst den Respekt an. Mir fehlt dieser in unserer Zeit ein wenig. Wo ist denn die Grenze? Als Beispiel fallen mir da die Brothers Keepers ein, die ja auf Grund ihres Erfolges vom Underground mit zuweilen rassistischen Battle-Lyriks attackiert werden. Ich meine jetzt auch nicht einen Rapkabarettisten wie Taktloss, der ja alles so überspitzt darstellt, dass man sich eher kringelig lacht. Eher denke ich an unwissende Kiddies, die ohne Scheu auf den Disszug springen und Grenzen überschreiten, die man besser unberührt gelassen hätte.
Tatwaffe: Die Dinge, die du gerade ansprichst, sind für mich ein Grund mehr, warum möglichst viele Leute unsere Platte kaufen sollten bzw. ich mir wünsche, dass sich die Headz intensiv mit "Dem dritten Auge" beschäftigen werden. Ich denke nämlich, dass wir Drei Hip Hop schon als ernste Sache ansehen. Ich will auch nicht von oben herab irgendwelche Grundsätze predigen. Genauso wenig werde ich flache Hippiestandardsprüche bringen wie Schwarz und Weiß liebt euch. Ich lebe das in meinem Leben. Und das ist auch der Grund, warum ich das auf unserer Platte nicht dauert herunterbeten muss. Denn wer sich nur ein klein bisschen für die Firma interessiert, sieht welche Gäste wir auf unseren Alben hatten und haben. Dann ist die Frage sofort geklärt. Basta. Wenn Kids heute respektlos mit anderen Gruppen umgehen, das heißt, wenn die ein Video sehen oder ne Platte hören und sagen, ach, das ist doch Scheißdreck, dann ist das halt so. Das kannst du nur ändern, wenn du eine gute Scheibe ablieferst, welche die Kids erreicht. Dann denken die sich hoffentlich, vielleicht sollte ich erst mal den Ball flach halten.
"Wieso hat noch nie jemand eins aufs Maul bekommen?"
Viele Probleme und Missverständnisse kommen auch, glaube ich, dadurch zu Stande, dass einige die Attacken gegen sich sehr ernst nehmen und dabei wenig Spaß verstehen, während andere wiederum die verbalen Ausfälle nur als lyrische Freiheit des Batllerap sehen.
Tatwaffe: Ist richtig, vergleichbar mit der Beef und Disserei-Geschichte, die seit geraumer Zeit in der Szene abgeht. Da fragen wir uns dann auch, wieso hat noch nie jemand eins aufs Maul bekommen? Wir hatten auch schon Stress und haben das halt auf unsere Art geregelt. Trotzdem wirst du auf unseren Platten nie einen plumpen Diss gegen irgendjemanden finden. Die Disserei macht es jedoch den Kids leicht zu dissen, denn in dem Moment, in dem der Künstler damit anfängt, ist das Vorbild für ein solches Benehmen bereits gegeben, und jüngere Menschen brauchen nur noch auf den Zug aufspringen.
Das entscheidende Problem ist ja aber, wenn die ganze Geschichte ausufert.
Tatwaffe: Im Moment gibt es viele verschiedene Sachen im Hip Hop, die ausufern. Du brauchst nur mal an das Herunterladen von Songs denken. Wenn du dir nur ein, zwei Tracks herunterlädst, dann ist das völlig okay. Ich wünsche dir dann viel Erfolg und hoffe, das Lied gefällt dir. Wenn du dir aber das ganze Album herunterziehst, dass irgendein Fan ins Netz gestellt hat, dann geht das nicht mehr in Ordnung. Oder wenn einer weißer kleiner Junge, der Kool Savas oder MOR hört, an einem Kumpel von mir vorbei geht und sagt, what’s up Nigga, dann ist das genau das Falsche, was passieren sollte. Da hat Hip Hop eine Verantwortung, gute Sachen zu machen, Sachen, die ohne so etwas auskommen. Wenn du zum Beispiel an Savas denkst, der hat das ja nie so gemeint. Das kommt ja aus einer ganz anderen Einstellung. Für ihn das Battle und mit dem Schwulenbegriff verhält es sich ähnlich. Es ist halt eine Auslegungssache. Aber Kool Savas hat gemerkt, ach du Scheiße, die Kids nehmen alles für bare Münze, plappern es nach, wissen jedoch nicht, was da hinter steht. Er hat sich mit der Hip Hop-Kultur bzw. den Raptexten auseinandergesetzt und dann für sich beschlossen, voll gegen den Strom zu schwimmen, indem er auf dieser Hardcore-Schiene fährt. Zudem ging er ja davon aus, dass seine Art des Raps nur wenige Leute hören werden. Und jetzt, nachdem er so erfolgreich geworden ist, merkt man, dass er sich in seinen Texten schon anders verhält als noch vor zwei Jahren. Und deshalb heißt unser Album ja auch "Das dritte Auge", denn wir sehen uns nicht in diesem Gefüge so eingebunden. Wir sind einfach Hip Hop. Punkt.
Ihr seid ja auch bereits seit der Hip Hop-Steinzeit dabei. Da hat man natürlich eine gewisse Erfahrung und einen etwas anderen Background.
Tatwaffe (lacht): Ne, nur Fader Gladiator ist Hip Hop-Steinzeit. Def Benski und ich sind knapp danach eingestiegen. Aber du hast Recht, früher mussten wir uns an Ecken stoßen, und harte Kritik einstecken. Doch wir haben uns nie als gedisst gefühlt. Wir haben dann einfach versucht, immer besser zu werden. Wenn mir jemand vor acht Jahren gesagt hat, der Text ist whack, dann habe ich mir das durchaus zu Herzen genommen und bin nicht auf die Diss-Barrikaden gegangen.
Wenn wir uns schon ein wenig in der Tratsch und Klatsch-Ecke befinden, fällt mir noch etwas ein. Neuerdings gibt es ja auch Beef zwischen Rapper und Journalisten, was mich als Schreiberling besonders interessiert. Samy Deluxe gegen die Juice oder Sekou gegen Gerd Kühn von der Juice. Das ist doch ein Missmatch.
Tatwaffe: Wer ist das?
Fader Gladiator: Habe ich dir doch auch erzählt. Der Daniel, der auch für die Juice schreibt, hat es mir folgendermaßen erklärt. Der Kühn fand die Einstellung Sekous nicht gut und hat ihm in der Review zu Sekous Solodebut seine Rolle als Botschafter Afrikas abgesprochen. Da waren dann nur die letzten Zeilen zur Platte, und der Rest ging mehr oder weniger gegen die Person Sekou. Etwas ähnliches habe ich auch schon durchgemacht. Bei der Review zum letzten Nesti-Album wurde ich für meine Beats kritisiert, obwohl ich die Stücke gar nicht produzierte habe.
Tatwaffe: Die ganze Rezension ist einfach nur ein Diss an Fader und die Firma, obwohl, ich betone das immer wieder gerne, ich da gar nicht beattechnisch involviert war.
Fader Gladiator: Es gibt aber eine Gemeinsamkeit bei den Leuten. Sie, wir, arbeiten alle mit dem Wort und mit Information.
Und Beide sollten sich ja, gerade bei Hip Hop-relevanten Magazinen, zumindest respektieren, denn man hat ja ein gemeinsames Ziel, nämlich Hip Hop nach vorne zu bringen.
Fader Gladiator: Ich glaube aber, dass das genau der Grund ist, warum man sich verfeindet. Je näher man sich kommt, desto härter geht man miteinander um. Ich habe hier kein Unity-Gefühl mit Hip Hop-Leuten. Das habe ich manchmal eher mit einem Typen, der mit meiner Musik gar nichts anfangen kann. Der ohne Vorurteile an mich heran tritt.
Tatwaffe: Ich finde jedoch auch, dass Hip Hop schon die Möglichkeit bieten muss, sich zu wehren, wenn man attackiert wird. Und das bedeutet halt, dass ein Rapper einen Track macht und ein Journalist einen Artikel schreibt. Die Frage ist nur, lohnt es sich denn überhaupt, einem Redakteur ein Lied, eine Zeile zu widmen, nur weil die Rezension deines Albums mies war? Wir sind auch enttäuscht, wenn unsere Platte kritisiert wird und vielleicht nur drei von fünf Punkten bekommt. Am liebsten würden wir schon bei dem Typen zu Hause vorbei fahren und ihn mit seinen Aussagen konfrontieren. Natürlich, aber es wäre dann nur eine Art verletzter Stolz. Denn mittlerweile hat sich natürlich einiges geändert. Früher wusste man, dass die Kritik in irgendeinem Magazin steht, höchstens 2000 Menschen lesen. 500 von denen sind eh schon unsere Fans, und mehr Hip Hop-Hörer gab es damals nicht. Heute geht es so um 40.000 Leute, das ist schon nicht ohne. Man zittert zwar nicht vor einer Rezension, aber man ist auf jeden Fall enttäuscht. Es ist nun mal unser Job und eine Review ist Teil des Geschäfts. Wichtig ist eben nur, dass die Kritik sachlich dargestellt wird.
Fader Gladiator: Kennst du die Gianni-Platte? Die hat in der Juice auch eine faire Kritik bekommen. Zwar gab es nur die angesprochenen drei Sterne, aber die Erklärung war absolut plausibel und in Ordnung. Jeder hat seine Meinung, die jedoch immer nur über der Gürtellinie geäußert werden sollte.
"Fast alle deutschen Emcees hören gar keinen deutschsprachigen Rap."
Welche Mucke flasht euch denn in der Gegenwart? Welches moderne Zeugs gebt ihr euch? Was rotiert auf eurem Plattenteller?
Fader Gladiator: Alles.
Genau diese superpräzise Antwort habe ich von einem Produzenten auch erwartet.
Fader Gladiator: Es ist aber wirklich so. Ich geh über den Flohmarkt und meistens gewinnt das Cover, das keiner anfassen will. Ich muss halt offen sein für jegliches Genre. Ich stöber halt nicht nur in der Soulecke oder Funkecke.
Guckst du dann auch, sagen wir mal, in der Schlagerecke? Ich habe zum Beispiel 20 Udo Jürgens Platten ...
Fader Gladiator (begeistert): Kennst du "Vaterland" von ihm? FlowinImmo und ich wollen das bald mal covern. ("Lieb Vaterland" gilt bis heute als Udos politischstes und kritischstes Lied und sorgte Anfang der 70er für allerhand Aufruhr bei den Konservativen im Land, die Red.) Doch noch mal zurück zu den Favoriten. Puff Daddy hat auf seinem neuen Album einen Song, eines meiner Lieblingsstücke übrigens, auf dem er absolut cool die Trompeten von James Last sampelt. Woher ich das weiß? Nun ja, ich habe die James Last-Platte. Aber wahrscheinlich macht er das so wie ich, in dem er nicht sampelt, sondern versucht, alles nach zu spielen. Ansonsten höre ich alles, wie gesagt.
Tatwaffe: Ah, endlich komm ich auch mal zum Zuge. Bei mir auf den Plattentellern rotiert im Moment Jay-Z, die neue Mobb Deep, Shyne, Jadakiss. New Yorker Gangstakram halt.
Hmm, sehr schön. Ich frage nämlich deshalb, weil ich bei anderen Interviews mit einheimischen Hip Hoppern immer so Westcoast-Underground-Namen fallen, wie Cali Agents, Planet Asia usw. Und besonders auch bei den DJs. In deren Playlists findet man dann nur son Zeug. Doch ich kann damit nicht so viel anfangen. Ich kauf mir dann lieber die fünfhunderste Wu-Fam-Scheibe.
Tatwaffe: Die meisten DeeJays, die in Deutschland auflegen und auch von den Raphörern, immer gern zu dem in Anführungsstrichen "Alternativzeugs" greifen und so tun als ob die großen, gepuschten Sachen whack wären. Diese Leute verschließen einfach die Augen vor der Realität. Es ist nicht einfach, so viele Platten zu verkaufen und trotzdem noch wie Jay-Z harte Sachen zu schreiben wie zum Beispiel einen guten Text über ein kaputtes Zuhause. Und das stinkt mir ein bisschen.
Def Benski: Bei mir rotieren Gregory Isaacs, Mutumbi, Barris Hammond. Also früher Anfang der 90er habe ich nur Amirap gehört, doch später kam dann verstärkt Reggae dazu.
Und deutschsprachige Produktionen? Ich meine, alle Rapper sagen immer, dass sie sich ihre Kollegen eigentlich nicht freiwillig sondern höchstens aus Konkurrenzgründen antun.
Def Benski: Na, die Firma.
Tatwaffe: Es ist in Deutschland aber auch wirklich so. Fast alle Emcees hören gar keinen deutschsprachigen Rap. Es ist schon eine komische Sache. Anscheinend schließt sich da eine Tür, wenn man selbst rappt. Ich glaube, es hat etwas damit zu tun, wo Emceeing überhaupt herkommt. Man muss wegen der Competition einfach seinen Stuff am besten finden und aus dieser Position heraus sind die anderen subjektiv gesehen, etwas schlechter als man selbst. Ich höre mir auch nur die Sachen, die schon auf unseren Platten vertreten waren oder sind. Da Fource, Afrob, Ventura, Ich freue mich auf die Curse-Platte, die ich bis jetzt noch gar nicht gehört habe. Natürlich kann die nie so gut sein wie unsere ...
Fader Gladiator: Das Album "Blauer Samt" von Torch fand ich auch noch sehr gut.
Okay, das ist dann doch mal ein nettes Schlusswort. Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit dem neuen Album und der darauf folgenden Tour.
Das Dritte Auge (2002)
Videos, Songs und Bilder, übersichtlich und recht schick präsentiert.
http://www.diefirma.com
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Ich finds gut dass die Firma immer noch nicht so kommerziell Anonymous |
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13.05.08, 16:38 Murdergial |
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