laut.de-Kritik

Bildgewaltiger war Deutsch Rap nie.

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Im Sommer 1998 feierten und fickten sich die Rap-Abiturienten von der Kieler Eastcoast über die ostholsteinischen Dörfer - bis die Speckschwarten schwabbelten. Der beklebte Polo 2.0 diente als WG-Zimmer und "Spiel des Lebens / Spiel des Todes" als Soundtrack nach dem polnischen Abgang. Es wurde über monströs-orchestrale Beats so derbe auf Hooklines geschissen, besserwissend mit Politik- und Filmverweisen um sich geschmissen, den süßen Früchtchen gefrönt und so besoffen die Eine gesucht, dass selbst rap-hassende, verbohrte Punkrocker bereitwillig zu den Kölner Hip Hop-Urgesteinen Tatwaffe, Def Benski und Fader Gladiator bodyrockten und den Ellenbogen aus dem Autofenster lang hängen ließen.

Aufgeteilt in zwei Albumhälften - "Spiel des Lebens" und "Spiel des Todes" – drängen dich die "Problemkinder wie Huck Finn" bereits im bombastisch-breiten "Rien ne va plus"-Intro "aus dem Amt wie Kabila Mobutu", und brechen "dir und deiner Crew das Rückgrat so wie Amor King". Wer jetzt vor allem den Kabila-Mobutu-Vergleich googeln muss, der erinnere sich bitte, dass 1998 Fireball die führende Suchmaschine war und es mit dem 56k Modem gefühlte drei Jahre bis zum Seitenaufbau dauerte. Sprich: Besonders Tatwaffes "Methaphern mit Sinn" überrollten die hilflose Szene bereits vor Savas wie ein Bus und eroberten mit harten, aber bedeutungsschwangeren Battle-Lyrics ähnlich wie der Wu-Tang Clan auch viele genrefremde Heads.

Noch 2002 im Interview mit dem Trio wirkte das Debüt nach: "Ich glaube, 1998 habe ich nur euer Debut gehört ... Damals gab es einen solchen Sound aus Deutschland nicht." Weder die charismatischen Hanseaten auf Fuchsjagd, noch die cruisenden, kiffenden Hippies aus Stuckitown und schon gar nicht die brillentragenden Besserwisser aus Bayern schlugen damals inhaltsschwerer und pathetischer auf als die Firma. Gleich der zweite Track, "Die Firma", ist trotz Faders klassischer Streicher-Loops ein so groß gedachter Film, dass es die eigene, kleine, deutsche AJZ-Welt genauso sprengt wie das zeitgleiche "Bambule"-Werk der Beginner.

"Wir inspizierten Betriebe, infiltrierten Unternehmen / Bedienten uns professioneller Hilfe aus Jemen / Und Teheran, Palermo, Fachmännern aus Japan / Unterwanderten die Konkurrenz, ultimative Kompetenz". Die Firma nutzt das Bild ungezügelter Konzerne, um ihren überlegenen Platz im Rapgame zu verdeutlichen und ihre Gesellschaftskritik im Gegensatz zu den oft platten Parolen der Kollegen zwischen und unter die Zeilen zu legen. Das Vorgehen orientiert sich an US-Rappern der 90er, die sich in Kriegs- (CNN) oder Mafia-Rhetorik (Nas, Raekwon) hineinsteigerten, um der amerikanischen Öffentlichkeit den täglichen Kampf im Ghetto hör- und fühlbar zu machen.

Im weiteren Verlauf der "Spiel des Lebens"-Seite lockern sie den intensiven Vortrag immer wieder mit Liebesgeschichten aus dem wahren Leben auf und zeigen sich von ihrer fast verletzlichen Seite. Im Happy Hip Hop der "Gekauften Liebe" kritisieren sie aufgeladen mit Native Tongue Spirit das Übergewicht des Materialismus in menschlichen Beziehungen ("Moneten, Knete, Kohle, Geld und Moos bloss Ersatz / Stiften halbherzigen Trost. Kein Platz mehr für Gefühle / Freundschaft existiert bald nur noch auf Papier"). "Ich lebe nur einmal" funkt als Ode an die Freude straight mit Westcoast-Flavour, während Tatwaffe "das Leben hoch und heilig hält wie Buddhisten in Nepal" und "Groupies will wie Uschi Obermayer". Und "Süße Früchte" poppt sich fast feministisch durch die Hintertür wie sanfter Analsex ("für all die Frauen die ihr eigenes Ding drehen / für all die Frauen die im Urlaub fremdgehen / für all die Frauen die 100 Prozent zu ihren Männern stehen").

Der Über-Hit und neben "A-N-N-A" das wohl unpeinlichste Liebeslied der deutschsprachigen Rap-Geschichte hängt der Sonnenseite des Lebens endgültig das Lebkuchenherz um. Zur Hook vom Tatwaffe-Solotrack – "Die Eine, die Eine oder keine / Für keine andre Frau ging ich lieber in den Bau / Und keiner anderen Frau trau ich mehr über den Weg / Es gibt keine andere Frau mit der ich mich lieber schlafen leg" – dürfte es erste Küsse und Anträge geregnet haben - was "schossen zumindest unsere Blicke Flanken" damals auf der Tour durch die Betten der Rapublik. Vollkommen zu Recht erzählt er mit dem Sequel "Die Eine 2006" später konsequent und offen weiter.

Das Spiel des Lebens macht selbst dem ansonsten eher verkopften Tatwaffe Spaß, wären da nicht die "Nachrichten aus Utopia". Über ein melancholisches, leicht orientalisches Streicher-Sample und furztrockene Drums stellt sich die Firma Fragen zu Illuminaten, Hinterzimmerabsprachen und Verschwörungstheorien und greift wie auch auf späteren Werken politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen vor. Er dominiert nach Belieben, profitiert aber trotzdem von Kollege Def Benski, dem eindimensionalen Soundboi Killer, bei dessen wesentlich einfacheren Parts man sich aber wunderbar von den unzähligen Denkanstößen Tatwaffes erholen kann. Beides, Verschwörungstheorien wie das angenehme Wechselspiel der Emcees, prägten auch nach dem Debüt die erfolgreichen Alben der Gruppe.

Das dritte Auge im Bunde, Produzent und C.U.S. und Äi-Tiem-Legende Fader Gladiator, führt im Thriller hervorragend Regie, rückt jedoch erst im zweiten "Spiel des Todes"-Teil mehr und mehr in den Vordergrund. Ohne an Zusammengehörigkeit zu verlieren wechselt er von den ruhigeren, fröhlicheren Samples hin zu dramatischem und hartem Gangster- und Horror-Core. Der "Tanz der Toten" bricht direkt nach dem Schwoofen zu "Die Eine" so fiese mit der positiven Stimmung, dass einem dank abgrundtief-dunklen Sounds Angst und Bange wird. "Im Namen der Firma" taucht dann Def Benski als Phantom der Oper auf und verbreitet unheilvoll und pathetisch seine düsteren Botschaften.

"Warte, bis es dunkel wird" und "Feuer, zieh mit mir" begleiten mit nach vorne pirschende Drums und fiebrigen Loops kongenial die Treibjagd auf alle whack Rapper vor allem vom kehlig flowenden Def Benski an ("Du irrst durch die Nacht, es wird immer kälter / fühlst dich beobachtet fuck Helter Skelter / Obiwahn, ich hab den Plan der dein Schicksal besiegelt, deinen Fluchtweg verriegelt"). Ähnlich böse bohren sich die Mafia-Epen "Bewegliche Ziele", "Todeskuss (Remix)" und "Bei den Fischen" in die Eingeweide. Bildgewaltiger war Deutsch Rap nie zuvor (RAG als Ausnahme). Das brutale Old School-Monster "Scheiß auf die Hookline" zerfickt die Pop-Rapper Ende der 90er und Hypes wie Nana, Tic Tac Toe oder der Wolf.

Und dann das. Über all den genannten Bangern erheben sich mit erhabenen Piano-Loop die "Aktionäre". Der Posse-Cut der Westdeutschen aus dem La Familia-Umfeld kommt mit der Firma, Curse, Stieber Twins, STF, Fast Forward, Coole Säule und Firma-Kumpel Gianni, die alle "an der Beatstreet mit Gewinn und Profit, unbegrenztem Kredit investieren" und "verschworen wie Sekten den Laden umdrehen wie die Telekom". Zusammen mit der parallel veröffentlichte 12' Inch der La Familia, "Harte Zeiten / Wall Street" gehört "Aktionäre" als zeitloses Dokument der damaligen Skills und Szene zu den 50 besten und wichtigsten Deutsch Rap-Tracks aller Zeiten.

Hit trifft Hit, die schiere Masse an Klasse-Songs pumpt auf "Spiel des Lebens, Spiel des Todes" das Blut in jede Pore des Körpers und tanzt mit allen Synapsen Tango. Folgerichtig verkauft das auf dem eigenen Indie-Label veröffentlichte Album über 30.000 Einheiten und bereitet dem Trio unabhängig vom Hip Hop eine eigene Nische, die die Firma danach mit ebenfalls einzigartigen Werken weiter und noch erfolgreicher ausschmückt. Auch Jahrzehnte später steht der Mund offen, wie eigen, global und prophetisch die Firma bereits 1998 agierte. Die Zeit des Huren und Saufen ist zwar vorbei, die Eine gefunden und der Polo wurde zum modernen Familien-Van, doch wenn Faders Filmmusik ertönt und Tatwaffe den "schwarzgelackten Mantel" holt, "weißt du, wer hier rappt".

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Rien ne va plus
  2. 2. Die Firma
  3. 3. Ich lebe nur einmal
  4. 4. Nachricht aus Utopia
  5. 5. Im Strom
  6. 6. Konfusion
  7. 7. Gekaufte Liebe
  8. 8. Süße Früchte
  9. 9. Ich frage nicht (feat. Future Rock)
  10. 10. Die Eine
  11. 11. Tanz der Toten
  12. 12. Im Namen der Firma
  13. 13. Warte bis es dunkel wird
  14. 14. Scheiß auf die Hookline
  15. 15. Todeskuß (Remix)
  16. 16. Totgeglaubte leben länger (feat. Torch, Imperator)
  17. 17. Feuer zieh mit mir
  18. 18. Bewegliche Ziele
  19. 19. Aktionäre
  20. 20. Bei den Fischen

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LAUT.DE-PORTRÄT Die Firma

"Lyrics über Beats repräsentieren Gut und Böse." Die Hip Hop-Formation Die Firma aus Köln wird 1996 von den MCs Tatwaffe und Def Benski Obiwahn sowie …

10 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor 28 Tagen

    Konnte mit denen nie was anfangen, haben einfach nicht gekickt. Sicherlich mitunter ganz gute, clevere und auch deepe Lyrics, aber Vortrag und musikalische Begleitung langweilig. Zudem hat dann "Die Eine" dem ganzen die Krone aufgesetzt.

  • Vor 28 Tagen

    So, nochmal ein bisschen nachgedacht: Wahrscheinlich einer der am schlechtest gewählten Meilensteine auf dieser freshen Underground-Seite. Gibt es nicht schon aus der gleichen Zeit (VÖ 10/1998) einen D-Hip-Hop-Meilenstein? Stimmt!

    http://www.laut.de/RAG/Alben/Unter-Tage-17…

    Dieser ist, finde ich, auch berechtigt gewählt worden: Beats, Vortrag und Attitüde waren für deutsch/mittel-westeuropäische ziemlich innovativ und unterhaltsam, und verlangten durchgehend Aufmerksamkeit. Zumindest "KopfSteinPflaster", "Requiem" und "Westwinde" burnen heute noch vieles, was "aktuell" ist, ....wow, so unglaublich deep!

    Was mir von "Die Firma" hängengeblieben ist, wie schon gesagt: "Die Eine". Irgendwie gruselig. Wenn das das einzige war, was ihr in Holstein damals im Hip-Hop-Bereich hattet, na dann tut ihr mir echt Leid. Max 2/5 Sternen.

  • Vor 28 Tagen

    Ja, spinnt ihr jetzt? Die Firma? Mit ganz viel Wohlwollen 3/5, aber da wäre schon ne Menge Nostalgie dabei. Freue mich schon auf den Afrob-Meilenstein nächsten Monat.

  • Vor 27 Tagen

    Zu Recht ein Meilenstein. Für damalige Verhältnisse herausragend. Kaum einer hat damals ein so atmosphärisches und eigenständiges Album veröffentlicht!

  • Vor 27 Tagen

    Der Tag, an dem der Musikjournalismus starb.

  • Vor 25 Tagen

    der rezi-text ist ein erlebnis. :absinth:

    ...ich befürchte ja, dass das hörerlebnis da nicht ganz heranreicht.
    wird aber - wie immer - ohne schuldhaftes zögern angecheckt.

    • Vor 19 Tagen

      Die ersten beiden Alben kann man sich echt gut geben, wenn man kein Rap-Technik-Fetischist ist :)

    • Vor 19 Tagen

      WB, Anagnorisis!
      Finde dein Posting zwar panne, aber nach dem Weggang von Ehrenasis wie Torque, DaFunk, Baudelaire und wem nicht noch so alles, freue ich mich über jedes noch so seichte Lüftchen, dass die Autoren uns zufächern. Ich vermisse auch JaDeVin, Cyclonos, Catch33 und sogar so Nasen wie lauti, CafPow und Sancho. Und den Twen-Morpho natürlich.
      Kann schon verstehen, dass man hier keinen Bock mehr drauf hat mit zu mischen, sogar mit zu lesen, wahrscheinlich tut das nichtmal mehr der Oesse.
      Ich mochte die vergiftete Atmosphäre hier zwar immer sehr, aber durch dieses Chat-Gedöns und die ganzen Trittbrettfahrer wie Soisseshalt, Yogo oder wie der Spast heißt und Sonstige hat das ganze laut-Game derartig an Drive verloren, dass ich mir sogar die leierigen Clone Wars zurück wünsche.
      Aus der Position des Sidekick-Drive By-Posters sagt sich das leicht, ich weiß, aber dennoch.

    • Vor 19 Tagen

      Würde googlen und editen, pff.

    • Vor 19 Tagen

      (Und jetzt alle)
      "Früher war alles besser, früher war alles gut...
      Ich erstarre vor Ehrfurcht! Sonntag morgens noch so dermaßen zu zu sein.....Respekt!

    • Vor 16 Tagen

      Sind die jetzt alle weg? Naja, jede gute Serie muss wohl auch mal zu Ende gehen.. Haben ja doch ein paar Staffeln geschafft die Guten ;)