laut.de-Kritik

Die eigene Überlegenheit wird hier demonstriert, nicht nur behauptet.

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Blickt man im Jahr 2017 auf die Deutschrap-Charts der vergangenen 15 Jahre, erscheint es beinahe unwirklich, dass Nordrhein-Westfalen bis in die späten 90er hinein Hip Hop-Entwicklungsland war. Klar, es gab Die Firma und DCS aus Köln, auch von Too Strong hatte man bereits gehört, aber im Wesentlichen spielte die Musik im Süd(west)en und hohen Norden der Republik. Das ändert sich 1998 nachhaltig, als sich die Duos RAID und Filo Joes zusammenschließen: Die Ruhrpott AG ist geboren, sie "steigt auf wie der Rauch nach der Detonation", fast aus dem Nichts.

Sollte die Zusammenarbeit, wie der Opener suggeriert, zunächst auf eine einmalige Kollaboration angelegt gewesen sein, ist die Resonanz um so beachtlicher. Die Wortspieler aus München, die Sandalenträger Stuttgarts, Hamburgs Representer, die Frankfurter Grießgräme und die Granden der Heidelberger alten Schule: Auf diese Art des Raps schien sich jede Mentalität einigen zu können. Die geografisch zentrale Lage des Ruhrgebiets mag dabei ein begünstigender Faktor gewesen sein, sicherlich aber nicht der entscheidende. Der gemeinsame Nenner hier hieß nicht, wie sonst so oft, Beliebigkeit. Sondern Klasse.

Dabei schwamm "Unter Tage" eigentlich völlig gegen den damaligen Zeitgeist: In Amerika bereits komplett, in Deutschland immerhin ansatzweise im Mainstream etabliert, wurde die Hose des Hip Hops dicker, die Sprüche derber, die Selbstinszenierung professioneller und die Instrumentals opulenter. Die Ruhrpott AG wählte eine gänzlich andere, herrlich unaufgeregte Herangehensweise: Auf Fäkalsprache, Herabwürdigungen und ähnlichen Firlefanz verzichtete sie vollständig, große Namen auf der Featureliste brauchte kein Mensch, die atemberaubend eingängigen Samples von DJ Whiz beinhalteten kaum einmal mehr als vier Töne. Und die eigene Überlegenheit wurde mit dichten Wortspielkanonaden schlicht demonstriert, ohne extra darauf aufmerksam machen zu müssen. Die Lyrics waren exquisit, nicht explizit.

Besonders deutlich wurde das beispielsweise bei "Westwind". Knapp zwei Jahre später ließ Samy Deluxe keinerlei Zweifel daran, wer der krasseste Kiffer mit der grünsten Brille und den rotesten Augen und generell die geilste Sau im ganzen Lande war. Galla, Pahel und Aphroe hingegen mischten "die uralte Sehnsucht nach dem Rausch mit dem Reim" und zelebrierten dabei viel mehr den Rauschzustand an sich als ihr Ego. Und das durchaus nicht unkritisch: "Die Blüte meiner Jugend verglühte in einer Tüte" war ohne Frage deutlich selbstreflektiver als "Will mit Joint im Mund sterben, hab' deshalb immer einen an".

Selten sind die Texte so leicht zu interpretieren. Die klassischen Features, die man dem Ruhrpottrap heute zuschreibt, spielten im Repertoire der Ruhrpott AG höchstens in der naheliegenden Metapher Untergrund/unter Tage eine Rolle. Sie erwarteten keine Rückendeckung vom Arbeitermilieu, sie suhlten sich nicht in Unterschicht-Romantik und ihre Texte waren auch nicht verdreckt, verschwitzt und mit Kohlestaub bedeckt. Lebensrealitäten abseits der Kunst waren Nebensache, RAG liebten das Lyrische, das Abstrakte. Häufig schienen die Artisten auf ihren eigenen Texten zu treiben, selbst unsicher, wo die Reise hingehen sollte.

Kaum eine einzelne Zeile verwies nicht offen oder versteckt auf Filme, Bücher, historische Persönlichkeiten. Anspielungen auf Tolstois Stream of Consciousness, Döblins Montagetechniken: Literaturwissenschaftlern werden bei "Kopf Stein Pflaster" verblüffende Dinge auffallen, wenn sie sich an Analysen dieser Textmonster wagen. Was nicht heißt, dass ein Studium Voraussetzung ist, die Zeilen würdigen zu können. Denn selbst wer eine Menge Zeit und Recherchearbeit auf sich nimmt, steht am Ende oft nur vor einem großen Fragezeichen. "Fahren Filme wie Lynch, Lost Highway, kein Airplay" darf durchaus als Hinweis gewertet werden, dass ähnlich wie bei dem avantgardistischen Regisseur keine Interpretation die richtige ist.

Zwar ist "Unter Tage" mit neun Tracks und einem Remix relativ kurz geraten – letztlich aber hätte jeder dieser Song einen kompletten Absatz verdient. Pahels "Terrarist" ("denn meine Mutter weiß, mein Vater ist schwarz, dieser Fakt macht mich grau"), Aphroes "Stratego" ("Wenn du das As bist hab' ich vier davon. / Ich kombinier' Revierjargon mit den Foltermethoden des Vietcong, / als stünd ich mit dem Libanon in Liaison"). Und, natürlich: Gallas "Requiem". Ursprünglich seinen verstorbenen Eltern gewidmet, steigerte das viel zu frühe Ableben des Rappers die Tragik des Tracks ins Unermessliche. Die damals in den einschlägigen Foren hitzig geführten Diskussionen, ob Gallas Technik ausgereift genug, Pahels Flow immer on point war, verblassen im Nachhinein zu lächerlichen Scheingefechten. Wer "Requiem" ohne eine Gänsehaut übersteht, ist innerlich schon lange tot.

Genau so schnell, wie die Ruhrpott AG aus dem Nichts zu einem der wichtigsten Faktoren des Deutschrap wurde, verschwand sie auch wieder. Das Nachfolgealbum "Pottential" fährt mit der acht-Minuten-Kurzgeschichte "Nackte Stadt" und dem Brecher "Tiefenrausch" noch mal schwere Geschütze auf, ohne jedoch an "Unter Tage" heranzureichen. Danach gingen die Lichter aus, die Soloalben ließen bis zu elf Jahre auf sich warten. "Nirgends, und doch überall, / ich bin älter als die Angst, lauschte dem Urknall. / Verbaler Ultraschall, Westwinde ziehen weiter, / der fliegende Holländer – mein Wegbegleiter." Ganz gleich wie intensiv der Rauschzustand auch sein mag - irgendwann ist er zu Ende.

Es bleibt: ein Meilenstein, nicht nur des deutschen Sprechgesangs, sondern auch ein wichtiges Bindeglied für die Verknüpfung von Rap und moderner Poesie. Die Juice schreibt später (über Aphroe): Diese "Metaphern zu dechiffrieren konnte schon mal Gegenstand einer ganzen Nacht mit Walkman und Kopfhörer sein. Nie wieder hat Deutschrap so zum Nachdenken angeregt." Das gleiche Magazin wählt "Unter Tage" im Jahr 2008 auf Platz 11 der besten Alben seines Genres. Ich persönlich tue mich schwer, fünf andere Alben zu finden, die auf diesem Niveau mitspielen können.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Unter Tage
  2. 2. Ohne Gewähr
  3. 3. Westwind
  4. 4. KlangkÖRpergrÖSsen
  5. 5. Requiem
  6. 6. Kopfsteinpflaster
  7. 7. Terrarist
  8. 8. Stratego
  9. 9. Unter Tage (Kollabo Remix)
  10. 10. Kreuzwortfeuer

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LAUT.DE-PORTRÄT RAG

Wer mit dem Ruhrpott lediglich Kohlezechen, den BVB und Herbert Grönemeyer verbindet, hat Mitte/Ende der Neunziger raptechnische Scheuklappen getragen.

12 Kommentare mit 19 Antworten

  • Vor 6 Monaten

    NRW war Ende der 90er ein HipHop-Entwicklungsland? Sorry für diesen Teacher-Post, aber genau das Gegenteil war der Fall. NRW war bis Ende der 90er neben Heidelberg das HipHop-Epizentrum Deutschlands. Die ersten deutschen Rap-Releases kamen aus NRW: Rude Poets, CUS, Blitz Mob, Raid (u.a. mit Aphroe von RAG), Das Duale System, Anarchist Academy, Hörzu, Scope oder STF. Schon Ende der 80er waren in NRW neben Too Strong Acts wie LSD oder Äi Tiem aktiv. Dazu gab es in der Region im Vgl zu anderen Städten recht gute Strukturen: Labels wie Blitz Vinyl oder Sellout Rec., später Deck8 und Put Da Needle. Dazu Jams wie die legendäre Ignorance Jam 1991 in Köln. Fanzines wie Rewind Video Fanzine, Viva-Freestyle in Köln, riesige Graffiti-Szene in Dortmund. Außerdem hatten die Heidelberger gute Verbindungen nach NRW, zahlreiche Kollabos zwischen Torch oder Boulevard Bou mit Blitz Mob, LSD usw. Und nein: Das ist kein Nerd- und Nischenkram gewesen. Das war alles prägend für die Anfänge des deutschen HipHop.

    • Vor 6 Monaten

      No Ignorance natürlich.

    • Vor einem Monat

      Dass der Pott rumorte ist sicherlich richtig. Das taten damals aber alle Regionen. Rhein-Main war jenerzeit auch ein enorm wichtiges Zentrum gerade der Graffitikultur, ist dennoch nicht explizit aufgeführt. Den Pott als Epizentrum der 90er zu bezeichnen halte ich für vermessen. Die (außerhalb) wahrgenommene Musik spielte damals doch definitiv andernorts, ohne die alten Granden jetzt beleidigen zu wollen.

    • Vor einem Monat

      Dass der Pott rumorte ist sicherlich richtig. Das taten damals aber alle Regionen. Rhein-Main war jenerzeit auch ein enorm wichtiges Zentrum gerade der Graffitikultur, ist dennoch nicht explizit aufgeführt. Den Pott als Epizentrum der 90er zu bezeichnen halte ich für vermessen. Die (außerhalb) wahrgenommene Musik spielte damals doch definitiv andernorts, ohne die alten Granden jetzt beleidigen zu wollen.

  • Vor 6 Monaten

    Famoses Rap-Opus, dessen intelligente Texte bis heute ihresgleichen suchen. Es gibt wohl kein anderes Deutschrap-Album, das seinem Hörer so viel abverlangt. Mit seiner lyrischen Komplexität ist es für die heutige Hörerschaft des Genres und den Anhängern von Kollegah und Prollrappern gänzlich ungeeignet: Die verstehen nur Bahnhof.
    Man muss jedoch anmerken, dass Aphroe seinen Mitstreitern auf jedem Track die Show stiehlt.

  • Vor 5 Monaten

    Fantastisches Album, fantastische Review. Mehr als klar verdienter Meilenstein.