Porträt

laut.de-Biographie

Too Strong

Mehrfach aufgelöst, eingemottet und doch immer wiederbelebt müssen Too Strong irgendwann selbst einsehen: "Rap Music Is Life Music" - oder, wie der Lange eine seiner Solo-Scheiben betitelt: "You Can't Hold It Back". Dabei sah es stellenweise ganz anders aus.

"Für uns war immer klar, dass das Projekt Too Strong beendet wird, sobald einer von uns die Gruppe verlässt", erklärt Pure Doze Anfang 2001 der geschockten Hip Hop-Schar. Elf Jahre lang versorgen Too Strong mit Elektro-Funk-Beats und harten, messerscharfen Raps die Headz im deutschsprachigen Raum.

Die aus Ruhrpott stammenden Pure Doze, Der Lange und Funky Chris gelten als Inbegriff des wahren Underground-Hip Hop in Deutschland, da sich ihre Liebe zur Region, sowie die Beziehung zur Arbeiterklasse und den Hochöfen in ihrer Musik wiederspiegelt. Sie sind zudem die Begründer der Silonation, deren Bedeutung für die Entwicklung eines Hip Hop-Lebensgefühls hierzulande gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Doch der lange Rapper will irgendwann nicht mehr und verlässt während der laufenden Album-Produktion die Band. "Wir haben uns einfach auseinandergelebt. Die Interessen haben sich in verschiedene Richtungen entwickelt. Wir haben uns im freundschaftlichen Verhältnis getrennt", so die knappe Erklärung von Pure Doze. Alles Lamentieren nützt nichts: Mit "Royal TS" steht das vermeintlich letzte Too Strong-Werk in den Läden

Die Geschichte der Gruppe beginnt 1989 in Dortmund. Zu einer Zeit also, in der Hip Hop hierzulande nur von wenigen eingefleischten Breakern, Sprühern und Emcees gelebt wird. Mit von der zu starken Partie sind DJ Zonic, Pure Doze und Aisy.

Wie so viele deutschsprachige Rapper in diesen Tagen, versuchen sich Too Strong zuerst in englischer Lyrik, wagen jedoch bald den Schritt zu deutschen Texten. Es folgen - neben diversen Besetzungswechseln - Auftritte auf Jams in jedem, noch so kleinen Städtchen. Genau diese Underground-Partys bilden das Fundament, auf das die deutsche Hip Hop-Szene später baut.

Mit steigendem Interesse und zunehmend gefestigten Strukturen finden Bands wie Advanced Chemistry, Cora E, die Absoluten Beginner oder eben Too Strong Vertriebsmöglichkeiten via Label. Zu der Zeit bilden DJ Zonic, Pure Doze, DJ Broke und Der Lange die Gruppe.

Die erste EP steht Ende 1993 in den Plattenläden. "Rabenschwarze Nacht" thematisiert das Lebensgefühl von Writern und Sprühern, die dank ihrer nächtlichen Einsätze Polizei und Bundesbahn zur Verzweifelung treiben. Die B-Seite dagegen enthält den Track "Dortmund Silo". Der entwickelt sich zu einer unerwarteten Hymne mit großer Tragweite, deren Auswirkungen noch Jahre später spürbar sind.

"Die Gründung der Silonation war damals zur Geburtstagsfeier vom Langen. Zuvor hatten wir bereits mit Advanced Chemistry Erfahrungen im Bereich Dogmatismus gesammelt, denn damals hieß es auf Jams oft: Kein Bier, keine Zigaretten! War zwar der totale Scheiß, aber im Grunde waren die Ziele der Zulu Nation und von uns identisch. Aber lustig wars, jeder lief mit 'nem Silo-Shirt rum. Wir haben uns auch gut amüsiert." (Pure Doze in der Juice 03-2001)

Treffender lässt sich die Stimmung rund um die Silonation schwer beschreiben. Die Roots des Hip Hop in Deutschland bleiben eng mit der Zulu Nation und deren Idealen verbunden. Doch das Genre hat sich in den USA weiterentwickelt und hat die Old School-Attitude der Zulu-Blockpartys längst hinter sich gelassen.

Die Auflockerung der engen Strukturen durch die Silonation bewirkt, dass sich plötzlich Leute für die Kultur interessieren, die vorher in anderen Szenen beheimatet waren. Es wird jedoch seitens Too Strong nie an eine Aufsplitterung in Zulus und Silos gedacht.

Ihr Debüt "Greatest Hits" fällt in diese Aufbruchphase. Bei "Intercity Funk" zwei Jahre später haben sich die Wogen längst geglättet. Nach den nicht gerade erfolgreichen Soloalben vom Langen und Pure Doze signt das Majorlabel Virgin im aufkommenden Hip Hop-Boom die zum Dreier geschrumpfte Ruhrpottcrew.

Ohne an Reputation bei den Headz zu verlieren, kreieren Pure Doze, Der Lange und Beatmaker Funky Chris mit Die Drei Vonne Funkstelle ein grandioses und zudem hartes Werk, das es sogar in die Charts schafft. Als eine von wenigen Old School-Gruppen ist der Too Strong der Sprung auf das nächste Level gelungen.

Um so überraschender kommt 2001 mit der letzten Platte "Royal TS" das Ende. Eine Live- oder Best Of-Scheibe wird angekündigt. Ansonsten basteln die ehemaligen Mitglieder einzeln an diversen Projekten.

Die Durststrecke dauert allerdings nicht lange: 2005 raufen sich Funky Chris, Doze und der Lange wieder zusammen. "Wir haben diese Auszeit gebraucht, um den Kopf nach über zehn Jahren wilder Bandgeschichte wieder frei zu machen", so die einhellige Erklärung. "Dreamachine" präsentiert die Herren einig wie nie und setzt - bewusst gegen den Trend der Zeit - verstärkt auf komplexe Inhalte.

Auf Alleingänge möchte aber auch in Zukunft niemand verzichten. Pure Doze und der Lange frönen wiederholt ihren Solo-Interessen. Letzterer bedient sich dafür ab 2008 seines Writer-Pseudunyms Atom One. Zahlreiche Feature-Auftritte halten die Jungs bei der aktuellen Hip Hop-Klientel im Gedächtnis.

2007 nimmt Funky Chris seinen Hut. Der Lange und Pure Doze denken allerdings gar nicht ans Aufhören. Sie basteln an einem neuen Album der Crew, das 2009 greifbare Formen annimmt. Der Titel könnte die komplette Karriere Too Strongs überschreiben: "Rap Music Is Life Music". Zweifellos.

Alben

Too Strong - Royal TS: Album-Cover
  • Leserwertung: Punkt
  • Redaktionswertung: 4 Punkte

2001 Royal TS

Kritik von Stefan Johannesberg

Ruhrpotts' Finest erweisen allen Headz die letzte Ehre. (0 Kommentare)

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