Elf Mann in einen Proberaum zu quetschen, ist für eine Newcomer-Band bestimmt kein Leichtes. Andererseits ist bekannt, dass selten alle Mitglieder pünktlich zur Probe erscheinen. Somit dürften Seeed 1998 in Berlins munterem Bandpool erstaunlicherweise doch einen Ort zum Üben gefunden haben.
Oder sie haben sich gleich darauf verständigt, nur im Sommer auf Spree-Strand-Parties öffentliche Sessions abzuhalten, wo die ganze Mannschaft genügend Freiraum hat und ihr erfrischender Mix aus Dancehall und Reggae schlicht und einfach hingehört.
Mit drei Frontmännern am Mic stehen Seeed in der Tradition legendärer Jamaica-Acts wie Toots And The Maytals oder den Ur-Wailers, die bereits in den 60ern ähnlich starke Vocalgroups auf die Bühne brachten.
Der Rest der Bande tut alles, um den Stimmungspegel in luftige Höhen zu treiben: Der einzig "echte" Jamaikaner im Team heißt Alfi und bedient die Percussions. Zwei Mann an der Bläsersection plus Gitarre, Bass, Drums, Keyboards und zwei Knöpfchendreher - fertig ist der Elfer.
Die MCs heißen Enuff, Eased und Ear und üben augenscheinlich wesentlichen Einfluss auf den Bandnamen aus. Bereits 1998 chillen, dubben und rappen die Jungs zusammen und präsentieren ihre Fortschritte auf Partys.
Ihre eigenständige Verbindung aus Riddims, Rhymes und Roots lässt Berlins Jamaika-Szene nicht unberührt. Der unverkrampfte Umgang mit Old School Reggae, Jamaica Ska, Dub, Dancehall und Hip Hop, verbunden mit einem Mischmasch aus Patois sowie englischen und deutschen Texten groovt enorm und lässt die Ostereier in der Hose auch an Weihnachten hüpfen.
Auf Dub und Dancehall stehen zumindest alle im Verein, bestätigt denn auch Sänger Enuff in frühen Interviews, der Künstler wie Shaggy, die jamaikanischen Chaka Demus & Pliers und Shabba Ranks als Vorbilder Seeeds nennt. An den Plattenvertrag mit WEA gelangen sie vor allem dank der Verbindung zum Livedrummer der Absoluten Beginner, der die Band im Studio getroffen hat. Als Vorgeschmack auf die Debütscheibe erscheint die schon per Dub-Plate zu Ruhm gekommene Berlin-Hommage "Dickes B", die die Band auf einen Schlag ins Rampenlicht pusht.
Das Album "New Dubby Conquerors" kommt ebenfalls allerorten gut an und verkauft sich prächtig (bis 2004 um die 130.000 Einheiten). Vor einem Megapublikum rockt die Elf sogar im Vorprogramm von R.E.M. und danach auf unzähligen Festivals und in noch viel mehr Clubs. Die schweißtreibenden Performances bestätigen Seeeds Ruf als hervorragende Live-Band, die nicht nur Stimmung verbreitet, sondern auch instrumental Meister ihres Faches ist.
Eine faustdicke Überraschung ereilt Seeed, als sie 2002 zwei Echos (und somit genauso viele wie die No Angels) bekommen. Als beste nationale Newcomer und mit dem Berliner Nachwuchspreis ausgezeichnet, bilden Seeed den einzigen Lichtblick einer ansonsten peinlichen Veranstaltung.
Auf die faule Haut legen sich die elf Jungs dennoch nicht, denn bereits auf der Tour 2002 stellen sie neue Songs vor, die nahtlos an die Klasse des ersten Albums anknüpfen können. Bevor "Music Monks" ab Juni 2003 in den Läden steht, werfen Seeed im April 2002 noch die EP "Waterpumpee" auf den Markt, die ihnen eine kuriose Premiere beschert. Seeed sind mit der Nummer die erste deutsche Band, die in Trinidad & Tobago die Charts entert.
In der Folge nimmt das Ausland ohnehin eine immer wichtigere Rolle ein. Zur Eröffnung des Sithengi-Filmfestivals in Kapstadt rocken Seeed im November 2004 erstmals außerhalb Europas und spielen bei der Gelegenheit gleich noch in Johannesburg und Middelburg. Im Juni 2005 wird ihnen sogar die Ehre zu Teil, auf dem renommierten englischen Glastonbury Festival auf der Jazz World Stage sowie auf der Roots Stage zu performen.
Nach dem Motto "Gut Ding will Weile haben" schrauben sie zwischendurch unentwegt an ihrem dritten Album herum, das für Herbst 2005 angekündigt ist. Um die richtigen Vokalpartner zu finden, reisen Seeed sogar bis nach Atlanta und natürlich nach Kingston. Bevor am 15. August die neue Single "Aufstehn!" in EP-Version mit zwei weiteren Songs erscheint, gehen die Berliner wieder auf große Festivaltour, wo die neuen Tracks schonmal auf Groove-Temperatur gemessen werden.
Mitte Oktober erscheint endlich das nächste, sinnigerweise "Next" betitelte Album. Ganz knapp schrammen die Berliner beim Charts-Einstieg an der Pole Position vorbei, die ihnen Depeche Mode vor der Nase weg schnappen. Die Platte verkauft sich wie geschnitten Brot - erst recht, als die Berliner bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest, bei dem sie mit dem Song "Ding" an den Start gehen, vor In Extremo den Sieg einfahren. Der erste richtig große Auftritt im Fernsehen rückt sie verstärkt in den Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung. Die Tour zum Album gerät zu einem einzigen Triumphzug durch Deutschland und die angrenzenden Nachbarländer.
Anfang Mai 2006 erscheint "Next" auch im europäischen Ausland, wohin Seeed nach und nach ihre Fühler austrecken. Zwar waren sie in der Vergangenheit bereits ab und an beispielsweise in Frankreich oder Italien unterwegs (sogar in Ländern wie Südafrika bekommt die Posse mittlerweile Airplay). Bislang kamen die Besucher der Gigs dort aber eher aufgrund des hervorragenden Rufs als Live-Band in die Hallen, als dass sie die Berliner von Tonträgern her kennen würden. Das soll sich nun ändern.
Apropos Live: Die lange angekündigte und oft wieder verschobene DVD erscheint schließlich im November 2006. Parallel ist das Dokument auch auf CD zu haben. Der schlichte und damit gar nicht so recht zur Band passende Titel: "Live". Einen Nachschlag in echt gibt es am 25. August 2007 in Berlin. Die Wuhlheide ist schließlich so schnell ausverkauft, dass kurzerhand ein weiteres Konzert am Vorabend anberaumt wird. Am Dresdner Elbufer ist Ende Juli ein weiterer Festivaltermin bestätigt.
Als die Nachfrage für die Wuhlheide-Konzerte auch nach dem ausverkauften Zusatzgig nicht abreißt, beschließen Band und Veranstalter Anfang April, ein drittes Konzert am 26. August dran zu hängen. Wenn es nicht eh schon klar wäre, würden es spätestens jetzt alle wissen: Deutschland hat echte Dancehall-Reggae-Superstars. Wer waren nochmal Toots And The Maytals und die Wailers?
Fox spricht über sein Solo-Album, die Arbeit mit K.I.Z. und die Zukunft von Seeed.
Berlin im Sommer. Heiß und stickig. Wenn sich ein gewisser amerikanischer Präsidentschaftskandidat zur Stippvisite in der bundesrepublikanischen Hauptstadt ansagt, treffen Faktoren aufeinander, die einen Besuch fast unerträglich machen.
Horden amerikanischer Studentinnen mit Change-Buttons am Revers und "Gehste zu Obama, wa?"-Sprüche verleiden einem das große Hundeklo im Osten Deutschlands doch erheblich. Zumal dann, wenn der Aufenthalt im dicken B eigentlich dazu dient, Pierre Baigorry, Enuff und Peter Fox auf einmal zu treffen.
Jener werkelt gerade am ersten Album unter seiner eigenen Flagge und gibt dem rasenden laut.de-Reporter Auskunft über sein Schaffen und das Entstehen seines musikalischen Babys. Um nicht im Studio zu versauern, schlägt Pierre den Gang zum nahe gelegenen Vietnamesen vor, wor er sich zwischen Litschi-Schorle (groß) und einer Suppe (noch viel größer) den Fragen stellt.
Joa. Natürlich ist das alles ein bisschen übertrieben und überspitzt, aber der Song handelt von dem Bedürfnis, etwas Neues anzufangen und etwas Altes radikal zu zerstören, auch wenn das nicht immer gelingt. Das Bedürfnis ist aber öfters da, sich zu häuten, so nach dem Motto "jetzt mach ich endlich jeden Tag Sport". Was man sich eben so vornimmt. Wie an Silvester: im nächsten Jahr wird alles anders. Aber das habe ich auch unabhängig von Silvester immer mal wieder.
Worin besteht diese Häutung?
Kommt darauf an, was gerade nervt. Oft ist das aber auch kein negativer Antrieb. Sondern dass man Lust hat, vieles anders zu machen. Egal, ob das jetzt bewussteres Leben ist, Sport machen, nicht mehr kiffen oder weniger arbeiten, eine lange Reise machen oder sich mehr ums Kind kümmern. Davon macht man meist nur die Hälfte wahr, oder auch nur ein Zehntel, aber der Impuls ist erst einmal ziemlich stark.
Man bekommt eben bei solchen Zeilen den Eindruck, dass dein erstes Auftreten als Solo-Künstler mit deinem vorherigen Leben abschließen möchte. Das ist in meinen Ohren eher negativ konnotiert.
Ja, ich habe auch darüber nachgedacht, dass man das so verstehen könnte, ist aber nicht so gemeint. Die Pause, die wir jetzt mit Seeed machen, dient dazu, mal was anderes zu machen, ich brauch mal frische Luft. Das heißt aber nicht, dass ich das Alte ablehne oder nie dahin zurückkehren möchte. Ich habe einfach Lust auf was Neues und auf eine Veränderung, denn auch etwas Gutes kann sich abnutzen oder langweilen. Es ist aber klar, dass wir mit Seeed wieder zusammen kommen und eine Platte machen.
Also ganz offiziell für alle Zweifler: mit Seeed geht's weiter.
Ja, das haben wir ja auch immer betont.
Wie ist das so, wenn du an deiner Solo-Platte arbeitest ...
Das ist ja eigentlich keine Solosolosolo-Platte, sondern ich hatte einfach Lust darauf, mal mit Leuten außerhalb von Seeed zu arbeiten und das wird es auch immer wieder geben. Bei Seeed sind wir aber so viele, dass es schnell schwierig wird, noch weitere Leute integrieren zu wollen, auch wenn man meint, die könnten uns einen guten Input geben. Das Boot ist schon per se "voll". Wenn es die Zeit zulassen würde, würde ich gerne 200 verschiedene Projekte machen. Das ist kein Statement gegen ein bestimmtes bestehendes Ding, sondern einfach für größtmögliche Abwechslung.
Elf Leute unter einen Hut zu bringen ist sicher schwierig. Wie sieht das bei deinem eigenen Ding aus, ist die Arbeit dann automatisch leichter?
Nee, überhaupt nicht. Da gabs eigentlich keinen großen Unterschied, was die Studioarbeit angeht. Ich habe ja bei Seeed lange mehr oder weniger alleine produziert und habe das auch oft an mich gerissen. Inzwischen habe ich aber auch mal Lust, irgendwo einfach nur mitzumachen. Bei der Peter Fox-Platte ging es auch nicht darum, endlich mal alles alleine zu machen, sondern etwas auf die Beine zu stellen was im Seeed-Kontext nicht möglich gewesen wäre.
Bei Seeed ist es übrigens auch nicht so, dass ich komplett beratungsresistent bin. Ich stehe schon auf Teamarbeit, aber gerade am Anfang mit Seeed war mir schon wichtig, dass ich die Richtung vorgebe, damit wir erstmal einen bestimmten Stil finden - aber grundsätzlich macht mir alleine arbeiten gar keinen Spaß. Es gibt bestimmte Phasen, in denen man am produktivsten alleine ist, aber im großen und ganzen steh ich auf Teamwork. Das Team muss halt gut zusammen funktionieren und eine gute Mischung aus Leadern und Mitmachern haben, die alle zufrieden mit ihrer Rolle sind und in dieser auch am besten arbeiten können.
Gerade wenns ans live spielen geht, wird mir Seeed sehr fehlen. Im Studio arbeiten wir in Kleingruppen, aber wenn es darum geht, das Ganze auf die Bühne zu bringen, ist Seeed eben schon eine Macht, die man schwer ersetzen oder toppen kann. Aber das ist auch eine gute Herausforderung. Ich werde als "PETER FOX" etwas auf die Bühne bringen, das ganz anders als Seeed ist, aber wir werden da wahrscheinlich ähnlich viele Leute auf der Bühne sein (lacht). Aber man darf das nicht vergleichen. Es ist eben was ganz anderes, muss natürlich aber auch knallen. Ich will ja nicht abstinken, wenn ich damit auf Tour gehe, so dass alle hinterher sagen "na ja Seeed ist auf jeden fall besser". Ich will nicht zu viel verraten, aber es wird auf jeden Fall sehr drumlastig werden und etwas Neues sein, was es so in Deutschland noch nicht gegeben hat.
"Hunde, Tauben, Stadtaffen". Wie kam dieser Arbeitstitel zustande?
Der hat sich aus den Themen der Songs ergeben, und dass die Wörter Hunde und Tauben immer wieder aufgetaucht sind. Da musste ich die Flucht nach vorne antreten. Nicht, dass das jemand entdeckt und fragt, "sag mal, in jedem deiner Songs taucht das Wort Hunde auf, ist dir nichts Besseres eingefallen?". Deshalb haben wir das schnell zum Titel erklärt. Im Album dreht sich eben vieles um das Leben in einer großen Stadt anno 2008 und um Leute, die so ungefähr in meinem Alter sind. Nicht mehr Teenie, aber immer noch mehr jung als alt. Was da passiert und was einem so durch den Kopf geht. Deswegen "Hunde, Tauben, Stadtaffen". Die Stadtaffen sind wir, ich find uns oft ganz schön affig.
Auf einem Promo-Foto zur Platte, das dich vor einem großen Orchester zeigt, hältst du einen Lolli in der Hand. Ist das Absicht?
Ja. Da ich schon lange nicht mehr rauche, brauche ich immer Zahnstocher, Lollis oder irgendwas, um orale Befriedigung herzustellen.
Ich hab das gleich wieder tiefenpsychologisch interpretiert. Alle Musiker, einschließlich dir, im feinen Zwirn, und dann Peter Fox ganz vorne mit dem Lolli, der diese seriöse Szenerie auf den Arm nimmt.
Brüche find ich immer ganz gut.
Die thematischen Brüche ziehen sich ja auch durch dein Album. Auf der einen Seite tief dramatische Texte mit pathetischer Stimmung und Streichern wie in "Schwarz Zu Blau", und auf der anderen locker entspannte Sachen wie "Haus Am See", die die perfekte Familienidylle mit 20 Kindern beschreiben.
Die beiden Sachen liegen ja thematisch nah beieinander. Bei "Haus Am See" geht es darum, dass man zu Hause jeden Stein kennt und jede Taube beim Namen. Ich will weg, komme aber auch gerne wieder zurück. Es heißt darin ja auch "hier bin ich geboren, hier werd ich begraben". Das ist bei "Schwarz Auf Blau" ähnlich. Wenn ich nach dem ganzen Dreck und Ranz, der in dem Song beschrieben wird, am Ende sage, ich kann auch nicht ohne. Ich bin ein Großstadtaffe, werd ich auch immer bleiben. Auch wenn ich immer mal wieder denke, ich müsste mal am Meer leben, würde ich wohl immer wieder hierher zurück kommen.
Also keine wirkliche Sehnsucht nach dem Haus am See?
Doch! Aber vielleicht dann an einem Berliner See ... (lacht) Ich glaube, ich werde immer an der Stadt kleben bleiben. Natürlich kotzt es auch oft an und man will raus, aber das ist normal und geht bestimmt nicht nur mir so.
Warum kotzt die Stadt so oft an?
Na das ist doch offensichtlich. Zum Beispiel wenn man ein Kind hat, merkt man das sehr intensiv. Gerade hier: überall Hundescheiße, alles ist ziemlich dreckig, man kann sich gegen keine Häuserwand lehnen, weil garantiert vor zehn Minuten jemand dagegen gepisst hat, auf dem Spielplatz liegen Spritzen. Neulich ist hier jemand in eine reingetreten. Ist schon eklig. Speziell Kreuzberg ist zwar ein sehr angenehmer Bezirk zum Leben, weil hier nicht das große Geld ist, was auf der einen Seite seinen Reiz ausmacht, aber dann wieder schwierig ist, wenn das Kind in die Schule soll. Für mich als Erwachsener ist es cool. Hier gibt es Kneipen, Bars und Trallala, und ist auch einigermaßen grün. Für ein Kind ist es aber eigentlich ein bisschen zu dreckig und an den meisten Grundschulen kann die Mehrzahl nicht richtig deutsch.
Gab es nie die Überlegung, mal wegzuziehen?
Doch, klar. Immer wieder. Da wird ständig überlegt. Ich würde schon gerne hier bleiben. Ich muss halt schauen, ob ich eine gute Schule finde. Ich will mein Kind nicht in einer Blase der Gutsituierten aufwachsen lassen, aber hier ist es auch nicht optimal.
Privatschule?
Muss man mal sehen, wie gut die sind. Aber wenn sich dort dann wieder eine ganz bestimmte Klientel zusammen rottet, finde ich das auch nicht cool.
Ist Pierre Baigorry reifer, seitdem er Vater geworden ist?
Glaube ich jetzt nicht. Das ist ja ein ständiges live and learn. Ich wäre ja jetzt auch ohne Kind langsam alt genug, um ein paar Sachen gerafft zu haben. Ich glaube nicht, dass es nur das Kind ist, wenn ich mit 18 Vater geworden wäre, wär ich ja nicht automatisch deswegen reif geworden. Aber klar - man muss sich eben noch über jemand anderes Gedanken machen, als nur über sich selbst.
Den einen oder anderen bestimmt. Ich habe ja auch auf dieser Platte einen Club-Song mit Bräuten, Tanzen gehen und dem ganzen chi-chi ... aber das ist diesmal eher ein Nebenschauplatz.
Wie ist es eigentlich für dich selbst, wenn du dich mal neben dich stellst und deine Karriere als Musiker betrachtest?
Ich stelle fest, dass ich als Musiker viel Erfolg und gute Qualitäten habe. Dazu gehört aber auch, dass man dann in anderen Lebensbereichen eher abloosed und dass man sich darauf eigentlich nichts einbilden muss.
Heißt?
Na, so wie ich es sage. Das alles ist ja tendenziell ein Gleichgewicht. Ich kuck jetzt nicht zurück und sage "geil, ich habs geschafft". Man hört eben nie auf, zu lernen. Es geht immer weiter, man steckt sich immer neue Ziele, die dann vielleicht nicht unbedingt was mit Musik zu tun haben. Obwohl, auch da. Ich hör mir die alten Sachen zum Beispiel nach einem halben Jahr an und denke, dass man das viel besser hätte machen können.
Nerven dich dann Termine wie die Abgabe der Tapes bei der Plattenfirma?
Nee, das ist ja auch eine Befreiung. Irgendwann muss eben mal Schluss sein, ist halt so. Es ist ja wichtig, dass man eine Sache auch fertig machen kann. Ich bin ein schlimmer Perfektionist, aber man muss auch mal was fertig machen, wenn man voran kommen will. Wenn man nichts hin stellt sondern immer in seinem Kämmerchen weiter verbessert, hat sich's irgendwann tot verbessert und dann kommts nie raus. Das wär ja auch scheiße. (lacht)
Warum sind eigentlich die Spielzeiten der meisten Songs so kurz? Die pendeln sich alle so um die drei Minuten ein.
Wieso? Ich finde, ein guter Song sollte gar nicht viel länger sein, ist ja kein Roman, sondern ein Song.
Fass es doch mal als Kompliment auf. Dass man sich wünschen würde, das Lied würde noch ne Runde drehen, bevor es zu Ende ist.
Vielleicht würdest du aber dann auch feststellen, dass du dich anfängst, zu langweilen. Ich mache ja eigentlich sehr textbezogene Musik - zumindest auf dieser Platte - und irgendwann ist dann eben gut. Genug Text jetzt ! Über vier Minuten ist eigentlich zu lang. Das ist ja auch eine bestimmte Disziplin, ich mache ja keine Oper oder Art-Rock mit 20 Parts und zehn Soli, das wäre überhaupt nicht mein Ding. Nicht, dass ich nicht auch was für längere Stücke übrig hätte, aber auf dieser Platte ist das nicht meine Disziplin.
Teilweise hätte ich aber gerne bei einigen Songs auch das Instrumental drauf, weil ich das auch ohne Gesang hörenswert finde und wir uns sehr viel Mühe mit dem Arrangieren gegeben haben. Deshalb wirds wohl auch eine Edel-Edition geben, wo die ganzen Instrumentals drauf sind.
Natürlich - sicher könnte man den Vocal-Song auch so machen, dass am Schluss noch eine Minute nur der Beat läuft, aber man kann halt nicht alles haben. (lacht) Ich habe aber gemerkt, je älter ich werde, desto kürzer werden die Lieder.
Stand es eigentlich von vorneherein fest, dass du alles auf Deutsch singst?
Von vorneherein stand ja gar nicht fest, dass ich überhaupt auf der Platte singe, ich wollte eigentlich nur was produzieren; den Sound, das Orchester und wollte lieber jemand anderen darauf singen lassen.
Die Geschichte mit Ceelo Green stimmt also schon, dass er wegen des großen Erfolges mit Gnarls Barkley dann keine Zeit mehr hatte?
Mhm, ja. Ceelo wäre der Hauptgewinn gewesen. Ich hätte es aber eventuell auch mit einem anderen Sänger gemacht, der alles hat, was ich von einem Sänger erwarten würde.
Das wäre?
Geile Stimme, aber auch gute Texte, gutes Songwriting und so weiter. Ich hätte nicht mit irgendeinem Sänger arbeiten wollen. Guter Gesang allein reicht eben nicht. Mir ist einfach keiner eingefallen. Ich habe bei einigen amerikanischen Soul-Sängern mal vorgetestet, aber es wäre schwierig gewesen, das mit denen so zu machen, wie ich mir das vorgestellt habe. Ceelo wäre halt perfekt gewesen. Nach seinem Mega-Erfolg mit Gnarls Barkley hat der halt auch nicht unbedingt auf mich gewartet. Es war dann klar, dass er mit Gnarls Barkley noch eine Platte macht anstatt mit mir.
Wie gefällt dir persönlich, was er mit Dangermouse macht?
Cool. Ich finde nicht alle Songs gut, aber es sind auf beiden Platten richtig geniale Songs drauf. "Smiling Faces" fand ich total genial.
Wie war das mit dem deutschen Gesang?
Der Plan war ja gar nicht, eine Solo-Platte zu machen. Vor allem, weil ich eigentlich gar keinen Bock gehabt habe, zu zwölf Songs den Text zu schreiben. Als es dann klar war, dass es mit Ceelo schwer werden würde oder ich auf jeden Fall lange warten müsste, habe ich wieder angefangen, zu texten. Dann habe ich mich mit Daffy zusammen getan, der mir beim Schreiben geholfen hat. Alleine dazusitzen macht keinen Spaß, es ist schon cooler, das mit jemandem zusammen zu machen, der einem direkt Feedback geben kann und selbst coole Reime in den Raum wirft. Dann war irgendwann klar, dass das was werden könnte und dann habe ich beschlossen, eben doch selber zu singen. Irgendwann kam dann auch der Ehrgeiz, mit deutscher Sprache eine Pop-Platte zu machen, die in allen Belangen cool ist.
Das wäre noch eine Frage gewesen, wie du deine Scheibe stilistisch einordnen würdest, mir fällt nämlich keine Schublade ein.
Filmmusik zum Tanzen. Ist halt Pop-Musik. Popular Music. Ich wollte Musik machen und keine Tracks. Ich wollte auf allerhöchstem Rap-Niveau reimen, dass es gut fließt und trotzdem keine Rap-Inhalte liefern, kein Schulhofgelaber. Rein reimtechnisch hat sich da ja viel entwickelt. Das fehlt mir aber bei vielen deutschen Pop-Künstlern, ich finde viele Texte sind technisch gesehen einfach nicht gut gemacht. Die fließen nicht, da sind immer wieder Wörter drin, die meiner Meinung nach nicht klar gehen, oder die doof klingen (lacht). Mein Anspruch war, dass die Texte sehr gut sein müssen. Plastisch, emotional, einfach, aber nicht billig und plump - und: vor allem gut gereimt.
Bagdad's Backwaren?
Das ist ein Shop hier am Schlesischen Tor, ein Bäcker. Mittlerweile heißt er Sindbad, früher hieß er Bagdad. Ein Bäckerladen, der rund um die Uhr bäckt und da kann man eben auch morgens um vier Schokocroissants, Kuchen und was weiß ich nicht alles kaufen. Genial.
Wie kam es eigentlich zur Kollabo mit K.I.Z.?
Weil ich die cool finde. Die sind eine der ganz wenigen frischen Erscheinungen im Rap. Ich habe auch meine Meinungsverschiedenheiten mit ihnen, weil zum Beispiel bestimmte Wörter einfach nicht sein müssen. ... finde ich.
Zum Beispiel?
(Etwas gedämpft sprechend) Fotze. Ich möchte nicht, dass meine Tochter dieses Wort hört.
Das wirst du wohl nicht verhindern können.
Ich weiß, dass man das nicht verhindern kann, aber ich muss es nicht auch noch promoten. Aber auch wenn wir uns nicht in jedem Detail einig sind, finde ich die witzig, die haben einen super Humor. Sicher krass und derbe, aber eben auch gut. Ich finde viele ihrer Songs sehr witzig. Ich denke, die werden noch einige coole Sachen machen.
Hat mich ohnehin gewundert, dass die noch nicht richtig durch die Decke gegangen sind.
Die müssen sich noch ein bisschen die Hörner abstoßen (lacht). Ich rede wie ein alter Sack ...
Ja!
(lacht) ... der die jungen Emporkömmlinge beurteilt. Aber so ist das wirklich ein bisschen. Ich bin beeindruckt von den Skills und dem Humor, die haben etwas ganz Eigenes, was so bisher noch nicht da war. Das nötigt mir auf jeden Fall Respekt ab.
Hast du sie angefragt, ob sie Lust hätten, was mit dir zu machen?
Weiß ich jetzt gar nicht mehr. Da gibts viele Vernetzungen. Tarek ist der Neffe einer ehemaligen Mitbewohnerin. Dann gab es noch Management-Verknüpfungen (mit Miss Platnum z.b.), ich fand die cool und die fanden Seeed cool und dann hat sich das eben ergeben.
So ganz selbstverständlich ist das aber auch nicht. Speziell im Deutschrap dürfte es doch so manche geben, die denken, es wäre uncool fürs Image, einen Song mit jemandem zu machen, der nicht den selben musikalischen Background teilt.
Ja, aber so sind die nicht drauf. Die haben zwar auch ihre Rap-Parameter, nach denen sie Sachen beurteilen, sind aber auch offen. Niko steht auch auf Sachen wie Schweinerock, ist Terrorgruppen-Fan und läuft die ganze Zeit mit Metal-T-Shirts rum. Wir wollen mal schauen, ob wir nicht ein paar Liebeslieder zusammen texten können.
Sänger Eased über Groupies, Raabs Song Contest und die anstehende Fußball-WM.
Einen Tag nach dem Gewinn des Bundesvision Song Contest machte der Seeed-Tourtross im beschaulichen Freiburg halt und ließ sich von laut.de auf den Zahn fühlen.
Beim Interview in Freiburg stand Sänger Frank Dellé erfrischt Rede und Antwort, obwohl die komplette Band den Sieg bei Raabs Show bis in die Puppen gefeiert hat. Da die Stadt nach wie vor kein Erbarmen mit der veralteten und in ihrem Charme an eine überdimensionierte Jugendherberge erinnernde Stadthalle hat, durften sich Frank und Gesprächspartner in ein Mickerräumchen zurück ziehen.
Sichtlich froh über den bisherigen Tourverlauf vor meist ausverkauften Häusern und die gestiegene Popularität, schwatzte Frank aka Eased aus dem Seeed-Nähkästchen bzw. über Polygamie, ihre Live-Performance, warum sie immer noch keinen Song zur Fußball-WM geschrieben haben und last but not least über die anstehende DVD.
Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Bundesvision Song Contest. Wie kurz oder lang war die Nacht?
Um fünf waren wir im Bus, der dann Richtung Freiburg losgefahren ist, wo wir heute spielen. Es war schon eine lange Nacht, und wir haben die ganze Zeit getanzt und uns gefreut; durch die Bank weg. Die Chancen waren ja sehr gut, weil wir so viele sind und Berlin hinter uns haben: Ich dachte, dass das funktionieren kann, dass wir da gewinnen. So richtig dran glauben tut man ja nicht, bis es dann passiert. Da gab es ja noch das Kopf an Kopf-Rennen mit In Extremo und Revolverheld. Das hat das bis zum Ende hin richtig spannend gemacht. Das erste Statement war ja gleich zwölf Punkte von Nordrhein-Westfalen, und damit hab ich ja überhaupt nicht gerechnet. Ich dachte eigentlich, dass aus Prinzip jedes Bundesland seiner eigenen Band die volle Punktzahl gibt.
Das war auch die einzige Ausnahme.
Finde ich aber gut. Manchmal darf der Lokalpatriotismus der Qualität weichen. (lacht)
Mit einem bestimmten Hintergedanken?
Auf jeden Fall. Schön abgepost vorher, aber dann hats ja jetzt doch noch geklappt.
Aber mal ehrlich. Als ihr zum zweiten Mal auf die Bühne gekommen seid, habt ihr doch schon ordentlich einen im Tee gehabt, oder?
Wir haben auf jeden Fall gut Bier getrunken. Pure Freude und Adrenalin, und eben Bier. Ich hab ja meine Strophe auf deutsch angefangen. Ich muss mir das Ganze mal im Fernsehen anschauen.
Das wollt ich als Nächstes fragen. Was war das denn, von wegen "sieh den brennenden Körper"?
(lacht sich einen) Das ist so ein interner Gag bei uns (singt) "See dat burnin' body!" und dann eben "seht den brennenden Körper". Ich dachte mir ok, für Germany, damit die auch verstehen, was ich da singe. Der Sound muss ja relativ schlecht gewesen sein, als wir noch mal hoch sind, ne einzige Katastrophe.
Keine Ahnung, wie sich das in der Halle angehört hat, aber die Abmischung, die am Fernsehschirm rüberkam, war ziemlich grauenhaft. Die ersten, AK4711, haben da ziemlich drunter leiden müssen.
Bei uns war das so: Wir waren in der Halle zum Soundcheck. Und da war der Klang relativ gut. Dann hat die Show begonnen. Als AK4711 gespielt haben, waren wir im Catering, wo Monitore aufgebaut waren, und ich dachte mir nur "Oh Gott, wenn wir so klingen". Das ist halt so, bei einem Halbplayback-Auftritt. Wir haben da ja noch mal ein klares Statement abgegeben, dass wir uns das wünschen würden, dass es live wäre. Vom technischen Aufwand ist das bei solchen Fernsehsendungen sehr sehr kompliziert. Der Vorteil bei so einer Halbplayback-Geschichte sollte halt sein, dass es sehr gut klingt. Wenn aber nicht einmal das funktioniert, kann man sich vorstellen, wie schwer das ist, das live fürs Fernsehen zu mischen.
Stichwort Bühnenklamotten. Wie kommt ihr dazu, oder woher stammen die Ideen?
Das entsteht aus der Diskussion heraus. Als Demba, Pierre und ich in Jamaika unterwegs waren, gabs einfach ein Brainstorming. Da hat jeder seine Ideen eingebracht. Es geht eigentlich immer darum, Stil, Stoff und Farbe zu finden. Dabei sollte jeder einzelne sich in seiner Klamotte wieder finden. Wir tragen zwar alle den gleichen Stoff, aber Demba zum Beispiel hat da so ne Kapuze, ich eher klassisch, und Pierre dann wieder was anderes, andere wieder sportlicher. Ich persönlich finde, das ist das geilste Outfit, das wir bisher hatten. Ich fühl mich richtig wohl da drin. Trägt sich ganz leicht, und man sieht einfach gut drin aus. Ich finde ja nach wie vor, dass Männer in Anzügen am besten aussehen. Generell ist die Optik bei einer Show wichtig. Das fand ich ja bei In Extremo gut. Die legen auch Wert auf Show und Entertainment. Mir war auch immer wichtig, nicht nur den guten Song, sondern auch eine gute Show zu bieten. Leider hat das in Deutschland sehr lange kaum jemand gemacht. Die meisten gehen eben in Jeans und Wollpulli auf die Bühne und spielen ihre Rock-Soli runter, was ja auch sehr virtuos und spannend sein kann, aber die Optik zeichnet Seeed eben auch aus.
Das ist schön, wenn das so rüber kommt. Manche Leute nehmen das wirklich ernst und denken, jetzt sind sie bekannt geworden und glauben, sie seien die Größten. Man muss das eben positiv rüber bringen, indem man ein positives Lebensgefühl transportiert. Daher auch diese Masse und das mannschaftsmäßige Auftreten. Alleine bist du eben nicht so stark. Jeder einzeln kann eben nicht das auf die Bühne bringen, was wir als Mannschaft können. Jeder trägt den anderen, und wenn man sich streitet, hat man in dieser großen Masse auch viel mehr Leute, zu denen man mal flüchten kann. Das hat eine Menge Vorteile. Der Hauptvorteil ist für mich, dass zwar jeder Seeed kennt, aber keiner so richtig genau weiß, wer dabei ist. Ich kann mich in Berlin noch relativ frei bewegen, ohne gleich einen Hype als Frank zu haben, den ich aufgrund der Bekanntheit von Seeed haben müsste. Das ist sehr schön und kommt daher, dass alle Interviews geben und vor die Kamera gehen.
Wo wäre für dich der Punkt erreicht, an dem du nein sagen würdest?
Na ja, eine Homestory von mir würde ich nie machen. Das ist ja auch eine Gratwanderung. Wie bei Raab gestern zum Beispiel. Das ist ja wirklich Mainstream, das kuckt ganz Deutschland. Auf der einen Seite freue ich mich, dass unsere Musik von vielen gehört und geliebt wird. Auf der anderen Seite ist das so in etwa, als wenn wir in das Maul des Drachen schauen würden. Dass jetzt die ganze Boulevardpresse ankommt, könnte schneller gehen, als man denkt. Mal schauen, wie das wird.
Ist das Bandgefüge so gefestigt, dass euch so was nicht tangieren würde?
Erst einmal ist es von der Plattenfirma her - die uns ja mittlerweile kennt, und mit uns im Team zusammen arbeitet - so, dass die sich fragen: wie mache ich am meisten Geld. Und Geld macht man am meisten mit Publicity. Uns wurde mal gesagt, wir hätten kein Gesicht. Wenn eine Band einen Sänger hat, kann man sich das als Poster ins Zimmer hängen, und genau das ist für uns die Gratwanderung. Da kämpfen wir immer wieder ganz bewusst darum und sagen nein, so machen wir das nicht, wir wollen als Band wahrgenommen werden. Mittlerweile ist das eine Selbstverständlichkeit, und die Plattenfirma will das jetzt selber so machen, weil sie sehen, es hat auch so funktioniert. Aber ich denke, wenn wir am Anfang nicht darauf bestanden hätten, dann wäre das nach Schema 08/15 abgelaufen. Wir drei Sänger würden dann vorne stehen, und die Band wär eben eine Backingband.
Bei der Entstehung von "Next!" waren viele aus der Band auch als Produzenten tätig. Ich kann mir vorstellen, dass es bei so vielen Leuten in bestimmten Situationen auch mal ordentlich krachen kann.
So richtig gekracht hats eigentlich noch nie. Wir arbeiten jetzt seit sieben Jahren zusammen. Da kennt man sich und weiß, was der einzelne mag. Gewisse Dinge werden gar nicht mehr in den Raum gestellt, weil man weiß, dass das bei Seeed nicht durchkommen würde. Trotzdem bin ich froh, dass wir die Produktion von "Next!" hinter uns haben und jetzt wieder live spielen und als Mannschaft mit geballter Kraft auf der Bühne stehen können. Während der Produktionsphase hat jeder Riddims geschrieben und versucht, seinen durchzubringen. Da wurde dann abgestimmt und diskutiert, ist das gut, ist jenes gut. Das ist dann irgendwann nicht mehr richtiges Musikmachen. Da laufen so viele Geschichten nebenher, dass man auch froh ist, wenns dann endlich fertig ist und die Leute sich wieder das Maul darüber zerreißen können.
Ich weiß, du bist eher der rootsy tootsie-Typ
(lacht) Rootsy tootsie! Das hab ich ja noch nie gehört.
Wieso? Toots And The Maytalls sind doch eher rootsy.
Ah, verstehe. Gut, ok.
Wieso haben es so wenig Songs in der Machart von "Goosebumps" auf die Platte geschafft? Da schieb ich gleich noch eine Frage hinterher. Warum spielt ihr "Riddim No.1", "Top Of The City" und "Papa Noah" live nicht mehr? Das sind für mich Seeed Live-Brecher, die ich einfach hören will.
Das ist eben das Ding mit den unterschiedlichen Meinungen. Wir stimmen darüber ab. Jeder hat da seine eigene Richtung. Wenn ich federführend alles machen würde, würde das in eine Richtung führen, die wahrscheinlich kommerziell nicht funktionieren würde. Wenn die - ich nenne sie mal Elektro-Fraktion - durchgehend bestimmen würde, würde das auch nicht funktionieren. Das ist das, was Seeed ausmacht. Jeder von uns ist an dem anderen gewachsen. Ich kann da mal von mir ausgehen: Ich habe an mir ganz neue Seiten entdeckt. Nimm zum Beispiel "Slowlife" - eine geniale Nummer von Demba - da habe ich, inspiriert durch diesen Song, eine Strophe dazu geschrieben und Qualitäten an mir entdeckt, die ich nicht entdeckt hätte, wenn ich an meinen eigenen Stücken rumgemacht hätte. Das charakterisiert ein bisschen das Ding. Bei den Fans gibt es die Roots-Liebhaber, die die Klassiker hören möchten, da gibt es die Elektro-Fans, die gerade die modernen Sachen gut finden, da kannst du es keinem recht machen. Wir müssen es uns recht machen. Bei elf Leuten ist das schwer genug. Aber beim neuen Album hat das als Weiterentwicklung von dem, was wir vorher hatten, komplett seine Berechtigung. Ich vergleiche natürlich auch. Mein Lieblingsalbum ist "New Dubby Conquerors". Das ist damals ganz unverkopft einfach rausgeflossen. Das ist mein Favorit, aber auch nur meine Meinung. Soundmäßig haben wir uns viel weiter entwickelt und gelernt, richtig zu produzieren und Sachen richtig heraus zu arbeiten. Das Publikum vergleicht natürlich auch und hat unterschiedliche Meinungen. Aber wenn du alle unsere Sachen auf einen Ipod ziehen und shuffle drücken würdest, hättest du gute Musik.
Das mache ich natürlich nicht
Ach so natürlich. Machst du nicht. (lacht)
Ne, ich hab ne Creative Jukebox. Was anderes. "Next!" war das erste Album von euch, in das ich mich richtig reinhören musste. Als ich es zum ersten Mal gehört habe, war ich irritiert, weil die Songs nicht so leicht ins Ohr geflutscht sind.
Ich habe aber den Eindruck, dass das bislang bei allen Platten so gewesen ist. Es gibt ja diesen Seeed-Sound und da hast du eine bestimmte Erwartung, weil du die Platten kennst und vergleichen kannst. Das ist was ganz anderes, als wenn du eine Band neu entdeckst. Ich denke, dass viele der alten Hardcore-Fans von der neuen sehr enttäuscht sind, aber dass Leute, die sich Seeed früher nie angehört haben, das gut finden. So haben wir wahrscheinlich viele neue Hörer dazu bekommen. Was aber ganz wichtig ist: Seeed-Platte und Seeed live sind zwei ganz verschiedene Sachen. Die Band erlebt man am besten, wenn man sich das live anguckt und hört. Einige Songs sind live was ganz anderes als das Elektro-Ding auf Platte. Wir stellen die Setlist auch oft um und spielen wieder was von der "New Dubby Conquerors". Wir haben jetzt eine Palette an Song, mit denen wir gut variieren können. Die Abwechslung braucht man aber auch. "Papa Noah" ist da ein gutes Beispiel. Manche können den Song nicht mehr hören. Innerhalb der Band gibt es da eine Übereinstimmung von ungefähr 60 oder 70%. Um die letzten Prozent wird diskutiert. Wenn man dann noch die Kritik von Fans oder Außenstehenden berücksichtigen würde, würde man nie zu einem Ende finden.
Das ist mittlerweile wieder rausgeflogen. Ich glaube, wir haben da einen ähnlichen Geschmack. Die Stücke, die ich richtig geil finde auf "Next!" sind "Aufste'n", "Twisted", "End Of Days" und "Goosebumps". Natürlich finde ich "Schwinger", "Ding" und die ganzen Sachen auch gut. Pierre haut da bei den Texten Sachen raus, die sind echt klasse. Da versuch ich eben, englischen Strophen drauf zu setzen.
Ja, ja. So wie mit dem brennenden Körper.
(lacht) Ja, der brennende Körper.
Wie hättest du dann beim zweiten Bundesvision Auftritt die "boobs in a naughty top" übersetzen wollen?
Wie war das gleich. Stimmt, da habe ich ja auf der Bühne ein wenig gestockt. Ich dachte mir, ich lass das mit den Möpsen mal weg. So in der Art: "Sieh den brennenden Körper, in einem gewagten Top".
Dann ist aber dann der Flow hinüber
Ne ne.
(Frank singt aus dem Stehgreif die erwähnte Textzeile. Es passt tatsächlich)
Ok, ja, das haut hin. Dann bring das mal bitte heute Abend auf der Bühne.
(lacht)
Mal ne ganz blöde Frage. Ich habe mich immer gefragt, ob eine Band, die zu elft auf Tour ist, nicht ab und zu mal einen Musiker aus Versehen irgendwo stehen lässt?
Jahaaa. Ja, wir haben tatsächlich Alfi auf mal stehen lassen. Da mussten wir dann wieder rumdrehen. Das war irgendwann 2001 auf der ersten Tour. Wir haben jetzt einen ganz tollen Tourmanager, den Tommi, der sammelt uns dann immer ein.
Ihr könnt euch ja auch einen Chip implantieren lassen, der dann Alarm auslöst, wenn sich einer von euch weiter als 500 Meter vom Bus entfernt.
Schlimm ist das ja bei den Aftershow-Partys, wenn wir bis vier Uhr morgens losziehen. Er muss dann immer die Betten kontrollieren, ob auch alle drin liegen. Ich will nicht tauschen mit ihm. Das ist ein Hardcore-Job.
Unter dem Bild von Pierre auf dem neuen Album steht der Name Pete Fox. Woher kommt der denn bitteschön?
Das mit dem Künstlernamen ist ja so ein Ding. Ear, Enuff und Eased haben wir uns irgendwann einmal ausgedacht und fanden das witzig, aber irgendwann dann auch wieder nicht mehr so. Enuff hat ihm dann irgendwann nicht mehr so gefallen, deshalb Pete Fox. Fox wegen seiner roten Haare, so fuchsmäßig, das Pete kommt von Pierre.
Vom Fuchs zu einem anderen Tier. Im Trickfilm-Video zu "Ding" wird dein Part von einem Dachs gesungen. Wie fühlst du dich als Dachs?
Haha, sehr gut. Vor allem vor so einer großen Dachsfrau. Ich hab mir dieses Bild auch vorgestellt - ich stehe ja auf große, kräftige Frauen - in dem dieses Megaweib auf dich zukommt und dich einfach auffressen will. Irgendwann kriegst du dann Angst und willst nur noch rennen. Und trotzdem ist da dieser dringliche Dachs mit seinem "see dat burnin' bodeee". Da passt das natürlich perfekt.
Ich habe mir eh gedacht, dass so was früher oder später mal kommt. Immer die gleichen Performance-Videos werden auf die Dauer ja auch langweilig, oder?
Genau. Wir dachten, wenn man uns als Knetfiguren abbildet, ist das auch langweilig. Und die Geschichte des Songs komplett nachzuspielen, ist einfach nicht cool. Man muss das von uns als Personen loslösen, und das hat ganz gut hin gehauen.
Hand aufs Herz. In wieweit ist der Song autobiografisch?
Naaaa. Da sind schon, ... ähm, wie soll ich sagen ..., also viel ist ... ja. (lacht ausgiebigst) Ja ja, wart mal, bei Pierres Strophen ... ich weiß es nicht. Ich darf eigentlich ... (lacht) Aber die Situation kennt man schon. Auf jeden Fall. Die Bühne macht sexy. Sobald du auf der Bühne stehst, ist mehr Angebot da. Wir sind Männer, und wir stehen auf Frauen, wissen aber, dass Polygamie nicht funktioniert.
Ihr seid ja auch hübsche Kerlchen.
lacht Da muss man immer wieder stark sein. Die Frau zuhause muss auch Vertrauen haben. Ich stelle mir das nicht so einfach vor als Frau eines Musikers. Das Umfeld kommt dann mit Fragen wie: "traust du dem denn?". Damit musst du auch leben können.
Ihr habt auf eurer Homepage ein 'Answering Bureau', in dem Fragen an die Band beantwortet werden. Schaut ihr da auch mal persönlich rein und guckt, was da so geschrieben steht?
Ja ja. Ich guck da schon rein.
Hast du dann den aktuellen Knatsch zwischen In Extremo- und Seeed-Fans mitbekommen?
Ja, habe ich gesehen. Pierre hat das mit dem Piratenschiff gesagt. Ich habe mir gedacht "Mensch, warum so ein Satz?". Ich kann das nachvollziehen, dass man sich darüber ärgert. Pierre ist halt jemand, der impulsiv ist, und dann kommt halt schon mal so eine Aussage bei raus.
Aber war das nicht eher ironisch gemeint?
Ich habe die Aussage nicht mitbekommen, als er das gesagt hat. Ich kann mir vorstellen, dass In Extremo das selbst nicht so ernst nehmen, ihre Fans aber schon. Sobald du etwas bekannter bist, wird alles auf die Goldwaage gelegt. Ich bin die ganze Zeit neben dem Sänger gesessen, und wir haben geschwatzt. Er wollte sogar, dass wir mit irgendeiner Reggae-Idee mal was zusammen machen. Und dann lese ich im Forum, dass es Knatsch gibt. Ist aber auch lustig, wie das auf einmal wichtig wird, früher hätte sich da doch keiner für interessiert.
Stichwort Live-DVD. Das Thema steht ja schon eine geraume Zeit im Raum. Ich habe jetzt schon einige Szenen von eurer Wuhlheide-Show 2004 gesehen und habe mich gefragt, warum ihr die nicht einfach auf DVD presst. Das muss ja ein grandioser Auftritt gewesen sein.
Der Auftritt war sehr sehr schön, stimmt. Aber eine Seeed-DVD ist etwas anderes als ein Live-Auftritt. Wenn wir irgendetwas raus bringen, dann muss das gut sein.
Das war doch nicht schlecht ...
Das stimmt. Aber das wäre ein Teil. Wir würden dann natürlich bei so einer DVD auch immer nur das Beste nehmen. Jetzt schneiden wir wieder mehrkanalig mit. Eine gute DVD zeichnet sich meiner Meinung dadurch aus, dass sie eben nicht nur ein Live-Konzert zeigt, sondern auch andere Sachen hat, die interessant sind. Bislang haben wir zwar sehr viel Material, aber davon ist 95% Schrott. Das macht es schwierig, etwas auszuwählen. Wenn eine DVD kommt, soll die geil sein und internationales Niveau haben. Das ist unser Anspruch. Das ist auch der Grund, warum wir das hinten an gestellt haben. Wir wollen das aber tatsächlich Ende des Jahres nach den Festival-Konzerten konkret angehen, gleichzeitig mit einer Live-Scheibe. Das ist der Plan.
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