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Is To Define Space The Aim Of Design? Ein Name, der viele Fragen aufwirft. Warum dieses Monstrum von Bandtitel, zum Beispiel. "Wir hoffen, der Name bedeutet so was wie Selbstverwirklichung als Lebenskonzept und natürlich wollten wir den längsten 'The' Bandnamen aller Zeiten haben", erklären die Mitglieder Martin "Einhorn" Aleith (Gesang), Henrik "Jeanz" Aleith (Bass), Stephan "Schulzky" Szulzewsky (Gitarre) und Jan "Kuc" Kucharski (Schlagzeug).
Doch nicht nur am Namen scheiden sich die Geister, Musik und Texte werden ebenso kontrovers diskutiert. The Aim Of Design Is To Define Space (kurz Aim Of Design oder Aim) zitieren Kinderbücher von Hans Fallada, besingen Dave Gahan und Harald Juhnke, thematisieren ostdeutsche Identität oder Aktionskunst und polarisieren dabei konsequent.
Lob und Tadel gehen Hand in Hand – "stilsichere Bildungsbürger" rühmen die einen, "spätpubertäre Phrasen ohne intellektuellen Nährwert" kritteln die anderen. Musikalisch bewegt sich die Gruppe zwischen Progressive Rock über Synthie Pop bis hin zum Post Punk. Den eigenen Sound bezeichnen sie wahlweise als Brandenburg/Berlin-Powerrock oder als Angst Pop.
"Ein offensichtliches Problem sind die Texte", weiß auch Schulzky. Der Presse ist man entweder zu frech oder zu schön, positive Kritik ernten die selbstbetitelten "Forrest Gumps der deutschen Musik" eher im Umfeld unabhängiger (Online-) Fanmagazine, so auch geschehen beim Debüt "Gosen U Can Rave II", das die Band Ende 2003 über das Berliner Musiklabel und Künstlerkollektiv R.O.T. (MIA., Flexevil, Toastar) auf den Markt bringt. Die Mitglieder kennen sich schon eine Ecke länger: Einhorn und Schulzky lernen sich bereits 1991 kennen.
Aim Of Design gründet man 2001. MC Einhorn und Bruder Jeanz stammen aus der Brandenburger Kleinstadt Erkner und beschließen eine Band ins Leben zu rufen. Auch Schulzky, der aus dem Nachbarort Gosen kommt, ist mit im Boot – zu Beginn noch unter dem Pseudonym "DJ Ostdeutschland" bzw. "DJ Deutschland". Der erste Gig folgt im März des Jahres. Von 2001 bis 2003 sitzt Andi Ross (alias Andy Penn, MIA.) am Schlagzeug, später übernimmt Kuc diesen Part.
Im Anschluss an die Debüt-Veröffentlichung geht es auf "Vorwärts Brandenburg Tour", allerdings verläuft diese wie auch die 2004 folgende "Chipfabrik, Komm Zurück Zu Mir Tour" relativ erfolglos. Anerkennung erntet man dafür in Schauspielkreisen: Ben Becker bekennt sich zu seiner Fanleidenschaft, springt im Berliner Big Eden bei einem Aim-Gig auf die Bühne und singt lautstark mit.
Auch einige Festivals werden bespielt, etwa das erste Berlinova oder die Fête de la Musique, bei denen Aim Of Design u.a. mit Seeed oder Tigerbeat auftreten. Nach einem Labelwechsel erscheint im Oktober 2005 bei Hobby Deluxe (Girls In Hawaii, Locas In Love) das zweite Album "Aim Of Design Good Time", das zuvor noch bei R.O.T unter dem Titel "Gosen Gibt Gas" aufgenommen und produziert wird. Die Presse-Urteile fallen diesmal freundlicher aus.
Aim Of Design bemühen sich um zugänglichere Texte und melodiösere, kraftvollere Songs. "Hier sind 'lyrics' noch Lyrik, boys and girls! Hier will Gitarrenmusik nicht Retro oder Post-fuck sein, hier ists modern und zu cool for the Zeitgeist!", lautet die Selbstkritik in bekannt überheblich-prolligem Ton. Zur Freude aller Depeche Mode-Fans wird das Backcover im "Personal Jesus"-Look gestaltet (siehe Künstlerbild oben). Und auch einen Track widmet man den Synthie Pop-Größen.
Anschließend spielen Aim einige Promo-Gigs. 2006 beginnt die Gruppe mit den Aufnahmen zum neuen Album. Trotz der vielen Arbeit lässt man sich nicht lumpen, gibt einige wenige Konzerte und tritt Mitte des Jahres beim Berlinfestival auf. Im Mai 2007 stößt Gregor "Greg" Albrecht, ein Fan der ersten Stunde, zur Band. Er bietet seine Dienste an und übernimmt fortan die zweite Gitarre, um dem Sound mehr Druck zu verleihen. Auch Georg von Tokio Hotel ist neuerdings bekennender Aim-Hörer und trägt im November bei einem Fernsehauftritt stolz seinen neuen Fan-Pulli zur Schau.
Schulzky widmet sich dafür mehr und mehr dem Produzieren. Er und Kuc beginnen im Mai mit dem Mixen der dritten LP "Aimthusiasm", die im Februar 2008 bei Haute Areal (MIT, Werle, Schwervon!) erscheint. Auch Andi Ross - nach wie vor ein guter Freund der Band - ist auf der neuen Platte musikalisch vertreten und spielt unter anderem mehrere Gitarrenparts. Marit Posch, auch bekannt unter ihrem Künstler-Pseudonym Damero, ist ebenfalls mit von der Partie und stimmt hier und da gesanglich ein.
Mit "Aimthusiasm - Die Serie" gibts zum neuen Album gleich noch ein eher ungewöhnliches Projekt: Ein leicht an Larry Davids "Curb Your Enthusiasm" angelehnter Comedy-Clip über die Berliner Band, zu sehen auf dem Underground-Filmportal 99stories.com. Das ganze fungiert jedoch eher als Werbegag - tatsächlich folgt dem Pilot keine Serie.
laut.de präsentiert: Schulzky vs. Martin L. Gore und die Partys zur neuen Platte.
Schulzky, Depeche Mode-Fan und Songwriter der Berliner Band The Aim Of Design Is To Define Space, traf Martin Gore für laut.de in Berlin. Checkt auch die Depeche Mode-Releasepartys zu "Sounds Of The Universe" an diesem Wochenende aus (siehe Surftipps).
Wenn Künstler aus unserem schönen Land ihre Helden treffen, beschleicht einen schnell ein ungutes Gefühl. Wem treibt der Auftritt von Wolfgang Niedecken in Bruce Springsteens "Hungry Heart" Video nicht die Schamesröte ins Gesicht? Auch die Kollabo von Herbie Grönemeyer mit Antony Hegarty hinterließ Leere und Fragezeichen.
Sollen sich die internationalen Künstler doch auf Augenhöhe treffen, denkt man sich: "Non siamo soli", das Duett von Ricky Martin und Eros Ramazotti, Puerto Rico featuring Italien, sei da als positives Beispiel genannt.
Schlimmer wirds nur noch, wenn an Ereignissen arme lokale Karrieren unnötig in die Länge gezogen werden und Künstler, die eben noch geschüttelreimt haben, plötzlich zu Autoren oder Schriftstellern mutieren. So verfasst Maurice Summen, ehemals oder immer noch Kopf von Die Türen, für die Berliner Zeitung neuerdings völlig unironische Kritiken über Sarah Connor-Konzerte.
Und auch die Werke von Christiane Rösinger (Britta) oder Nagel (Muff Potter) wecken eher das Bedürfnis, die Erfindung des Buchdrucks zu verfluchen. Dann doch lieber gleich saftige Gastrokritiken verfassen so wie neuerdings Blixa Bargeld in seinem Restaurantreiseführer "Europa kreuzweise" oder die kulinarische FAZ-Kolumne von Jürgen Dollase, ehemals Keyboarder und Backgroundsänger der 70er-Krautrockband Wallenstein.
Nun sollte ich mich in diese traurige Riege einreihen und Martin Gore interviewen. Einige meiner Helden habe ich schon getroffen: Salman Rushdie saß mir mal mit einer sehr jungen Dame im Speisewagen vom ICE Köln/Berlin gegenüber, Boy George gab mir auf seiner Party in London Begrüßungsbussis, ich beglückwünschte Thomas Kretschmann persönlich zu seinem Auftritt bei "Valkyrie", Philip Roth trafen wir im "Ouest" in New Yorks Upper West Side, Maxim Biller verkaufte ich einmal beinah eine Badehose und als Student war ich mal mit Peter Sloterdijk essen. Der ließ gleich zweimal den Wein zurückgehen!
Nun also Martin Gore. Meine nach wie vor ungebrochene Leidenschaft für Depeche Mode ist an anderer Stelle nachzulesen (siehe Surftipps). Ich war sehr aufgeregt. Im Hotel de Rome stolperte ich erst einmal über Christian Eigner, den österreichischen Live-Drummer der Band.
Ich band ihm nicht gleich unter die Nase, dass er fast alle klassischen Depeche-Stücke zertrommelt, denn man sah und roch ihm die Echo-Party vom Vorabend noch deutlich an. Und dann gings schon los. Gore trug das, was man wohl "expensive casual" nennt, nicht Ed Hardy, aber fast. Ich stelle mich vor: "Stephan". Er reichte mir die Hand: "Martin". Sehr höflich, hochprofessionell, eben sehr amerikanisch.
Als dein zweites Soloalbum rauskam, hast du gesagt, du würdest all die Solokünstler bedauern, die alleine unterwegs seien, da es mit einer Band backstage immer lustiger zugehe.
Ja, klar. Mit mehreren Leuten ist es immer witziger. Gestern (beim Echo) waren neben uns dreien noch Christian und Andrew dabei. Sagte ich Andrew? Christian und Peter natürlich!
Viele eurer Zeitgenossen konzentrierten sich meiner Ansicht nach zu sehr auf technisches oder soundfixiertes Songwriting und vergessen darüber oft den Song an sich. Gerade britische Bands. Glaubst du, dass deine amerikanischen Wurzeln hier eine Rolle spielen?
Ich bezweifle, dass das einen Einfluss auf mein Songwriting oder meinen Gesangsstil hatte, aber ich weiß es natürlich nicht. Jedenfalls bin ich in Essex groß geworden und erfuhr erst im Alter von 31, dass mein richtiger Vater Amerikaner war, ein schwarzer Amerikaner. Daher kann ich schwer beurteilen, inwieweit mich das beeinflusst hat.
Ich weiß nur, dass ich viel mehr Gospel-Musik höre als meine Freunde. Das ging schon los als ich 20 war. Aber natürlich habe ich mir diese Frage auch schon oft gestellt: Hast du das in deinen Genen oder nicht? (lacht)
Im Song "Perfect" gibt es die Zeile "I'm just a plain and simple singer". Das erinnert an Bob Dylans "I'm just a song and dance man". Hat dein Umzug nach Amerika dein Songwriting beeinflusst?
Interessanter Punkt, wenngleich auch diese Frage schwer zu beantworten ist. Ich finde, die Platte klingt positiver, ist schneller und vielleicht auch spiritueller. Letzteres würde ich zumindest "Peace" und "A Little Soul" zuschreiben. Ich will jetzt wirklich nicht wie ein New Age-Hippie klingen, aber die Tatsache, dass ich in Kalifornien lebe, mag auch ihren Teil zu den Songs beigetragen haben.
Ich muss bei eurem Album "Exciter", das ich kürzlich wieder für mich entdeckt habe, immer an die Hitze und Traurigkeit eines kalifornischen Vorabends denken. Sind die Songs 2000 auch schon in Kalifornien entstanden?
Nein, die Hälfte des Albums ist noch in England entstanden. Aber ich war schon am Übersiedeln.
Du hast diesmal mehr Songs geschrieben als je zuvor im Vorfeld eines Albums. Woher stammt diese Energie?
Da gibt es mehrere Gründe. Zum einen wusste ich, dass Dave wieder an einem Soloalbum arbeiten würde. Für mich bedeutete das: ein ganzes Jahr Zeit fürs Songwriting, ganz relaxt. So konnte ich mich auf mein eigenes Tempo konzentrieren und hatte keinen Druck von außen. Für jeden Song habe ich ungefähr ein paar Wochen benötigt.
Und du weißt immer, wann ein Song fertig ist?
Also, ich weiß meistens, wann ein Demo so weit ist, dass man es anderen Leuten vorspielen kann. Ein anderer Grund, warum es diesmal schneller ging, war, dass ich den Songwritingprozess aufs Laptop umgestellt habe. Das hat ziemlich Zeit gespart.
Die neue Platte ist strukturell sehr vielschichtig. Wie früh weißt du schon, welche Sounds den Songs später gut stehen? Früher hast du deine Demos ja bewusst einfach gehalten, damit im Studio viel experimentiert werden konnte.
Früher arbeitete ich meist auf der Gitarre die Grundakkorde, die Songstruktur und die Melodien heraus, natürlich auch den Text. Oder auch auf dem Klavier. Heute stehe ich manchmal auch am Keyboard, teste dort verschiedene Sounds oder programmiere etwas und beginne dann, dazu zu singen. Diesmal ging das aber erstaunlich schnell, eben wegen dem Laptop.
Und dann hatten wir einfach von der letzten Platte noch ziemlichen Schwung. Kaum waren wir von dieser sehr erfolgreichen Tournee wieder zu Hause, hatte ich das Gefühl, dass es gut wäre, so schnell wie möglich wieder neue Songs zu schreiben. Das ist auch eher ungewöhnlich, da es ein Leichtes für mich gewesen wäre, einfach ein Jahr Pause zu machen. Nach dem Motto: Soll Dave erstmal sein Soloalbum veröffentlichen, dann kann ich immer noch damit anfangen.
Bist du eigentlich ein 'natürlicher' Songwriter? Sprich: Musst du schreiben? Früher war es ja eher so, dass du Songs geschrieben hast, wenn es eben an der Zeit war, oder?
Ich schreibe nicht durchgehend. Wenn ich mich mal hinsetze und anfange, dann läuft es, aber sobald ich fertig bin, und wir zum Beispiel das Album aufnehmen, kehre ich nicht jeden Abend nach Hause zurück, um mich an neue Songs zu setzen.
Fiel euch der Titel "Sounds Of the Universe" eher früh oder spät ein?
Der kam schon ziemlich früh, wobei ich nicht mehr genau weiß, wie wir da draufgekommen sind. Er schien zu passen. Ich finde ohnehin, dass wir diesmal Sounds benutzen, die manchmal schon an 60s Space Age-Pop erinnern.
Die zweite Stimme ist selten schon beim Demo eines Songs da. Das ist dann Studioarbeit. Dort ist das auch viel einfacher. Ich denke, das hat mit dem Umstand zu tun, wie Daves und meine Stimme zusammen harmonieren. Er hat diese mächtige Stimme, diesen Bariton, und wenn darüber dann meine eher dünne, weiche, oder wie immer man es nennen will, wenn beide Stimmen zusammen kommen, funktioniert es sehr gut. Die beiden Frequenzen ergänzen sich offenbar ziemlich gut.
Wie gehst du vor, wenn Daves Stimme einmal nicht richtig zu deinem Song passen will? Muss er improvisieren? Veränderst du dann deine Songs?
Das erste, was wir zusammen im Studio erarbeiten, ist die Tonart und das Tempo. Ich habe zum Beispiel eine nicht näher bestimmbare Tendenz, Songs langsamer aufzunehmen. Ich will die Demos wohl bewusst depressiv halten (lacht) Meistens müssen wir im Studio also das Tempo anziehen, wobei dieses Mal erstaunlich viele Songs das Tempo der Demos beibehalten haben. Was die Tonart betrifft, gehen wir meistens einen Halbtonschritt runter, manchmal auch einen ganzen. Dave singt eben auf einer tieferen Stufe.
Du hast auf dem neuen Album erstmals einen Song mit Dave gemeinsam geschrieben, wobei ich leider nicht weiß, welcher es ist.
Der Grund, warum du es nicht weißt, ist: Du hast ihn noch gar nicht gehört. Er ist nicht auf dem Album, wird aber auf eine Single und mit vier anderen auf das Boxset kommen. Es war allerdings keine wirkliche Kooperation. Ich hatte ein Techno-Instrumental geschrieben, das Dave sehr gut gefiel. Also nahm er den Song abends mit ins Hotel und arbeitete einen Text und eine Gesangsmelodie heraus.
Unterhaltet ihr euch heute mehr als früher? Tauscht ihr euch im Studio aus wie es andere Songwriter wahrscheinlich auch tun?
Nun, wir schreiben unabhängig voneinander. Sobald wir uns im Studio treffen, gerät aber ein ganzer Apparat in Bewegung. Es ist eher eine Kollaboration aller am Album Beteiligten, vom Programmierer bis hin zu Produzent Ben Hillier. Jeder einzelne Track bekommt sozusagen die gleiche Aufmerksamkeit von allen.
Am Ende dieses Prozesses ist es daher beinahe nicht mehr möglich zu sagen, wer eigentlich was geschrieben hat. Du kannst meiner Meinung nach anschließend nicht mehr klar und deutlich sagen: Das hier ist Daves Song.
Ich finde, man erkennt es an den Akkordwechseln.
Ja, vielleicht.
Ist euer Drummer Christian Eigner auch in den Kreativprozess involviert?
Er ist vor allem für die Live-Umsetzung unserer Songs wichtig und hat der Band dadurch eine ganz neue Sound-Dimension verliehen. Mit ihm wurden wir eine ganz andere Band. Im Studio sind wir nach wie vor eher elektronisch, auf der Bühne dann eine Liveband. Auf dieser Platte war er auch in den kreativen Prozess eingebunden, was nicht heißt, dass er die ganze Zeit bei uns im Studio war.
Wir schickten ihm Tracks, die er in Österreich bearbeitete und uns danach zurückschickte. Ich glaube er war an drei Tracks beteiligt. Und wenn wir das Schlagzeug dann bearbeiten, klingt es eh nicht mehr wie echte Drums. (lacht)
Im Vorfeld war ständig von eurer guten Laune im Studio die Rede, dass ihr noch nie so gut miteinander ausgekommen wärt. Man konnte fast schon Angst bekommen, die Platte würde am Ende auch so klingen.
Ich denke, es ist ein großer Mythos, dass eine Platte nur dann gut wird, wenn es im Studio Spannungen gibt. Man glaubt sowas immer sehr schnell. Oder dass man nur mit Drogen kreativ sein kann. Ich habe vor drei Jahren mit dem Trinken aufgehört, während unserer letzten Tour.
Das ist übrigens sehr wahrscheinlich ein weiterer Grund, warum ich dieses Mal produktiver war. Mehr Zeit, mehr Konzentration. Ich hing ja auch jahrelang dem Irrglauben nach, dass ich nie wieder einen Song schreiben könnte, wenn ich aufhöre zu trinken. Ich bin mir sicher, dass das nach wie vor viele Musiker und Künstler glauben.
Erinnerst du dich an den Augenblick, an dem du das Gefühl hattest, Depeche Mode könnte eine Karriere sein?
Puh, ich weiß nicht, das ist eine gute Frage. Wir schließen eine Sache immer zuerst ab, bevor wir weiter schauen. Die Leute fragen uns zum Beispiel immer, was wir nach einer Tour geplant haben. Keine Ahnung, wir haben dafür noch keine Pläne.
Das ist schwer zu beantworten, vielleicht waren wir immer von Natur aus pessimistisch. Wir hatten nie das Gefühl, etabliert zu sein.
Glaubt ihr das heute immer noch?
Nein, heute vielleicht nicht mehr. Ich denke, seit den letzten Alben hat sich schon ein Gefühl breitgemacht, dass wir eine Hürde genommen haben. Wir wissen, dass wir schon sehr lange dabei sind und sehen eine Chance, noch ein bisschen länger dabei zu bleiben. (lacht)
Es heißt, ihr geht im Sommer erstmals auf Stadiontournee, dabei habt ihr doch schon oft in Stadien gespielt.
Ja, wir haben über die Jahre schon öfter in Stadien gespielt, aber eben nicht ausschließlich.
Macht ja auch mehr Sinn: Einmal Olympiastadion statt drei Mal Waldbühne.
Yeah (lacht) Nein, ich denke es ist interessant, dass wir nach 29 Jahren im Musikgeschäft populärer sind als jemals zuvor. Selbst zu den Hochzeiten von "Violator" und "Songs Of Faith And Devotion" hätten wir niemals auf eine Stadiontour gehen können. Und heute können wir das. Was ziemlich erstaunlich ist nach 29 Jahren.
Ihr habt eben die fanatischsten Fans überhaupt. Manchmal spielen sich da ja Szenen ab wie damals bei den Beatles.
Ja, in Deutschland hatten wir immer großes Glück. Unsere deutschen Fans waren schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt absolute Die Hards. Mittlerweile haben wir unseren Status aber in ganz Europa gefestigt. Ich meine, wir spielen in Paris im Stade de France.
Ja, ein Stadion für 80.000 Menschen.
Genau. Auch dort hätten wir mit "Violator" oder "Songs Of Faith And Devotion" nicht auftreten können.
Freust du dich schon, die neuen Songs live zu spielen?
Das mag jetzt verrückt klingen, aber wir finden unser neues Album so gut, dass wir am liebsten jedes einzelne Stück live spielen würden. Gleichzeitig wissen wir natürlich, dass das nicht geht. Wir müssen uns also auf ungefähr sieben einigen. Das wird wieder einige Diskussionen geben. Zumal es eben einfach alte Songs gibt, die wir spielen müssen. Denn wenn wir es nicht tun, würden sich die Leute beschweren.
Schließlich spielt ihr in Stadien.
Eben. Wir können da nicht rausgehen und die obskuren Sachen spielen, die kaum einer kennt.
Letzte Frage: Hast du gehört, dass Neil Tennant von den Pet Shop Boys in einem Interview erklärte, dass eigentlich ihr seinen Brit Awards verdient gehabt hättet?
Ja, haben wir. Das war sehr nett von ihm.
Er hat ihn dann aber trotzdem gern selbst behalten.
Wer weiß, vielleicht ist er schon in der Post.
Pasadena, DDR-Fans und Junkie-Dave: Schulzky und Schuh knietief im Nerd-Talk.
Die Konzerte in Pasadena und Ostberlin 1988 sowie die Degenerierung von Dave zum Junkie: Aim Of Design-Songwriter Schulzky teilt aus. Wie laut.de-Redakteur Michael Schuh ist der 32-Jährige seit Ewigkeiten Depeche Mode-Fan - eine Liebe, die endlich geteilt werden muss.
Promoter haben in Musikredaktionen ja nicht den besten Ruf. Als seelenlose Auftragsschreiber ihrer Klienten verschrien, wird ihre kommunikative Arbeit meist als dauerndes Störmanöver ausführlicher Recherche und hochkonzentrierter Texterstellung betrachtet.
Im Falle von The Aim Of Design Is To Define Space hat der zuständige Marketingkollege deshalb eins und eins zusammen gezählt und im Wissen um die Vorlieben des Autors einfach nur beiläufig erwähnt, dass die von ihm anzupreisende Berliner Gruppe, kurz: Aim Of Design, mit Schulzky einen hartgesottenen Depeche Mode-Fan im Team hat.
Da es von dieser weit verbreiteten Spezies solche und solche Anhänger gibt, war dies erstmal nicht mehr als eine nette Ausgangsinfo, die aber zügig dem Greatest Hits-Liebhaberverdacht enteilte, als ich der Aim Of Design-Pressefotos von 2005 ansichtig wurde. Adaptierte das Quartett hier doch erfrischend subtil zwei im Depeche Mode-Ästhetikkanon weithin bekannte Fotos zum eigenen Zweck (siehe Fotogalerie).
Von da war es nur noch ein kleiner Schritt zur Klärung der Frage, ob dieser Schulzky, gleichzeitig Haupt-Songwriter der Band, nicht vielleicht einmal ausschließlich über Depeche Mode sprechen wollte. SMS-Antwort des Promoters: "Er hat voll Bock." Praktischerweise ist er auch noch Jahrgang '75, also gleiche Höhe. Na herrlich. Endlich mal ein Interview, das keiner Vorbereitung bedarf.
Hi Schulzky, was machst du grade?
Na, wir hatten grade ein Aim Berlinale-Interview, das war ganz gut. Dort wurden uns ein paar Filme vorgelegt und wir haben dann drüber geredet, weil unsere Band ja auch viel mit Filmen macht und thematisiert. Brando und son Kram.
Gut, wir haben uns ja auch auf ein schönes Thema geeinigt: Depeche Mode. War so ne Spontanidee mit eurem Promoter, denn eure Band kenn ich ehrlich gesagt erst seit dem neuen Album.
Is okay.
Wobei mir der Name schon länger geläufig war, klar, bei der Länge.
Also doch, oder? Ich habs immer gewusst. Wir ham das ja auch ein bisschen erfunden mit den komischen Namen, heute heißen ja alle irgendwie ... na jedenfalls heißt keiner mehr Slayer oder so.
Als ich euer "Personal Jesus"-Foto gesehen habe, war ich auf jeden Fall gleich verdammt heiß.
Und, wie fandste das?
Ja geil. Klar. Top-Idee.
Wir haben halt nen guten Fotografen, der Mühe, also das ist der Sohn von Ulrich Mühe, der macht auch die Videos und eigentlich alles was ich will. Also sag ich: Mach mal son Foto, sagt er: Okay, mach ich. Er hat dann auch die Frau besorgt.
Das ganze war also deine Idee.
Ja, wobei nicht zwangsläufig, die Albumtitel sind immer alle vom Bassisten, obwohl ich sonst schon immer das durchdrücke, was ich will. Aber jetzt quatsch ich die ganze Zeit, jetzt kommst du mal, was soll ich sagen?
Ja, wie lange hast du für die Fotos denn deine Kollegen überreden müssen?
Gar nicht, die sind alle Mode zugetan. Wir hatten am Anfang ja so Kategorien: Wer in die Band darf muss entweder vernünftig ausgehen können, was von Fußball verstehen oder Depeche Mode oder Manic Street Preachers-Fan sein.
Sehr schön. Ich war ja am Anfang noch ein bisschen skeptisch, oder besser unsicher, inwieweit so ein Gespräch über eine Band funktionieren könnte oder wie sehr dich die Materie heute noch interessiert, bis ich dann erfahren habe, dass du auch das Solokonzert von Martin Gore kennst, wo seine Töchter auf die Bühne kamen. Ab da war mir eigentlich klar, dass das hier der absolute Nerd Talk-Knaller werden könnte.
Hehe. Naja, ich finds ja jetzt ein bisschen schwieriger, seit Gore nach L.A. gezogen is. Das is für ihn zu sonnig da drüben, das tut dem nicht gut.
Lass uns mal die Basic-Fragen abklappern, dein Lieblingsalbum?
Ja, das ist schon "Songs Of Faith And Devotion".
Und ab wann warst du vergiftet?
Na, ich glaub '87 ham wir in der Schule Tapes von nem Typen gekriegt, das war ein Vater eines Schulkollegen, der war Seemann im Osten. Und der hat die "Music For The Masses" mitgebracht.
Ein Seemann im Osten?
Ja, Matrose halt, keine Ahnung. Und schon '84 saß ich neben einem Mädchen, das sitzen geblieben war und die hatte auf ihre Federtasche "Depeche Mode" geschrieben. (alle lachen)
Ok, aber 1987 war deine Initialzündung.
Genau. Und son Dave-Typ hat mich auch mal verprügelt, also son Dave-Lookalike.
Und daraus haste dann später den Song gemacht? ("Depeche Mode" auf "Aim Of Design Good Time", 2005, Anm. d. Red.)
Ja, so ungefähr. Wobei von unserm Depeche Mode-Song find ich auch nur noch den Schluss gut.
Die Passage "Dreh dich nicht weg, denn ich bin dein Bruder" is toll, bleibt im Ohr.
Findste gut, ja? Hm.
Wusstest du, dass da nix live dran is?
Du meinst dass der Auftritt nachbearbeitet wurde?
Aber richtig Hardcore. Also mindestens 70 Prozent.
Hmm, kam ja eh viel vom Band damals. Ich weiß, dass Alan Wilder gesagt hat, der 101-Gig sei auf keinen Fall einer der besseren gewesen ...
... wegen den Scheiß-Monitorboxen.
... wegen den Scheiß-Monitorboxen. (alle lachen)
Okay gut Schulzky, jetzt wirds aber schwerer: Was hast du am 7. März 1988 gemacht?
Oh, äh ... wart mal, 88? Kam da "Behind The Wheel" raus?
Nö.
Stille.
Am 7. März waren ...
Halt, war da das Seelenbinder-Konzert?
Genau. (Am 7. März 1988 spielten Depeche Mode zur Freude vieler Kaderkinder das erste und einzige Mal ein Konzert in Ostberlin in der Werner-Seelenbinder-Halle. Anm. d. Red.)
Oh nee, da war ich nicht, ich durfte nichtmal 1990 nach der Wende nach Berlin. Da war ich aber auch erst 13. Aber geil, das Seelenbinder-Konzert, in den DM-Foren schlagen sie sich zur Zeit ja immer noch die Köpfe ein, wie das wirklich war damals.
Ja, ich weiß. depechemode.de sucht ja Zeitzeugen für TV-Beiträge.
Genau. Aber auch '90 in die Deutschlandhalle durfte ich nicht hin, weil mir das mein Stiefvater verboten hat. Echt kacke. Waldbühne '93 war dann mein erstes Konzert.
Ok, nochmal kurz zurück zu Ostberlin ...
Ach ja, krasses Ding im Osten. Musst dir vorstellen, die kamen halt nie, es gab im Osten Bruce Springsteen und dann ...
Peter Maffay.
Der und noch so Schwachsinn, naja und dann kamen Depeche rüber und die Leute sind halt durchgedreht. Karten bekamen nur ein paar Berliner Schulen und Funktionärskinder, Linientreue halt. Die harten coolen Jungs durften da gar nicht hin. Manche haben echt Mopeds getauscht gegen ne Eintrittskarte.
Stimmt diese Anekdote also?
Ja, kein Scheiß.
Wie muss man sich das vorstellen, ich meine, du warst 13, hast du den Konzerttermin damals in der Schule mitbekommen?
Ich glaube, ich habe das nicht mitbekommen. Aber später, als "Personal Jesus" rauskam, Spätsommer '89, richtig? Als ich dann langsam anfing zu forschen, da is mir das alles aufgegangen.
Es heißt ja auch, dass das 1988 recht konspirativ abging. Wie du sagst: Karten wurden an Schulen verteilt, aber sonst wusste fast niemand, dass die Band in die Stadt kam.
Jaja klar, es gab da hinterher nen Artikel in der "Jungen Welt" und noch ein Interview im DDR Fernsehen.
Ja, kann man auch auf Youtube anschauen. Wahnsinn.
Genau, hab ich auch mal gesehen. Und dass die mit dem Auftritt kein Geld verdient oder sogar Geld verloren hätten, wie es immer heißt, glaube ich nicht, die wurden schon mit Devisen bezahlt.
Sicher? Das mit dem Geldverlust hab ich auch mal in einer Biographie gelesen. In Budapest 1985 oder so durften sie jedenfalls kein Geld mit rausnehmen, deshalb haben sich die Jungs mit Schmuck und lauter teurem Zeug eingedeckt.
Das war glaube ich in Polen. Aber klar, in Ungarn warnse schon früher, weil die ja auch westlicher orientiert waren. Da gabs ja auch immer schon Formel Eins und so.
Und dann 1993 endlich dein erstes Konzert.
Ja, das war krass. Ich weiß noch, dass ich nen Taxigutschein von Sat.1 hatte, mit dem ich dann von der Waldbühne nach Hause gefahren bin. Für 50 Mark oder so.
Sat.1? War das aus nem Preisausschreiben?
Nee, wir hatten da ne Bekannte oder sowas, jedenfalls hatte ich dann son Zettel.
Nach drei Jahren Fantum warste dann also endlich mit dabei.
Ja, ich meine, 1990 ging das ja richtig los. Da war ich ja noch klein und es gab Typen aus der zehnten Klasse, also härtere Jungs halt, die hatten dann halt schon alles und waren schon in der Innenstadt auf den Parties. Ich selber hab ja Rand Berlin gewohnt, also dörfliche Atmo. Naja und die härteren Jungs hatten das Album auch schon am ersten Tag und wir erst ein paar Wochen später.
Das tut mir ja jetzt leid mit dem Konzertverbot von deinem Stiefvater. Ich musste meinen Vater damals auch fragen, der hat mich erstmal zappeln lassen, am Ende durfte ich dann aber doch nach Stuttgart.
Das Konzert bei uns war Ende Oktober glaub ich, es waren ja zwei Konzerte in Berlin. Jedenfalls hab ich da grade die Schule gewechselt und es gab in Erkner eine Leistungsklasse und am Tag danach war das natürlich Thema Nummer eins bei denen, die dort waren.
Hart. Mit neuen T-Shirts an?
Klar, komplett, alles. Die ham sich sogar die Schuhe schwarz angemalt, also wirklich krass. Und alle sind dort gewesen, nur ich nicht. Also das war nicht geil.
Ja, klingt tragisch. Und bei deinem Stiefvater haste auch alles versucht?
Sicher, ich hab zum Beispiel gesagt: "Du warst doch auch Beatles-Fan", das Argument hatte mir meine Mutter noch gesteckt.
Lags denn am Weg zur Halle?
Nee, wir sind ja Rand Berlin, also Südosten, und bis zum Alexanderplatz sinds quasi 30 Kilometer. Wäre kein Problem gewesen. Naja. '93 war dann aber superfett, vor allem als der Vorhang da immer runter gekommen ist und dann haben die da noch gewischt.
Ah stimmt, das war das Konzert, wo es so geregnet hat und Dave barfuß war.
Ja und ich stand unten im Kessel der Waldbühne, also damals noch ohne Lautstärkenbeschränkung und so Quatsch. Ja und zuerst die Vorgruppe Miranda Sex Garden, kennste?
Klar.
Genau und die Alte, die jetzt mit Alan verheiratet is, hat an der Seite mit den anderen Girls so Ringelreihen getanzt zu "Walking In My Shoes", also als Verarsche. Ich weiß noch, dass mich das tierisch aufgeregt hat. (alle lachen)
Aber ansonsten wars schön.
Das war krass, ich hab geweint. Ich war mit nem Freund da und dann hamwa uns verlorn und als es vorbei war, da hamwa uns echt umarmt, also super Hardcore, das kannste dir gar nicht vorstellen. Richtig toll.
Haste dann auch Livetapes von Mode gesammelt?
Nee, aber ich hatte son Bootleg-Shirt, das hat jetzt Mart (Aim Of Design-Sänger) manchmal an. Gibts auch ein Bild von ihm im depechemode.de-Forum. In der Spalte "Berühmte Fans".
Aber 1993 machten DM natürlich auch visuell von sich reden, neues Image und so: Plötzlich war Dave ja ein Rocker mit Matte.
Ich wusste das schon, weil in der Bravo damals ein Studiobild von ihm mit langen Haaren war.
Ja, ich weiß, aber wir dachten damals, das sei ne Perrücke.
Ja und vor allem wie dünn der auf einmal war.
Der Hammer. Im "Bong", diesem Fanclub-Heft, gabs schon 1992 ein Geburtstagsfoto von ihm, das hat man nicht begriffen, wie der da aussah. 50 Kilo oder so.
Also mir war das alles überhaupt nicht klar, dieser Kosmos von Drogen und alles. Ich meine, Depeche Mode, das war bis dahin ne durch und durch bürgerliche Band. Was dann da abging, war mir einfach nicht bewusst. Klar, Nirvana kannte ich auch, obwohl ich das nie geil fand, aber mir war nicht klar, was mit dem passiert war.
Live auf der Tour wars dann aber schon klar. Und soundtechnisch waren "Condemnation" und die Samples bei "Get Right With Me" für "Violator"-Ohren halt auch schon harte Brocken.
Hast du auch gehört, dass Alan für sein neues Zeug jetzt so alte Depeche-Sachen samplet?
Nee, aber seine neue Platte ist ganz interessant. Find ich gut, dass er seinen Stiefel durchzieht.
Ja, naja, ich finde Alan sieht unglücklich aus. Ich meine, Mode sehen heute auch kacke aus, aber ... wir hattens mal davon, als diese EPKs (Promofilme für die Presse, die zur Veröffentlichung verschickt werden, Anm. d. Red.) auf den Re-Issues der Mode-Alben rauskamen. Am Anfang sieht Alan noch okay aus, so bei "Unsound Methods", aber heute, irgendwie deprimiert. Der muss irgendwann so richtig nen Knacks weg gekriegt haben. Die EPKs auf den Mode-Alben kennste ja, ne?
Nee, hab ich mir nicht geholt, aber kennt man ja das meiste, oder?
Nee, da is bei jedem Album ein Film dabei, geiles Material, also ich kannte das nicht. Zum Beispiel von den Aufnahmen '92 in dem Haus in Madrid, wo man halt sieht, dass die Atmo wie bei Aim is im Studio. (alle lachen)
Ah, verstehe. Und wer hat bei euch den Part vom gelangweilten Fletcher?
Der hat Studioverbot.
Klar, das war ja ne ziemliche Welle damals, da gabs auch ne Newsmeldung von offizieller Seite deswegen, glaub ich.
Ich kann dir sagen. Der Typ is ja aus dem Zimmer, also aus der Garderobe rausgestürmt damals, ohne Handschlag, und hat auf dem Gang dann noch zwei Mal "fucking Depeche Mode" gebrüllt.
Nee, echt? Das hättste mal schreiben sollen. Is ja geil.
Naja, war auch so genug Aufregung. Danach gabs ja noch ein Meet & Greet mit ein paar Fans, die Armen. Und dann kommt er, auf 180.
Naja, aber im Grunde macht es Sinn. Dave hat halt einfach nicht die Personality von, sagen wir, Robert Plant, weißte?
Ja, ich weiß was du meinst. 20 Jahre lang die Songs vom Kollegen singen. Mich hats damals voll aufgeregt, weil wir bei Dave so als Devotee-Nullblicker-Superfans rüberkamen, die sich nen Scheiß für seine Platte interessieren. Dabei machst du dir ewig Gedanken über den Gesprächsaufbau und naja, 2003 wusste man halt auch gar nix über die Bandzukunft. Da muss man natürlich auch was fragen. Aber er wollte eben nur über "Paper Monsters" sprechen.
Tja, und die Platte ist halt einfach nicht gut. Auf dem neuen Album gefällt mir zwar "Saw Something", aber sonst ... Wobei: diese zwei Songs von ihm auf "Playing The Angel" sind wirklich sehr gut, ich meine "Nothing's Impossible" und "Suffer Well". Aber sein Blueskram da, nee. Und ich verstehe das Problem auch zum Teil, wenn der Gore so ein Nicht-Communicator is, denn man redet nach ein paar Jahren in der Band einfach nicht mehr richtig miteinander. Kannst mir glauben, das is so.
Du meinst, dass man den Eigenheiten des anderen extra aus dem Weg geht?
Nee, einfach dass man nicht miteinander spricht. Also ich will das jetzt nicht mit uns vergleichen, aber ich kann es nachvollziehen, dass es da Frustrierte gibt.
So, jetzt muss ich aber nochmal angeben: Ich war ja letztes Jahr in Pasadena. (alle lachen) War ein Roadtrip mit Freunden von Vancouver nach Las Vegas.
Ja geil, und steht das Ding noch? Erzähl mal.
Klar, die Rose Bowl steht noch. Es gibt Fotos, auf denen ich davor nen Kniefall mache. Das ist ja alles total irreal, du fährst da ganz normal auf dem Highway nach Pasadena, dann irgendwann runter und an ein paar Wohnhäusern vorbei und plötzlich steht da dieses Ding, oben das Logo mit den Rosen dran und so ein Riesenparkplatz davor. Wahnsinn.
Und is da noch was drin, machen die noch Football oder sowas?
Ich glaube schon, also keine großen Spiele, das Ding is ja uralt. Auf jeden Fall hingen da massig Plakate für riesige Flohmärkte rum.
So und jetzt komm ich: Wer waren damals die Vorbands?
Rose Bowl? Äh, also OMD auf jeden Fall ... scheiße, es waren zwei, ne?
Ja.
Shit .... keine Ahnung. Ne europäische?
Ja. Okay: Wire. Das war ein Mute Act damals, frisch gesignt.
Fuck, wusste ich nicht. Okay. Ja und in Santa Barbara warn wir natürlich auch. (Wohnort von Martin Gore, Anm. d. Red.)
Voll der Rentnerort, wa?
Du sagst es.
Is nicht gut für ihn. Ich hab Martin zum Soloalbum im Cookys auflegen sehen, da war er auch noch schlank, war aber nich so gut. Von ner Freundin wusste ich, dass er da grade ne türkische Freundin hatte. Scheidung lief ja schon und so. Wobei nee, das war zu den Remixes.
Also 2004.
Jaja genau. Und um den Dreh rum war auch dieser Toast Hawaii-Act hier, wie heißen die nochmal? Client? Und da war er auch mit seiner türkischen Freundin. Ja und im Cookys, da stand er halt mit seinem Glas Red Bull oder was und hat sein Zeug aufgelegt, kennste ja.
Nee, hab nur von gehört.
Ja, also der hat schon Geschmack. Aber wie auch auf seinem Soloalbum, das is mir alles zu viel Köln-Techno. Ich mochte seine Interviews, da waren einige originelle Dinge bei. Ich finde der is schon sehr reflektiert, auch in seiner Einschätzung, was cool ist und was nicht. Grade so popkulturell, was ja viele verlieren mit dem Alter. Oder dass er immer über Erasure gemeckert hat, das war doch auch bei euch im Interview, oder?
Ja, ich glaube.
Aber was ich dich noch fragen wollte: Kennst du die EPK von der "Songs Of Faith And Devotion"?
Gesehen hab ich die nicht, aber da gibts ja so ein Interview mit Martin, wo er mit ner Gitarre im Hotel sitzt und plötzlich klopft da ne Frau an ...
Ja ja, genau das, und da wollte ich dich fragen: Ist das ne Nutte?
(alle lachen)
Also zuerst sitzt da ja ne hübsche Frau und er spielt Gitarre und dann klopft plötzlich die andere an, ich meine, what's the point? Echt lustig.
Ja, ich würde mal sagen, er hat sich was aufs Zimmer bestellt.
Eben. Ich war auch im Huxleys damals bei dieser Release-Party, wo die Band aus London zugeschaltet wurde und Fragen beantwortet hat. Alan hatte sich grade die Haare geschnitten, sowas fand ich alles interesant damals.
Wem sagste das. Und wie war dein erster Eindruck vom Album?
Na ich weiß noch, dass die Leute nich so gedanct haben, aber sobald "Black Celebration" kam, gings wieder voll ab. (alle lachen)
Logisch.
Das sind so kleinbürgerliche Spießer, die Mode-Fans. Wahnsinn.
Ja, das ist echt so. Wobei das heute für mich ja gar keinen Sinn mehr ergibt, ich meine, wovor wollen die sich denn noch abgrenzen in ihrer "eigenen Welt"? Alleine das letzte Album, da muss man ja auch mal mit der Fanbrille klar Schiff machen und zugeben, dass das nicht toll ist.
Ich fand schon "Exciter" nicht so gut. Das war mir auch schon zu viel Köln-Techno. Also ich fands immer gut, dass die Neues ausprobiert haben, auch wenn mit "Exciter" Fans auf der Strecke geblieben sind. Aber sie haben ihre Identität.
Bei der neuen Platte stört mich auch die Produktion. "Precious" zum Beispiel find ich als Lied schon gut, aber ich hätte es anders produziert, dass es mehr drückt. Die Strophen sind auch zu lang, da hättense besser mal mich gefragt.
Ich bin ja nach der letzten Platte auch eher unsicher, was die Zukunft angeht. Zuerst fand ichs ja schlimm, dass es jetzt Demokratie im Songwriting gibt und dann waren die Dave-Songs teilweise besser als mancher Gore-Song. Grade bei Sachen wie "Lilian" drängt sich mir der Eindruck auf, dass Gore auch nicht mehr so ganz auf der Höhe ist.
Ja wie gesagt, dem gehts da am Strand nicht so gut. Und jetzt hat er auch noch aufgehört zu trinken hab ich gehört. Aber hol dir echt mal diese CDs mit den EPKs, da sind auch Vorworte von Daniel Miller mit drauf.
Ach, die Dinger sind doch schweineteuer.
Dann lass es dir halt schenken. Kriegst du das Zeug nich eh alles umsonst?
Nö, Mute muss ja auch sparen.
Na jedenfalls sagt Daniel Miller bei "Ultra" was geiles. Da die Aufnahmen so teuer waren und die ja auch nicht getourt sind, ging denen langsam die Kohle aus. Vor allem Gahan war scheinbar fast pleite. Deshalb mussten die zu den Singles dann auch endlich wieder touren. Das war auf jeden Fall auch eine kommerzielle Entscheidung.
Echt? Krass!
Ja und wenn der Gore halt die ganze Kohle kriegt und Gahan die ganzen Scheidungen und Anwaltskosten, der sitzt auch da und sagt original, er hätte zu "Ultra" nen Scheck mit zwanzig Pfund gekriegt.
Häh? Das kann ja nicht sein. Die hat sich doch top verkauft.
Na es ging schon langsam bergab damals, aber ich glaube vier Millionen warns noch. Bei Youtube kannste das aber alles nicht angucken, denn da hat Mute natürlich die Finger drauf, auch klar.
Okay zum Schluss noch zu eurem neuen Albumcover: Ist das ein Joy Division-Tribute?
Nee, das ist das erste Gemälde, das ich mit Martin gemalt habe, 1,50 auf 3 Meter. Das haben wir wochenlang konzipiert und dann an einem Abend gemalt. Is also kein Tribute.
Du weißt aber, was ich meine, das Debütalbum mit den Schallwellen.
Nee, das hamwa mit Skalierlack gemacht, das is so ne natürliche Farbreaktion zur Luft oder so. Deshalb entstehen da diese Risse. Wir haben das Bild dann nach Leipzig transportiert und dort gescannt. Die hatten nen Großbildscanner. Die teuerste DIY-Platte der Welt sozusagen.
Und wie kam dieser Elektro-Einfluss jetzt zustande?
Wo hörste den?
Na überall halt. Im Vergleich zum Album davor.
Keine Ahnung. Wir treten jetzt ja auch ganz anders auf als früher, haben uns ein paar Sachen angeschafft. Ich glaube einfach, dass heutzutage der Rhythmus und der Groove ziemlich prägnant sein muss, damit man sich durchsetzen kann. Son Schlurfi-Larifari-Tocotronic-Schwachsinn geht nich mehr, es muss rummsen. Die meisten von diesen elektronischen Leuten ham halt keine Songs und das is nach wie vor scheiße.
Ein hartes aber gerechtes Urteil über Millionen von Synthie Pop-Bands.
Genau. Die ham halt Sounds und können damit umgehen, aber letztendlich bleibt es nur ne Ästhetik oder ein Stilmittel. Doch wenn du keine Lieder hast, isses einfach auch nichts wert.
Aim Of Design Good Time (2005), Gosen U Can Rave II (2003)
Songs und allerlei Lustiges aus Schulzkys Feder.
http://www.myspace.com/aimofdesign
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