Porträt

laut.de-Biographie

Spliff

Spliff kamen aus Berlin. Was daran so besonders ist? Das Berlin, um das es hier geht, hat mit dem heutigen nicht mehr allzuviel zu tun. Das Berlin Ende der Siebziger war, nicht zuletzt wegen der Insellage innerhalb der DDR, ein Sonderfall. Scharen von jungen Männern, die dem Dienst in der Bundeswehr entgehen wollten, zogen dort hin und durch die geografische Abschottung entstand auch eine ganz eigene kulturelle Szene, die magisch anziehend auf allerlei Außenstehende wirkte. Popgrößen wie David Bowie, Iggy Pop oder Depeche Mode machten dieses Berlin für eine Zeit lang zu ihrer Heimat.

Die Ursprünge von Spliff gehen bis ins Jhar 1973, zurück als der Bassist Manfred Praeker die Band Lok Kreuzberg gründet. Nach und nach stoßen Bernhard Potschka (Gitarre), der Österreicher Herwig Mitteregger (Schlagzeug) und Keyboarder Reinhold Heil hinzu. Die Band ist in jenen Tagen in Berlin sehr erfolgreich. Stilistisch im Politrock der Siebziger verwurzelt, kann man aber den übermächtigen Ton Steine Scherben nicht das Wasser reichen.

Als Nina Hagen aus der DDR ausgewiesen wird, schließt sie sich den vieren an und komplettiert das Line Up der Nina Hagen Band, wie sich die Truppe nennt. Nach nur zwei Alben ("Nina Hagen Band", "Unbehagen") trennt sich die Combo. Aus den Überresten gehen 1980 zum einen die Solokünstlerin Hagen und Spliff hervor. Der Bandname ist ein Slangausdruck für einen Joint und taucht auch mal in einem Songtext auf ("Scusi Senorina, willst Du auch nen Spliff, oder stehst Du nur auf Männer mit Schlips?").

Die erste Platte "The Spliff Radio Show" ist die Kurzversion einer Revue, die Spliff am zweiten Mai 1980 in Berlin aufführen. Thematisch geht es um das Musikgeschäft allgemein und den fiktiven Musiker Rocko J. Fonzo im besonderen. Auf dieser Scheibe bekommt jeder sein Fett ab. Produzenten, A&R-Menschen und kohlegeile Typen, die Musik nur als Produkt verstehen, quasi eine Vorhersage der kommenden Verhältnisse. Mit der Spliff Radio Show gelingt ihnen zwar ein Achtungserfolg, der aber gegen das, was dann kommt, ziemlich blass aussieht (was den kommerziellen Aspekt betrifft).

Schlicht "85555" (die Bestellnummer des Albums) betitelt, erscheint 1982 die Platte, die der Band zum Durchbruch verhilft. Hilfreich dabei ist, dass mittlerweile die Neue Deutsche Welle übers Land schwappt und deutscher Gesang auf einen Schlag akzeptiert wird. Die erste Auskopplung "Heut' Nacht" ist die einzige Single, bei der Praeker den Gesang übernimmt. Dieses Lied ebnete den Weg für den Erfolg von "Carbonara", mit das bekannteste Stück der Berliner. "Deja Vu" folgt kurz darauf. Mit den allgegenwärtigen Synthie-Drums und rabiaten bis gemeingefährlichen Gitarrenriffs passt die Musik zum endzeitlich gehaltenen Text.

Noch im selben Jahr erscheint "Herzlichen Glückwunsch" mit dem grünen Ampelmännchen als Cover. "Das Blech", mit gerapptem Gesang sowie das Titelstück gehen wiederum ordentlich ab. Spliff präsentieren sich mit einem Sound, der nur noch wenig mit dem der Radioshow gemein hat. Nicht zuletzt dank Reinhold Heil, der seinem Faible für seltsame Keyboardsounds nachgeht und Herwig Mittereggers elektronischen Drumpads klingen Spliff wie die perfekte Symbiose aus Rockband und Elektronikern.

1984 dann das letzte Album von Spliff, "Schwarz auf Weiß". Leider war die Wahl der ersten Single eine mehr als unglückliche, denn Radio ist so ziemlich das schlechteste Lied, das Spliff in Singleformat veröffentlichen. Die Platte floppt im Vergleich zu den vorherigen auch. Als Konsequenz trennen sich die vier, die in relativ kurzer Zeit sehr viel für die deutsche Rockmusik getan haben.

Natürlich verabschieden sich alle vier nicht von der Musik, sondern bleiben dem Metier in verschiedenen Rollen treu. Manne Praeker ist hinter dem Pult als Produzent sehr aktiv (Die Ärzte, Nena, Extrabreit). Berhard Potschka widmet sich seiner neuen Liebe, der Weltmusik. Reinhold Heil taucht immer wieder in den Credits anderer Musiker auf, so zum Beispiel bei den Ärzten, Marianne Rosenberg, Rainbirds, Rio Reiser oder Falco. Einen großen Wurf landet Heil mit der Filmmusik zum Kassenschlager "Lola rennt". Herwig Mitteregger macht nach dem Ende der Band als Solokünstler weiter, kann aber an die Erfolge der frühen Achtziger nicht mehr anknüpfen.

Manfred Praeker zieht es nach Portugal, wo er ein Tonstudio betreibt. Der Multiinstrumentalist und exzellente Basser, der Zeit seines Lebens in der deutschen Musikszene sein Unwesen trieb, verstirbt tragischerweise am 17. September 2012 nach schwerer Krankheit, kurz bevor er seinen 61. Geburtstag feiern kann.

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