Porträt

laut.de-Biographie

Royce Da 5' 9''

Der Grat zwischen gehypten Newcomer und schon vergessenem No Name ist schmal. Da kann sich die halbe Hip Hop-Welt an einem Tag noch auf das beste Debüt-Album seit Nas' "Illmatic" freuen, und der gleiche Künstler am Nächsten schon total vergessen sein. Von eben so einer Geschichte aus schnellem Ruhm, bitterer Enttäuschung, außergewöhnlichem Talent und enormem Pech kann der Detroiter Rapper Royce Da 5' 9'' ein Liedchen singen.

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Wie bei so vielen anderen Rap-Künstlern spielt der Herkunftsort auch bei Ryan Montgomery eine große Rolle in der Karriere, wie auch in der Musik. Der Lokalpatriotismus des Royce Da 5'9'' revolviert um die Automobil-Hauptstadt und musikalisch relevante Motown-Metropole Detroit. Die Bühnen der Millionenstadt, die dank des Blockbusters "8 Mile" auch jedem noch so Hip Hop-Desinteressierten bekannt sind, bieten dem gerade volljährigen Royce die Möglichkeiten, seine Skills zu trainieren. Fast als noch wichtiger erweist sich aber die frühe Netzwerk-Bildung in der Hip Hop-Welt.

Nachdem der junge Mann 1995 mit dem Rappen beginnt, kreuzen sich schon zwei Jahre später seine Wege mit denen eines gewissen Marshall Mathers. Eine Bekanntschaft, die sich im Verlaufe seiner Karriere als Segen wie auch als Fluch herausstellen soll.

Mit Hilfe dieser und diverser anderer Beziehungen zieht sich Royce im Jahr 2000 einen Deal mit dem prestigeträchtigen Label Tommy Boy an Land. Die Zusammenarbeit erweist sich allerdings als totaler Flop. Zu mehr als weitere Kontakte zu knüpfen, unter anderem mit als DJ Premier, eignet sich der Verein nicht. Deswegen öffnet nur kurze Zeit später das Label Game Records ihre Pforten für den talentierten Spitter. Eine Plattenfirma, die bis dato eher durch ihre Cover mit freizügig bekleideten Mädchen von sich reden macht. Das soll sich aber, auch unter der Mithilfe von Royce, ändern.

Unter den Fittichen von Game tritt der Rapper in die musikalische Öffentlichkeit und lässt quer über den Kontinent die Münder der Heads offen stehen. Angefangen mit den Underground-Bomben auf Game über die Kollaboration "Bad Meets Evil" auf Eminems Debüt "The Slim Shady LP" bis hin zum überzeugenden Auftritt mit Method Man und Eminem auf DJ Clues "Professional"-Mixtape - die Liste ließe sich lange weiter führen.

Als absolutes Highlight erweist sich schließlich die Über-Produktion mit DJ Premier, "Boom", die 2000 alles, was zu dieser Zeit an Hip Hop interessiert ist, niederfegt. Weitaus weniger einstimmig nimmt die Community die Kollaboration mit dem Britney Spears-/ Mandy Moore-Verschnitt Willa Ford auf. "I Wanna Be Bad" verschafft Royce zwar einen gewissen kommerziellen Erfolg und macht sein Gesicht mit dem MTV-Publikum bekannt, doch die Rap-Welt vernimmt die ersten "Sell Out!"-Aufschreie.

Trotzdem katapultieren all diese Releases die Erwartungshaltung an das Debüt-Album "Rock City" fast ins Unermessliche. Das Source-Magazin betitelt Royce als "the complete MC", diverse Vergleiche mit Nas und seiner Situation kurz vor der Veröffentlichung von "Illmatic" werden laut, und die Werbe- und Business-Entourage Eminems tut ihr Übriges dazu, dass die Heads rund um den Globus nach diesem Album lechzen.

Das Label Game Records, mittlerweile vom Giganten Columbia aufgekauft, hat aber im Zuge dieses Kompetenzenwechsels jegliche Entscheidungsmacht verloren und muss mit ansehen, wie Columbia den Release-Termin des Albums dreimal verschiebt. Tag um Tag müssen so Game und Royce selber mit ansehen, wie der hart erarbeitete Hype immer weiter abnimmt. Mit fast einjähriger Verspätung steht "Rock City" 2002 schließlich in den Regalen, doch der Verkaufsbarometer bleibt bei enttäuschenden 90.000 stehen. Außerdem sind die Begeisterungswellen der Kritiker deutlich abgeflacht, das neue Wunderkind des Raps ist wieder auf dem Boden der Tatsachen angelangt.

Die Augen der Heads sind zwar immer noch auf Detroit gerichtet, doch liegen jetzt Andere im Visier der hungrigen Meute. Dank der Allmacht Eminems gerät auch seine Crew D-12 in den Blickpunkt der konsumgeilen Hörer. Dieser Erfolg überschattet die Existenz von Royce, der sich zusätzlich in den Hintern beißt, da er genau diesen Weg von D-12 für seine eigene Crew vorgesehen hatte. Die Namen seiner Mannen, Tre Little, Cutthroat, Billy Nix, Jha oder Cha Cha, die gemeinsam die D-Elite bilden, sind jedenfalls bis heute den Wenigsten ein Begriff.

Royce Da 5' 9" - Success Is Certain
Royce Da 5' 9" Success Is Certain
Unheilige Allianz aus Skills, Eloquenz und Ingrimm.
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Wahrscheinlich voller Enttäuschung unterläuft Royce ein Schnitzer, für den er sich keinen schlechteren Zeitpunkt auswählen kann. Er beginnt, seinem Unmut Luft zu machen und holt zum großen Rundumschlag aus. Dabei bekommen seine ganzen ehemaligen Detroiter Homies ihr Fett weg. Besonders die D-12 Crew steht im Mittelpunkt der Hasstiraden, was natürlich weitere Antipathien Eminems mit sich zieht. Gegen den Einfluss eines solchen Superstars kann sich Royce nicht wehren, er muss sich endgültig geschlagen geben.

Die Auseinandersetzung kommt zu seinem Höhepunkt, als Royce und D-12 Mitglied Proof persönlich aufeinander treffen und die gegenseitig verletzte Ehre mit einem Kampf Mann gegen Mann wieder in Ordnung bringen wollen. Letztlich endet die Aktion darin, dass beide nach einem kleinen Intermezzo in Polizeigewahrsam mit Klagen wegen illegalen Waffenbesitzes auseinander gehen. Jeglicher Anspruch auf einen kommerziellen Erfolg ist damit dahin, die Zeiten stehen schlecht für den noch vor kurzem als ein Shootingstar gefeierten Rapper.

Trotzdem hat Royce dank seinem unbestrittenen Talent und seiner guten Kontakte zu diversen Kollegen wenigstens noch die Möglichkeit, mit hochkarätigen Musikern zusammenzuarbeiten. Das 2003 im Mixtape-Stil erscheinende Album "Build & Destroy" kann zwar mit illustren Namen angeben, wird aber trotzdem von der breiten Masse ignoriert. Eigentlich verwunderlich, da sich sonst Produktionen der Neptunes, Just Blaze oder den Alchemists als Selbstläufer entwickeln, egal wessen Stimme auf dem Track rappt.

Im Zuge dieses Release beweist Royce wieder einmal kein gutes Händchen in Sachen Umgang mit erfolgreicheren Kollegen. Wegen unterlassener Zahlung für einen Beat von Kanye West kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Herren. Angesichts des überirdischen Erfolgs, dem Herr West gerade entgegenblickt, sind das natürlich erneut schlechte Aussichten für Royce Da 5' 9''.

Die herrschende Ignoranz der breiten Öffentlichkeit gegenüber seinen Produktionen reißt auch bei dem neuesten Streich nicht ab. "Death Is Certain" findet sich trotz einstimmig akzeptablen Kritiken auf keiner Verkaufsliste wieder, der Rapper kann erneut seine Pechsträhne einfach nicht beenden. Obwohl das Album von nachdenklichen Songs bis hin zu echten Kopfnickern und einer erneut bahnbrechenden Kollaboration mit DJ Premier alles zu bieten hat, kann man keinerlei Interesse der Heads erkennen - der Struggle geht weiter.

Gleiches widerfährt dem Rapper bei der Veröffentlichung seines vierten Albums "Independent's Day" im Sommer 2005. Mit Unterstützung von Cee-Lo Green (Gnarls Barkley) und Produzent Nottz stimmt die Qualität, doch die wundersame Ignoranz der Hip Hop-Käuferschicht hält an. Immerhin ergeht es Royce nicht so schlecht wie zwei seiner Kollegen aus der Nachbarschaft: 2006 entschwinden Proof und Jay Dee auf tragische Weise von dieser Welt und Royce besinnt sich, gerade in Hinsicht auf seinen zurückliegenden Beef mit Proof, auf die wichtigen Dinge des Lebens.

An seinem Status und Erfolg soll sich 2006 einiges ändern. Man hört Gerüchte von einem Rapper/Producer-Album komplett gemixt von DJ Premier, Royce schreibt Texte für Diddys "Press Play" und wird als neues Bad Boy-Signing gehandelt. Der Blitzstart geht jedoch nach hinten los, als Royce wegen Trunkenheit am Steuer gegen seine Bewährungsauflagen verstößt und hinter Gitter wandert. Der Traum vom Durchbruch 2007 ist jedoch nicht ausgeträumt - pünktlich im Januar verlässt er vorzeitig den Knast und begibt sich direkt ins Studio.

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