laut.de-Kritik

Muss er denn sterben, um zu leben?

Review von

"I'm not a business man, I'm a business, man." Wie jeder moderne Unternehmer radikal der disruptiven Digitalisierung begegnen muss, bricht auch Jigga, Fast-Milliardär und Familienvater, angesichts des Trump'schen Rechtsrucks mit seinem ältesten, liebgewonnen Freund: seinem Ego. "Kill Jay-Z": Manchmal muss man sterben, um weiter leben zu können.

Der Opener komprimiert die ohnehin schon aufs Wesentliche verdichteten Album-Aussagen auf knappe drei Minuten. Jay beendet im Vorbeicruisen den lange aufgebauten Nimbus von Coolness ("Die Jay Z, this ain't back in the days / You don't need an alibi, Jay Z") und fordert sich selbst zum Weinen auf: "Cry Jay Z, we know the pain is real." Vorbei die Zeiten des "Song Cry", als er Tränen nur auf Lieder vergießen konnte und wollte.

Jay-Z leistet ehrlich Abbitte für seine Sünden, die mit der Verantwortung für eine Familie nicht mehr so lit wirken wie als Jungspund. Wie die Drogen, die er seiner Mutter einst vertickte: "You got people you love you sold drugs to." Wie das Messer, mit dem er Un Rivera verletzte: "You stabbed Un over some records / Your excuse was: 'He was talkin' too reckless!'" Wie die Auseinandersetzung mit seiner Schwägerin Solange: "You egged Solange on / Knowin' all along, all you had to say you was wrong." Vor allem wie sein Fremdgehen: "You almost went Eric Benét / Let the baddest girl in the world get away."

Doch Hova wäre nicht der Rap-Gott, verteilte er nicht auch kleine Seitenhiebe. So fordert er Kanye zwischen den Zeilen auf, ebenfalls sein Ego zu töten: "But you ain't the same, this ain't KumbaYe." Er ermahnt als nun echter OG-Nachfolger Future wegen dessen Scheidungsdramas: "In the Future, other niggas playin' football with your son."

Auf Albumlänge arbeitet er die anfangs gesetzten Themen dann weiter aus. In "Bam" disst er Yeezy mehr als offen. "Nikkas is skipping leg days just to run they mouth" als Konterpart zu dessen "I hit the gym all chest, no legs" aus "30 Hours". Auf "Moonlight" stellt er kurzerhand deinen modernen Trap-Liebling in den Senkel und kritisiert den Status Quo als sinnentleertes, Oscar-gewinnendes "La La Land" statt sozialkritische, game changende "Moonlight"-Nation: "We stuck in La La Land / Even when we win, we gon' lose / We got the same fuckin' flows / I don't know who is who."

Auf dem, von allen Medien abgefeierten, "Lemonade"-Antworttrack "4:44" kriecht er bei Beyoncé so klein zu Kreuze, dass sich die Balken biegen: "And I apologize 'cause at your best you are love / And because I fall short of what I say I'm all about / Your eyes leave with the soul that your body once housed." Kill your egos to a hundred thousand. Angeblich schrieb er die Verse um vier Uhr in der Nacht, die Zahl Vier spielt im Leben der beiden Superstars immer wieder eine wichtige Rolle. Natürlich dauert der Song genau 4:44 Minuten. Der RZA wäre stolz auf so viel Mathematics.

Familie, Freunde und Rapgame sind jedoch nicht alles. Nach Jahren der Jagd nach Blutdiamanten und Penthouses sprengt Jay endlich seine eigene kleine Welt und übernimmt Verantwortung für die gesamte afroamerikanische Community. In "The Story of O.J." fordert er unmissverständlich eine Bewusstseinsänderung: "You wanna know what's more important than throwin' away money at a strip club? Credit / You ever wonder why Jewish people own all the property in America? This how they did it." [Und nein, dies ist nicht antisemitisch gemeint, sondern respektvoll. Jay hatte sich in der Vergangenheit als einer der wenigen im US-Rap immer offen gegen Antisemitismus eingesetzt, check' hier. Anmerk. des Verfassers.]

Jene Ideen von nachhaltigem Black-Owned-Business finden sich verteilt über das ganze Werk. Im Endeffekt zieht Jay auf "4:44" den Kreis vom Kleinen immer weiter ins Große. Sein Ziel: nicht weniger als die Disruption der afroamerikanischen Community auf allen Ebenen, im Wohnzimmer wie an der Wallstreet oder beim Weed-Ticken. Tatsächlich wird er, der als Sohn eines Predigers geboren wurde, nun selbst zum Preacher und Teacher wie Krs-One.

Einen Löwenanteil an der Disruption des Roc Nation-Bosses darf sich Producer No.ID auf seine Festplatte schreiben. Gerade Jay-Z wusste natürlich ganz genau, als er den Mentor von Kanye um Beats fragte, dass dessen hintergründiger Eastcoast-Sound (Common) momentan direkt in die Charts führt. J Cole, Logic und auch Kendrick Lamar heißen die Megaseller. Der allgegenwärtige Trap-Rap hypt sich und seine Mudda zwar zu Tode, doch außer Future verkauft keiner die ganz großen Mengen. Da muss Jays Album mit Zaytoven eben warten. Business, Maaaan.

Zwar steckte No.ID nach eigenen Aussagen beim Anruf vom Chef in einer musikalischen Krise und konnte dem Superstar nicht sofort Skizzen schicken. Doch, angestachelt von Jays Vision, begab er sich in die Tiefenanalyse von Klassikeralben wie "Illmatic" oder "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" und baute sich so einen ganz eigenen Sound zusammen. Wie Madlib frickelt er die aus passend zum Inhalt gewählten Soul- und Rock-Samples ineinander, verfremdet die Sequenzen immer wieder bis zur Unkenntlichkeit und setzt sie dann hypnotisch auf seine immer etwas dreckigeren, weniger bombastisch-boomenden Chicago-Kopfnickerdrums.

Am wirkungsvollsten gelingt dies auf dem zwischen Sirenen, Piano-Tupfern und Vocal-Pitches vom Alan Parsons Project dahin groovenden "Kill Jay Z". No.ID sampelt von Parson dafür dessen "Don't Let It Show". "Zeig' es nicht", Form trifft Inhalt. Ähnlich kongenial agieren die beiden auf "Smile", dessen Outro-Outing von Jay-Zs Mutter vorher mit Stevie Wonders "Love's In Need Of Love Today" nicht besser eingeleitet worden wäre. Die Kanye West-Abfuhr "Bam" nimmt sich wie West auf "Famous" auch Sister Nancys "Bam Bam"-Hit zur Brust und für den La-La-Land-Diss passt "Fu-Gee-La" von Lauryn und Co. auch nicht schlecht. Kein Track durchbricht diese Sound-Phalanx und lenkt all eyez direkt auf Jays Innerstes.

Dessen dreizehntes Solostudiowerk ist jedoch trotz der ganzen Offenbarungen nicht sein "persönlichstes", wie so oft kolportiert wird. Jay erzählt hier einfach wie gehabt über genau einen: Shawn Carter. Nichts Neues unter der Sonne Harlems seit "Reasonable Doubt". Der Unterschied liegt allein im weise und verantwortungsbewusst gewordenen Jigga selbst. Doch wo reiht sich "4:44" nun in Jays Top Soloalben-Liste ein? Meine Antwort:

1. The Blueprint
2. Reasonable Doubt
3. The Black Album
4. Vol. 2... Hard Knock Life
5. Live… MTV Unplugged
6. 4:44
7. In My Lifetime, Vol. 1
8. American Gangster
9. The Blueprint 2: The Gift & The Curse
10. Vol. 3... Life and Times of S. Carter
11. Magna Carta Holy Grail
12. The Dynasty: Roc La Familia
13. The Blueprint 3
14. Kingdom Come

Die Top 5 sind gesetzt, "4:44" scheitert aufgrund fehlender Super-Banger nur knapp an der legendären Klassiker-Riege. Doch im Gegensatz zu Spätwerken wie "The Blueprint 3" oder "Magna Carta Holy Grail" und überbewerteten Pflichtaufgaben wie "American Gangster" entdeckt man in Lyrics und Sound auch nach dem zehnten Durchlauf noch weitere spannende Facetten. Jay-Z hat für Rap wieder einmal einen Michael Jordan-Greatest-Of-All-Time-Moment erschaffen, wie damals, als dieser mit 40 Jahren 50 Punkte droppte. Bam!

Trackliste

  1. 1. Kill Jay Z
  2. 2. The Story of O.J.
  3. 3. Smile
  4. 4. Caught Their Eyes
  5. 5. 4:44
  6. 6. Family Feud
  7. 7. Bam
  8. 8. Moonlight
  9. 9. Marcy Me
  10. 10. Legacy

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29 Kommentare mit 275 Antworten

  • Vor 23 Tagen

    Thugger Review, JETZT! :sad:

  • Vor 23 Tagen

    >Sei als einer der wenigen Eastcoast-Rapper der 90er noch Relevant
    >Mach ein maximal mediocres Album und zwinge es jedem auf sein Samsung, damit auch jeder letzte Depp merkt, dass du ganz schön abgebaut hast
    >Gründe ein halbes Jahr später einen eigenen Streamingservice, natürlich ohne neues Albung
    >warte ein paar Jahre ab, mach kaum Features, schön warten, bis du so irrelevant geworden bist wie die anderen deiner alten - noch lebenden - Kollegen
    >veröffentliche in den Zeiten, wo alles darum geht, dass möglichst viele es hören, jeder es mitbekommt, es auf möglichst allen Kanälen laufen soll dein neues Albung exklusiv auf deinem stetig an Nutzern verlierendem Streaming Service

    "I'm not a business man, I'm a business, man."

    Seltsames business, man.

    Den größten Aufruhr hat dieses Album doch bisher nur bekommen, weil er in Beyonces Allerwertesten kriecht oder?

    Das ging komplett an mir vorbei und ich hab da erst durch ein paar Youtube-Videos im Feed gestern von mitbekommen. Ich hätte es ignoriert, aber die Review und auch der Umstand, dass No I.D. hinter den Reglern sitzt, macht mich dann doch neugierig. Dank der beschissenen Veröffentlichungspolitik werde ich das Promoexemplar dann aber lautusern. Oder gibt es jetzt wenigstens einen Probemonat bei Tidal, damit man sich das einen Monat umsonst geben kann und danach nie wieder?

  • Vor 23 Tagen

    Ist mir bis heute ein Rätsel, wie man Vol. 2 als underrated oder gar Classic ansehen kann wie es Jigga selbst tut. Eine äußerst lahme Platte.

    • Vor 22 Tagen

      Dieser Kommentar wurde vor 22 Tagen durch den Autor entfernt.

    • Vor 22 Tagen

      Sehe ich ganz genauso. Für mich leider höchstens als Spiegelbild damaliger Trends interessant. Ansonsten stimme ich dem obigen Ranking aber mehr oder weniger zu, wobei Rang 1 bis 3 bei mehr ganz eng beieinander liegen und wechseln können.

    • Vor 22 Tagen

      *mir statt mehr ;)

    • Vor 22 Tagen

      Jop. Generell kann ich der ganzen In my Lifetime Reihe nicht viel abgewinnen, wobei er zumindest raptechnisch für damalige Verhältnisse ganz gut abgerissen hat mit seinen Flows und Patterns. Nach der schwachen Trilogie und dem Labelsampler dachte ich wirklich schon, dass er in zwei, drei Jahren over ist. Aber der Rest ist ja Geschichte...

      Wenn etwas underrated ist in seiner Disko dann sicherlich American Gangster. Wäre bei mir auf Platz 4, aber mal abwarten wie 4:44 noch wächst. Bisher finde ich die Platte großartig. MCHG fand ich allerdings auch sehr ordentlich, herrlich dekadent. Da gibt's wohl kein richtig oder falsch in der Bewertung seiner Alben.

    • Vor 22 Tagen

      "American Gangster" konnte mich leider nie so richtig begeistern. Schwer zu sagen, woran es lag, da an sich alle Zutaten da waren, aber irgendwie wirkte das auf mich zu berechnend und wenig innovativ (was in meinen Augen übrigens auch für Film gilt). Vol. 1 hingegen mag ich schon sehr. Klar, das Album ist teilweise ziemlich verwässert, was wohl am Trackmasters- und Puffy-Einfluss liegt, aber es sind eben auch einige Banger drauf, die den Faden vom Debüt wieder aufnehmen, darunter das Intro und "Street Is Watching". MCHG werde ich mir wohl nochmal anhören müssen, ansonsten gibt's deinem letzten Satz aber nichts hinzuzufügen. ;)

    • Vor 22 Tagen

      Vol. 1 ist für mich ebenfalls das mit Abstand beste Album aus der Reihe. Ich kann mir gut vorstellen, dass einige "Street"-Songs im Zuge der angepeilten EP-Veröffentlichung entstanden sind. Als Biggie dann von uns ging, hat sich Jigga sicherlich irgendwo verpflichtet gefühlt, diese Fußstapfen auszufüllen. Diese "Pop"-Dinger hatten ja schon was von Biggies Hits, was natürlich auf Puffys Einfluss zurückzuführen ist. Eine sehr solide Platte. Vol. 2 & 3 kann ich mir aber wie gesagt nicht geben, vor allem Hard Knock Life hat so richtig miese Beats wie "If I Should Die" oder die Nummer mit DMX. Aber natürlich sind da auch ein paar gute Tracks drauf, nur gewiss kein Classic. Unter'm Strich hat sich nach der Trilogie einfach alles in eine Bahn bewegt, die ich nicht mehr so feiern konnte.

    • Vor 22 Tagen

      Ich denke auch, dass der gerade frei gewordene NY-Rap-Thron mitverantwortlich für diese Zwitterhaftigkeit von Vol. 1 ist. Wobei "sich verpflichtet gefühlt" bei einem Businessman wie Jigga vielleicht etwas wohlwollend interpretiert ist, trotz der Freundschaft zu Biggie. Ansonsten sind wird uns dann einig, was diese insgesamt doch sehr maue Reihe betrifft. :) DAS war halt echt Musik für 16-jährige Goldkettenträger. :D