laut.de-Kritik

Ein Geniestreich mit Tücken.

Review von

Kanye West hat es nicht leicht. Das impulsive Großmaul ist der personifizierte Alptraum eines jeden PR-Beraters, ein gefundenes Fressen für den Boulevard. Ein Genie im Größenwahn mit zu vielen Möglichkeiten, diesen öffentlich auszuleben. Der ewig Missverstandene verkörpert den Zwiespalt. Zeitgleich ist er der einflussreichste und dabei meist verspottete Künstler des Planeten. Mit Jesus-Vergleichen, Interview-Ausrastern und dem denkwürdigen VMA-Bühnencrash erarbeitet sich Yeezy über die Jahre seinen Ruf als unberechenbare Diva.

Die Gewissheit, mittlerweile alle Register des Großmeisters der Selbstinszenierung durchschaut zu haben, zerbröselt Ye im Zuge der Veröffentlichung seines siebten Albums mal eben mit dem kleinen Finger. Twitter-Schimpftiraden gegen Wiz Khalifa, großspurige Versprechen vom "besten Album aller Zeiten" und die Absolution Bill Cosbys gipfeln in einer absurden Releaseparty im Madison Square Garden. West spielt 20.000 zahlenden Fans eine unfertige Version seines Albums am Laptop vor.

Die Promophase für "The Life Of Pablo" ist ein Geniestreich mit Tücken. Die unzähligen Titel- und Tracklist-Änderungen generieren zwar den beabsichtigten Medienrummel. Sie suggerieren aber gleichzeitig das Bild eines Kanye West, der kurz vor Klausurabgabe in Panik wild Zeilen durchstreicht, umstellt und den letzten Absatz in unleserlicher Schrift aufs Papier schmiert.

Es handelt sich dabei aber immer noch um eine Klausur von Kanye West, und der gilt, zumindest was Musik angeht, eben nicht als der rebellische Letzte-Reihe-Bankdrücker, für den er sich gerne hält. Er ist vielmehr ein obsessiver Streber, der einfach nie mit seinem Werk zufrieden ist.

West polarisiert nicht nur wegen seines aufgeblähten Egos. Seine Musik spaltet in regelmäßigen Abständen das Brett vor dem Kopf der Popwelt, lenkt sie und führt sie in unergründete Gefilde. "The Life Of Pablo" rüttelt am Fundament des Elfenbeinturms, in den sich West mit "Yeezus" vor drei Jahren zurückzog.

Statt zu verstören und dabei vorauszudenken, vereint "TLOP" die künstlerische Vision von Kanye West in all ihren Facetten: die samplelastige Hitverliebtheit von "The College Dropout" und "Late Registration", die tanzbaren "Graduation"-Banger, die Autotune-Traurigkeit von "808's & Heartbreak", die "MBDTF"-Fieberträume und die Elektro-Rebellion von Yeezus.

"The Life Of Pablo" sprüht vor Ideenreichtum, Kreativität und Detailverliebtheit, nur steht Yes unbedingter Wille zum Perfektionismus der Vollkommenheit im Weg. Statt die Attribute in ein einzelnes Reagenzglas zu destillieren, mischt Yeezy einen launiges Gebräu, das mal explodiert wie geschütteltes Nitroglycerin, mal aber auch im Raum verpufft wie ein mit Helium gefüllter Ballon.

"This is a God dream." Der Opener "Ultralight Beam" ist ein großartiges Stück Musik. Über zurückhaltende Drums und sanfte Orgeltöne croont sich Yeezy gen Himmelspforte, bis Chance The Rapper übernimmt und einen perfekten Part abliefert, der schließlich in monumentalen Chorgesängen seinen Höhepunkt findet.

"Now if I fuck this model / And she just bleached her asshole / And I get bleach on my T-Shirt / I'mma feel like an asshole." Der Vergleich mit "Father Stretch My Hands Pt. 1" spiegelt den Charakter der Platte wie kein anderer: Neben nahezu perfekten Musikstücken finden sich immer wieder unentschiedene, ständig die Richtung wechselnde Songskizzen.

Der auf 18 Anspielstationen angeschwollenen Tracklist hätte eine Abspeckkur gut getan: "Facts" bleibt auch in der Charlie Heat-Version immer noch ein uninteressanter Schuhhersteller-Disstrack. "Silver Surfer Intermission" dient lediglich als kindliche Rechtfertigung eines ehemaligen Albumtitels. "Low Lights" und der manische "Freestyle 4" wirken schlicht überflüssig, während der Skit "I Love Kanye" wenigstens mit Meta-Humor Kanyes Image aufs Korn nimmt: "What if Kanye made a song about Kanye? Called 'I Miss The Old Kanye', man that would be so Kanye."

Alles, das sonst noch so Kanye ist, zeigt uns Mr. West auf den restlichen zwölf Tracks in Paradeform. Kanye ist ein Sample-Gott. Er sampelt nicht einfach nur Songs, sondern steigt in sie hinein, um ihnen neues Leben einzuhauchen. Auf "Famous" trällert Rihanna erst die Hook von Nina Simones "Do What You Gotta Do", bevor einem die wunderschöne Version von Sister Nancys "Bam Bam" die eingängigsten Sekunden des Albums beschert.

"Fade" wiederum holt die Yeezus-Sirenen zurück und vereint "Mystery Of Love" von House-Legende Larry Heards mit Rare Earths "I Know I'm Losing You" zu einem Club-Banger mit Post Malone-Autotune-Geleier.

Kanyes größte Stärke steckt in seiner Rolle als Maestro mit goldenem Gehör, der ein ganzes Ensemble an Gästen zu Höchstleistungen dirigiert. Die singen auf "TLOP" nicht einfach nur Hooks oder rappen Gastverse. Sie verschmelzen zu einem Gesamtkunstwerk, in dem sich selbst Chris Brown auf dem – dank Chance The Rapper zum Glück vorhandenen – Waves" nicht hinter The Weeknd und Frank Ocean verstecken muss. Madlib koexistiert ganz natürlich neben Metro Boomin, Hudson Mohawke und Swizz Beatz. Selbst Ty Dolla $ign klingt plötzlich interessant. Dinge, die wohl nur auf einer Kanye-Platte möglich sind.

"I've been outta my mind a long time." Neben dem üblichen, mal mehr mal weniger unterhaltsamen Douchebag-Gehabe ("I feel like me and Taylor might still have Sex") zeigt sich Kanye vor allem ehrlich, verletzlich und offen: In "Pt. 2" erinnert sich Yeezy an die Scheidung der Eltern, den Tod seiner Mutter und seinen Autounfall. "FML" thematisiert den inneren Kampf um Selbstkontrolle und Treue gegenüber seiner Frau. "Real Friends" ist eine introspektive Beobachtung der Beziehungsprobleme als Vater, Freund und Ehemann, die immer wieder wegen Wests hektischem Lifestyle als Super-Celebrity aufleben.

Im Gegensatz zum Vorgänger wirkt Kanye fast schon unbekümmert und zufrieden: Der zweifache Vater und glückliche Ehemann spürt kaum noch etwas von der rebellischen Wut, die ihn auf "Yeezus" Wheelies auf dem Zeitgeist ziehen ließ. "The Life Of Pablo" ist, genau wie seine chaotische Promophase, ein Geniestreich mit Tücken. Wo auf "Yeezus" der Wunsch, geliebt und anerkannt zu werden, nur durchschien, springt er einem auf Yeezys siebter Platte ins Gesicht: Mr. West kapituliert vor Kritikern und Fans, zitiert sich durch seine eigene Diskographie und verzichtet dafür auf die große Revolution der Vorgänger. Fast, aber eben nur fast, hätte Kanye West hier sein persönliches "White Album" abgeliefert.

Trackliste

  1. 1. Ultralight Beam
  2. 2. Father Stretch My Hands Pt. 1
  3. 3. Pt. 2
  4. 4. Famous
  5. 5. Feedback
  6. 6. Low Lights
  7. 7. Highlights
  8. 8. Freestyle 4
  9. 9. I Love Kanye
  10. 10. Waves
  11. 11. FML
  12. 12. Real Friends
  13. 13. Wolves
  14. 14. Silver Surfer Intermission
  15. 15. 30 Hours
  16. 16. No More Parties In LA
  17. 17. Facts (Charlie Heat Version)
  18. 18. Fade

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31 Kommentare mit 99 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Gehört 5/5. Viele Stücke mögen fragmentarisch sein, aber dem Fragment wohnt doch eine ganz eigene Ästhetik inne, die das Hörerlebnis in diesem Fall eher vertieft als verflacht.

  • Vor einem Jahr

    Bam, Bam. bester Moment bei Track 4 als Rihanna abrupt unterbrochen wird von Sister nancy, und Ihre schönen Vibes zum besten gibt. Top.

  • Vor einem Jahr

    Verstehe die Kritik an Freestyle 4 nicht, eins der besten Stücke auf dem Album mMn. Ansonsten passt das so. Als Fan aller Kanye-Alben muss ich auch sagen, dass es vielleicht nicht gerade sein bestes ist, evtl nicht mal top 3. Die 5/5 hätte ich wohl nach generellen Popmusik-Maßstäben trotzdem gegeben, weil ein Album mit diesem Level an Balance zwischen Kreativität, Experimentierfreudigkeit und Hitpotenzial nur max. 2-3-mal im Jahr rauskommt.