Porträt

laut.de-Biographie

Mathematics

Hamburg im Sommer 1997. Der Kiez versinkt in Wu-Wear. Vor der Großen Freiheit wimmelt es von weiten Hosen. Es knistert. In der Halle ist die Luft fast sichtbar, stickig. Die Kehle wie ausgedörrt, das Schlucken fällt schwer. In der Loge brechen erste Prügeleien aus. Wo bleiben sie? Genervt schwärmen die Wu-Tang-Fans wie Killerbienen an die Bar. Ein einsamer DJ versucht die Masse mit Hip Hop-Klassikern im Zaum zu halten. Der Name des Allen unbekannten Plattendrehers: Allah Mathematics, seines Zeichens gelehriger RZA-Schüler, Wu-Logo-Erfinder und Tour-DJ.

Einige der tightesten Wu-Beats müssen Math zugeschrieben werden. Beispiele gefällig? Für seinen engen Freund Ghostface kreiert er "Strawberry" und "Wu-Banga 101", für den Wu-Tang Clan unter anderem "A Better Tomorrow", "Rules" und "Do You Really", für GZA "Publicity" und "Amplified Sample". Selbst für RZAs Digital-Projekt legt er "It Must Be Bobby" in den Rechner. An besagtem Abend kommt der Clan dann doch noch in voller Stärke, so dass Mathematics weiter unerkannt bleiben kann. Das Spotlight steht auf anderen. Das Los des DJs.

Mathematics erblickt als Norman Porter in der South Side vom New Yorker Stadtviertel Jamaica Queens das Licht des Ghettos. Ende der Siebziger kommt er zum ersten Mal mit der Hip Hop-Kultur in Berührung, als sein Bruder ihm immer wieder Tapes von Jams der Cold Crush Brothers, Grand Master Flash And The Furious Five, The Treacherous 3, den Force MDs und anderen mitbringt. Mathematics beginnt rappend seinen Vorbildern Kool Moe Dee, Grand Master Caz, Melle Mel und Spoonie Gee nachzueifern.

Erst einige Zeit später rücken die Turntables in sein Blickfeld. Mathematics findet Gefallen an der Beat- und Tempokontrolle, über die der DJ bestimmt. Oldschooler wie Dr. Rock, Flash, Dee Jay EZ Lee, Grand Wizard Theodore oder Charlie Chase beeindrucken den Jungspund. Er bleibt extra lange wach, um im Radio Hip Hop hören zu können: "Zu jener Zeit spielten die Sender so gut wie keine Hip Hop-Musik. Nur um zwei, oft auch erst um drei oder vier Uhr Samstagnachts ertönten ein paar Tracks. Erst als die Sugarhill Gang mit 'Rapper's Delight' herauskam, öffnete sich die Radiolandschaft gegenüber Rap."

Nach einigen Jahren an den Wheels of Steel trifft er Anfang der Neunziger gerade rechtzeitig RZA, GZA, Ol' Dirty und Method Man, um als dessen offizieller DJ von Anfang an Mitglied des legendären Wu-Tang Clans zu werden. Durch einen Zufall zeichnet sich Mathematics nebenbei als Erfinder des prägnanten 'W'-Logos aus. RZA fragt ihn 1993 in seinem Kellerstudio, ob er nicht schnell eine Zeichnung für das Cover der ersten Wu-Tang-Maxi "Protect Ya Neck" entwerfen könne. Binnen eines Tages macht sich Mathematics unsterblich.

Nach und nach traut sich Mathematics auch an Beats und geht mit 4th Disciple und Tru Master in die Studioschule des RZA. Neben diversen Produktionen fürs erweiterte Wu-Umfeld kann er besonders auf "Wu-Tang Forever" und Method Mans "Tical 2000"-Album glänzen. Eine spezielle, künstlerische Beziehung baut Mathematics im Laufe der Jahre zu Ghostface Killah auf: "Ghost hat immer verrückte Ideen parat, Songs zu kreieren. Manchmal spiele ich ihm einen Beat vor, und er weiß sofort, ob er zu ihm passt oder nicht."

Zudem vereint beide die Liebe zu den gepitchten Soul-Samples. Bevor Jay-Z und Produzent Kanye West mit "The Blueprint" durchstarten und Cam'ron über Just Blazes "Oh Boy" spittet, frönen Math und Ghost dieser Beat-Art. Math erklärt den Ursprung der speedigen Soul-Loops: "Als wir Anfang der 90er begannen, durften Samples wegen der Songrechte nur drei Sekunden lang sein, ohne Geld zu kosten. Also mussten wir sie pitchen, um in der Zeit zu bleiben. Aber es klang fett, selbst mit den Stimmen drin." Das Meisterwerk und Mathematics Lieblingsalbum ist dann auch Ghostfaces "Supreme Clientel". Nach spätem Neunziger-Bounce von Timbaland und Co. läutet Ghost mit diesem Album die Rückkehr zum Soul ein, den Jay-Zs "The Blueprint" später in den Mainstream trägt.

2001 beginnt Mathematics an einem Soloalbum zu arbeiten, doch erst Mitte 2003 steht sein Debüt "Love, Hell Or Right", veröffentlicht über High Times Records, in den Läden. Neben fast dem gesamten Clan sind auch new cats wie Eyes Low, Buddha Bless, Pop (Poppa Don), Allah Real und M-Speed, der kurz nach den Aufnahmen stirbt, am Start. Auch Mathematics probiert sich wie Beatbastel-Kollege Kanye West erfolgreich am Mic. Eine neue Spielwiese für die Zukunft?

Sieht so aus, denn "Love, Hell Or Right" bleibt nicht Mathematics' letzter Alleingang. 2005 legt er mit "The Problem" sein zweites Solo auf den Tisch. Wieder versammelt er die komplette Clan-Familie inklusive ODB, der mittlerweile das Zeitliche gesegnet hat, auf seinem Album. Freunde des Wu-Tang-Sounds, der in den 90er Jahren neue Standards setzte, kommen hier voll auf ihre Kosten.

2006 veröffentlicht Mathematics mit "Soul Of A Man" ein ausschließlich mit Instrumentals vollgepacktes Doppelalbum. Klassisches Material landet neben bisher unbekannten Perlen aus den Schatztruhen des Mannes hinter den Wu-Tang-Kulissen.

Der nächste Streich folgt schon zu Beginn des nächsten Jahres: Für "Unreleased" vom durch Freunde verstärkten Wu-Tang Clan wühlt sich Mathematics durch seine Bestände. Das Album, das Ende Januar 2007 erscheint, birgt neben exklusiven Remixen von Hits wie "Wu Banga" oder "Da W" reichlich bis dato unveröffentlichtes Material aus diversen Album-Sessions.

Auch mit dem 2013 erschienenen "The Answer" bleibt Mathematics seiner Linie treu: Seit Jahren liefert er reichlich neues und unveröffentlichtes Wu-Material mit dem kompletten Clan, darunter Parts des verstorbenen ODB, und bietet so allen Fans auch nach zahlreichen Alben, Mixtapes und Solo-Projekten immer noch neuen Stoff.

Alben

Mathematics - The Answer: Album-Cover
  • Leserwertung: 4 Punkt
  • Redaktionswertung: 2 Punkte

2013 The Answer

Kritik von Stefan Johannesberg

Wenn der Wu-DJ ruft, liefert der Clan artig Reime. (0 Kommentare)

Mathematics - The Problem: Album-Cover
  • Leserwertung: Punkt
  • Redaktionswertung: 3 Punkte

2005 The Problem

Kritik von Dani Fromm

Wer braucht schon Tiefsinn, solange die Gläser voll sind? (0 Kommentare)

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