Porträt

laut.de-Biographie

Japan

Japan gelten nicht nur als Legende, sondern auch als eine der musikalisch innovativsten und stilistisch prägendsten Bands der 80er. Das erscheint besonders bemerkenswert, da all ihre Studioalben in nur vier Jahren, zwischen 1977 und 1981, entstehen und die Combo längst Geschichte ist, als David Bowie mit "Let's Dance" die Bildfläche bunter New Romantic-Fashion betritt.

Bereits 1974 gründen die Brüder David Sylvian (Gitarre, Gesang) und Steve Jansen (Drums) mit den Schulfreunden Richard Barbieri (Keyboards) und Bassist Mick Karn ihre zu Anfang noch namenlose Gruppe. Der Name Japan stellte zunächst nur eine Übergangslösung dar. Doch er blieb und wurde ihnen Schicksal und Stempel.

Die tiefe persönliche Verbundenheit der vier Kumpel: gleichermaßen ihre größte Stärke und ihr größter Fluch. Ähnlich wie bei den Kollegen von der dunklen Seite des Postpunk-Mondes, Bauhaus, gibt es bei Japan ein Geschwisterpaar, viel Zuneigung und nicht weniger Rivalität.

Der Karrierebeginn gestaltet sich zunächst recht holprig. Die ersten beiden LPs "Adolescent Sex" und "Obscure Alternatives" watscht die britische Musikpresse ab und reduziert "Japan" wahlweise zu einer Art Neuaufguss der New York Dolls, Roxy Music oder David Bowie für die zweite Liga.

Japan bieten eine auf Gitarren basierende Melange aus Glam, New Wave-Keyboards und der in England aktuell boomenden Vorliebe für den gerade frisch entdeckten Dub/Reggae-Sound der Karibik. Damals verkannt, gelten beide Frühwerke später als echte Perlen und musikhistorisch wichtiger Zwischenschritt.

Im fernen Japan fahren sie ob des als Hommage empfundenen Bandnamens erste Erfolge ein. In Europa hingegen wirft 1979 vor allem Discoking und Synthieguru Giorgio Moroder ein Auge auf die junge Band. Das stellt sich als wegweisender Glücksfall heraus. Der Südtiroler Trendsetter produziert ihre Hitsingle "Life In Tokyo".

Stilistisch ändern sich Japan hin zu einer deutlich elektronischeren Betonung. Mehr New Wave, mehr Keyboards und nur noch Rudimente von Glam. Der typische Japan-Stil ist geboren.

Auf ihrem Klassiker "Qiet Life" verfeinert das Quartett seine Qualitäten deutlich. Sylvian ändert seine Stimmlage in Richtung Bariton. Der Jazz-affine Karn steuert einen komplexen bundlosen E-Bass bei. Jansen schüttelt rhythmische Figuren aus dem Ärmel, die die meisten Wave- und Romantic-Kollegen nicht mal vom Blatt nachspielen könnten. Barbieris Keyboards geben dem ganzen eine Klangfarbe, die alles lässig in Richtung Charts hievt.

Ihr Erfolg ist nicht zu bremsen. Die nächste Platte "Gentlemen Take Polaroids" hält den Qualitätsstandard locker. Der Lohn: hohe Notierungen für die Alben und Hits wie das Cover des alten Motown-Kloppers "I Second That Emotion" oder später "Ghost".

Alles könnte so schön sein. Doch in der Band gärt die Unzufriedenheit. Labels und Presse versuchen, Japan als Teenieband zu vereinnahmen. Ihr die 80er-Mode prägendes Outfit macht sie derweil zu Stilikonen und lenkt von der Musik ab.

Vor allem der komplexbeladene Sylvian, der zeitweilig zum "schönsten Mann weltweit" gekürt wird, fühlt sich als Künstler reduziert und als Musiker degradiert. Ihre Vorbildrolle für Duran Duran, etc. tröstet sie nicht eine Sekunde. Allzu viel unterscheidet ihre komplexen Lieder von der eher kindgerechten Mucke der meisten erfolgreichen Kollegen wie etwa den frühen Depeche Mode oder Culture Club.

Mit "Tin Drum" wagen die Londoner den Befreiungsschlag. Ein Werk, dass sie bewusst vollkommen unkommerziell anlegen. Karns Fretless klingt fast wie ein Free Jazz-Instrument. Daneben vermischen Japan Elemente westlicher Popmusik mit gegenläufigen orientalischen Mustern und arabischen Skalen. Trotz seiner vergleichsweise sperrigen Natur verkauft sich ihre "Blechtrommel" gut und gilt manchem als eines der innovativsten 80er-Alben überhaupt.

Doch das Bandgefüge überlebt nicht lang. Der Widerspruch zwischen Image und Inhalt bleibt eine Belastung. Hinzu kommt, dass Sylvians und Karns Freundschaft daran zerbricht, dieselbe Frau zu lieben und um diese zu kämpfen. Ende 1982 fällt die Band auseinander. Sylvian wendet sich einer erfolgreichen Solokarriere zwischen Edelpop, Avantgarde und Ambient zu und kollaboriert ausgiebig unter anderem mit Ryuichi Sakamoto von YMO.

Karn perfektioniert sein Fretless-Spiel auf den Spuren von Jaco Pastorius und startet eine erfogreiche Jazzkarriere. Nebenbei adelt er einige Kate Bush und Gary Numan-Scheiben ("Dance") und gründet samt dem von Bauhaus ebenso enttäuschten Gothfather Peter Murphy die Duoband "Dalis Car". Die Veröffentlichung der zweiten Platte "Ingladaloneness" soll er allerdings nicht mehr erleben. Karn stirbt 2011 an Krebs.

Jansen und Barbieri gründen die Dolphin Brothers und spielen auf vielen Alben anderer Künstler als Gäste. Ein einziges gemeinsames Lebenszeichen soll es noch geben. Nicht unter dem verfluchten Namen Japan sondern als das Projekt Rain Tree Crow finden die vier ungleichen Jugendfreunde 1991 noch einmal zusammen.

Der ebenso betitelte Longplayer hält das gewohnte Niveau. Obwohl die Musik gänzlich anders und sehr gereift klingt, hört man angenehm, dass es sich noch immer um dieselbe Band handelt. Trotz Charterfolg und euphorischem Feuilleton hat es danach gemeinsam nie wieder zu viert funktioniert.

Sylvian: "Es gibt einfach bestimmte Aspekte im Leben, da muss man durch. Nennen wir sie doch 'Lehrstunden des Lebens'. Daraus muss man seine Lehren dann auch ziehen und sich durch sie fortbewegen. Nach vorne!"

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