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Während es vor allem in Italien inzwischen fast so viele Power Metal-Bands wie Pizzabäcker gibt, sieht das unter Queen Elisabeth II ganz anders aus. Irgendwie scheint die Dame die Musiker in ihrem Königreich besser unter der Knute zu haben, bzw. die Laune besser zu versauen. Deshalb gibt's auf der Insel keinen fröhlichen Power Metal, sondern fast nur Trantüten wie Oasis oder auch mal Derbstes auf die Glocke von Carcass und Konsorten. Da die Engländer ihre ehemaligen Kolonien aber auch schon lange nicht mehr so richtig im Griff haben, darf es nicht verwundern, wenn sich von dort auch ein paar Power Metal-Mucker einschleichen.
Lange Rede, schwacher Sinn: Bei DragonForce handelt es sich um eine Multi Kulti-Gruppe, die sich in London zusammen findet und einen sehr breit gefächerten Background aufweist. An den Klampfen stehen der aus Hongkong stammende Herman Li und der - zwar in England geborene, aber in Neuseeland aufgewachsene - Sam Totman. Sänger ZP Heart haben die Eltern in Südafrika in die Welt gesetzt, und Keyboarder Vadim Pruzhanov konnten die Ärzte in der Ukraine erfolgreich entbinden. Aus Frankreich krallen sich die vier den Drummer Didier Almouzni (der erst nach der Veröffentlichung des ersten Demos einsteigt) und tatsächlich einen einzigen waschechte Engländer namens Diccon Harper für den Bass.
Anfangs noch unter dem Namen DragonHeart unterwegs, ändern sie diesen dann in DragonForce, um mögliche Verwechslungen oder Probleme mit gleichnamigen Bands, Labels oder Filmen zu vermeiden. Ihr erstes Demo erscheint 2000 mit der Besetzung Li, Totman, Theart und Steve Scott am Bass. Als Gastmucker greifen sie auf Drummer Peter Hunt zurück. Dann stoßen Didier, Vadim und Diccon zum Line-Up. Als Sanctuary mit dem richtigen Deal ums Eck kommen, steht dem Debüt nichts mehr im Wege. Mit Clive Nolan (Arena) erhalten sie prominente Unterstützung bei den Keyboards und den Backingvocals. Noch bevor das Album in den Läden steht, dürfen sie schon mit Rob Halford, Stratovarius oder Virgin Steele über die Insel touren.
"Valley Of The Damned" erscheint im Januar 2003 und beeindruckt nicht sonderlich. Neben dem vielbeschworenen Background-Gesang unterscheiden sich DragonForce jedoch nur unwesentlich von unzähligen anderen Power Metal-Bands. Zusätzlich sind für eine Combo aus England die Texte einfach zu dämlich. Auf dem asiatischen Markt schlagen sie dennoch ein wie eine Bombe. Neben eigenen Shows in Thailand und Taiwan steht bald eine Tour mit Helloween durch Japan an.
Nachdem sie den Sommer über auf ein paar Festivals spielen, verziehen sie sich wieder ins Studio, um am Nachfolger zu feilen. Dieser hört auf den Namen "Sonic Firestorm", erscheint im April 2004 und findet etwas mehr Gnade als das Debüt. An den technischen Fähigkeiten der Truppe gab es noch nie was zu meckern und so ziehen sie auch hier wieder ganz schön vom Leder. Hinter den Drums sitzt inzwischen David Macintosh, der auf der Europa Tour mit W.A.S.P. aber noch nicht richtig zum Einsatz kommt. Aufgrund einer Ellenbogenverletzung müssen DragonForce viele der Gigs mit einem Drumcomputer spielen.
Als sie aber ein paar Festival Dates mit Iron Maiden abgrasen, ist David wieder mit am Start, dafür ist Adrian Lambert schon wieder raus. Für ihn springt Heavenly-Tieftöner Fred Leclercq ein, der auch auf dem neuen Album "Inhuman Rampage" zu hören ist. Die Scheibe erscheint Mitte Januar 2006 und ist im Tempobereich wieder ganz weit oben angesiedelt. Durch Europa geht es anschließend als Support für Edguy, nur in England tauschen sie die Rollen und übernehmen die Headlinerposition.
So langsam scheinen sie so richtig durchzustarten und nach einigen US-Dates mit Protest The Hero und Sanctity, sind sie auch im Rahmen der Ozzfest-Tour unterwegs. Daheim verbringen sie fortan nur noch sehr wenig Zeit, denn nach Gigs in England, sind sie Anfang 2007 schon wieder in den Staaten mehrere Wochen unterwegs. Im April geht es durch Deutschland und wenig später schon durch Australien, ehe sie tatsächlich mal ein paar Tage bei ihren Familien verbringen. Wie sie ins Line-Up der Tour mit Machine Head, Trivium, Arch Enemy und Shadows Fall im Dezember durch Europa geraten sind, weiß allerdings niemand.
Nach und nach macht man sich im neuen Jahr an die Arbeiten des nächsten Albums, das sie Ende August 2008 in die Läden stellen. Die Scheibe hört auf den Namen "Ultra Beatdown" und setzt zur Abwechslung mal nicht durchgehend auf Lichtgeschwindigkeit. In den USA geht es direkt wieder im Rahmen der Mayhem Festival-Tour rund. Nach England und Australien steht Anfang 2009 auch Europa auf dem Plan.
Im März 2010 macht sich Sänger ZP vom Acker und die Flitzefinger müssen sich erst einmal nach einem neuen Frontmann umsehen, ehe sie ein neues Album angehen können. Quasi als Überbrückung und Abschluss unter ein Kaptitel, veröffentlichen sie im September erst einmal die Doppel-Live-Scheibe "Twilight Dementia".
Im März 2011 ist es schließlich an der Zeit, den neuen Sänger vorzustellen und der hört auf den Namen Marc Hudson. Bis zum nächsten Album vergeht aber noch einmal ein knappes Jahr und so darf Marc erst Ende April 2012 auf "The Power Within" zeigen, ob er ZP das Wasser reichen kann.
Herman Li und Marc Hudson über Casting-Prozesse, "The Power Within" und Eigenverantwortung.
Vier Jahre nach ihren letzten Output "Ultra Beatdown" melden sich die britischen Extreme Power Metalisten von DragonForce dieser Tage mit neuem Frontmann und Studioalbum Nummer fünf ("The Power Within") zurück.
Im feudalen Berliner Excelsior-Hotel wirken die beiden Langhaar-Dudes Herman Li und Marc Hudson schon fast wie Fremdkörper unter den doch eher klassisch smart erscheinenden Anwesenden in der Lobby des Vier-Sterne-Tempels im Herzen der Hauptstadt. Während Neu-Shouter Marc seine Lebensgefährtin im Schlepptau hat und es sich an der Bar gutgehen lässt, streunt Gitarrist und Mastermind Herman leicht desorientiert durch den komplexen Eingangsbereich.
Irgendwann kreuzen sich schließlich unsere Wege und wir machen es uns abseits des geschäftigen Eingangsbereichs in einer Ecke der Lobby gemütlich. In der Folge berichten die beiden von Marcs Weg in die Band und ihrem neuen Schaffen "The Power Within".
Hallo ihr zwei, ihr seid gerade auf weltweiter Promo-Tour unterwegs. Für dich Herman, dürfte das nichts Neues sein, wohingegen Marc komplettes Neuland betritt, richtig?
Herman: Ja, wir waren bereits in Japan, Spanien und haben auch schon Dates in unserer Heimat hinter uns. Für Marc ist das sicherlich um einiges spannender als für mich (lacht).
Marc: Oh ja, absolut. Eigentlich war ich ja noch nirgends, insofern erlebe ich jeden Tag etwas Neues. Das ist schon eine tolle Erfahrung. Wir waren letztens beispielsweise in Japan. Das war schon sehr beeindruckend für mich. Ich meine, ich bin ja noch nicht so lange in der Band, und plötzlich kommen wildfremde Leute auf dich zu und wollen Autogramme von einem. Dazu kommen noch die verschiedenen kulturellen Eindrücke, die man bekommt. In Spanien war es ähnlich. Ich muss, glaube ich, erst einmal lernen, damit umzugehen.
Fällt dir das denn schwer?
Marc: Nun, ich bin zwar auf der Bühne nicht gerade der Leiseste, aber privat doch eher ein zurückhaltender Typ. Dieses ganze Prozedere drum herum muss ich erst noch verinnerlichen. Die Bands, mit denen ich vorher unterwegs war, wurden außerhalb ihres Live-Treibens eher selten wahrgenommen (lacht).
Das Gefühl hatte ich auch, als ich versuchte, etwas über deine musikalische Vergangenheit zu recherchieren. Da kam nicht viel bei rum.
Marc: Das liegt daran, dass ich zwar schon mit vielen Bands unterwegs war, aber die Reisen meist an der Stadtgrenze ihr Ende fanden.
Herman: Aber er macht sich gut (grinst).
Marc: Danke.
Ihr habt euch nach dem Abgang von ZP Theart für ein öffentliches Casting via YouTube entschieden, um adäquaten Ersatz zu finden. Was hat letztlich den Ausschlag für Marc gegeben?
Herman: Zunächst einmal wollten wir möglichst alle öffentlichen Kanäle nutzen, um uns ein Bild zu machen, was vielleicht alles möglich wäre. Das kannst du heutzutage, dank YouTube und Konsorten, spielend einfach und vor allem flächendeckend bewerkstelligen. Das meiste Material landete letztlich bei mir. Marc konnte mit großartigem Material aufwarten, also luden wir ihn ein, um mit ihm zu proben und zu sehen, wie es sich anfühlt. Wir hatten schon Monate nicht mehr zusammen gespielt, also einigten wir uns auf zwei kurze 5-Songs-Sets. Danach war alles klar.
Herman: Oh nein, wir wollten, dass sich Marc Stück für Stück an seine neue Aufgabe als Dragonforce-Sänger herantastet. Als wir uns für ihn entschieden hatten, haben wir uns mehrere Wochen fast täglich zu Rehearsals verabredet und teilweise bis spät in die Nacht geprobt. Marc sollte sich so schnell wie möglich als vollwertiges Bandmitglied fühlen. Das war uns sehr wichtig.
Wie war das bei dir, Marc? Wie hast du die erste Zusammenkunft empfunden?
Marc: Ich war natürlich ziemlich nervös. Ich wusste, dass dies eine Riesenchance für mich ist. Dementsprechend habe ich mich vorbereitet. Ich meine, wir waren zwar bereits in Kontakt, aber die Band hatte sich noch nicht entschieden. Das war schon ziemlich aufregend, als ich dann vor der gesamten Band stand. Zum Glück hat ja alles geklappt.
Wie haben sich dann die Arbeiten im Studio dargestellt? Die meisten Songs waren ja schon weitgehend fertig, bevor Marc dazustieß.
Herman: Vieles war schon ausgetüftelt, da hast du recht. Aber eigentlich fehlte jedem Song noch der finale Schliff, so dass sich noch genug Spielraum ergab, um die Songs optimal auf Marcs Stimme einzustellen. Wir waren im Gegensatz zu früher bei diesem Album auch komplett anwesend, während die Vocals aufgenommen wurden.
Marc: Das war vor allem für mich eine immense Erleichterung, denn ich hatte zuvor noch nie professionell in einem Studio gearbeitet. Gerade Sam und Herman standen mir stets zur Seite, machten Vorschläge und halfen mir dabei, das Optimum aus meiner Stimme herauszuholen.
Herman: Je intensiver wir arbeiteten, um so selbstsicherer und selbstbewusster wurde Marc. Letztlich kamen wir irgendwann an einen Punkt, den wir uns alle erhofft hatten. Nämlich, zum gemeinsamen Austausch von Ideen und Veränderungsvorschlägen. Das hat uns alle noch mehr zusammen geschweißt. Wir sind dieses Mal generell etwas abgerückt vom Arbeitsprozess, den wir sonst durchlaufen haben. Früher haben wir oftmals direkt im Anschluss an das Songwriting ein Studio gebucht und die Sachen aufgenommen.
Bei "The Power Within" haben wir uns nach dem Songwriting viel Zeit gelassen und die Songs wochenlang gemeinsam geprobt. Erst als wir mit dem gesamtem Material so richtig warm waren, sind wir ins Studio gegangen. Also ich für meinen Teil würde behaupten, dass ich noch bei keinem Album zuvor so viel Spaß hatte, wie an unserer neuen Scheibe. Das werden die Fans auch spüren, wenn wir demnächst mit den neuen Sachen auf Tour gehen.
Herman: Das Album ist unglaublich vielfältig geworden. Während wir auf "Ultra Beatdown" versucht haben, alles ans Maximum zu führen, sind wir dieses Mal wesentlich vielschichtiger zu Werke gegangen. Es gibt viele verschiedene – für Dragonforce-Verhältnisse – ungewohnte Stimmungen auf dem Album.
Marc: Ich denke auch, dass die Fans überrascht sein werden. Ich kann mich beispielsweise noch gut daran erinnern, als ich den Song "Cry Thunder" als Demo-Version aufgenommen hatte. Wenn ich mir nun den fertigen Song anhöre, so wie er auf dem Album klingt, dann ist das schon ein großer Unterschied. So geht es mir mit vielen Songs. Gibt es auch inhaltliche Überraschungen abseits von Feuer, Drachen und Co.?
Herman: Nun, ich denke, wir beschäftigen uns auf dem neuen Album mehr mit der Gegenwart und den Auswirkungen aktueller Geschehnisse rund um den Globus. Die Banken-Krise, der Nuklear-Gau in Japan, Kriege: das sind nur einige Beispiele. Aber es gibt natürlich auch wieder klassische Fantasy-Themen zu erzählen (lacht).
Ihr habt in der Vergangenheit bereits vieles rund um die Band in die eigenen Hände genommen. Mit "The Power Within" geht ihr einen weiteren Schritt in diese Richtung, indem ihr das Album auf eurem eigenen Label rausbringt. Ist euch in den letzten Jahren das Vertrauen in die externe Industrie komplett abhandengekommen?
Herman: Das hat eigentlich weniger mit mangelndem Vertrauen zu tun, als vielmehr mit dem Verlangen, so viel Kontrolle wie möglich bei einem selbst zu behalten. Heutzutage ist es einfach so, dass du gar nicht so schnell gucken kannst, wie sich Dinge zu deinem Nachteil entwickeln können, wenn du sie aus den Händen gibst.
Ich meine, schau dich einfach nur um: klassische Metal-Labels werden entweder von großen Majors geschluckt oder verschwinden gänzlich von der Bildfläche. Dieser Schritt war für uns wichtig, zumal wir während der Pause zwischen dem aktuellen und dem letzten Album auch genug Zeit hatten, um den ganzen Prozess so professionell wie nur irgend möglich zu realisieren.
Marc, abschließend noch eine Frage zur näheren Zukunft der Band. Im April geht die Welt-Tour in den Staaten los. Für dich ist das die erste Tour deines Lebens. Hose voll, oder Brust raus?
Marc: Brust raus, absolut (lacht). Natürlich bin ich auch ziemlich aufgeregt, aber das gehört, denke ich, dazu. Die Arbeit im Studio hat viel Spaß gemacht und auch der Promo-Prozess war sehr interessant und spannend. Aber nichts geht über das Gefühl auf der Bühne zu stehen.
Twilight Dementia (2010), Ultra Beatdown (2008), Inhuman Rampage (2006)
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