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"Wer ist dieser Blumio? Der neue Stern am Raphimmel? Oder wird er wieder verschwinden nach seiner Dreckssingle? Kann er denn mehr als nur Rapper nachmachen? Oder wird er den Erwartungen nicht gerecht wie die anderen Quarktaschen?" (Blumio, "Es Gibt Kein Zurück", 2008)
"Wollt Ihr die Wahrheit hör'n? Ehrlich, ich weiß es nicht." Der Aufstieg, soviel steht hingegen fest, beginnt mit einem von Plattenpapzt ausgerufenen MC-Wettbewerb. In seiner Jugend interessiert sich Blumio, Düsseldorfer mit japanischen Wurzeln, vorwiegend für Basketball und Tea-Kwon-Do. Auf die Idee, eigene Rap-Texte zu verfassen, bringt den 14-Jährigen erst die Musik des großen alten Kollegen Ice T.
Der unter dem Titel "Biggo Bounce" ausgeschriebene Wettbewerb bringt 2003 die Lawine ins Rollen. Blumio, mittlerweile 17 Jahre alt, bewirbt sich - für das 21. Jahrhundert doch eher oldschool - mit einer zu Hause fabrizierten Kassette. Produzent Don Tone erkennt auf dem Band, obwohl es "auf dem dreckigsten Kassettenrekorder aus den 80er Jahren aufgenommen wurde und dementsprechend klang" (generation-one.de), erhebliches Talent.
Damit steht er nicht alleine da: Auch die Hörer, die den Contest per Internet-Abstimmung entscheiden, votieren kräftig für Blumio. Am Ende setzt er sich gegen starke Konkurrenten wie Taichi durch und steht als Sieger da. Don Tone lädt den jungen Rapper daraufhin in sein Loop Lab-Studio in Düsseldorf ein.
Aus einem ersten gemeinsamen Song erwächst eine langwierige Zusammenarbeit. Blumio, aus dem Kinderzimmer direkt in ein professionelles Umfeld katapultiert, kommt im, wie er es selbst nennt, "Loop Lab-Bootcamp" nicht nur erstmals mit weniger lausiger Technik, sondern auch mit zahlreichen Kollegen in Kontakt. Unter anderem gehen hier Eko Fresh und Pferde aus dem Stall Aggro Berlin ein und aus.
Statt die Neuentdeckung hastig zu verheizen, entscheiden sich Don Tone und Blumio für eine gemächlichere Vorgehensweise. Die Arbeit am ersten Mixtape nimmt über ein Jahr in Anspruch: "I Love Deutschrap" erscheint 2004 und wartet mit einem Gastbeitrag von Eko Fresh auf.
"Handys In Die Lüfte" findet seinen Weg auf einen Sampler des Juice-Magazins. Nebenbei absolviert Blumio etliche Feature-Auftritte. Mit der Gründung von L-Records verfügt er zudem über die geeignete Plattform zur Präsentation seiner Ergüsse.
Für den Durchbruch sorgt eine Nummer, die im November 2005 als Juice-Exclusive veröffentlicht wird: Mit "Meine Lieblingsrapper" zeigt Blumio, das Rap-Chamäleon, was eine Harke ist: In Stimme und Style imitiert er Rapper von Azad über Curse, Samy Deluxe, D-Flame, Eko Fresh, die Massiven Töne, Harris und Jan Delay bis hin zu Massiv. Einzig Sido rappt seinen Part persönlich ein.
Die parodierten Opfer zeigen Humor. Der Track entpuppt sich als exzellentes Sprungbrett für eigenes Material. Ein nachgereichtes Video zieht Kreise durch Blogs und fährt weit über eine Million Klicks ein. Zudem landet Blumio dank "Meine Lieblingsrapper" auf Platz 1 der MTV TRL Urban-Charts und bekommt seinen ersten Fernsehauftritt.
Dass Blumio in der Tat deutlich mehr kann, als lediglich Kollegen nachzumachen, zeigt sich in der Folgezeit. Er ist auf Don Tones Produzentenalbum "Nichts War Umsonst" mit "Chefsache" sowie auf einem L-Records-Labelsampler vertreten.
Mit seinem Kumpel Habesha von der Düsseldorfer Crew BTM Squad hebt Blumio das Projekt Rush Hour aus der Taufe. Einen Vorgeschmack auf das selbstredend ebenfalls von Don Tone produzierte Album gestattet Blumions Auftritt beim Splash!-Festival 2008.
Der 'Japse des Bösen' verfügt über einen eigenen Stil, eine selbständige Persönlichkeit und ein gesundes Selbstbewusstsein. Im Verbund mit ausgefuchstem Songwriting und einer Extraportion Selbstironie entsteht ein fettes Entertainment-Paket, das sich nur schwer in eine der gängigen Schubladen packen lässt. Die Gründung des eigenen Labels Japsensoul: damit unausweichlich.
Über sein Album "Drei", Curse, Karma, das Leben und den Tod.
Kaum war sein drittes Album mit dem bezeichnenden Titel "Drei" erschienen, erbot sich Blumio, uns wieder einmal Rede und Antwort zu stehen.
Willens und bereit, über Curse und Karma, das Leben und den Tod zu philosophieren, schimpfte der Düsseldorfer mit den japanischen Wurzeln zudem auf untalentiert schauspielernde Rapper und die Kultur reißerischer Berichterstattung. Er erklärt, warum er sich regelmäßig als Gutmensch schmähen lassen muss, weshalb er noch einmal den Battlerapper von der Leine ließ - und wie er findet, dass wir ihn zum legitimen Nachfolger von Curse ausgerufen haben. Anruf genügt:
Ja, hallöchen!
Lange nicht gesprochen. Wie gehts uns?
Och, mir gehts gut soweit. Gerade ein bisschen geprobt. Wie ist bei euch das Wetter? In welcher Stadt seid ihr eigentlich?
Strahlendes Wetter. Wir sitzen in Konstanz. Am Bodensee.
In Konstanz? Die ganze Redaktion sitzt in Konstanz?
Wir haben einen Schwung freie Mitarbeiter, die hausen weiß Gott wo. Aber unseren Hauptsitz haben wir hier am Wasser.
Ah, so. Krass. Hätt' ich nicht gedacht.
Hier willste halt nicht mehr weg, wenn du erst da bist.
Überlegt ihr nicht manchmal, nach Berlin zu gehen? Oder seid ihr so heimatverbunden?
Wir haben das immer mal wieder überlegt - und jedes Mal verworfen. Hier ist es einfach zu schön. Dein Album ist mittlerweile draußen. Das haben wir sogar hier bemerkt ...
Ja, ich hab' die Review gelesen. Vielen Dank!
Sehr gern. Selber danke. Ich hab' vorhin dein Interview auf 16bars gesehen. Da wurde meine Kritik zitiert.
Ja, wegen Curse.
Ich hoffe, ich bin dir mit dem Vergleich nicht zu nahe getreten?
Nein, nein. Absolut nicht. Ich mag ja Curse.
Ich auch. Ich war ja nur erschüttert, als ich Aufnahmen gesehen habe, wie er mit einem Schnauzbart im Gesicht Gitarrenmusik macht.
Macht der das echt jetzt?
Seine Band heißt The Achtung Achtung. Aber das ist, wie gesagt, Gitarrenmusik, dafür fühl' ich mich nicht mehr zuständig.
Rappt der dazu oder singt er? Haben die jetzt ein Album draußen?
Er singt. Aber so genau hab' ich mich damit auch wieder nicht befasst. Ich hab' das nur so am Rande mitgekriegt. Album? Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Wie bist du mit den Reaktionen auf DEIN Album zufrieden?
Ich bin eigentlich sehr zufrieden. Ich hab' durchgehend positive Reaktionen erhalten. Weil das Album ein bisschen ernster ist, dachte ich, dass es erst einmal heißt: 'Ääääh, die alten Sachen waren ganz anders.' Aber das wichtigste ist mir, dass die Fans das mögen. Und die mögen es echt gern.
Dass es ernster geworden ist, war nicht zu überhören. Das rappst du irgendwo genau so. Gabs dafür einen konkreten Anlass?
Nee. Als ich das "Yellow Album" gemacht habe, war das eine Reaktion auf den ganzen Gangsta-Kram, der in dieser Zeit rauskam. Da war alles voll damit, und ich wollte eigentlich nur ... Was heißt 'nur'? Ich wollte einen Kontrast dazu bieten. Mittlerweile hat sich das alles sehr homogen entwickelt. Marteria, Cro, Casper, das alles gibts ja. Daher dachte ich mir: Okay. Kann ich einfach mal so machen, wie ich mich gerade fühle. Und da ich mich gerade etwas ernster gefühlt habe - ich bin ja auch schon 27 - hab' ich mir gedacht: Komm, biste mal ein bisschen ernster.
Empfindest du es auch so, dass es im Hip Hop - im Vergleich zu früher - heute eine viel größere Bandbreite gibt?
Absolut. Das ist ja eigentlich auch eine voraussehbare Entwicklung gewesen. Die Leute sind damals richtig gut auf meine Sachen angesprungen. Da hat sich schon abgezeichnet, dass es dann auch so kommen wird. Erst kam nur Gangsterrap. Dann haben die Leute, die früher (singt) 'Ey, eins, zwei Mikrofone und ein Dee-Jay', so Rapper haben auf einmal so (rappt) 'Isch ficke deine Mutter, bis alles wegbombardiert wird, spritz, spritz, spritz'-mäßigen Rap gemacht.
Jetzt seh' ich die umgekehrte Entwicklung, dass Gangsterrapper ein bisschen poppigere Sachen machen. Die Leute sind ja sehr, sehr ... 'schwankend', sag' ich mal, was ihren eigenen Style angeht. Was da Rapper teilweise schon für Wandlungen durchgemacht haben! Aber, naja. Jedem das seine! Ich finds eigentlich sehr gut und ich hoffe, das bleibt jetzt auch so. Dass es die Gansterrapper gibt, die Nicht-Gangsterrapper und die mit ihrem eigenen Style. Dass alles sehr bunt ist. So bleibt Hip Hop interessant.
Sich gegen einen herrschenden Mainstream abzugrenzen, wird aber schwieriger, wenn es viele verschiedene Strömungen gibt.
Ja, jetzt kommt es auf jeden Fall auf die Kreativität an. Es ist ja nicht so, dass ich Anti-Gangsterrap gemacht habe. Ich hab' den Leuten eine mindestens gleichwertige Alternative geboten. Darum geht es ja. Diese Abgrenzung brauch' ich jetzt wirklich nicht mehr. Jetzt kann ich einfach frei aufspielen. Deswegen heißt mein Album auch nur "Drei". Leute sagen, das ist vielleicht ein etwas unkreativer Titel. Aber er lässt mir auch maximale Freiheit. Er ist nicht vorbelastet, hat nicht irgendeine Bedeutung. Jeder hat zu der Zahl Drei einen anderen Bezug. Das ist einfach frei. "Drei" kann so klingen, wie es will, und ich hab' einfach die Musik gemacht, auf die ich Bock hatte.
Bei unserem letzten Gespräch hast du beklagt, keiner rede mehr über die Musik, sondern es drehe sich alles nur um Wer-disst-wen-Geschichten. Hat sich in dieser Hinsicht deiner Meinung nach auch eine Entwicklung vollzogen?
Jein. Ich meine schon, dass die Leute immer noch darüber reden wollen, das ist immer ein heißes Thema. Aber, mein Gott, das ist eben diese Klatsch-und-Tratsch-Scheiße, weißte? Ich hab' nur ein Problem damit, wenn Leute ausschließlich das machen und sich nur darüber definieren. Nur damit hab' ich ein Problem. Sollen die Leute sich doch dissen, mir scheißegal.
Spiegelt sich die Diversifizierung der Inhalte auch in der musikalischen Ausgestaltung?
Ja. Ich glaube schon, dass die Musik auch qualitativ vielseitiger geworden ist. Vor allem, was Marteria gemacht hat, hat mir sehr gefallen. Casper macht ja mehr so mit Gitarren, diese puristischeren Sounds, das mag ich auch gerne. Jeder macht so sein Ding, und so soll es auch sein. Das war auch das, was ich an Hip Hop früher so geil fand. Da gabs so Eins Zwo-Leute, die haben mit Wortspielen richtig Hip Hop gemacht. Dann gabs Freundeskreis, die sehr musikalisch waren, sehr poetisch und auch sehr politisch. Da gabs einen Samy, der sehr viel Wert auf Technik gelegt hat.
Das war eigentlich der Grund, warum mich Hip Hop so angefixt hat. Nicht, weil alle irgendwie den gleichen Film gefahren haben. Sondern weil sich alle ganz gut verstanden haben, aber auch irgendwie ihr eigenes Ding gemacht und sich über ihren eigenen Style definiert haben. Das ist für mich das Wichtigste: Persönlichkeit zu haben. Nicht alle einem Trend hinterher jagen, wie das in dieser Gangster-Hardcore-Zeit war. Sondern jeder soll sein eigenes Ding machen. Das gefällt mir einfach.
Es war halt auch so wahnsinnig langweilig, wenn alle das gleiche erzählen, und keinem kann man es wirklich glauben.
Genau, genau. Und wenn 90 Prozent von Hip Hop so ist, dann wird Hip Hop in der Öffentlichkeit auch komisch wahrgenommen. Mir hat richtig gestunken, dass Hip Hop gleichgesetzt wurde mit asozialer Musik, dummen Aussagen, stumpfen Dissen und so. Das ist aber nicht Hip Hop! Hip Hop ist so frei. Du kannst alles machen! Diese Freiheit lass' ich mir nicht nehmen.
Ich erinnere mich mit Grausen an die Zeit, in der man sich beinahe dafür rechtfertigen musste, dass man Hip Hop hört, weil alle dachten, Hip Hop sei, was sie in den Medien als Hip Hop gezeigt bekommen. Was ja mit Hip Hop nur am Rande zu tun hatte.
Früher war Hip Hop außerdem mehr so mit diesen alten 70er- oder Jazz-Platten, gesamplet. Mittlerweile gibts auch Hip Hop mit Elektro, mit Rock ... diese musikalische Kreativität, die Hip Hop meiner Meinung nach dringend braucht. Im Grunde ist es dadurch entstanden, dass man Dinge adaptiert und im Hip Hop-Stil wiedergibt. So funktioniert das.
Ich halte Hip Hop ohnehin weniger für eine Musikrichtung als für eine Herangehensweise.
Absolut.
Reden wir doch mal über einzelne Songs. Ich war geflasht von "Zeitkapsel", weil das so eine einfache Idee ist, dass ich mich frage: Warum gibts nicht schon zwanzig solche Songs?
(Lacht) Wie kam ich denn da nochmal drauf? Mal überlegen ... Ich weiß nicht! Wahrscheinlich wieder beim Duschen oder beim Kacken. Irgendwann kommen mir so Geistesblitze, dann hab' ich eine Idee. Dann haben wir den Beat dazu geschraubt. Ich find' ein bisschen langweilig, einfach so über sein Leben zu erzählen. Es gibt ja diese Tendenz, dass man viele Dinge, die man früher bierernst genommen hat, nach einer Weile gar nicht mehr so engstirnig sieht. Früher hat man gesagt: Sell-out, sell-out! Ein Hip Hopper darf dies nicht machen, ein Hip Hopper darf das nicht machen. Jetzt gibt es immer noch Regeln, die aber vielleicht ein bisschen anders ausgelegt werden.
Ich dachte mir einfach, ich wollte einmal erzählen, was ich gerade so durchlebe. Und zudem ... ich erzähl' da ja, dass vielleicht alle - Bushido, Sido und alle Leute von früher - einfach zusammen an einem Tisch sitzen und darüber lachen, was sie früher so gemacht haben. Ich glaub', wenn ich den Song in zwanzig Jahren noch einmal höre, dann ist das auch ein gutes Geschenk für mich selber.
Wo, glaubst du, stehst du in zwanzig Jahren?
Boah, das weiß ich echt absolut nicht.
Was würdest du dir denn wünschen?
Hmm, was würd' ich mir wünschen ... Ich bin natürlich ein professioneller Musiker, aber die Professionalität geht jetzt nicht so weit, dass ich mein ganzes Leben dafür opfern würde. Parallel dazu achte ich schon darauf, dass für meinen Seelenfrieden gesorgt ist. Ich hoffe natürlich, dass ich dann .. Rapper sind ja auch irgendwo Spießer! ... dass ich dann 'ne Familie hab', Kinder, auf jeden Fall einen Hund. Das ist das Wichtigste!
Ansonsten, karrieremäßig: Vielleicht, dass ich auch parallel Musik machen kann, außer in Deutschland will ich jetzt auch in Japan Sachen rausbringen. Dass ich einfach komplett frei bin, vielleicht auch schauspielerisch. Ich weiß es nicht. Ich könnte mir nicht vorstellen, dass ich nur eine Sache machen werde. Ich denke schon, dass ich mehrere Dinge parallel machen werde, weil das einfach mein Ding ist. Aber es hat auf jeden Fall immer etwas mit Unterhaltung zu tun. Ich mag es gerne, die Menschen zu unterhalten. Das war schon früher so, als Klassenclown, und das ist jetzt immer noch so.
Du warst der Klassenkasper?
Absolut. Ich war immer der Klassenkasper.
Bei "Zeitkapsel" hast du nach vorne gekuckt. Ähnlich gelagert, aber mit Blick in die andere Richtung: "Mein Ganzes Leben In Sieben Minuten". Ich unterstell' jetzt mal, dass in den Grundzügen alles, das du da erzählst, wahr ist.
Es ist komplett wahr, von A bis Z.
Der Unfall ja wohl nicht.
Ah, okay. Das ist natürlich die Aufmachung gewesen. Ich hab' ja eben schon erzählt, dass ich es langweilig finde, einfach nur Songs zu machen, die über das Leben erzählen. Ich finde, man kann da ein bisschen kreativ sein und dem Ganzen immer einen Rahmen geben. Das ist eben hier der Autounfall. Man sagt ja, kurz vor dem Tod sieht man, wie das ganze Leben vor den eigenen Augen vorbeizieht. Das wollte ich eben darstellen, das war der Aufhänger.
Glaubst du, dass das tatsächlich so ist?
Zumindest erzählen das ja viele, dass das dann passiert. So detailliert wie in meinem Song wahrscheinlich nicht. Aber ... wahrscheinlich schon, ja. Wenn die Leute das so erzählen ...
Wenn ich mal meine eigene Erfahrung einwerfen darf: Ich war mit 16 ziemlich krank, bin dann auf der Intensivstation aufgewacht und hab' gehört, wie die Ärzte sich unterhalten. 'Wenn sie die nächsten 48 Stunden überlebt, können wir davon ausgehen, dass sie es packt!' Da war nix mit Leben-vorbeiziehen. Ich dachte mir: 'Bidde?!' Und dann fiel mir als allererstes so eine dumme Nuss aus meiner Parallelklasse ein, und mein einziger Gedanke war: 'Der hättest du mal sagen sollen, wie scheiße du sie findest!'
(Lacht) Da, siehste! Ich denke, wenn man dem Tod ins Auge blickt, ist das wirklich der ehrlichste Moment, den man haben kann. Oft redet man sich Sachen aus der Vergangenheit ja auch schön. Oder man ist auch nicht ganz ehrlich zu sich selbst. War das ein Fehler? Man weiß, dass es ein Fehler war, aber spielt das vielleicht herunter. Aber ich glaub', wenn man dem Tod wirklich ins Auge blickt oder man schwer krank war, dann kommt das Pure, das Ehrliche der Situation raus. So wollte ich diesen Song gestalten. Ich bin ein Mensch, der jetzt nicht wirklich gerne Gefühle oder schlimme Sachen aus meinem Leben im normalen Gespräch offenbart. Rap war schon immer mein Ventil dafür. Ich hab' da auf jeden Fall Sachen rausgehauen, die ich vorher noch nie jemandem erzählt hatte. Das war mir sehr, sehr wichtig. Der Song geht mir auch immer nahe, wenn ich ihn höre.
Theoretische Frage: Wenn es das jetzt gewesen wäre, und du blickst zurück: Wärst du auf das Ende vorbereitet? Oder gäbe es zu viele Dinge, die noch zu erledigen sind?
Absolut! Es gibt ja Leute, die werden depressiv mit 30. Aber ich finde absolut nicht, dass man mit 30 schon am Ende ist. ich glaub', mit 60 kann man immer noch Sachen regeln und Dinge tun, die man schon immer tun wollte. Man sollte sich nie zu schnell auf sein Weltbild festlegen. Oder sagen, das wars schon, für mich. Ich hab' den Song "Alles Anders": Wo man Mitte 20 ist, und man hat sich sein ganzes Leben irgendwie anders vorgestellt, aber durch verschiedene Schicksalsschläge oder Lebenswendungen ist es einfach so gekommen. Aber es stimmt trotzdem, dass man jeden Tag sein Leben ändern kann und zumindest versuchen sollte, seine Umgebung immer wieder neu, aus einem wenigstens ansatzweise neutralen Auge zu betrachten. Das ist das Haupt-Motto meiner Kunst: Dass ich Dinge, die irgendwie selbstverständlich erscheinen, noch einmal hinterfrage.
Abgesehen von diesen beiden Tracks bin ich großer Fan von filmreif erzählten Szenarien wie zum Beispiel in "Alien Invasion!" Das wirkt plastisch und detailliert in Szene gesetzt - wie ein Drehbuch.
Genau. Ich wollte das so ein bisschen ProSieben-Blockbuster-mäßig gestalten. Das ist auch, was ich meine: Man muss ja nicht immer die Story aus der Hood erzählen. Mein Bruder war im Knast, diese Geschichten, die kenn' ich auch! Aber so'n Alien-Angriff ist ja vielleicht auch nicht so schlecht.
Hast du Bestrebungen, irgendwann einmal einen Film zu machen?
Film, weiß ich nicht. Das kann schnell nach hinten losgehen. Wenn du mit den falschen Leuten zusammenarbeitest, sieht das schnell peinlich aus. Aber es gibt ja die Tendenz, dass Rapper gerne mal Bücher schreiben ... Ach, ich weiß nicht. In "Mein Ganzes Leben In Sieben Minuten" hab' ich ja mein ganzes Leben eh schon erzählt ... Ich schreib' gerne privat Kurzgeschichten, nur für mich. Wenn ich ein Buch schreiben würde, würde ich einen Roman schreiben. Darauf hätte ich auf jeden Fall Lust. Märchen zu erzählen. Auch, weil ich mit Worten besser hantieren kann als mit Bildern.
Drehbücher vielleicht?
Ja, das könnte ich mir auf jeden Fall auch gut vorstellen. Dann aber mit jemand anderem, der wirklich weiß, wie man Drehbücher schreibt. Ich glaub' auf jeden Fall, dass das eine Kunst für sich ist, und ich finde es immer so anmaßend. Wie wenn Rapper ohne jegliche Ausbildung oder Vorbereitung einfach mal so in einem Film mitspielen. Wenn ich jetzt Filme aussuche, die ich kucken will, lass' ich immer ein bisschen so die Finger von Filmen, in denen Rapper mitspielen. Wo 50 Cent auf dem Cover ist, oder so. Außer, es sind Hip Hop-Filme. Dann ist es natürlich authentisch. Es gibt ja talentierte Leute, in der Hinsicht. In Amiland vor allem. Aber die meisten ...
Man merkt halt, dass diese Leute oft keine Ausbildung haben.
Oh, ja! ich finde, gerade 50 Cent ist immer so ... aaargh! Fifty, ey, muss das sein?
Ich glaube, ich meinte damit, dass ich eigentlich nur das tue, das irgendwie in meinen Möglichkeiten steht. Man muss sich nicht immer überschätzen. Ich mach' halt Musik, bei der ich denke, dass ich effektiv damit etwas bewirken kann. Effektivität ist mir schon sehr wichtig, bei politischen Liedern. Ich möchte den Leuten irgendwie aufzeigen, was man selbst als Hörer aktiv tun kann. Nur finde ich, dass ein Streetworker, der auf die Straße geht, im Grunde viel mehr tut. Wenn du in Afrika in 'nem Dorf aufgewachsen bist, dich hochgekämpft hast, Stipendien bekommen hast und dann irgendwann als Menschenrechtsanwalt in der UNO bist und aktiv vor Ort arbeitest, DANN bist du ein wirklich extrem politischer Mensch. Ich sitz' hier in Düsseldorf, rappe politische Lieder und hoffe, dass ich vor allem junge Leute damit ein bisschen aufwecken kann. Aber ich denke trotzdem, dass es nicht vergleichbar ist.
Du hast aber schon Interesse an und ein Auge für politische Themen.
Absolut! Ja. Ich informier' mich auch immer und all das, aber ... kennste ja: Mein Vergleich ist da schon immer ein bisschen anders.
Gerade diese Nummer kam schon ziemlich lange vor dem Album raus. In den Kommentaren dazu stolpert man immer wieder über die Beschimpfung "Gutmensch", "Gutmenschen-Rap".
Ja, ja. Ich weiß.
Fühlst du dich davon getroffen?
Nee! Warum schreiben Leute so etwas? Weil sie ein schlechtes Gewissen haben. Du willst irgendwas bewirken, und die Leute wissen ja: Okay, ich mach' nix. Ja? Die sitzen vor ihrem Internet und zocken, weiß ich nicht, World of Warcraft oder so, und machen nix. Und wenn jemand dann wirklich was bewirken will, dann spielen sie das runter. Dass es eh nix bringt, dass es irgendwie "Gutmenschen"-Kram ist. Weil die wissen, sie haben eigentlich ein schlechtes Gewissen, weil die selber nichts tun. Indem sie schlecht machen, was andere tun, fühlen sie sich halt besser. Das ist, glaub' ich, das Ding.
Ich weiß auch nicht. Auch, als Michael Jackson gestorben ist und alle Leute so am Trauern waren, weil die den Künstler einfach wirklich bewundert haben und er ihr Leben mit seiner Kunst bereichert hat, und dann sagen die so: "Ja, aber in Afrika sterben doch jeden Tag Menschen" und dies und das ... Ja, natürlich! Ich will das auch gar nicht schmälern. Aber wenn deine Oma stirbt und du trauerst, dann komm' ich doch auch nicht und sag': "Ja, aber in Afrika sterben doch auch jeden Tag Menschen. Wieso trauerst du jetzt über deine Oma?" Ist doch klar, dass man einen persönlicheren Bezug zu diesem Menschen hat, als jetzt zu jemandem, den man gar nicht kennt. Ach, das sind immer so Leute ... Ich weiß nicht, warum die das tun und was die davon haben. Die reden halt Sachen gerne schlecht, damit sie sich besser fühlen.
Dieser Song behandelt die Mordserie, der eine ganze Reihe ausländischer Mitbürger zum Opfer gefallen sind. Mich hat das auch erschüttert - aber fühlt man sich als ... wie sag' ichs? ... als deutlich als Ausländer erkennbarer Mensch von so etwas noch einmal ganz anders bedroht?
Hmm ... bedroht nicht. Ich fühl' mich nicht bedrohter als früher. Ich wusste das ja. Ich hatte vorher zufällig davor gerade einen Song geschrieben, der hieß "Der Diktator". Da gings - ich hab' quasi in seiner Perspektive geschrieben - um einen Typen, der irre ist, von den Medien verseucht ist und von irgendwelchen Ausländern, die ihn als Scheißdeutschen oder was auch immer beschimpfen, und der dann wirklich zur Waffe greift, durch die Stadt geht und Ausländer abmurkst. Das hatte ich schon geschrieben. Dann kam das alles raus - und aus Respekt den Opfern gegenüber kann ich diesen Song ja nicht mehr rausbringen. Aber für mich war das relativ klar, aber dem Verfassungsschutz scheinbar ... Denen war das zwar auch klar, aber die verfolgen lieber Linke.
Diese ganze Bedrohung jetzt, mit diesen drei Schwarzweiß-Bildern von diesen Fuzzis da, von den Killer-Nazis und all diese Bezeichnungen, als wäre das hier ein Hollywood-Film ... Das ist genau wie mit der Vogelgrippe oder der Schweinegrippe: Die Leute machen sich mehr Angst, als eigentlich nötig ist. Man sollte keine Angst vor diesen Menschen haben, sondern eher Angst davor, dass so ein Gedankengut weiter verbreitet wird. Und dagegen kann man immer etwas tun. Ich lass' mir auf jeden Fall nicht einreden, dass ich jetzt ängstlich durch die Straßen gehen muss. Das absolut nicht. Das geht alles von den Medien aus. Die fressen das und bauen das künstlich auf. Wenn, dann hat die Gefahr sowieso schon vorher bestanden. Das ist genauso bei irgendwelchen islamischen Terroristen oder wem auch immer: Je nach Aufmachung kann man immer Angst kriegen. Aber Angst ist auf jeden Fall nicht die richtige Emotion, um darauf zu reagieren.
Du hast mal gesagt, du siehst die Verantwortung bei den Medien. Wie würdest du dir eine Berichterstattung über solche Vorkommnisse wünschen? Wie sollte man berichten, über einen wie den Breivik in Norwegen? Am Ende gar nicht?
Doch! Man sollte darüber auf jeden Fall Bericht erstatten. Aber ich finde, die Berichterstattung führt einfach nicht zu irgendeinem Ziel, wenn von zwanzig Artikeln neunzehn nur über die Täter berichten. Ist doch klar, dass sie damit auch neue Täter züchten. Diese Leute, das sind kleine, arme Fuzzis, die keine Aufmerksamkeit bekommen haben und jetzt ihre Aufmerksamkeit suchen. Was gibts denn Geileres, als vom Feindbild glorifiziert zu werden als der Überkiller, der übergefährliche Staatsfeind Nummer eins?
Stattdessen fände ich viel wichtiger, die Reaktion vom Volk zu zeigen. Vom normalen Volk vor allem auch. Nicht immer diese Extreme. Du setzt da Pierre Vogel und Sarrazin in eine Talkshow und sagst, die repräsentieren jetzt einmal den Islam und einmal die Deutschen - so kanns doch nicht gehen! Die Leute sind nicht so dumm! Ich will einfach, dass man mehr über die Opfer berichtet und Lösungswege ernsthaft ausdiskutiert, statt dass man da wieder so eine Gefahr herauf beschwört, die dann wieder ... Jetzt siehst du es doch! Jetzt berichtet schon wieder keiner mehr darüber!
Es ist mir einfach immer zu einseitig gewesen. Und auch heuchlerisch, wenn man davor berichtet: Der Islam ist so gefährlich und alle sind Terroristen und Kopftuch-Verbot und all so 'ne Geschichten. Und jetzt sind auf einmal die Nazis die Killer und alle böse. Mein Gott, ey! Was ist das denn für 'ne Berichterstattung? Ich frag mich, ob die sich nicht schämen, sich überhaupt Journalisten zu schimpfen, wenn sie so 'ne Scheiße berichten. Im Journalismus gehts für mich einfach um Fakten. Kunst kannst du immer so oder so interpretieren, und Übertreibung ist immer auch ein Stilmittel. Aber deswegen sag' ich ja, dass Journalisten in einer größeren Verantwortung stehen, weil: Das Journalistische sollte einfach gut ausgearbeitet sein.
Je nachdem, welches Bild man zu welchem Thema druckt ... Ich hab' sogar in der F.A.Z. letztens einen Bericht gesehen, dass die Ausländerzahl in Deutschland jetzt wohl steigt. In dem Bericht stand, dass jetzt viele Leute aus Polen und diesem Bereich nach Deutschland kommen, dass die den Großteil ausmachen. Und welches Bild zeigen die? Die zeigen eine Frau mit Kopftuch und so Mullahs mit Bärten, die da durch die Straßen gehen. Da frag' ich mich doch: Was soll das denn? Je nachdem, wie man berichtet, erzeugt man doch ganz andere Emotionen beim Leser. Und diese Leute haben so eine millionenfache Auflage, jeden Tag! Die haben einfach viel mehr Einfluss auf die Menschen.
Über dein Album sagst du - und vielleicht trifft das auch auf dich als Person zu - dass du eher philosophisch als politisch an die Sache heran gehen willst.
Das stimmt, für dieses Album auf jeden Fall. Das zeigt ja schon das Cover mit diesen drei Affen. Nix sehen, nix hören, nix sagen. Was viele missverstehen: Es ist nicht so, dass ich die Augen vor der Welt verschließe. Sondern die philosophische Bedeutung davon ist ja, dass, wenn du nix siehst, nix hörst und nix sagst, dass du dann eigentlich komplett frei und nur quasi intrinsisch gesteuert bist. Aber abgesehen davon ist für mich immer diese innere Zerrissenheit zwischen Gut und Böse, in jedem Menschen selbst, der Leitfaden. Bei "Vergiss Das Nie" oder "Gott Gegen Teufel" kommt das sehr deutlich durch.
"Wir Träumen Gemeinsam Von Besseren Tagen" ist ein sehr aktueller Song, auf ein bestimmtes Ereignis bezogen. Aber sonst wollte ich einfach zeitloser schreiben. Über den Menschen an sich, wie der Mensch gestrickt ist. Dass er gerne Feindbilder sucht. Dass er gerne jemanden hat, der unter ihm steht, auf den er zeigen kann. Ja, dass in jedem von uns das Böse schlummert. Deswegen sollten wir nicht zu schnell Leute verurteilen. All so 'ne Geschichten, die allgemeingültig stehen. Zumindest für mich. Ich sag' ja nicht, dass die Leute mir alles blind glauben sollen, das ich da erzähle. Aber für mich ist es halt so, und das ist auch in zehn Jahren noch aktuell.
Puh, schwer zu sagen. Das ist ja irgendwie auch eine Definitionsfrage. Ich glaub' auf jeden Fall an das Karma. Dass das Gute, wenn vielleicht auch nicht heute oder morgen, so doch irgendwann auf dich zurückkommt. Auch das Schlechte. Daran glaube ich auf jeden Fall schon. Ich hoffe es zumindest. Das ist vielleicht auch eine Art, mir das Leben schön zu reden. (Lacht) Das kann natürlich auch sein. Aber wenn ich schon nicht an Gott und Teufel und Religion und all das glaube, vielleicht ist das ein Weg für mich, an das Leben zu glauben.
Der Karma-Gedanke beinhaltet, das man irgendwann alles zurück bekommt, das man gegeben hat. Hängt damit zusammen, dass du einen Talentwettbewerb ausgerufen hast, wo du selbst ...
(Unterbricht) Genau. Das hab' ich jetzt gemacht. Leute, die bei unserem Shop das Album bestellen, kriegen zwei Beats geschickt. Das können sie dann einschicken. Bei mir wars ja genau so.
Eben. History repeating?
Ja, das ist absolut so. Ich war damals sehr jung. Für die Leute, die es nicht wissen: Don Tone hat damals das letzte Plattenpapzt-Album produziert. Die hatten da noch zwei Beats von Rusbeh draufgepackt, wo die Leute draufrappen sollten und das dann einschicken konnten. Das war dann so ein Contest, da wurde im Internet gevotet. Den habe ich damals gewonnen, da war ich siebzehn.
Mich hat damals einfach gestört, wie man über Jugendliche gesprochen hat. Dass die alle verblöden und so. Über jede Generation wird immer das Gleiche erzählt. Die Jugend wird immer dümmer, engagiert sich nicht, interessiert sich nicht für Politik. Ich hab' mich absolut für Politik interessiert. Ich war auch nicht dumm. Ich fands gut, dass man mir eine Möglichkeit geboten hat. Ich hatte gar nix, ich hatte nur einen Kassettenrekorder, mit dem ich dann so aufgenommen habe. Trotzdem hat man mir eine Möglichkeit geboten.
Ich hoffe jetzt, dass sich jetzt vielleicht Leute melden, die in einer ähnlichen Situation sind, die wirklich Talent, aber sonst niemanden haben. Oder die vielleicht auch gerade nicht so im Trend liegen, mit ihrem Style. Das müssen ja auch nicht nur Rapper sein. Es können ja auch Sänger sein. Dass die aber einfach gut Emotionen rüberbringen können. Vielleicht fliegt da was Gutes dabei rein. Mal kucken, was passiert.
Halt uns auf dem Laufenden.
Klar.
"Wir Träumen Zusammen Von Besseren Tagen" fällt, das haben wir schon gesagt, wegen seines aktuellen Bezugs aus dem Rahmen. Der andere Track, der im Kontext von "Drei" vielleicht ein bisschen ... merkwürdig wirkt, ist "Der Letzte Samurai".
Ah, okay?
Da bricht es noch einmal so richtig aus dir raus. "Eigentlich wollte ich nie wieder einen Battletrack aufnehmen." Warum dann doch?
Hmm ... (überlegt) Das hat auch etwas damit zu tun, dass ich auf diesem Album noch einmal einen Tick mehr auf Technik geachtet habe, auf Reimschemata und so weiter. Ich schreib' viele Geschichten, viele Songs mit einem dramaturgischen Bogen. Darüber hab' ich die technische Seite etwa vernachlässigt, obwohl ich das in meinen jungen Jahren sehr versiert hatte. Ich hatte einfach wieder Lust, einfach mal den Rapper raushängen zu lassen. Ich war ja auch oft auf Battles, hab' Battletracks geschrieben ... Ich wollte das einfach noch einmal rauslassen und den Leuten zeigen: Ey, kuckt mal her, ich kann auch rappen. So. Das war eigentlich die Hauptintention. Im Zuge dessen kam natürlich auch vieles raus, von dem ich gar nicht wusste, was sich alles in mir gestaut hatte. Aber Musik ist ja immer auch 'ne Selbsttherapie. Es war auf jeden Fall befreiend, so einen Song geschrieben zu haben.
Ich glaub' tatsächlich, dass mich nicht etwa der Exfreundin-Song zu meinem Vergleich mit Curse getrieben hat, sondern das: "In der einen Hand das Schwert, in der anderen Hand das Mic". Ich denk' da an das Cover von "Sinnflut", wo Curse mit dem Samuraischwert posiert ... Der kann ja wirklich damit umgehen. Du auch?
Nee, ich kann gar nicht damit umgehen. (Lacht) Ich würd' das allerhöchstens vielleicht zum Gurkenschneiden benutzen. Wirklich Schwertkampf hab' ich nie erlernt.
Also doch ein Poser.
Absolut, ja. Ich kenn' ja Freunde, die solche Schwerter besitzen. Aber genau deswegen haben wir uns dagegen entschieden: Weil das einfach zu lächerlich kommen würde, wenn ich da gar nicht mit umgehen kann, ich aber im Video mit 'nem Schwert rumschwingen würde. Deswegen haben wir diese Symbolik extra rausgelassen.
Unser letztes Interview haben wir mit der Headline aufgezogen: "Ich will was mit Tokio Hotel machen." Daraus ist wohl nichts geworden?
Ich hab' auch gar keinen Bock mehr! Weil ich find', der Bill mit seinem Bart, der sieht ganz komisch aus. (Lacht) Ich fand den ja früher noch ... äh ... "süß" würde jetzt irgendwelche komischen Gerüchte streuen. (Lacht) Aber es hat alles irgendwie gepasst. Das war so ein kleiner, schmächtiger Junge, der halt so aussah, wie er aussah.
Du, der ist verdammt groß.
Ja, ja. Aber der ist ja so dünn! Als ich, wie hieß das noch mal? "Durch Den Monsun"? Als ich das gesehen hab', dachte ich, das ist 'ne Frau. Und jetzt sieht er ... irgendwie ... komisch aus. (Lacht) Mal abgesehen davon: Das war ja auch so halb-ernst gemeint. Ich würd' es auf jeden Fall machen, weil ich es immer interessant finde, mit so ganz anderen Künstlern zu arbeiten. Aber das ist jetzt nicht mein expliziter Wunsch, genauso wie mit Udo Jürgens einen Song zu machen. Das muss jetzt in meinen Augen nicht sein.
Hast du explizite Wünsche, mit wem du etwas anfangen würdest - musikalisch?
Absolut! Ich bin ja jetzt vor allem an den Arbeiten zu meinem nächsten Album. das wird ein Kollabo-Album werden, zusammen mit JayJay, mit dem ich auch schon Clubgigs zusammen gemacht habe. Das wird 'ne ganz verrückte Elektro-Punk-radikale Nummer. Radikal politisch, radikal in jeglicher Hinsicht, auf jeden Fall sehr, sehr krass. Darauf freu' ich mich schon richtig, weil ich hab' einfach gemerkt: Mir liegt das, dieses Mit-anderen-Rappern-zusammen-Arbeiten. Ich hab' ja schon mit Habesha ein Album gemacht gehabt. Das hat auch sehr viel Spaß gebracht. Und mit JayJay versteh' ich mich einfach auch privat sehr gut.
Abgesehen davon, mit großen Künstlern ... ich weiß nicht. Zunächst einmal arbeite ich gern mit Musikern. Mit sehr großen Soul-Bassisten, -Gitarristen, Bernie Worrell zum Beispiel, das sind schon Leute, mit denen ich gerne mal zusammen arbeiten würde - allein schon musikalisch. Oder Bootsy. Wenn der mal 'ne Bassline auf einen Beat von mir legen würde, DAS wäre schon richtig cool. Ansonsten ... weiß ich nicht. Rammstein oder so, das könnte ich mir auch vorstellen. Oder die Toten Hosen, das wäre ein großer Traum von mir, weil ich die früher sehr gern gehört habe.
Lockt dich der Kontrast?
Ja, auf jeden Fall! Wenn ein Rapper sich mit einem anderen Rapper trifft, beide fahren einen ähnlichen Film, der eine rappt einen 16er drauf, der andere rappt noch einen 16er drauf, und dann machen die zusammen 'ne Hook: Das ist für mich die pure Langeweile. Mich reizt immer, wenn man mit jemandem zusammen arbeitet und dabei wirklich etwas erschaffen kann, das nur diese zwei oder drei oder vier Leute zusammen erschaffen können.
Etwas Neues, halt.
Genau. Diese unoriginellen 16-Takte-Feature-Geschichten mit dem gerade angesagten Künstler, die sind nicht so mein Ding. Solche Songs geraten auch schnell in Vergessenheit.
Wie weit ist euer Kollabo-Album schon gediehen?
JayJay kommt ja erst einmal mit auf Tour. Wir haben auf jeden Fall schon ungefähr zwanzig Song-Ideen. Nur noch keinen Bandnamen. Also: Falls du oder die Leute einen Vorschlag haben, dann können sie uns gerne was schicken. Aber wir haben auf jeden Fall einen guten Vibe. Ich will, dass das ein Durchdreh-Album wird. Radikal. Einfach radikal.
Gibts dafür schon einen Zeithorizont?
Na, wenns geht, dann Ende des Jahres. Da man zu zweit ist, denke ich, dass das mit dem Songs schreiben auch 'n bisschen schneller geht. Wenn wir da diszipliniert dranbleiben, könnte das schon dieses Jahr erscheinen. Leute, checkt mal JayJays Sachen! Da könnt ihr euch schon einen Eindruck verschaffen, was der bisher sonst so gemacht hat. Die Leute wissen gar nicht, was der so drauf hat. Ein sehr, sehr talentierter Junge.
Ich hab' von dem vor deinem Album noch nie gehört.
Das ist halt bis jetzt nur so ein Lokalmatador gewesen, das aber sehr erfolgreich. Der hat zum Beispiel für Fortuna Düsseldorf den Torjingle gemacht, für die vorletzte Saison, glaub' ich. In Düsseldorf kennt man den auf jeden Fall. Ich hoffe, dass ich ihn noch einem breiteren Publikum präsentieren kann. Der ist richtig gut.
Ein frommer Wunsch zum Schluss. Dann sag' ich danke für deine Zeit.
Ich sag' danke für die schöne Review.
Und ich sag' danke für die schöne Platte. Jetzt is' aber gut!
Kauft alle mein Album!
Ja. Macht das!
Blumio über Einfallslosigkeit, Exzentrik, Do-It-Yourself und Lieblingsrapper.
Blumio spricht zwar nicht über Haie, wohl aber über Einfallslosigkeit im Hip Hop, Helge Schneider und das Streben nach Einzigartigkeit, Casting-Shows, Lieblingsrapper und den Auftrag, die Welt zu verbessern.
Eigens für seine Tour stellte Blumio die Yellow Man Group zusammen: Eine "richtige Live-Band", wie er betont. Die tingeln im Dezember erstmals über Land, um des Rappers "Yellow Album" den Fans live und direkt zu kredenzen. Reinhören lohnt sich, schließlich ließen hemmungslos zelebrierte Fröhlichkeit und Farbenfreude die Sonne aufgehen, über Rapdunkeldeutschland.
Und ein Telefonat beweist: Mit Blumio kann man keineswegs nur über Haie reden - auch wenn er sich zunächst ein wenig mitgenommen anhört.
Bist Du wach? Du klingst so verknautscht.
Nee, nee. Ich bin hier im Studio. War kurz noch vorm Internet.
Hui, schon voll am Arbeiten.
Genau. Aber wir haben Zeit.
Auf Deiner MySpace-Seite schreibst Du: "Weil der Klügere nachgibt, regieren die Dummen die Welt." Du ziehst Parallelen zur Rapszene. Inwiefern taugt dieser Vergleich für Dich?
Ich finde, man kann sich viel beschweren. Blabla, die Rapszene ist ja so langweilig geworden, und alles ist so monoton - egal, welcher Stil jetzt. Ich will da jetzt gar nicht immer auf Gangsterrap draufkloppen. Weißte, wenn du dann nichts dagegen machst und selbst keine richtige Musik dazu beiträgst, dass es voran geht, dann kannste auch weiter meckern. Die Dummen, die dann die große Klappe haben und sich immer nur in den Vordergrund schieben, die kriegen dann die meiste Aufmerksamkeit. Man kann sich dem einfach nicht entziehen. Man muss da mitspielen, damit man überhaupt gehört wird. Man muss halt auf seine Weise einen großen Lautsprecher haben.
Teilst Du den Eindruck, dass es immer langweiliger geworden ist - oder gilt das nur für die Außendarstellung?
Für mich ist es eher so, dass der Fokus mittlerweile auf der Musik liegt. Das ist eher das Problem für mich. Langweilig ist es ja nicht. (Lacht) Wenn ständig Nachrichten kursieren, 'der disst den', 'für den ist der scheiße', und 'der hat den geschlagen' und so - das hat einen gewissen Unterhaltungswert. Das ist ja praktisch RTL II für Hip Hop-Medien, sozusagen. Ich bin auch ganz froh, dass ich in diesen ganzen gängigen Hip Hop-Medien gar nicht so präsent bin. Das bedeutet eigentlich, dass ich recht gute Arbeit mache, weil da sowieso fast nur irgendwas von 'der schlägt den', 'der hat den erschossen' oder solche Nachrichten erscheinen.
Ist ja klar, dass sich dann jeder zweite Depp denkt: "Ja, wenn ich jetzt meine Klappe aufreiße und das und das sage, gegen den und den, dann komm ich da in die Medien." Was mich gestört hat, ist, dass die Musik einfach zu kurz gekommen ist. Keiner redet mehr über Musik. Irgendwie ist das auch nicht mehr so wichtig. Hatte ich das Gefühl. Jeder macht irgendwelche Beats, rappt irgendwas da drauf und nennt das sein Album. Für mich war das einfach nichts mehr.
Viele Deiner Kollegen sagen, sie interessieren sich gar nicht dafür, was so abgeht. Du scheinst das dagegen schon zu verfolgen.
Ich weiß nicht. Ich kuck' schon regelmäßig auf hiphop.de und so, was die Leute so machen. Sowas krieg' ich immer mit. Diese komischen Gerüchte, denen kann man sich ja gar nicht entziehen oder sich davor schützen. Sowas kriegt man ja automatisch mit. Nur musikalisch verfolge ich das jetzt nicht so. Ich hör' die Singles, und dann denk' ich mir schon, was auf dem Album drauf ist.
In vielen Fällen hat man damit ja auch genug gehört, leider. Mich beschleicht aber in letzter Zeit der Eindruck, dass nach langen, düsteren Jahren endlich wieder Spaß erlaubt ist. K.I.Z. rocken, Kaas hat 'n lustiges Album gemacht, Deins war sehr, sehr witzig. Hat Spaß für Dich einen großen Stellenwert?
Ich lach' halt gerne. Ich bin ein lustiger Mensch, kann ich von mir sagen. Humor ist ein großer Bestandteil meines Lebens. Ich würd' jetzt nicht sagen, dass mein Rap nur aus Spaß besteht. Ich kenn' auch keine Person, die nur lustig ist. Die meisten Leute, die total extrem lustig sind, haben dann auch eine dunkle Seite. Das hab' ich auch schon mitbekommen. Ich finde, trotz aller Lustigkeit sollte man die Ernsthaftigkeit nicht verlieren. Man sollte das Leben trotzdem realistisch widerspiegeln.
Ich hab' jetzt keine Lust, ein Album zu machen, das komplett nur auf lustig basiert. Das ist jetzt vielleicht auch 'ne kleine Gegenreaktion von mir gewesen, weil sich keiner getraut hat. Jeder stellt sich dar als den Übermenschen, der so hart ist, nie lacht, immer böse kuckt und auf die Straße geht und jeden zusammenhaut. Vielleicht wollte ich da so ein bisschen den Gegenpol bilden. Aber: Ein bisschen Spaß muss sein, ne?
Ganz recht. In einem Interview hast Du trotzdem mal gesagt, Du schreibst die besten Texte, wenn Du irgendwie unzufrieden bist. Ist das immer noch so?
Das sind halt extreme Lebessituationen. Wenn du total zufrieden, eigentlich ganz glücklich bist, mit allem, dann ... Ich weiß nicht. Das macht sich dann auch in den Texten bemerkbar. Dann werden die lasch. Vielleicht gibst du dann auch nicht mehr so Gas, vielleicht gibst du dich auch leichter damit zufrieden, was du geschrieben hast. Wenn du dann aber total unzufrieden bist, heißt das aber nicht, dass da auch unbedingt negative Texte dabei rauskommen müssen. Aus dieser Unzufriedenheit kann auch etwas total Positives entstehen. Aaaah, ich muss jetzt meine Gedanken woanders hinlenken, und so. Von daher würde ich das immer noch unterschreiben, ja.
Das heißt: Qual gehört zur Kunst?
Definitiv.
Dein "Yellow Album" hat viel positive Resonanz erfahren, obwohl es Vielem, was ... ich sag' jetzt mal ... gemeinhin als Hip Hop-typisch gilt, widerspricht. Hast Du damit gerechnet?
Nee. Ich wäre auf jeden Fall ein Lügner, wenn ich jetzt behaupten würde, ich hätte von Anfang an gewusst, dass das so gut ankommt. Ich hatte vorher auf jeden Fall ein bisschen Bammel, so: Oooha. Wie kommt das an? Wie wird das aufgenommen? Zum Beispiel bei Songs wie "Anti-Gewalt-Song" dachte ich, dass da 'ne viel stärkere Front von irgendwoher kommt. Dass ist pussy, das ist schwul, oder was-weiß-ich-was. Aber scheinbar haben die Leute - das hab' ich auch schon mal erlebt - doch mehr Humor, als man denkt. Nur verhalten sich die Leute anders oder tun so, als hätten sies nicht. Aber eigentlich sind wir uns doch alle ähnlicher, als wir alle denken.
Ich glaube ja, dass es gerade für diejenigen, die glauben, immer das verkniffene Gesicht machen zu müssen, weil sie denken, das sei cool, eine Befreiung ist. Endlich mal was anderes, endlich mal lustig.
Ja, endlich vor allem auch Mensch sein! Ich finde das alles auch nicht so menschlich, was die für ein Bild von sich darstellen müssen. Ich finde das total anstrengend, in Interviews immer so den überharten, unantastbaren Typen zu geben. Das musst du dann ja auch teilweise auf der Straße verteidigen, dieses Bild, weil die Leute dich ja auch testen wollen. In deren Haut möchte ich nicht stecken.
Das artet richtig in Stress aus. Die Produktionen auf Deinem Album stammen sämtlich von Don Tone und lassen ein merkliches Faible für Soul und Funk durchklingen. Du teilst diese Vorliebe?
Ja, definitiv. Es läuft bei und nicht so, dass ich zu ihm gehe, er spielt mir zehn Beats vor, und ich such' mir einen aus, sondern wir fangen von Null auf zusammen an. Das bedeutet, wir setzen uns auch beatmäßig keine kreativen Grenzen. Auch musikalisch nicht. Das ist so, wie wenn zwei Jungs sich auf dem Spielplatz treffen und sich dann erst überlegen: "Was machen wir denn heute?" Es ist frei, weißte? Es macht einfach Spaß, wenn dann auch jemand da sitzt, der genau so frei denkt wie ich ... Man kann so viel machen. Diese Funk/Soul-Geschichten sind eine Sache. Das ist halt der Groove. Das ist Hip Hop, da muss der Groove immer dabei sein. Andere musikalische Einflüsse sind für mich auf jeden Fall auch sehr interessant. Aber Funk und Soul ... das ist auf jeden Fall meine Leidenschaft, ja.
Wurdest Du damit ... frühkindlich sozialisiert?
Überhaupt nicht. Meine Eltern haben immer irgendwelche japanischen Popsongs und Volksmusik und solche Sachen gehört, auf Kassetten im Auto. Sowas hab' ich in meiner Kindheit mitbekommen. Und natürlich die gängigen Charts-Sachen. Es ist jetzt nicht so, das ich damit so früh in Verbindung gekommen wäre. Das kam irgendwann später. Und dann hats mich auch gepackt.
Nicht die schlechteste Leidenschaft, die man haben kann. Ich kam ja eher aus der anderen Richtung. Habe mit Soul und Funk angefangen und bin darüber Hip Hop-süchtig geworden.
Ja, Hip Hop ist ja aber auch geil!
Ja, Hip Hop ist großartig. Aber was die Leute zuweilen für Hip Hop halten, das ist manchmal schon zum Verzweifeln.
Ja, aber ich sag' immer: Für mich ist Rap so geil. Du kannst in sechzehn Takte so viel reinpacken. Und die Leute bedienen sich so eines kleinen Vokabulars ... Das ist so, als würde ich immer mit Kartoffeln, Fleisch, Salz und Bohnen kochen. Immer ein bisschen anders, aber irgendwie schmeckt alles gleich. Aber du kannst Auberginen nehmen und Artischocken und Fisch ... all das kannst du nehmen. Nur weil Leute von vorneherein sagen: "Okay, das ist Rap, dann muss ich das jetzt fortsetzen" ... Ich denke: Rap ist noch viel mehr. Das ist so eine junge Musikform, da kann man noch viel mehr rausholen.
Aber gerade die Leute, die sich nur oberflächlich mit Rap beschäftigen, kennen halt nur die Kartoffeln und das Fleisch, und eben nicht den Fisch. Ach, man muss missionieren. Man muss einfach mehr gute Musik machen.
Genau. Das sag' ich ja.
Juckt Dich die Zusammenarbeit mit anderen Produzenten auch?
(Pause) Schwer, schwer, schwer. Mit meinem Freundeskreis verhält es sich so: Ich hab' seit Jahren die gleichen Freunde. Was das anbelangt, bin ich echt so'n bisschen Nazi, weißte? (Lacht) Ich weiß halt: Mit Rusbeh, Don Tone, da funktioniert es gut. Ihm vertrau' ich hundertprozentig, bei ihm hab' ich das ganze Paket. Ich hab' einmal das Musikalische: Er hat doppelt so viel Musik gehört und erlebt wie ich. Auf seine Meinung setze ich sehr viel. Er hat als Gitarrist und Bandleader mit Fresh Familee angefangen, ist dann zum Produzenten geworden und hat sich das alles hier aufgebaut. Er ist ja erst mit 19 aus dem Iran nach Deutschland gekommen und hat alles schon gesehen.
Dann hab' ich die Freiheit, diese Kreativität: Er steht halt auch auf total verrückte Sachen, auf neuartige Sachen, die findet er superinteressant. Und dann natürlich der fette Sound, der auch sehr wichtig für mich ist. Dass es erst mal richtig angemischt ist, und dann diese ganzen Kompressoren und Zeug, alles, was er da dazusetzt ... Bei ihm hab' ich eben das Gesamtpaket. Ich hatte letztens ein Interview zusammen mit K.I.Z., auf jeden Fall: Für DJ Crafts Album hab' ich was gemacht, das hat er ja dann auch produziert. Jaaaa, ich sag' jetzt nicht nein. Aber für meine eigenen Sachen bin ich vorerst schon sehr fokussiert auf die Arbeit von Don Tone, weil das ist so wie eine Band, weißte?
Du bist also eine treue Seele.
'Ne treue Seele, ja schon, das auch. Aber ich würde jetzt nicht sagen, dass das jetzt nur Vetternwirtschaft ist, bei uns. Es ist so, dass ich seine Musik einfach am geilsten finde. Ich möchte jetzt nicht anderen Produzenten gegenüber respektlos reden, aber es ist einfach mein Geschmack, dass ich ihn am geilsten finde. Andererseits natürlich, wenn jetzt Timbaland kommen würde (lacht) oder Dr. Dre, dann sag' ich auch nicht nein.
Gibts - außer Udo Jürgens - einen Künstler, mit dem du gerne mal zusammen einen Track aufnehmen würdest?
Da gibt es sicherlich einige. Ich finde solche Crossover-Geschichten schon interessanter, als mit anderen Rappern was zu machen.
Warum?
Mit anderen Rappern, das ist so ... begrenzt. Mit anderen Rappern hab' ich ein anderes Projekt vor. Darüber möchte ich aber noch nichts verraten, das liegt noch in ferner Zukunft. Aber diese typischen Feature-Geschichten, die reizen mich nicht so sehr. Das hat es schon tausendfach, millionenfach gegeben. Die meisten Features sind leider so, dass man die Strophe von dem Song vom einen mit der Strophe von dem Song vom anderen auf einen Song packen könnte. Dazu noch 'ne Hook, fertig ist das Feature. Wenn Feature, muss das für mich etwas sein, was nur die beiden erschaffen können. Dann eher schon andere Sänger, Gitarristen ... sowas.
Hast Du konkrete Namen im Kopf?
Nein, ich bin da offen. Klar gibt es Spielereien im Kopf. Xavier Naidoo. Den find' ich großartig. Ich finde jeden Song von ihm geil, ich krieg' einfach jedes Mal 'ne Gänsehaut, wenn ich den Mann höre.
Wobei es Rapper im Verbund mit so 'nem Soulsänger ja auch schon reichlich gab.
Klar, klar! Natürlich. Aber wenn ich dann was mit dem mache, dann wird das was Besonderes. Ich würd' auch gerne mit Bill von Tokio Hotel was machen. Warum nicht? Er wirds wahrscheinlich nicht machen - oder sein Management. (Lacht) Aber man soll ja nie nie sagen. Ich fänds einfach interessant. Oder, hier, Beatsteaks find' ich auch geil, find' ich sehr cool. Solche Sachen.
Mir gefällt die Freiheit, die er ausstrahlt. Er kennt ja auch keine Grenzen in seiner Kunst. Alle dachten ja, Jazz müsse immer ernst sein und (singt) bididi-badidi-buuuuu, und er hat einfach sein komplett eigenes Ding draus gemacht und genießt jetzt die Freiheit, die er sich über die Jahre herausgenommen hat und den Status, den er jetzt hat. Er ist immer er selbst geblieben. Und ich finde ihn natürlich auch einfach extrem lustig. Der fährt natürlich diese reine Spaßschiene. Das würd' ich nicht nur machen.
Oh, das würde ich aber nicht sagen. Ich halte ihn für einen exzellenten Jazzmusiker.
Natürlich, was die Musik betrifft. Das Musikalische würde ich gar nicht ansprechen wollen. Ich meinte jetzt, von den Texten her. Da ist er schon sehr auf Spaß fokussiert. Aber ich finde ihn schon sehr groß. Sehr groß, ja. Und sehr eigen auch. Ich mag einfach dieses Exzentrische. Ich möchte auch immer so exzentrisch wie möglich sein. Das ist mein Streben schon immer gewesen. Dieses Einzigartig-Sein. Wenn jetzt alle auf einmal das machen würden, was ich mache, würde ich was komplett anderes machen.
Dann müsstest Du aber das finstere Gesicht ziehen.
(Lacht) Ja, genau. So in der Art.
Ach, du scheiße. Dann hoffen wir doch, dass das die anderen noch 'ne Weile lang übernehmen. Gegenüber rap.de hast Du mal gesagt, andere Rapper haben Dich eher weniger inspiriert. Angesichts von "Meine Lieblingsrapper" möchte ich das gar nicht glauben.
Was heißt "inspiriert"? Künstlerisch eigentlich überhaupt nicht. Flowtechnik und solche Sachen hab' ich mir schon in meiner frühesten Jugend abgeschaut. Doppelreime, wie man das macht. Flow, wie es cool klingt. Solche Sachen sind für jeden Rapper interessant. Da gab es natürlich auch in Deutschland Vorreiter. So Leute wie Samy, Savas ... die haben einen damals schon sehr geprägt, und die waren auf dieser technischen Ebene definitiv wegweisend. Nur meine Kunst an sich inspirieren andere Rapper weniger. Da möchte ich schon, wie gesagt, einzigartig sein.
Will meinen, Du brauchst überhaupt keine Inspiration? Oder beziehst Du sie aus Ecken, in denen man nicht damit rechnet?
Meine Inspiration liefern ganz komische Sachen. Irgendwelche Dokumentationen können mich inspirieren. Heute zum Beispiel hab' ich eine Dokumentation auf arte gesehen, da hab' ich direkt eine Songidee dazu gehabt. Von jemandem einfach so dahergesagtes Blablabla-blabla oder irgendwelche komischen Alltagssituationen - alles kann mich inspirieren. Diese Rap-typischen Sachen inspirieren mich nicht. Ich mag auch diese ganzen Sachen nicht, diese typischen Representer, ey yo, ich bin der Beste und so. Vielleicht zwei Songs von zwanzig auf dem ganzen Album, die sind so. Aber manche füllen damit ihre ganzen Alben.
Da gibts diese Hip Hop-Nazis, die sagen: "So muss Rap klingen." Die meisten sind dann so eingeschüchtert, dass sie sich dem dummerweise auch noch unterordnen und sagen: "Okay, stimmt. So muss ja Rap klingen." Aber Rap muss so klingen, wie es klingt. Es ist frei. Jeder kann so klingen, wie er möchte. Das will ich der Welt auch mitteilen. Rap ist noch lange nicht am Ende. Da gibt es noch so viele Sachen, die man machen kann. Technisch, klar auch. Aber vor allem inhaltlich. Ich könnte auch Märchen erzählen, ich könnte alles mit Rap machen. Man muss nicht immer diese Standardsachen machen. Für mein nächstes Album will ich da definitiv noch eine Schippe draufsetzen.
Wann kommt das?
Auf jeden Fall nächstes Jahr. Ich freu' mich drauf.
Von der Zukunftsmusik mal ganz zurück zu Deinen Anfängen: Du hast Deinen ersten Plattenvertrag tatsächlich bei einem MC-Talent-Wettbewerb gewonnen?
Genau, das stimmt. Den Plattenvertrag auch. Don Tone hat damals mit Plattenpapzt zusammengearbeitet bei seinem ... ich weiß nicht genau, war es sein zweites oder drittes Album? Auf jeden Fall das, das nach "Full House" kam. ["Dreamteam" wohl. Das war das zweite, d. Red.] Die haben sich dann überlegt, dass sie so einen Rapper-Contest machen und haben einen Beat mit aufs Album gepackt, damit die Leute dann da draufrappen und das dann einschicken. Ich war der einzige, der da 'ne dreckige, kleine, alte Kassette hingeschickt hat, aufgenommen mit nem Kassettenrekorder. Alle anderen waren da schon auf CD und MD und so. Ich hab' da 'ne Kassette eingeschickt - und hab' tatsächlich trotzdem gewonnen.
Seitdem bin ich schon mit Rusbeh unterwegs. Da kam ich mit 17 hin, noch mit 'ner Zahnspange, voll eingeschüchtert, voll die komische Bommelmütze hatte ich da noch auf. Ich hatte da auch noch sehr lange Haare, muss ich zu meiner Schande gestehen. Der Iro kam irgendwann später dazu. Ja, das war schon eine witzige Erfahrung. Da hab' ich natürlich hier die ganzen Leute schon kennen gelernt. Von den Fantas bis Savas, wer auch immer hier gerade so die Runde gemacht hat. Die kennen mich alle noch von früher. Die wussten schon damals, dass ich ein sehr talentierter Junge bin. Das haben die mir damals schon gesagt, da hab' ich mich natürlich sehr gefreut.
Ja, Klappern gehört zum Handwerk, ich weiß. Doch im Grunde ist ein Talent-Wettbewerb ja nichts anderes als 'ne Casting-Show. Das heißt: Du bist ein Casting-Sternchen.
Pffff, ja. Wenn du das so darstellen willst. (Lacht) Aber die Jury war halt cooler als Detlef D! Soost und so.
Nicht sehr schwer. Verfolgst Du diesen Casting-Zirkus, der überall Blüten treibt?
"Popstars" nicht. Ich finde, "Popstars" ist der letzte Schrott. Dadurch, dass das 'ne Band ist und die haben von Anfang an eine feste Vorstellung - das ist ja komplett unfrei. "Superstars" ist ja noch ein bisschen freier. Wenn du da ein bisschen schräg bist, kommst du auch noch ein Stückchen weiter. Dadurch ist das schon ein bisschen unterhaltsamer. Da gibts eine Schlagersängerin, und dann noch so eine und so eine ... das find' ich dann schon interessanter. Ich kuck' das ab und an, ich finds auch ganz lustig. Aber im Grunde ist das 'ne ganz große Schande, dass diese Leute da für diese Geldmaschinerie so ausgebeutet werden. Aber sie kriegen ihre fünfzehn Minuten, und wenn sie so dumm sind, da mitzumachen, dann kann ich da auch nix machen. Dann sind sie selber schuld.
Kein Mitleid?
Andererseits spielen sie da schon ein bisschen mit den Träumen der Leute. Wie die Werbung schon ist: "Mach' deinen Traum wahr! Komm zum Casting!" und so, aber ... naja. Ich glaube, es gibt schlimmere Schweine in Deutschland.
Wobei mich die Blauäugigkeit der Kandidaten teilweise schon erstaunt. Es ist ja nicht die erste Staffel von diesem Zeug, die da läuft. Man weiß ja, was da passiert.
Ja, aber wenn du 18 bist oder 40 bist und immer noch nichts erreicht hast, dann gehste da halt hin. Glaub' ich. Aber so großartige Sänger gab es da noch nie. Die Besten der Besten gehen da eben doch nicht hin.
Auf jeden Fall. Aber auch sehr Hip Hop-affin.
Absolut. Wie bist Du draufgekommen, dass Du offensichtlich Talent zum Imitator hast?
Da hat mich auch wieder Rusbeh draufgebracht. Ich hab' immer beim Aufnehmen von Songs in der Kabine rumgeflachst. Hab' immer, ey, yo, yo, D-Flame, glaub' ich, gemacht. Und Jan Delay. Das waren gerade mal zwei Rapper. Und er meinte: "Mach' doch mal einen ganzen Song daraus. Du kannst bestimmt noch viel mehr." Ich so: "Ey, Rusbeh. Ich hab' grad mal D-Flame nachgemacht und Jan Delay" - und die sind nicht mal besonders schwer.
Die zwei mit den unikaten Stimmen.
Genau, genau, genau. "Wie, ich soll 'n Song daraus machen?" Und er meinte: "Probier' einfach mal aus." Dann hab' ich halt zu Hause 'n bisschen rumgeflachst, und je mehr ich rumgeflachst hab', um so mehr Stimmen kamen aus mir raus. Teilweise lag ich unter der Dusche und hab' mich über mich selber kaputtgelacht, weil ich das so lustig fand, dass ich diese ganzen Stimmen nachmachen konnte. Irgendwann hab' ich acht Rapper gehabt. Das Schreiben ist mir dann eher weniger schwer gefallen.
Hast Du keinen Schiss gehabt, dass dir die Porträtierten das übel nehmen könnten?
Samy fands cool. Curse hab' ich letztens getroffen. Der ist mir mit einem Lächeln entgegen gekommen. Die meisten sind da sehr, sehr positiv gewesen. Auch Azad, Eko auch. Massiv weiß ich jetzt nicht, ich hab' mit ihm noch nicht gesprochen, Ju von Massive Töne auch noch nicht. Ich weiß nicht, aber ich glaub', die meisten haben da schon mehr Humor, als man generell denkt.
Die Gefahr, auf dieser Nummer hängen zu bleiben und darauf reduziert zu werden, bestand ja auch.
Die bestand definitiv. Ich dachte, das Ding kommt jetzt noch zwei, drei Jahre auf mich zu. Aber ich hab' die Leute, muss ich zugeben, ja auch bombardiert mit neuen Videos von mir. Dadurch, dass "Hey, Mr. Nazi", "Anti-Gewalt-Song", "Rosenkrieg" und solche Sachen so gut ankamen ... Früher auf der Straße hieß es immer: "Heeeey, mach' ma Massiv!" Und heutzutage heißt es: "Hey, Mr. Nazi!" Zu meinem großen Erstaunen hat sich das wirklich von Grund auf gewandelt, innerhalb weniger Monate.
Gerade die beiden erwähnten Videos, "Anti-Gewalt-Song" und "Hey, Mr. Nazi", haben eine extrem gegensätzliche Ästhetik. Einmal quietschebunt, einmal relativ reduziert und schwarz-weiß. Machst Du die Clips selbst?
Mein Label, Japsensoul, das sind ich und Rusbeh. Wir sind eine Zwei-Mann-Armee. Das ist, was mir die Genugtuung aus dem Gesicht strahlen lässt: Wir machen alles selber. Wir haben diese Videos von Grund auf selber gemacht, teilweise mit null Euro Budget. Das Budget war einfach knapp, infolge gewisser Umstände aus der Vergangenheit und Business-Leuten, die uns hintergangen haben - aber das ist eine viel längere Geschichte, das würde jetzt den Rahmen sprengen. Vor dem Album standen wir da mit Nichts. (Lacht) Ihr könnt auch ruhig 'ne Bravo-Story draus machen, das ist die Wahrheit: Wir standen original da mit Nichts.
Wir hatten null Budget, wir hatten nur die Möglichkeit, gute Musik aufzunehmen und zu produzieren, und Freunde, Musiker, die wir natürlich kannten. Aber budgetmäßig, Geld für Videos, für die CD-Pressung ... das haben wir uns alles wirklich zusammengekratzt. "Anti-Gewalt-Song": Wir kannten nicht Final Cut oder solche Programme, wir wussten gar nichts. Licht setzen oder so, in diesem Bereich haben wir uns alles erst jetzt selber angeeignet. Mit Green Screen, da haben wir uns jetzt im Studio erst grünen Stoff gekauft, den hinter uns gehangen und alle möglichen Sachen ausprobiert - was man ja auch sieht. Im "Anti-Gewalt-Song", das sieht ja teilweise so geil aus (lacht). Aber wir haben eben alles von Grund auf gemacht. Letztes Wochenende haben wir nochmal für drei Songs Videos gedreht, und: Wir werden immer besser, kann ich nur dazu sagen.
Wann gibts die?
Ah, Rusbeh kommt auch gerade rein. (Fragt in den Hintergrund) Wann kommen die Videos? (Aus dem Off: "Bald!") Bald.
Ah. Bald.
Irgendwann nächsten Monat. (Gemurmel aus dem Off) 9. Oktober sollte das vorläufige Datum sein. [Inzwischen gibts farbenprächtige Clips zu "H.D.G.D.L." und "Lass Mal Über Haie Reden", d. Red.] Da kommt dann demnächst auch die Single raus, das passt.
Etliche Deiner Tracks besitzen eine durchaus politische Botschaft. Siehst Du Dich als politischer Typ?
Ich bin ... (überlegt) Ich bin jetzt nicht der Überfachmann. Ich bin auch viel zu ungebildet für irgendwelche Diskussionen beim ZDF oder so, wenn die Leute mich einladen wollen. Ich kann nur so ideologische Sachen sagen. Menschlichkeit und sowas. Aber dieses Über-Fachwissen hab' ich jetzt nicht. Deswegen würd' ich mich nicht als über-politischen Menschen darstellen, sondern eher als Menschenfreund. Ich möchte der Menschheit helfen. Ihr zeigen, wie man die Welt verbessern kann.
Glaubst Du, Künstler haben den Auftrag, die Welt zu verbessern?
Nee, überhaupt nicht. Jeder für sich hat einen Auftrag, ob Künstler oder Nicht-Künstler. Auch der Müllmann hat einen Auftrag. Auch du hast einen Auftrag. Jeder sollte versuchen, die Welt besser zu machen. Aber jeder ist frei.
I Love Deutschrap (2004)
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Haie Tonez |
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15.03.10, 22:35 Tonez |
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