Porträt

laut.de-Biographie

Taichi

Taichi, Taijihad, Taiger, Tightchi, Taicheguevara, Taiwahn, Taiphoon, Taichingiskahn ... Die Zahl seiner Bühnennamen ist Legion. Aimo Brookmann schickt sie doch allesamt in den Ruhestand, als er sich nach mehreren Jahren deutlich gedrosselter Aktivitäten 2014 zurückmeldet.

Zuvor ist Einiges geschehen. Seit seinem vierten Lebensjahr wohnt der Rapper, der irgendwann keiner mehr sein möchte und sich zum "Antirapper" ausruft, in der deutschen Hauptstadt. Zeit genug, um die Berliner Battlementalität voll und ganz zu verinnerlichen.

Trotzdem liegt ihm nichts ferner, als auf der Welle mitzuschwimmen: "Ich finde es lächerlich, dass irgendwelche Honks auf ihren Tapes ein paar mal 'Westberlin' brüllen, und das dann quasi als 'Gütesiegel' gilt", kritisiert er seine Kollegen im Interview mit hiphopkultur.com.

Taichi wächst im Berliner Westen auf. Beim Baseballspielen mit den Kids der G.I.s aus der Amisiedlung in Zehlendorf kommt er mit Rap in Kontakt und entdeckt darin ein Ventil, um sich Frust, Probleme und Einsamkeit von der Seele zu schreiben. Ein Demo und mehrere Einzeltracks entstehen, werden jedoch nicht veröffentlicht.

1999 gründet Taichi zusammen mit PSI die Formation Klangkrieg. Als beide sich drei Jahre später wegen persönlicher Differenzen wieder trennen, landet auch das Ergebnis des gemeinsamen Laborierens, ein beinahe fertig gestelltes Album mit dem Titel "Siegerflows", im musikalischen Nirvana statt im Laden.

Taichi lernt Michael Mic kennen. Erstmals trägt sein musikalisches Schaffen auch greifbare Früchte: "Schwerer Shit" erscheint 2003. Er gründet ein eigenes Label mit dem ebenso simplen wie prägnanten Namen MeinLabel. Im gleichen Jahr geht eine Zusammenarbeit mit Produzenten-Legende Plattenpapzt, für viele Undergroundrapper ein großer Schritt in Richtung Rampenlicht, in die Hose: "Die Vibes haben einfach nicht gestimmt."

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Auch die Kollaboration mit Michael Mic ist nicht von Dauer. Ein Jahr nach dem Debütalbum gehen er und Taichi musikalisch getrennte Wege. Letzterer landet bei Krasscore, einem der zig Labels, die in Berlin zu Beginn des Jahrtausends aus dem Boden schießen.

Hier veröffentlicht er 2004 sein Solodebüt "Legende Von Morgen". In der Folgezeit bekommt er mehrere Featureparts und Samplerbeiträge, etwa auf DJ Mahoes "Runde Sache"-Mixtape und dem Soundtrack zu der Rap-Doku "Rap City Berlin".

Als nur ein Jahr später bereits das zweite Soloalbum "Schnell Imbiz" erscheint, lassen sich die Neider nicht lange bitten. Ausgerechnet Ex-Homie Michael Mic, auf "Legenden Von Morgen" noch Featuregast, wirft dem Rapper in Form des Disstracks "Ziggy Spreng" vor, nur noch für die Industrie zu rappen. Als "echter MC" darf man derartige Vorwürfe nicht unkommentiert hinnehmen, und so schießt Taichi mit "Michelle Mic" umgehend zurück.

Spätestens adeln den Rapper alle Seiten als großes Talent. Als Workaholic sowieso: Neben Splash!-Auftritt und Features mit D-Bo, Jubeko, Kobra und Robird Styles wirft er bereits im Juli 2006 das vierte Album im vier Jahren auf den Markt. Für "Top Story" gewinnt er unter anderem Sentino und Tefla als Featuregäste.

Der Schaffensdrang bleibt ihm auch danach erhalten. Im März 2007 folgt bereits der nächste Schlag. Stolz und trotzig stilisiert sich Taichi hier zum "Aussenseiter" und Einzelgänger. Dieses Solo-Werk mit dem überaus passenden Titel erscheint komplett in Eigenregie wieder unter dem Dach von MeinLabel.

Neben alten Bekannten wie D-Bo und Kobra gehen diesmal unter anderem Ercandize und MOK mit an den Start. Verschiedene Produzenten steuern Beats bei. Dennoch erstickt Taichi aufkommende Zweifel im Keim: Er hat es alleine geschafft, aus eigener Kraft - denn der Weg zur Erkenntnis ist ein einsamer Pfad. Die Musik betrachtet Taichi als seine "Therapie" - entsprechend betitelt er 2008 ein weiteres Album.

Auch nach Jahren hat die Härte des Geschäfts Taichi nicht abstumpfen lassen. Hinter seinen zahlreichen Namen versteckt dieser MC einen sensiblen Geist, der jeden seiner Tracks beseelt und mit-erlebbar macht. Siehe da: Das klappt auch ohne Gangsterposen. Es kostet allerdings Kraft.

Viel Kraft: Taichi braucht eine Auszeit. Er zieht sich aus dem aktiven Rap-Geschäft zurück, kümmert sich fortan um sein Studium, um die Umstrukturierung seines Labels und investiert viel Energie in soziale Projekte. 2009 und 2010 veröffentlicht er noch zwei Mixtapes mit dem Titel "Lost Songs" sowie das Kollabo-Album "Blutsbrüder" mit seinem Freund Jaime.

Von einem radikalen Wandel in seinem künstlerischen Schaffen kündet die über die Jahre 2012 und '13 veröffentlichte EP-Trilogie "Verblendung", "Verdammnis" und "Vergebung". Hier zeichnet sich bereits ab, wovon "Schneckenhauseffekt" Anfang 2015 ganz unmissverständlich erzählt.

Taichi ist Geschichte, der Mann dahinter hat erst sich selbst, und dann den Weg aus dem selbstgesponnenen Kokon zurück ans Licht gefunden. Gefühle zeigen, auch, wenn es sich dabei um wenig glamouröse Emotionen wie Angst und Selbstzweifel handelt, bedeutet hier keine Schwäche. Darin liegt, ganz im Gegenteil, Aimo Brookmanns große Stärke.

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