Porträt

laut.de-Biographie

Ghostemane

Mit Ghostemane konfrontiert, reagieren die meisten Menschen erst einmal verwirrt. Was, bitte, ist das denn? Horrorcore? Oder Trap? Ausgesehen und angefühlt hat es jedenfalls wie Black Metal, und das nicht nur, weil der langhaarige Typ in einem Bandshirt von Deicide oder einer artverwandten Combo steckt und Pentagramme in den Waldboden ritzt.

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Ghostemane selbst sieht es gelassen: "Die Grenzen zwischen den Genres verschwinden mehr und mehr", zeigt er sich in einem Interview überzeugt. "Künstler und Kids sind heute viel aufgeschlossener." Das Gespräch führt er bezeichnenderweise mit einer Seite namens Metalinsider. Wenn die sich für einen Rap-Künstler interessieren, spricht das allein schon Bände.

Ghostemanes Wurzeln liegen aber auch keineswegs im Hip Hop. Sie liegen auch nicht in L.A., wo er später residiert. Seine Geschichte nimmt in Lake Worth im südlichen Florida ihren Anfang. Kurz vor seiner Geburt im Jahr 1991 tauschen seine Eltern New York City gegen den Sunshine State ein.

Ghostemane wächst zusammen mit seinem vier Jahre jüngeren Bruder unter der Fuchtel eines, freundlich ausgedrückt, autoritären Vaters auf. Immerhin bringt er seinem Sohn seine musikalischen Vorlieben, Led Zeppelin, Black Sabbath und Van Halen, nahe und hat auch kein großes Problem damit, als sein Sprössling bald den Punk für sich entdeckt.

"Internet hatte ich nicht, mein Dad hat das nicht erlaubt", erinnert er sich im Gespräch mit Kinda Neat. Bands entdeckt er in den Gitarrenmagazinen eines seiner Freunde. "Ich habe mir die Namen aufgeschrieben. Mit den Listen bin ich in der Schule zu denen gegangen, die das konnten, und hab' mir CDs brennen lassen. So habe ich Musik entdeckt."

Selbst zur Gitarre greift er mit 14. "Seitdem wollte ich eigentlich nur noch eins: Rockstar werden." Da allerdings spielt sein Vater nicht mit. Er wacht mit Argusaugen über den ordentlichen Lebenswandel seines Sohnes. Mehr und mehr schlagen Sorge und Strenge in Tyrannei um, zumal der Mann mit gesundheitlichen Problemen kämpft und demzufolge eine Schmerzmittelabhängigkeit entwickelt.

Als Ghostemane 17 ist, stirbt der Vater an einer versehentlichen Überdosis. "Er ist einfach nicht mehr aufgewacht." Der Schock bedeutet für die Familie zugleich den Startschuss für ein neues Leben. Die Mutter kehrt nach New York zurück. Ghostemane bleibt in Florida und genießt urplötzlich alle Freiheiten. "Wenn mein Dad nicht gestorben wäre, wäre aus mir nie der geworden, der ich bin. Ich würde einen langweiligen Job machen, in dem ich unglücklich wäre."

Statt dessen nimmt seine Künstlerperson Ghostemane Formen an. Aus seinem Faible für Punk erwächst glühende Liebe zu Metal. "Das goldene Zeitalter des Death Metal habe ich zwar verpasst", erinnert er sich. "Death, Deicide, Carcass, Mayhem und wie sie alle heißen hat mir erst später mein Cousin gezeigt. In meiner Teenagerzeit stand ich voll auf diesen 2000er-Metalcore. Atreyu, Beneath The Sky, As I Lay Dying ... Mit Anfang zwanzig war ich ein beinhartes Hardcore-Kid."

Irgendwann kommt Hip Hop dazu, erst Dr. Dres "Chronic", später Dirty South-Crews, Bone Thugs-N-Harmony, die Three 6 Mafia und immer und immer wieder Outkast, aber auch Jedi Mind Tricks, die Hieroglyphics, experimentellere Acts wie SpaceGhostPurrp oder Death Grips sowieso. "Als mir ein Freund die Dirty Boyz aus Alabama vorgespielt hat, war alles aus. So wollte ich auch rappen." Die Beats dazu bastelt er sich selbst, die Resultate veröffentlicht er im Netz.

Erst rein auf Tempo aus, stellt er irgendwann fest, dass auch gedrosselte Passagen ihre Vorteile bieten: "Botschaften lassen sich tatsächlich viel besser transportieren, wenn man sie auch versteht." Ghostemane entwickelt seinen Stil, kombiniert rasende Flows mit hypnotischen, fast schon gesungenen Mantras. Zu sagen hat er allerhand, Inspiration schöpft er aus vielen Bereichen.

Ghostemane liest und liest, interessiert sich für Mathematik und Physik, insbesondere für Astrophysik, und für Philosophie. Comics und Mangas? Ebenfalls gerne. Eine Dokumentation über Aleister Crowley weckt Interesse für das Okkulte, das in seinen Texten häufig eine Rolle spielt. "Ich halte nichts zurück. Jeder Song zeigt genau, wie ich mich in dem Moment fühle."

Bei Soundcloud findet Ghostemane das passende Ventil für seine Produktivität. Mit seinem irren Veröffentlichungsrhythmus (zeitweise mindestens einen Track alle 14 Tage und alle zwei Monate ein Album oder eine EP) und mit seinen Liveauftritten erarbeitet er sich eine kleine, aber treue Fangemeinde, die nach seinem Umzug nach L.A. im Sommer 2016 auch an der Westküste Zellen bildet.

"Ich versuche, die Energie von Metal und Hardcore in den Rap zu transportieren", sagt Ghostemane. Ein Blick auf seine Geschichte lässt seine Musik plötzlich ungeheuer logisch erscheinen. "So klingt es, wenn ein Metalhead beschließt, Trap-Music zu machen", versuchen Kritiker das Phänomen zu packen zu bekommen. "Als habe man Bone Thugs, Three 6 Mafia und SpaceGhostPurrp in einen Mixer gestopft und den Brei mit einer Prise Magic Mushrooms garniert."

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