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Was macht der Mann denn jetzt eigentlich für Musik? Hip Hop, Blues, Soul, Rock, Pop oder doch eher Country? Das kann man beim Multitalent Wyclef Jean gar nicht so genau sagen. Der Mann ist offen für alles. Seine Ausbildung als Jazzer hört man ihm genauso gut an, wie die Vorliebe für Gitarrenmusik.
Das Können auf dem Saitengerät verdankt er seiner Mutter, die ihm schon in jungen Jahren eine Klampfe schenkt. Damals noch in Sachen Gospel unterwegs, wendet er sich später der populären Musik zu. Sein Onkel ist an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig. Mit seiner vielfältigen Plattensammlung weckt er das Interesse des Teenagers.
Wyclef erblickt das Licht der Welt am 17. Oktober 1972 auf Haiti. Mit zehn Jahren verlässt er die Insel und zieht mit seiner Mutter nach New York. Einige seiner Verwandten wohnen dort, u.a. auch sein Cousin Pras, mit dem er sehr viel Zeit verbringt. Gemeinsam gründen sie die Rapgruppe Tranzlater Crew. 1993 gesellt sich Lauryn Hill zu den Jungs und The Fugees sind geboren. Alle drei singen und probieren neue Sounds aus. Wyclef übernimmt dabei die Bandführung. Im selben Jahr noch erscheint das Debut "Blunted On Reality".
Die ungewöhnliche Mischung aus Folk, Rap und Reggae kommt bei der Masse jedoch nicht an. Die Platte wird floppt. Die Enttäuschung lässt sich Wyclef aber nicht anmerken. Im Gegenteil. Mit dem 1996er-Nachfolgewerk "The Score" brechen die Fugees den Rekord der bestverkauften Hip Hop Platte. Über 13 Millionen Mal geht das Album über den Ladentisch. Damit hat wohl niemand gerechnet. Das Cover "Killing Me Softly" war nur eine der Hitsingles aus dem Zweitlingswerk.
1997 wird Lauryn schwanger und das bedeutet erst einmal eine Pause für die Fugees. Aber nicht für Wyclef Jean. Er arbeitet fleißig an seinem ersten Solo-Album. "The Carnival" erscheint im selben Jahr und steigt in die Top 20. Aus "Staying Alive" der Bee Gees kreiert er seine eigene Version. Den Klassiker "Guantanamera" lässt er ebenfalls wieder aufleben und den größten Hit beschert ihm der schöne Folksong "Gone Till November". Mit dem Album erreicht Wyclef Platin. Spätestens jetzt ist der Mann aus Brooklyn in aller Munde.
Wenn er nicht selbst als Musiker im Studio steht, macht sich Wyclef auch als Produzent bekannter Künstler nützlich. Diva Whitney Houston und die Soulladies von Destiny's Child profitieren von seiner Arbeit hinter den Kulissen. Auch Gitarrenheld Santana lässt er mit "Maria" wieder "auferstehen" und landet mit ihm den Sommerhit des Jahres 2000.
Das zweite Album präsentiert er seinen Fans im neuen Jahrtausend. "The Ecleftic" überrascht u.a. mit der Vielfalt der Gäste. Namen wie Mary J. Blige, Countryguru Kenny Rogers und sogar U.S. Wrestling Superstar The Rock spielen auf dem Longplayer eine Rolle. Einmal mehr unterstreicht der Hip Hop-Star die Breite seines musikalischen Geschmacks.
Trotz Kritik anderer Hip Hopper rafft sich Wyclef Jean immer wieder auf und verliert dabei nicht seinen Humor. Äußerungen von LL Cool J, er sei ein "Bob Marley Hochstapler" beantwortet er mit dem zynischen Track "What's Clef Got To Do With It".
2002 erscheint "The Masquerade" und nur ein Jahr später "The Preacher's Son". Beide Alben werden zwar kommerzielle Erfolge, können aber nicht an vorangegangene Taten anknüpfen. Eine immer wieder beschwörte Reunion der Fugees wird in dieser Zeit weder dementiert, noch bestätigt.
Wyclef konzentriert sich neben hunderten Kollaborationen mit den Kleinen und Großen der internationalen Musikszene auf sein soziales Engagement. Er engagiert sich im weltweiten Kampf gegen Aids und setzt musikalisch und in der Öffentlichkeit mehr und mehr Themen. Das bringt ihm unter anderem eine Golden Globe-Nominierung für seinen Beitrag für den Film "Hotel Rwanda" ein. 2005 gründet er die Organisation Yéle Haiti, die sich stark in Wyclefs Heimatland einsetzt. Besonders in einem der größten Slums der nördlichen Hemisphäre - in Cité Soleil, einem Stadtteil der Hauptstadt Port-au-Prince - wird seine Hilfe dringend benötigt. Prominente Unterstützung bekommt er von dem Hollywood-Paar Angelina Jolie und Brad Pitt.
Aufgrund seines Engagements avanciert Wyclef unter den Einheimischen zu einer Art Volksheld, der auch als ein solcher gefeiert wird. Die Verbundenheit zu seinem Heimatland unterstreicht er 2004 mit seinem fünften Soloalbum "Welcome To Haiti: Creole 101", das im Gegensatz zu seinen anderen Alben musikalisch einen starken karibischen Einschlag hat.
Etwas später rückt eine Versöhnung der Fugees in greifbare Nähe. Das Trio kündigt eine weltweite Tour an und veröffentlicht eine erste relativ viel versprechende Single. Ein Album soll zeitgleich mit den Europa-Gigs Ende 2005 erscheinen. Doch dazu kommt es nicht. Die Gründe liegen im Dunkeln. Wyclef jedoch nimmt das nicht seine Motivation. Gemeinsam mit Shakira landet er mit dem Song "Hips Don't Lie" einen der größten und erfolgreichsten Songs des Jahres, den beide gemeinsam schließlich auch bei der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland vor einem Millionenpublikum darbieten.
Etwa ein Jahr später erscheint schließlich der zweite Teil von Wyclefs "The Carnival", das eine Dekade vorher seine Solokarriere eingeleitet hatte. Mit von der Party sind alte Bekannte wie Mary J. Blige und Whitney Houston, aber auch neue Stars wie Lil Wayne, Akon, Chamillionaire und T.I., dem Wyclef bereits bei dessen Album geholfen hatte.
Der Präsidentschaftskandidat über das neue Album, seine Arbeit in Haiti und die Fugees.
Wyclef Jean hat in mehr als 15 Jahren im Musikzirkus viele Rollen übernommen: der Weltstar mit den Fugees, der Volksheld in Haiti, der musikalisch offengeistige Kollaborateur mit so ziemlich jedem zwischen Shakira, The Rock und T.I. sowie laut MTV das multikulturelle Gewissen des Hip Hops. Im Telefongespräch mit laut.de gab er außerdem den Immigranten, den Verteidiger T.I.s, den politischen Weltverbesserer und den Präsidentschaftskandidaten.
Dieser Tage erscheint sein Solowerk "The Carnival II: Memoirs Of An Immigrant" - der Nachfolger seines Solodebüts "The Carnival", das vor ziemlich genau zehn Jahren erschienen ist. Mit 36 Jahren ist Wyclef Jean mittlerweile Medienprofi genug, um auf jede Journalistenfrage ohne Zögern eine verwurstbare Antwort zu finden. Zum anderen ist er aber auch nach millionenfach verkauften Platten Star genug, dass es ihm völlig egal ist, wenn er ein Interview leicht vernebelt antritt und vor allem verwirrende Antworten parat hat. Für Abwechslung ist also gesorgt.
Deine Biographie springt von Wyclef als kleiner Junge ohne Schuhe auf Haiti zu Wyclef in New Jersey, der eine Gitarre in die Hände bekommt. Willst du mir etwas über den Weg von Haiti nach New Jersey erzählen?
Ich bin in Haiti in einem kleinen Städtchen aufgewachsen. Mein Vater verließ uns, als ich ein Jahr alt war. Nach Amerika kam ich mit zehn. Eigentlich lebte ich zuerst in Brooklyn. Und als ich zwölf war, bekam ich meine erste Gitarre in die Hand - in Brooklyn. Und so begann meine Reise.
Aber wie bist du von Haiti nach New York gekommen?
Meine Eltern sind legal nach Amerika eingewandert. Und als sie dann den ganzen Papierkram geregelt hatten, holten sie mich nach. Da war ich zehn.
Die klassische Geschichte eines Immigranten also?
Ja.
Fast forward: Im letzten Jahr hast du vor Millionen Menschen bei der Eröffnung der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland mit Shakira gespielt. Aber wenige Monate zuvor hattest du einige Konzerte in Europa in halbvollen Hallen mit den Fugees. Wie hast du dich in beiden Situationen gefühlt?
Für mich ist das alles eine super Leistung. Es fühlt sich einfach gut an, wenn ich auf die Bühne springe und ein paar Leute wissen, woher ich komme. Und natürlich wenn ich weiß, dass mein Heimatland mir dabei zusieht und sich dabei gut fühlt.
Aber wie unterschiedlich war die Erfahrung bei der Eröffnung vor Millionen und der Tour vor enttäuschend wenigen Zuschauern?
Ach weißt du, ich habe in großen Stadien gespielt, vor 2000 oder 3000 Leuten oder vor 100 Zuschauern. Was ich daraus gelernt habe ist, dass egal, ob du vor zwei Leuten oder einer Milliarde spielst, du immer dein Bestes geben musst. Denn jeder wird sich daran erinnern.
Ich kann mich leider nicht daran erinnern, weil damals das Konzert in Wien, für das ich Karten hatte, wegen schlechten Verkaufszahlen abgesagt wurde …
Oh.
Ja, ziemlich blöd gelaufen. Erlaubst du mir eine Fugees-Frage?
Ist mir egal.
Alles klar. Wie kann man sich die Aufnahmen zu eurem ersten Album "Blunted On Reality" vorstellen? Das war im Jahr 1994.
Im Grunde hatten wir damals einen Deal mit einer Produktionsfirma abgeschlossen und nicht wirklich großen Einfluss. Ich habe nur drei Songs für das Album gemacht. Und ich habe auf dem Album Lauryn beigebracht, wie man rappt. Ich hab die meisten ihrer Raps geschrieben. (lacht)
Willst du damit sagen, eure Plattenfirma hat euch gesagt, was ihr machen sollt?
Ja schon. Nicht wirklich die Plattenfirma, aber diese Produktionsfirma, mit der wir einen Deal hatten. So lief das halt, wenn man sich mit einer Produktionsfirma einließ. Auf "The Score" war das viel besser, weil wir die ganze Produktion selbst in die Hand nahmen.
Das ist ja lustig. Ich bin davon ausgegangen, dass ihr das erste Album in Eigenregie gemacht habt und euch Produktionsfirma oder Label bei "The Score" dazu gebracht haben, eher mehr in Richtung Pop zu gehen. Es war also gerade das Gegenteil?
Ja, richtig. Das erste Album war mit dieser Produktionsfirma, und das zweite Album nahmen wir im Keller meines Onkels auf. Ganz ohne irgendeine Plattenfirma. Ich hab die ganze Platte in einem Keller in New Jersey gemacht und dann abgeliefert. Das war unser Demo direkt aus dem Keller. Deswegen hat es auch genauso geklungen. Das Ding mit den Fugees ist ja, dass wir nicht in irgendwelchen Schubladen denken. Wir saßen da irgendwo in New Jersey in der Hood zwischen Bloods, Cribs und der Haitianischen Mafia in einem Keller und nahmen auf. You can't get more hood than that! Egal ob du singst oder rappst.
Wenn du schon von den alten Zeiten sprichst, hast du noch Kontakt zu John Forté?
Nein, mit ihm habe ich schon lange nicht mehr gesprochen. Er sitzt im Gefängnis.
Ja, ich weiß. Er sitzt bis 2014. Eine ziemlich traurige Geschichte.
Ja, sie haben ihm ordentlich was aufgebrummt.
Super. Da komme ich ja auch her. Da bin ich in meinem Element. Stretch & Bobbito mit den Fugees 1992. Wyclef 1984 bis 1988 – unbesiegter Battlerapper in seiner Schule. Ich finde es super, dass BET anerkennt, dass die Cipher immer noch existiert.
Ich frage, weil ich das Gefühl hatte, das Hip Hop-Publikum hat dir den Rücken gekehrt nach dem großen Erfolg von "Hips Don't Lie".
Ich kann das nur wiederholen: Ich bin 36 Jahre alt und rappe, seit ich 17 bin. An diesem Punkt lege ich meinen eigenen Hip Hop selbst fest. Ich habe die Regeln immer wieder neu definiert. Und ich definiere sie noch immer neu. "Hips Don't Lie", jetzt T.I.s "You Know What It Is". Ich habe die Mädels dazu gebracht, zu tanzen, die Gangster, ihre Knarren in die Luft zu halten, und die Conscious-Leute dazu, conscious zu sein. An diesem Punkt geht es nur noch darum, gute Musik zu machen. Ich denke überhaupt nicht darüber nach, ob das Hip Hop-Publikum mich jetzt fühlt oder nicht. Wann weißt du, ob dich jemand fühlt? Wenn du durch eine Gegend voll von Cribs, von Bloods oder von Essays laufen kannst und von allen die gleiche Liebe bekommst! Wo ich herkomme, ist es das, was zählt.
Du hast gerade T.I. erwähnt. Deswegen muss ich diese Frage jetzt stellen. Du hast T.I. den neuen Malcolm X genannt. Bleibst du dabei, angesichts dessen, was mit ihm in den letzten Wochen passiert ist?
Diejenigen, die die Geschichte von Malcolm X kennen, werden das völlig verstehen. Malcolm X ist das Produkt des Lebens, das er durchlebt hat. Und genau deswegen bleibe ich auch definitiv bei dem, was ich gesagt habe.
Du glaubst also, T.I. wird genau wie Malcolm X im Gefängnis sein Leben ändern?
Ich weiß, dass T.I. bereits begonnen hat, sein Leben zu verändern.
Du hast zuletzt viel Zeit mit T.I. verbracht. Du hast ihm geholfen, sein Album aufzunehmen, er hat dich bei deinem neuen Album unterstützt. Wie ging es dir, als du von seiner Festnahme gehört hast?
Ich kann mich nicht wirklich dazu äußern. Du musst verstehen, das ist Familie. Außerdem hängt da gerade einiges in der Schwebe mit der Polizei. Alles was ich dazu sagen kann: Im Zweifel für den Angeklagten.
Aber ist es nicht schrecklich zu sehen, dass ein talentierter junger Mann, wie T.I. es ohne Frage ist, so etwas Doofes macht?
Ich kann mich nur wiederholen: Im Zweifel für den Angeklagten! Ich kenne die Fakten nicht. Ich kenne nur T.I. und ich weiß, dass er ein guter Mensch ist. Um diese Frage zu beantworten, brauche ich erst alle Informationen darüber.
Alles klar, aber was macht ihn denn für dich zum neuen Malcolm X?
Die Gespräche, die wir hatten. Es gibt einen Song auf meinem Album "Where the hope go? Where the hope go? Slow Down". Ich weiß nicht, ob du mein neues Album schon gehört hast.
Nein, leider nicht.
Das ist blöd. Jedenfalls geht es in dem Song darum, ein paar Gänge herunter zu schalten. Hinsichtlich der Lage der Welt. Und wieso wir zusammen als ein Gesamtes, als ein Volk agieren müssen. Ich weiß nicht, ob du "Hip Hop vs America" gesehen hast. (Anmerkung: Der TV-Sender BET sendete kürzlich eine Debatte, bei der u.a. T.I., Nelly und Al Sharpton kritisch über die Lage von Hip Hop diskutierten.) Was er dort gesagt hat. Er erklärte da: So war es früher in Amerika und so kannst du heute als Schwarzer dein Leben verändern.
Alles gut. Wie auch immer du mich nennen willst, alles ist gut. Ich mag alle Titel. Macht nur weiter damit, dann fühle ich mich relevant.
Du hattest schon immer einen politischen Inhalt in deinen Songs. Wie wichtig ist dir das?
Viele nennen es politisch, ich nenne es eher sozialen Inhalt. In der Umgebung, in der ich aufgewachsen bin, mit all den Drogen, der Kriminalität; alles was ich erlebt habe. Ich habe mir immer gesagt, ich will meine Stimme für etwas benutzen. Ich wollte einfach sicher gehen, dass ich was erzähle. Was wäre, wenn ich dich mit Shakiras "Hips Don't Lie" zum Tanzen bringe und dir dabei was über die Probleme von Kolumbianern oder Menschen aus Haiti erzähle? Ich wollte immer die Wahrheit mit Hilfe von Musik verbreiten.
Also würdest du "Hips Don't Lie" als einen Song mit politischem oder sozialem Inhalt bezeichnen?
Na ja, wenn du die Textzeilen analysieren würdest ... Lass uns einfach mal meinen Part genauer anschauen: (Fängt an zu rappen)
She's so sexy, every man's fantasy. A refugee like me back with the Fugees. From a 3rd world country. I go back like when Pac carried crates for Humpty Humpty. We leave the whole club dizzy. Why the CIA wanna watch us? Colombians and Haitians. I ain't guilty, it's a musical transaction.
Jetzt kannst du selbst entscheiden, ob du das politisch findest oder nicht. Verstehst du. Ich verneble euch mit der Musik, und dann hört ihr nicht mehr auf den Text.
Da magst du wohl Recht haben. Aber du hast ja nicht nur so hochpolitische Inhalte in deinen Songs, sondern du engagierst dich ja auch konkret politisch. Etwa mit deiner Organisation Yéle Haiti. Mich würde interessieren, wie oft du in Haiti bist.
So, alle vier Monate etwa. Ja, und ich habe diese Organisation gegründet: Yéle Haiti. Y-E-L-E. Im Internet unter www.yele.org zu erreichen. Zurzeit unterstützen wir 20.000 Kinder mit Stipendien jedes Jahr. Außerdem engagieren wir uns in einem Kindersoldaten-Programm und werden da von Angelina Jolie und Brad Pitt unterstützt. In Haiti gibt es nämlich Kindersoldaten. Mir ist es gelungen, da einiges anzubieten für Väter und Lehrer. Außerdem bringen wir einigen Kindern das Schachspielen bei. Wir glauben daran, das Negative in etwas Positives zu verwandeln.
Das sind auch Gründe dafür, dass du in Haiti als Nationalheld gefeiert wirst. Trotzdem hört man auch Kritik.
Weißt du, ich bin dort so mächtig, dass ich natürlich einige Kritiker habe. Ich glaube an ein sehr einfaches Modell. Es gibt zwei Arten von Menschen auf der Welt: diejenigen, die reden und diejenigen, die etwas tun. Ich bin einer von denen, die Sachen anpacken.
Bist du der Meinung, dass die Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Cité Soleil bleiben soll? (Anmerkung: Cité Soleil ist der ärmste Stadtteil der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince und einer der größten Slums der Welt, in der seit 2004 UN Friedenstruppen versuchen, die Lage zu verbessern.)
Zurzeit haben sie überhaupt keine andere Wahl, wenn du dir die Vergangenheit des ganzen Landes ansiehst und wie unsicher es in Cité Soleil war. Derzeit herrscht zumindest ein wenig Sicherheit dort. Deswegen ist es unglaublich schwierig, nationale oder ausländische Polizeikräfte aus Cité Soleil abzuziehen. Du kannst dir vorstellen, was dann passieren würde. Und ich weiß, wovon ich spreche. Denn ich kenne Menschen, die in Cité Soleil umgebracht worden sind, und ich kenne diejenigen, die dort politisches Asyl genießen.
Arbeitest du mit den Vereinten Nationen zusammen?
Nein. Ich arbeite mit Yéle Haiti. Und das lange bevor die Vereinten Nationen oder irgendjemand anderer dort etwas getan hat. Als noch überhaupt niemand dort war. Wir sind da hingegangen und haben uns dort die Hände schmutzig gemacht. Und erst Jahre später sind alle andere gekommen, um ihre Sachen zu machen. Es herrschen dort regelrechte Kämpfe zwischen den Gangs und den Vereinten Nationen.
Die Vereinten Nationen können in den Krisengebieten ihre Hilfsgüter nicht verteilen, weil es zu unsicher ist.
Wenn du die Geschichte der Vereinten Nationen genau betrachtest, hatten sie immer Probleme ihre Güter rein und raus zu bringen. Haiti ist das nur der kleinste Fisch. In Afrika oder anderswo geht es viel verrückter zu als in Haiti. Wir setzen uns mit dem sozialen Aspekt der ganzen Geschichte auseinander. Und haben da ein ganz simples Vorgehen: Gleiche Rechte und gleiches Recht für alle. Spielt ihr fair mit uns, spielen wir auch fair mit euch.
Spielen die Vereinten Nationen unfair?
Das hast du nicht aus meinem Mund gehört.
Deswegen frag ich ja nach.
Aber wie meinst du das? Sie spielen unfair?
In erster Linie haben die Vereinten Nationen ja gute Absichten dort. Natürlich gibt es schwarze Schafe …
Ja, auf jeden Fall.
Wahrscheinlich ist das einfach ein zu komplexes Thema.
… wahrscheinlich.
Mich hat einfach interessiert, ob du mit den Vereinten Nationen zusammenarbeitest.
Nein. Ich arbeite nur mit Yéle Haiti zusammen.
Alles klar. Wechseln wir einfach mal das Thema. Von deinem Song "President" weiß man ja, was du als Präsident machen würdest. Hast du einen Favoriten für die kommende Wahl?
Natürlich. Wyclef Jean for President! Genau das sage ich ja auch in dem Song. Wählt für den Bush Man. Und ich rede hier nicht von George Bush, sondern von dem "Herb Man". Du verstehst, was ich meine.
Aber klar. Du stehst also an der Seite von keinem der Kandidaten?
Nein, ich stehe einzig und allein an meiner eigenen Seite.
Dann ist ja gut. Sprechen wir also noch mal über deine Musik. Du hast dir immer eine gewisse musikalische Open-Mindness herausgenommen. Wie schafft man es, musikalisch so offengeistig zu sein?
Das liegt daran, wie ich aufgewachsen bin. Wenn du dir meinen Lebenslauf genau angesehen hättest, wüsstest du, dass ich in der High School mal Jazz studiert habe. Schon als Schüler – damals wie heute war mein größtes Idol Quincy Jones – habe ich nicht daran geglaubt, dass man Musik in irgendwelche Schubladen stecken kann. Das Schlimmste, was man mir sagen kann, ist: Nur weil du aus Brooklyn Flatbush bist, darfst du nicht wissen, wer Pink Floyd ist. Ich habe dann das Gefühl, dass du meine Intelligenz beleidigst. Und ich glaube einfach nicht daran, dass ich nur wegen meiner Hautfarbe bestimmte Musik hören soll. Wenn man so viel Musik kennt wie ich, sind die Leute darüber immer überrascht. Und genau diese Vorurteile müssen wir aus der Welt schaffen. Und genau das mache ich ständig mit meiner Musik.
Aber ist es nicht schwierig, sich diese musikalische Offengeistigkeit zu bewahren?
Nein, es ist nicht schwer, musikalisch offengeistig zu sein, wenn man musikalisch interessiert ist. Stevie Wonder, Jimi Hendrix, Bob Marley. Das geht immer so weiter.
Du veröffentlichst gerade dein neues Album. Vor genau zehn Jahren hast du dein Solodebüt "The Carnival" releast, und jetzt kommt "The Carnival II". Ist es tatsächlich das zweite Kapitel, oder ist das nur ein Name?
Nein, das ist tatsächlich der zweite Teil. Und ich wünschte mir, du hättest es bereits gehört. Es handelt sich um die Fortsetzung des ersten Teils. Eine Welt voller Rhythmen mit dem Unterton Hip Hop.
Und was hat es mit dem Titel "Memoirs Of An Immigrant" auf sich?
Auf "The Carnival" hieß es: "If you have your ticket you can come onboard." Erinnerst du dich?
Oh ja.
Auf "Memoirs Of An Immigrant" hörst du die Erinnerungen von genau diesen Immigranten. Das ganze Album, jeder Song beginnt damit, dass etwas geschrieben wurde. Jeder Song ist ein eigener Brief für sich … über Hass, Frieden, Krieg, das Feiern, Leidenschaft.
Und musikalisch die Version 2007 des ersten Teils von 1997?
Das wirst du dann entscheiden müssen. Immerhin sind zehn Jahre vergangen. Es handelt sich immer noch um die Kombination aus Weltmusik und Hip Hop, der Wyclef Sound eben.
Du hast bereits gesagt, dass du keine Schubladen magst, aber wie würdest du deinen Sound beschreiben?
Weißt du, sie haben das Geiche mal Jimi Hendrix gefragt, und er hat geantwortet, nennt es einfach den Jimi Hendrix Experience Sound. Deswegen beschreibe ich meine Musik als Wyclef Sound. So einfach ist das.
Ein Kollege meinte, das sei ja wie bei einer "Audienz beim Papst". Nun ja, das halte ich ein bisschen für übertrieben. Natürlich war ich sehr gespannt auf die Begegnung mit dem Hip Hop Star aus den U.S.A. Aber Wyclef Jean mit dem Papst zu vergleichen? Mmhh. Egal. Jedenfalls ist er gläubig. Das stimmt!
Ich kam also zitternd und mit schweißnassen Händen im Mediapark in Köln an. Auf dem Flur der Sony Company ging es heiß her. Die Geschwister des Superstars hörten lautstark R.Kelly und trällerten fröhlich mit. Der Held selber saß noch unter heißen Scheinwerfern für eine Aufzeichnung des Kölner Musiksenders. Man sagte uns, dass es noch was dauern könnte, da Wyclef sich ein Hähnchen bestellt hätte und dies vor unserer Befragung noch vertilgen wollte. O.K., dann rauchen wir doch noch eine Zigarette.
15 Minuten oder drei Zigaretten später war es dann endlich soweit. Wyclef kam cool und sichtlich gut gelaunt aus dem Scheinwerferlicht. Ein kurzes Tänzchen noch mit "Check it out"-Diva Daisy und er begrüßte uns lässig mit "Give me five"-Handschlag. "Hey man, ich will euch hier nicht länger warten lassen. Das Huhn kann ich auch noch später essen"! Allright! Ob der Presserummel ihm auf Dauer nicht auf die Nerven geht? "Nein, ganz und gar nicht. Im Gegenteil, ich mag so viele Leute um mich herum. Meistens trifft man auf nette Menschen, so wie ihr, und ich lerne gerne neue Leute kennen. Stress hat man nicht, sondern man macht ihn sich, you know?"
Dem ist nichts hinzuzufügen. Der Mann wird mir immer sympathischer und die Aufregung lässt auch langsam nach. Anfang November moderierte er den MTV Award in Stockholm. Meine Frage, ob es ihm Spaß gemacht hat, abgesehen davon, dass er den Preis "Best Hip Hop" nicht gewonnen hat, beantwortet er ziemlich gelassen: "I'm from Brooklyn, man. Ich kann gar nicht verlieren. Ich hatte auf jeden Fall schon gewonnen, als MTV meinen Manager angerufen hat. Das war schon sehr cool. Es war zwar auch sehr stressig, weil wir drei Tage proben mussten, aber hey, die Leute lieben meine Jokes und es war ein cooler Abend."
Kollege Eminem gewann an diesem Abend den Award "Best Hip Hop Act". Was hält er von diesem doch recht umstrittenen Künstler? "Hey, ich denke nicht, dass er umstritten ist. Ich kenne ihn schon sehr lange. Noch aus dem "Underground", lange bevor er so berühmt wurde. Er ist cool. Seine Musik ist cool. Er macht Texte mit einer gewissen Art von Humor und das gefällt mir. Jeder sollte selber wissen, in wie weit er das versteht, oder nicht. Ich mag auch Dr. Dre und all die anderen. Das sind coole Leute."
Wyclef hat schon mit vielen verschiedenen Künstlern zusammen gearbeitet. Einen sehr großen Erfolg hatte er kürzlich mit Santana und dem Hit "Maria". Auf seinem aktuellen Album "The Ecleftic" singt und rappt er u.a. mit Country-Star Kenny Rogers, Wrestling-Hero The Rock und Mary J. Blige. Inwieweit beeinflusst diese Zusammenarbeit seine musikalische Entwicklung? "Oh, yeah. Die Arbeit mit Mary J. Blige war sehr cool. Sie ist eine großartige Künstlerin. Und diese Zusammenarbeit war auch sehr wichtig für die Kids da draußen. Ich mache gerne humorvolle Songs, wie zum Beispiel "It doesn't matter" mit The Rock, aber genauso wichtig sind ernstere Themen. Man muss den Leuten beides bieten. Nur dann ist die Arbeit sinnvoll."
Der gebürtige Haitianer ist bekannt für seinen Soundmix. Von Hip Hop und Reggae über Jazz und Blues bis hin zu Rock und Pop verarbeitet er sämtliche musikalischen Genres in seiner Arbeit. Was hört er denn zur Zeit für Musik? "Im Moment habe ich Miles Davis auf meinem Plattenspieler liegen. Ich liebe diesen Mann und seine Musik. Er hat mich stark beeinflusst. Ich bin mit Musik aufgewachsen. In meiner frühsten Kindheit habe ich schon Hip Hop und Reggae gehört. Dann schenkte mir meine Mum eine Gitarre und von da an liebte ich die Gitarrenmusik. Mein Onkel hat mich vor allem zur Popmusik gebracht. Er hatte eine große Plattensammlung. Musik ist mein Leben, you know what I mean?"
Wie schreiben Postars eigentlich ihre Texte? Gerade in der Hip Hop-Szene. Sitzen die Rapper auch zu Hause und schreiben brav ihre Lyrics in ein Notizheft oder "freestylen" sie vorwiegend im Studio? Wie ist das bei dir Wyclef, jemand der voll von Ideen ist? "Ich habe immer mein kleines mobiles Studio dabei. Wenn ich es mal nicht dabei haben sollte, dann miete ich mir irgendwo in der Stadt eins. Das ist schon sehr praktisch. Immer wenn mir Texte einfallen, kann ich sie vor Ort verarbeiten. Music is in my blood and freestyle ist striktly normal, like eating (Ah, ja, das Huhn wartet ja noch) or sleeping!" Das ist nun auch ein Anreiz für ihn, eine kurze, aber beeindruckende Freestyle-Performance hinzulgen. RESPEKT!
Der eigentlich Grund für seinen Besuch in Köln ist die Benefizveranstaltung "Beats for Life". Dort wird er gemeinsam mit deutschen Hip Hop Acts wie Blumentopf oder Torch auf der Bühne stehen. Was denkt der Mann aus Brooklyn über die deutsche Konkurrenz? "Yeah, ich habe gehört, dass die Hip Hop-Szene hier in Deutschland sehr groß ist. Ich bin sehr gespannt auf heute Abend. Es ist das erste Mal, dass ich mit deutschen Rappern auf der Bühne stehe. Ja, ich habe große Lust dazu. Das wird bestimmt cool!" Eine Erfahrungen mit deutschen Cracks hat er ja schon gemacht. Mit den Fantastischen Vier war er schon im Studio, u.a. für einen Remix von "Guantanamera". Und das hat ihm auch sehr gut gefallen. "Es ist was ganz anderes, mit deutschen Künstlern zu arbeiten."
Während diesem Gespräch sind mir neben seinen funkelnden Augen besonders seine vielen Brillianten aufgefallen, an seinem Ring, an seiner Uhr und seiner Kette. Solche Glitzersteinchen sieht man ja nicht alle Tage. "Yeah, man. Das muss sein. Darauf fahre ich total ab (strahlt über das ganze Gesicht). Du weißt, ich komme aus Brooklyn und ich war sehr arm. Jetzt bin ich reich und ich kann mir so was leisten. Das ist cool man und dafür danke ich Gott!"
O.k. So langsam wird der Mann doch etwas unruhig. Sein Huhn wartet ja noch auf ihn und außerdem wollte er sich auch noch ein wenig hinlegen vor dem großen Auftritt. Aber "It's Christmas-Time", und dass er gläubig ist, wissen wir jetzt, aber glaubt er auch an den Weihnachtsmann? Was sind seine Pläne für Weihnachten? "Ich verkleide mich als Santa Claus und gehe mit meinen Cousins shoppen. Das macht Spaß!"
Ja, das glaube ich. Vielen Dank für das Gespräch und have a nice meal! Dann verabschiedet sich Wyclef Jean mit einer zweiten Freestyle-Performance. Yeah! Yeah!
Ach übrigens. Für alle Fugees Fans: Ja sie sind wieder zusammen im Studio und ja sie werden bald das lang ersehnte Album herausbringen. Man darf gespannt sein.
The Carnival (1997)
Wyclef in der Zeit über seinen Traum, Haiti und seine Kindheit
http://www.zeit.de/2008/27/Traum-Wyclef-Jean
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