Porträt

laut.de-Biographie

Paul Wall

Wenn der angespielte Hip Hop-Track träge und bis an die Schmerzgrenze verlangsamt sirupartig aus der Box tropft und die Hookline aus einer wieder und wieder wiederholten, aus einem anderen Track ausgeschnittenen Zeile besteht, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man soeben mit einem Export aus dem texanischen Houston konfrontiert wird. Der Interpret dürfte sich dann vermutlich zu den Jüngern DJ Screws zählen. Möglicherweise lautet sein Name Paul Wall.

Mike Jones' Single "Still Tippin" (zu finden auf seinem Album "Who Is Mike Jones?") bringt den Chopped & Screwed-Sound aus dem Süden der USA erstmals einem breiteren Publikum zu Gehör und positioniert gleichzeitig einen jungen Mann im Rampenlicht, der abseits internationaler Aufmerksamkeit bereits auf zehn arbeitsreiche Jahre im Rapgeschäft zurück blickt.

Paul Wall, bürgerlich Paul Slayton, kommt am 30. März 1980, wie auch beide Elternteile, als Kind Houstons zur Welt. Familienidyll erlebt er allerdings keines. Verlassen vom Vater wächst er nur bei seiner Mutter auf. Der christlich erzogene Junge träumt den üblichen Teenager-Traum vom Leben als Rap-Star. "Wir haben überall gefreestylet. Im Schulbus, beim Mittagessen ... Irgendwann habe ich dann angefangen, meine eigenen Texte zu schreiben", erinnert er sich. Im Gegensatz zu vielen jungen Möchtegern-Künstlern erkennt Paul glasklar, dass viele Wege zum Ziel führen: Er findet den Einstieg ins Musikbusiness als Mitglied eines Street-Promotion-Teams. Gemeinsam mit seinem Sandkastenfreund Chamillionaire, mit dem er bei der Gospel-Rap-Gruppe Sleepwalkazz singt, übernimmt er Jobs für Cash Money, Def Jam oder No Limits. Die Sleepwalkazz treten hin und wieder bei Jungendfestivals oder kirchlichen Veranstaltungen auf. Paul fängt sich den Spitznamen "Off The Wall Paul" ein.

Über einen Auftrag von Swishahouse Records kommt er 1997 mit Labelchef und Radio-DJ Michael Watts in Kontakt. "Er wusste, dass ich rappe", so Paul, der nebenher eigene Tapes zusammenstellt und gerade dabei ist, sich einen Namen als Party-DJ zu machen. Zusammen mit Chamillionaire - man hat sich inzwischen zu Color Changin' Click formiert - produziert er ein Intro für Watts Radiosendung, das ebenso wie ein unter den Fittichen Swishahouses entstandenes Demo weithin positive Reaktionen erntet. Watts räumt den beiden daraufhin immer öfter Platz auf seinen Mixtapes ein. Mehr Lob führt zu noch mehr Platz auf noch mehr Mixtapes: Der Aufstieg hat begonnen.

Lange soll die Ehe zwischen Color Changin' Click und Swishahouse allerdings nicht währen. Schon bald kommt es zu Uneinigkeiten: Paul und Chamillionaire, inzwischen beliebte Gastrapper bei diversen anderen MCs, fühlen sich für ihre Leistungen nicht angemessen entlohnt und unterschreiben bei Paid In Full Records. Hier veröffentlichen sie etliche Mixtapes und 2002 ihr hochgelobtes erstes Album "Get Ya Mind Correct". Aus dem Stand verkaufen sich über 200.000 Einheiten. Die Source zieht "Get Ya Mind Correct" für den Titel "Independent Album of the Year" in Betracht.

Im Februar 2004 schiebt Paul Wall sein Solo-Debüt "Chick Magnet" nach, auf dem sich unter anderem Mike Jones und Bun B als Feature-Gäste tummeln. Color Changin' Click haben "Controversy Sells" nahezu fertig gestellt. Die Kontroversen scheinen sich aber nicht auf den Titel zu beschränken. Noch vor dem Erscheinen des Albums führen Streitereien um künstlerische Belange und - mal wieder - ums liebe Geld zur Trennung der Crew. "Controversy Sells" kommt schließlich 2005 auf den Markt, macht dann allerdings eher den Eindruck einer Solo-Platte von Chamillionaire denn den einer Kollaboration.

Beide verlängern ihren Vertrag bei Paid In Full nicht. Während Chamillionaire sein eigenes Label Chamilitary Entertainment aufzieht, kehrt Paul Wall nach der Veröffentlichung von "How To Be A Player" unter das Dach von Swishahouse zurück. "Die Atmosphäre hat gestimmt. Das passte einfach zusammen, so wie die Teile eines Puzzles", erklärt Paul diesen Schritt im Interview mit down-south.com. Dennoch: Der Ausflug zu Paid In Full erwies sich als lohnend: Alle vier bisher erschienenen Alben fanden Eingang in die Billboard Rap Charts.

"Hip Hop war anfangs ein großes Hobby, doch als es anfing, Geld abzuwerfen, wurde es eine Karriere, ein Job", sinniert Paul Wall im Gespräch mit ugo.com. Auf eine Existenz als Rapper mag er sich allerdings nicht verlassen. Nach seinem Abschluss an der Jersey Highschool studiert er drei Jahre lang Kommunikationstechnik an der University of Houston. Paul Wall veranstaltet Partys in verschiedenen Clubs, legt auf und tourt (unter anderem in Gesellschaft T.I.s), managt die Frauen-R'n'B-Combo Velvet Ice, deren Anheizer-Qualitäten sich beispielsweise Kollege Nelly bedient, hostet auf XM 66raw eine Radio-Show und betreibt (in Houston, wo sonst?) eine Subway-Restaurantfiliale. Nebenher findet er Zeit zum Heiraten. Seit April 2006 ist er Vater eines Sohnes.

Den lukrativsten Nebenerwerb dürfte "TV Jewelry" darstellen. Begonnen hat es, wie so häufig in Paul Walls Werdegang, ganz unspektakulär: Als 17-Jähriger verteilt er Handzettel für einen ortsansässigen Juwelier. Sein eigenes Geschäft startet als Laden für Reparaturen. Inzwischen handelt es sich, wenn einem Gold, Platin oder Diamanten aus den Kauleisten von Lil Jon, Nelly, Slick Rick, Mike Jones, Chingy, Master P oder anderen buchstäblich hochkarätigen Rap-Stars entgegenglitzern, in den meisten Fällen um einen Grill aus dem Hause Paul Wall. In seinen eigenen Worten: "Say cheese and show my fronts / There's more karats than Bugs Bunny's lunch." ("Sittin' Sideways") Einen passenderen Gastauftritt in Nellys Goldzahn-Hymne "Grillz" hätte in der Tat niemand liefern können.

Nach beachtlichem Erfolg mit seinem Feature auf Mike Jones' "Still Tippin" liefert Paul 2005 wieder zu Hause bei Swishahouse sein Major-Debüt. "The People's Champ", betitelt nach einem Beinamen, den er sich lange zuvor einfing, katapultiert ihn an die Spitze der US-amerikanischen Charts. Alleine in den USA wandern über eine Million Exemplare des Albums über die Ladentische. Die erste Single "Sittin' Sideways" begrüsst Big Pokey von Pauls alten Helden, den Pionieren der Screwed Up Clique, als Gast am Mikrofon. Darüber hinaus beteiligen sich auf "The People's Champ" die Three 6 Mafia, Freeway, Nelly, T.I., Bun B und Kanye West. Für eine Chopped & Screwed-Ausgabe trägt Michael 5000 Watts höchstpersönlich Sorge.

Seit jeher ein Fan DJ Screws, ist Paul Wall dessen Chopped & Screwed-Remix-Technik längst selbst in Fleisch und Blut übergegangen. Er lässt Werken von Kollegen Twista sowie T.I.s Album "Urban Legend" eine entsprechende Behandlung zuteil werden und verhackstückt und bremst "Step In The Name Of Love" von R. Kelly. Auch bei härteren Tönen kennt der Trend aus dem dreckigen Süden kein Pardon: Paul Wall remixt ein Album der Rockband The Transplants. Wie kommt das? Gemeinsam mit dem einstigen Blink 182- und akutem +44-Drummer Travis Barker und Transplants-Mitglied Skinhead Rob Aston bildet Paul die Rock/Rap-Combo Extensive Taste. Das erste Album wird für Ende 2006 angekündigt.

Stellt sich die Frage, wann Paul Wall eigentlich schläft: Der nächste Longplayer steht in den Startlöchern. Im Herbst 2006 bereits fertig gestellt, wartet "Get Money, Stay True" lediglich auf ein Release-Datum. Man munkelt über Produktionen von Cool & Dre und Scott Storch, über Features von Dem Franchise Boyz, Juelz Santana, T.I., Nelly, Kanye West und Mariah Carey. Die Single "Don't Care Anymore" bedient sich Samples aus dem gleichnamigen Phil Collins-Titel. Worauf mit der Veröffentlichung gewartet wird, darüber schweigen sich die sonst so redseligen Quellen allerdings aus.

Wie fühlt man sich also, als White Boy in einem doch eher schwarzen Metier? Spielt die Hautfarbe überhaupt eine Rolle? "Es verschaffte mir schon Aufmerksamkeit, aber dann kam es ganz auf mich an", so Pauls Einschätzung der Lage. "Die Tür war offen, aber durchgehen musste ich selbst." Paul Wall betrachtet sich als Teil und Produkt der Kultur seiner Heimatstadt. "Die Leute werden dich immer vergleichen. Das ist manchmal gut, manchmal nicht. Ich bin Paul Wall. Das ist alles, das ich sein kann. I'm just me."

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