Porträt

laut.de-Biographie

Mike Jones

Allen, die schon immer mal mit einem Rapstar telefonieren wollten, sei die amerikanische Mobilnummer 281-330-8004 ans Herz gelegt. Etwas Glück oder reichlich Geduld braucht es, um zwischen den übrigen Anrufern aus aller Welt (immerhin bis zu 20.000 am Tag) durchzukommen. Hat man das geschafft, bestehen allerdings gute Chancen, dass er an den Apparat geht. Wer? Mike Jones!

Geboren am 6. Januar 1981, wächst Mike Jones im texanischen Houston auf. Als abzusehen ist, dass es zu einer Profi-Basketballer-Karriere wohl nicht reichen wird, wendet sich Mike seiner zweiten großen Liebe, dem Rap, zu. Die Hauptmotivation für die Gründung seines Labels Ice Age Entertainment und den Aufbau eines eigenen Studios besteht darin, die Kosten möglichst niedrig zu halten, denn Geld fehlt in den Anfängen wie so oft an allen Enden. Was braucht ein Rapper außerdem? Stimmt, Beats wären nicht schlecht. Doch was tun, wenn jeder DJ, jeder Produzent, den Mike anspricht, erst einmal die Frage stellt: "Wer bist du überhaupt?" - "Mike Jones." - "Wer??" - "Mike Jones!" Sehr frustrierend.

Gut, wenn man für derartige Fälle eine lebenskluge Großmutter zur Hand hat. Mrs. Elsia Mae Jones hat einen starken Draht zu ihrem Enkel. Sie bringt ihm bei, wie wichtig es ist, man selbst zu bleiben - übrigens der Grund dafür, dass es Mike Jones bei "Mike Jones" belässt und keinen anderen Bühnennamen wählt. Auch in der 'Wer bist du'-Problematik weiß Oma Rat: "Stell die Frage doch einfach zuerst." Es funktioniert: "Who? Mike Jones!" avanciert zu Mike Jones bevorzugter, allgegenwärtiger, ständig wiederholter Hookline und seinem Markenzeichen. Daneben fräst er seine Mobilnummer ins Gedächtnis seiner Zuhörerschaft; kaum ein Track, in dem er sie nicht an den Mann bringt. Zusätzlich prangt sie (neben der Aufschrift "Property Of Mike Jones") weithin sichtbar auf großzügig unters Volk geworfenen Promo-Shirts. Gerüchten zu Folge musste Mike Jones den Telefonanbieter wechseln, nachdem seine Telefonrechnung die 250.000$-Marke gesprengt hatte; mittlerweile verfügt er über einen günstigen Vertrag.

Noch im Gründungsjahr veröffentlicht Ice Age Entertainment den ersten Sampler ("Ice Age Vol. 1"). Mike Jones unternimmt immense Anstrengungen, seinen Sound bekannt zu machen. Ein im Süden üblicher Weg führt offenbar über die Strip-Clubs der Stadt. Mike hat diesbezüglich eine besondere Marketingidee: Er schnappt sich eine Stripperin, befragt diese nach ihrem bevorzugt bei Auftritten benutzten Begleitsong und bietet ihr an, zum entsprechenden Instrumental einen speziell auf sie zugeschnittenen Rap zu schreiben - in dessen Verlauf man selbstredend das eine oder andere Mal seinen Namen ("Who? Mike Jones!") fallen lassen kann. Das Konzept geht auf: Erst rennen die Tänzerinnen Mike Jones die Bude ein, dann die Clubbesitzer. "Mike Jones" wird in den Straßen Houstons zu einem Begriff.

Typisch für Mike Jones' Arbeitsweise ist die Wiederaufbereitung von Textzeilen aus einem Track, "chopped and screwed", als Chorus im nächsten. Mit der Eigenart, ganze Textzeilen zwei-, vier-, achtmal zu wiederholen, bricht er ungeschriebene Rapgesetze, wonach solches als einfallslos stigmatisiert wird. Mike Jones beharrt jedoch darauf, auf diese Weise den Kern der Sache, die Moral von der Geschicht', besser herausarbeiten zu können. Er zählt 50 Cent und Nelly zu seinen Einflüssen; letzteren insbesondere deshalb, weil der bewies, dass man auch ohne große Produzentennamen eine erkleckliche Zahl von Schallplatten verkaufen kann.

"Ice Age Vol. 1" gelangt in die Hände von T-Farris, A'n'R-Mann bei Houstons Indie-Label Swisha House. Labelboss Mike Watts gilt als Autorität auf dem Gebiet des boomenden "Screwed Hip Hop", einer Dirty-South-Abart mit bis an die Schmerzgrenze verlangsamten Beats, die von DJ Screw populär gemacht wurde. "Die Leute im Süden mögen es eben ein bisschen langsamer", so Mike Jones im Interview. "Manchen gefallen die Tracks in Normalgeschwindigkeit, aber auch die drehen durch, wenn sie hinterher die gescrewte Version hören." Mike Watts ist angetan: Mike Jones wird 2002 Mitglied der Swisha House-Familie und beschert dem Label mehrere Releases.

Ohne einen Majorvertrag, ohne Video und ohne Radio-Airplay bringt er es auf die phänomenale Zahl von 250.000 verkauften Einheiten. Wie ist das zu schaffen? "90% Schufterei, 10% Schlaf" meint Mike Jones selbst auf diese Frage. Sein Motto "You don't work you don't eat, you don't grind you don't shine" ziert seinen Unterarm ebenso wie das Cover seines Albums "Who Is Mike Jones?" - das 2005 bei Warner Music erscheint. Hoppla! Jetzt doch ein Majorlabel? Damit dürfte der Traum, als erster Indie-Artist das Titelblatt der Source zu zieren, ausgeträumt sein. Mike Jones nimmt es gelassen, für ihn erfolgt der Wechsel zum richtigen Zeitpunkt. Er sieht bei der Betrachtung des Warner'schen Künstleraufgebots dringenden Bedarf im Hip Hop-Bereich.

"Who Is Mike Jones?" schießt auf Platz drei der Billboard-Charts. Mit "Still Tippin'", einer Kollabo mit seinen Labelkollegen Paul Wall und Slim Thug, landet Mike Jones seinen ersten eigenen Major-Hit, nachdem er bereits auf "Badd" von den Ying Yang Twins ("United State Of Atlanta") und "Joy" von Missy Elliott ("The Cookbook") Featureauftritte absolvieren durfte. "Back Then" folgt als zweite Singleauskopplung. Mike Jones widmet seiner inzwischen verstorbenen Großmutter nicht nur den Song "Grandma" sondern das gesamte Album. Keinerlei Diss-Tracks lenken von der alles beherrschenden Frage nach der Hauptperson ab: Wer ist Mike Jones? Nachdem dahingehend wirklich alle Unklarheiten beseitigt sein dürften, wendet sich Mike Jones wieder seinen Privatvergnügungen zu: der Arbeit an "Ice Age Vol. 2" zum Beispiel. Und der Beantwortung seiner Anrufe.

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