Porträt

laut.de-Biographie

Little Brother

Little Brother sind die Heilsbringer der Früher-war-alles-besser-Fraktion. Unverschämt sympathisch verbreiten sie den süßen Duft der Neunziger, in denen ohne Zweifel manches besser war, aber vor allem der Hip Hop-Sound so frisch klang wie zu keiner anderen Zeit. Dass das Trio aus North Carolina dieser Art von Rap in einer Zeit frönt, die voll von jiggy Beats und Lyrics à la "I'm a motherfucking P.I.M.P." ist, macht die Rapper Phonte und Big Pooh sowie den Produzenten 9th Wonder nur noch sympathischer.

Neben dem ganz eigenen, traditionell angehauchten Sound sind zwei andere Aspekte an Little Brother verwunderlich. Erstens hat das Trio seine Wurzeln im unglaublich Rap-untypischen Nirgendwo von North Carolina. Zweitens verdanken die Amerikaner ihren Bekanntheitsgrad ihrem eher introvertierten Produzenten 9th Wonder. Erst nachdem der nämlich die Knöpfchen für Hochkaräter wie Def Jam-Boss Jay-Z drehen durfte, sind ihm wohlverdient die rappenden Kollegen Big Pooh und Phonte ins Rampenlicht gefolgt. Seitdem treiben die Rapper Phonte Coleman und Thomas Jones mit ihrem musikalischen Kopf Pat Douthit ihr Unwesen im Rap-Zirkus, der ihnen seit jeher mit einer selten gekannten Ignoranz entgegentritt.

Den musikalischen Beginn von Little Brother macht das Jahr 1998, als sich das Trio auf der North Carolina Central University zufällig über den Weg läuft. Da sich Rap-Interessierte auf akademischem Boden seit jeher zusammenraufen, stecken auch Phonte, Pooh und 9th ihre Köpfe bald zusammen und lauschen den Tönen der Post-Native Tongue-Generation um The Roots, Talib Kweli und Co. Da sich das beschauliche Durham, North Carolina zu diesem Zeitpunkt noch nicht als Hip Hop-Mekka etabliert hat, betreten Little Brother in der Einöde zwischen New York und Miami rapmusikalisches Neuland. Ihr Enthusiasmus und ihre Begeisterung für die Musik springen jedoch schnell auf Bekannte und Freunde über, und flux bildet sich eine beschauliche Rap-Crew im mittelamerikanischen Ödland: The Justus League.

Mit im Boot paddeln fortan die Rapper Big Dho, Chaundon, Joe Scudda, Sean Boog, L.E.G.A.C.Y., die Produzenten Nicolay, DJ Flash, Khrysis und die Sängerin Yahzarah durch den unruhigen Wellengang der Musikwelt. Mit maschineller Konstanz erscheinen aus den Justus League-Hallen in den folgenden Jahren etliche Solo-Platten und Kollaborationen in einer Qualität, die man den Landeiern gar nicht zugetraut hätte. Sean Boog und Khrysis rocken 2005 als The Away Team auf "National Anthem", der holländische Produzent Nicolay paart sich melodiös mit Phonte auf "Foreign Exchange" ein Jahr zuvor, und L.E.G.A.C.Y. streut "Project Mayhem" im gleichen Jahr unter die spärlich vertretenen Durham-Rap-Fans.

Zuvor jedoch treten die drei Chefs der Justus-Liga persönlich ihren ganz eigenen Siegeszug an. 2003 folgt mit dem Debüt "The Listening" der erste Streich. 9th Wonders old schoolige Basslines legen sich warm um die sorgfältig ausgewählten Samples, dabei lassen Big Pooh und Phonte ihre Reime vom Stapel, die sich mal um Rap im Allgemeinen, mal um politische Themen im Speziellen, aber auch ganz einfach um die Hinterteile der Weibchen auf der Tanzfläche drehen. Bald macht sich Begeisterung unter den Kritikern breit, die neuen Helden des North Carolina-Undergrounds (!) stehen auf der Liste der viel versprechenden Rap-Künstler des Jahres 2003 ganz oben. Ganz im Gegenteil zu dem Bild, das die Verkaufscharts zeichnen. Dort findet sich nämlich keine Spur von Little Brother. Im Jahr von Fifftys "Get Rich Or Die Tryin'" will wohl niemand der konsumfreudigen Käuferschicht etwas von einem Trio wissen, das spielerisch den Sound von A Tribe Called Quest, De La Soul und Konsorten ins Jahr 2K3 überträgt.

So bleibt den Beteiligten also Zeit, weiterhin schlichtweg gute Musik zu zaubern: 9th Wonder etwa macht sich daran Nas' zweiten Klassiker der Karriere – "God's Son" – komplett zu remixen und die Platte mit schrecklichem Cover, aber genialen Neuinterpretation unter dem Namen "God's Stepson" unter die Heads zu bringen. Wie es der Zufall will, gelangt die Platte in die Hände von Rap-Veteran Jay-Z, der sich zur gleichen Zeit einem nicht gerade zimperlichen verbalen Schlagabtausch mit selbigem Nas hingibt.

Kein Zufall, denn im Hause Roc-A-Fella gilt die Devise: Studiere deinen Feind. Neben Nas' scharfen Reimen fallen Jay-Z aber vor allem die Fertigkeiten des Produzenten 9th Wonder auf. Und weil Jigga gerade auf der Suche nach Beats für sein offiziell letztes Studioalbum ist, schnappt sich der Roc-A-Fella Boss den Beatbastler und bittet 9th, ein Instrumental für sein "Black Album" zu schustern. 9th packt für "Threat" seine patentierte Bassline aus, Jigga gefällt's - vom einen auf den anderen Tag kennen den Produzenten 9th Wonder auch diejenigen, die Jay-Z mit Hamsterkäufen seines Albums zum Rücktritt vom Rücktritt überzeugen wollen.

Welch ein Glück für Little Brother. Die werden mit wachsendem Bekanntheitsgrad und stetigem hochqualitativen Output vom Majorlabel Warner Music aufgegriffen. Bevor der offizielle Nachfolger mit Hilfe der neu gewonnenen Labelunterstützung auf den Markt kommt, veröffentlicht Big Pooh seinen Solo-Joint "Sleepers" und das Trio gemeinsam ein Mixtape voller Remixe, unveröffentlichter Tracks und B-Seiten. Für die begeisterte Meute ist "The Chittlin Circuit" jedoch mehr als das. Nicht zuletzt wegen der Gastauftritte von Pete Rock, Big Daddy Kane und Kanye West, die den Longplayer qualitativ in letzter Instanz zu einem eigenständigen Album adeln.

Die Begeisterung ist noch nicht verflogen, da kündigen Little Brother schon ihren Major Label-Einstand an. Dazwischen dreht Produzent 9th Wonder aber noch bei Jiggas Verlobten Beyoncé Knowles an den Knöpfen. Will heißen: Auf dem letzten Album von Destiny's Child steuert der Produzent Beats bei und erweitert einmal mehr seine potenzielle Zielgruppe. Offensichtlich meint es nicht nur dessen Kind, sondern auch das Schicksal selbst gut mit Little Brother.

Bis zur Veröffentlichung von "The Minstrel Show", dem Nachfolger von "The Listening". Kaum bei einem Majorlabel gesignt, lernen Phonte, Pooh und 9th die Kehrseiten der Industrie kennen. Doch diesmal sind es einmal nicht die Plattenfirmen, die mit nicht nachvollziehbaren Schachzügen für Verwirrung sorgen, sondern einschlägige Musikmagazine: XXL und die The Source, Amerikas führende Hip Hop-Journaille, ziehen nach ersten hochtrabenden Worten die Klassiker-Wertung für "The Minstrel Show" zurück, weil bereits im Monat zuvor Commons "Be" als Meilenstein bezeichnet wurde. Außerdem stehe für die kommende Ausgabe die Veröffentlichung von Kanye Wests "Late Registration" an. Herr Benzino und Co. sind offensichtlich der Meinung zu viel Lob tue dem Genre nicht gut. Die Konsequenz: ein gekündigter Redakteur bei der Source, verwunderte Leser und ein gesteigerter Bekanntheitsgrad für Little Brother durch News-Beiträge bei MTV. Bad news sind also doch good news?

Als ob das Album selbst nicht schon für genügend Gesprächsstoff sorgen würde. Der Name "Minstrel Show" geht nämlich auf eine Theaterform Anfang des 20. Jahrhunderts zurück, bei dem sich Schauspieler mit Schuhcreme das Gesicht tiefschwarz malten und sich in herablassender Form mit Hilfe stereotypisierter Klischees über die schwarze Kultur und deren Menschen lustig machten - zum Amusement der Weißen, versteht sich. Little Brother sehen in der aktuellen Darstellung und der medialen Präsenz von Hip Hop Parallelen zu den Minstrel Shows, da ein Großteil der damaligen Künstler selbst schwarzer Hautfarbe waren.

Vom intelligenten Konzept einmal abgesehen, liefert das Trio ohne Zweifel eines der besten Alben des Jahres ab – trotz der Konkurrenz von Common, Kanye oder The Game. 9ths Basslines hüpfen wie eh und je, und Big Pooh und Phonte faszinieren mit ihrer gerappten Sicht der Welt, wie man es von ihnen gewohnt ist. Alles ist also beim Alten geblieben. Die Musik stimmt, die Texte sind vom Feinsten, nur in den Charts sind Little Brother nach wie vor nicht zu finden.

Das fällt natürlich auch Atlantic auf. Was das Verhältnis zwischen Künstler und Label nicht unbedingt verbessert. So kommt es im Januar 2007 zur Trennung zwischen den beiden Parteien. Little Brother begibt sich auf den Weg dorthin zurück, wo alles begann - zu ABB Records. Eine Veränderung, die bei den Fans der Crew eher positiv ankommt. Ganz im Gegensatz zu einer kleinen Bombe, die zum gleichen Zeitpunkt platzt. Nach gemeinsamen Einverständnis verlässt Produzent 9th Wonder die Band. Es soll zu keinem Streit zwischen dem Trio gekommen sein, jedoch seien die musikalischen Vorstellungen in der letzten Zeit zu weit auseinander gegangen. Ein Schock für Fans und Supporter, da der Ausstieg von 9th Wonder dem Sound der Band ein von Grund auf anderes Gesicht geben wird.

Für das im Oktober 2007 erscheinende dritte Album "Getback" wurde schon vor der Trennung die Arbeit mit anderen Produzenten hervorgesagt. So drehen neben 9th Wonder außerdem Produzenten wie Nottz, Khrisis und Just Blaze an den Reglern. Ein Auftritt von Down South-Recke Lil Wayne rundet den Schritt in eine neue Little Brother-Ära ab.

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