Porträt

laut.de-Biographie

John Forté

Eine ganze Reihe von Vertretern des Rap-Genres baut bei der Karriereplanung auf eine Haftstrafe zur Absicherung der Kredibilität. Ein paar Jahre im Bau machen sich ja immer gut im Lebenslauf eines Gangster-Rappers. Tatsächlich soll es Musikkonsumenten geben, die der Meinung sind, Künstler nehmen die Hölle des geschlossenen Vollzuges für die Karriere auf sich.

Was realistisch betrachtet gar nicht vorstellbar ist. Manchen Rapper kostet der Gang in den Bau sogar das vielversprechende Star-Dasein. Ein Beispiel ist John Forté, der seine Karriere für 14 Jahre hinter schwedischen Gardinen auf Eis legen muss.

Die Geschichte von John Forté beginnt vielversprechend. Geboren (30.01.1975) und aufgewachsen in Brooklyn, New York ziehen die roughen Straßen Brownsvilles den Heranwachsenden nicht in ihren Bann. Die volle Aufmerksamkeit gilt der Musik. Er spielt Violine und ist hochbegabt. Sein Talent bringt ihn per Stipendium an die Phillips Exeter Academy in Boston - eine Elite-Schule wie sie im Buche steht; auf 1000 weiße Studenten treffen 60 Afroamerikaner.

Nach erfolgreicher Ausbildung geht es zurück nach New York zu Musikwirtschafts-Studium an der nicht weniger geschätzten NYU. Der Umweg der prestigeträchtigen Universität befördert Forté dabei in die oberen Schichten des New Yorker Lebens. Trotzdem kann er sich die horrenden Studiengebühren an der NYU nicht leisten und verlässt die Universität. Im Gegenzug geht es bei der musikalischen Karriere bergauf. Er arbeitet als Backup-Sänger für Michael Jackson, Carly Simon, Whitney Houston und Eric Clapton. Den Kontakt zu alten Freunden aus Brooklyn verliert er aber nicht.

In den Straßen des New Yorker Boroughs lernt er Lauryn Hill kennen, die Mitte der Neunziger gerade dabei ist, mit ihren zwei Freunden Wyclef Jean und Pras Michel Weltruhm zu erlangen. Fortés musikalisches Talent hilft ihnen dabei. Bei der Entstehung des Fugees-Klassikers "The Score" ist er stark involviert. 1996 erscheint das Album und verkauft sich im Laufe der Zeit über 18 Millionen Mal. Die Fugees sind musikalische Weltstars. Die Offenheit ihres musikalischen Vorgehens beschert ihnen eine weitläufige Zielgruppe - die Welt singt zu den Fugees-Remakes der Hits "Killing Me Softly" oder "No Woman, No Cry". Der Erfolg von "The Score" krönen Grammy-Auszeichnungen und Respektsbekundungen von allen Seiten. John Forté steht als Teil des losen Künstlerkollektivs Refugee All Stars mittendrin.

Auch bei Wyclef Jeans Solo-Debüt "The Carnival" ist Forté vertreten. Im gleichen Jahr trennen sich zwar die Fugees - die Dreierkonstellation und der immense Erfolg funktionierte offensichtlich nicht -, die Refugee All Stars behaupten sich jedoch weiterhin als tatsächliche Größe in der Musikwelt. 1998 veröffentlicht der Rapper, Produzent und Sänger unter Mithilfe Wyclef Jeans sein erstes Solo-Album: "Poly Sci". Auf der gleichen Welle wie Wyclefs "Carnival" und Fugees "The Score" schwimmt auch Fortés Longplayer: Eine Mischung aus Neuauflagen bekannter Klassiker und eigener Stücke garantiert eine breite Hörerschicht. Forté versucht sich etwa an Nenas "99 Luftballons". Vielleicht zu viel des Guten, denn trotz des positiven Kritikerkanons floppt "Poly Sci" kommerziell. Trotzdem, eine erfolgreiche Karriere im Musikgeschäft attestiert man John Forté von allen Seiten. Gewiss dessen stürzt sich der Musiker ins Nachtleben New Yorks und arbeitet dort als DJ und Teilzeitmusiker in den gehobeneren Gesellschaftsklassen der Metropole.

Bis ihn jedoch Anfang des neuen Jahrtausends die New Yorker Justiz mit schwere Vorwürfen konfrontiert. Im Juli 2000 greift ihn die Polizei auf und steckt ihn in Untersuchungshaft. Die Anklage wiegt schwer: Forté soll zwei Frauen beauftragt haben, zwei Pakete mit flüssigem Kokain per Luftweg nach New York zu schmuggeln (Wert: 1.4 Millionen Dollar). Für jedes der Pakete soll der nicht vorbestrafte Musiker 10.000 US-Dollar bekommen haben. Die Drogenkuriere werden am Flughafen geschnappt. Mit Aussicht auf Strafmilderunge kooperieren sie mit der Polizei und helfen bei der Überführung des angeblichen Drahtziehers. Sofort beteuert Forté seine Unschuld; Freunde beauftragten ihn und sagten, die Pakete enthalten Geld und an der Sache sei nichts Illegales. Den Freundschaftsdienst muss er teuer bezahlen. Das knallharte US-Justizsystem verdonnert ihn im September 2001 zu einer 14-jährigen Haftstrafe. Schuldig im Sinne der Anklage. Eine Strafminderung aufgrund seiner unbescholtenen Vergangenheit kann der Richter aufgrund des "mandatory minimun sentencing" nicht aussprechen. Der 27-Jährige blickt einer dunklen Zukunft entgegen.

Dank Carly Simon, Singer/Songwriter-Ikone aus den Siebzigern, ist John jedoch in der Lage sein zweites Album fertig zu stellen - die enge Vertraute zahlt die 250.000 Dollar hohe Kaution. Die zwei unterschiedlichen Charaktere kennen sich über Carlys Sohn Ben Taylor, dessen Cousin wiederum mit Forté die Phillips Exeter Academy besuchte. Das Verhältnis zur Musikerfamilie geht weit über musikalische Gemeinsamkeiten hinaus. Fortan tritt die ganze Taylor-Familie als Unterstützung Fortés auf. Während des Prozesses sagen Sohn Ben und Mutter Carly als Fürsprecher des Angeklagten aus. Es hilft nichts, Forté kommt für 14 Jahre in eine Strafanstalt in Pennsylvania, später nach Fort Dix in New Jersey.

In der Zeit zwischen Verhaftung und Anklage kann Forté jedoch, dank der Kautionszahlung von Carly Simon, ein komplettes Album aufnehmen. Von dem jovialen Flirt mit der Popmusik wie auf "Poly Sci" ist auf "I, John" nicht mehr viel zu hören. Das Album erscheint im Frühling 2002 pünktlich zu Haftbeginn und präsentiert John Forté nicht mehr als Rapper, sondern als ernstzunehmender Sänger und Songwriter. Angesichts seiner anstehenden Haftstrafe ist die Stimmung eher introvertiert. Forté hält inne und liefert ein Album, dass wie zu den besten Fugees-Zeiten, Genre-Grenzen sprengt, ohne auf die Grundbasis Hip Hop zu verzichten. Nichtsdestotrotz schickt der Musiker böse Worte in Richtung Rap und greift eher zur Gitarre als zum Reimbuch.

Kommerziell kann das Album nichts reißen, obwohl die Geschichte des gefallenen Talents durchaus das Potential für den einen oder anderen Feuilleton-Leitartikel hätte. Die Öffentlichkeit interessiert sich jedoch nicht mehr für John Forté und auch die Refugee All Stars verschwinden aus dem Sprachgebrauch der sich immer wieder streitenden Fugees-Mitglieder. John Forté selbst meldet sich jedoch immer wieder aus dem Gefängnis. Seinen verbleibenden Fans erzählt er von neukomponierten Songs, gefundener innerer Ruhe und dem Schicksal, das ihn wohl in seine missliche Lage gebracht hat.

Kurz vor dem Abgang von US-Präsident George W. Bush überrascht dieser Forté 2008 mit einem besonderen Weihnachtsgeschenk: Er begnadigt zum Ende seiner Amtszeit den Rapper zusammen mit 13 anderen Gefängnis-Insassen nach sechs Jahren Haft vorzeitig.

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