Porträt

laut.de-Biographie

Isis

From forest caves and azure skies
We crashed upon this earth
The years they passed and so did we
But resistance would be brought.

Ohne Zweifel: Sänger und Gitarrist Aaron Turner versteht sich auf bedeutungsschwere Metaphern. Die vier Zeilen aus dem Song "So Did We" klingen aber ein wenig verfrüht altersweise, haben Isis seit ihrer Initiation 1997 doch gerade einmal drei reguläre Alben produziert. Impliziert der Verweis auf die Vergänglichkeit etwa ein baldiges Ende der Metal-Formation?

Wohl kaum. Dagegen spricht zum einen, dass das US-Quintett nicht erst seit der Veröffentlichung von "Panopticon", welches "So Did We" beinhaltet, seine Zeit fast pausenlos unterwegs auf den Straßen Europas und Amerikas verbringt. Zum anderen manifestiert sich in dem Zitat vor allem ein Wunsch: Spuren zu hinterlassen. Von der Welt post mortem nicht vergessen zu werden.

Dabei zählen Drummer Aaron Harris, Bassist Jeff Caxide, Schreihals Turner und die 1998 bzw. 1999 hinzustoßenden Mike Gallagher (Gitarre) und Bryant Clifford Meyer (Keyboards) zu der Hand voll Zeitgenossen, die sich schon heute eines Fußabdruckes am Walk Of Fame der Musikgeschichte gewiss sein können. Schließlich beeinflussen wenige Bands das Doom Metal-Genre so nachhaltig wie Isis. Das Bild von vom Himmel krachender Gewalt passt zu ihren Werken wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.

Von Beginn an verfolgt Frontmann Turner die Vision, den minimalistischen Ansatz von Earth und The Melvins mit der Experimentierfreude von Godflesh und der unbändigen Kraft von Neurosis zu vereinen. Gemeinsam mit seinen beiden anfänglichen Mitstreitern nimmt er ein Demo auf und gewinnt die Aufmerksamkeit diverser Plattenfirmen. 1998 erscheint nach einigen Besetzungswechseln auf Second Nature die erste EP namens "The Mosquito Control".

Converge-Gitarrist Kurt Ballou leitet die Aufnahmen, bejubelte Tourneen mit The Dillinger Escape Plan, EyeHateGod und eben Converge folgen. Recht bald genießen Isis den Ruf einer 'harten' Gruppe mit hohem künstlerischem Anspruch. Ein Jahr später spielen sie die EP "The Red Sea" ein und begleiten erst die Progcoreler Cave In und kurz darauf auch die Industrie-Metaller Neurosis auf Rundreise durch die USA. Turner erinnert sich: Anfangs "waren wir in erster Linie darauf aus, so hart und laut wie möglich zu sein."

Auf ihrem Debüt stellen die Kalifornier erstmals ihr Gespür für warme Melodien und Tiefgründigkeit unter Beweis. Matt Bayles ist im Jahr 2000 derjenige, der "In Celestial" produzieren darf. Bayles machte sich zuvor um die Produktion von Pearl Jam- und Blood Brothers-Platten verdient. Einige übrig gebliebene Tracks werden später auf eine weitere Seven Inch gepresst und via Neurot Recordings, dem hauseigenen Neurosis-Label, unter die Leute gebracht ("SGNL>05").

Nach zahlreichen weiteren Konzerten, unter anderem mit Napalm Death und den Schweizern Knut, treibt "Oceanic" das Kontrastspiel des Vorgängers auf die nächste Klimax. Auf Mike Pattons Plattenfirma Ipecac schlagen meditative Post-Hardcore-Riffs hypnotische Soundwellen, während Turner sich in den mindestens sechsminütigen Miniepen das Herzeleid aus der Seele brüllt. Überragend die Übermacht des Openers "The Beginning And The End", die pure Intensität von "Carry" und "Weight", dem Gastsängerin Maria Christopher eine Extraportion Atmosphäre und majestätische Eleganz verleiht.

Auf Jeremy Bentham geht zwei Jahre später der Titel des darauf folgenden Langspielers "Panopticon" zurück. Der Philosoph entwarf im 19. Jahrhundert die Utopie eines Gefängnisses, in der die Wächter jeden Winkel jederzeit überwachen können, ohne selbst gesehen zu werden. Michel Foucault griff diese Idee in seinen Texten zur Funktionsweise der Macht wieder auf. Demnach besäßen wir alle eine unbemerkte geistige Schranke aus Normen und festen Verhaltensmustern. So disziplinierten wir uns selbst, ohne dass die Benthamschen Wärter noch nötig wären.

Musikalisch setzt das Drittwerk den eingeschlagenen Weg zeitlupenartiger Flächenbrände konsequent fort. Wieder spendieren Isis ihren Songs alle Zeit der Welt, lassen sie wachsen, errichten nach und nach unbegreifliche Monolithen, die den Himmel verdunkeln. Bis die Gebilde plötzlich mit Urgewalt herunterstürzen und die Erde zum Beben bringen. Die Remixe des "Oceanic"-Meisterstücks, die im Frühjahr 2005 erscheinen, stehen dieser Kraft oft in Nichts nach.

Tausendsassa Justin K. Broadrick (Godflesh, Napalm Death, Jesu, Techno Animal, Final) mischt ein Stück neu ab, auch Mike Patton lässt sich nicht zweimal bitten. Däleks Oktopus verziert "False Light" mit SciFi-Effekten, New Yorks Avantgarde-Ambient-Tüftler Destructo Swarmbots heben "From Sinking" nonchalant aus der See und hinein in einen rotierenden Ventilatorschacht. Im Winter 2006 sucht die Band das Studio erneut auf, um das nächste Weltuntergangsszenario einzuspielen.

Beim im folgenden Herbst erscheinenden "In The Absence Of Truth" behauptet dann tatsächlich niemand mehr, er hätte von nichts gewusst. Obwohl sich Isis zweifellos wieder einmal ein Stück weit, vielleicht sogar deutlicher als je zuvor neu erfunden haben. Man öffnet sich Tool und Progrock, wird noch ausschweifender und gleichzeitig abwechslungsreicher. Es bleibt weiter einsam an der Spitze des Post-Metal.

Zu einsam, wie es den Anschein hat, denn Mitte Mai 2010 gibt die Band mit einem Statement auf ihrer Homepage das offizielle Ende bekannt. Nach der anstehenden Tour gibt es noch eine EP, dann ist Schluss bei Isis. Allerdings lässt keiner einen Zweifel daran, dass sie auch weiterhin Musik machen werden.

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