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Erick Sermon gehört wohl zum kleinen, erlauchten Hip Hop-Kreise, der unter dem eigenen Namen seine Alben veröffentlicht. Natürlich besitzt auch Erick ein paar Spitznamen wie E-Dub oder The Green Eyed Bandit, doch treten jene höchstens am Rande in Erscheinung. Der am 25 November 1968 in Long Island, New York City geborene Sermon zählt halt nicht zu den coolen Möchtegern-Mafiosi des Rapgames. Sein richtiger Name "holds weight" - hat genug Gewicht, wie die Amis so treffend formulieren. Seit 1988, als die New School-Garde um N.W.A., Slick Rick, Public Enemy, Ultramagnetic MCs, Stetsasonic, Biz Markie, Jungle Brothers, Too Short, BDP, Erick B. And Rakim und Doug E. Fresh endgültig ihre Old School-Vorbilder ablösen und kreativ wie kommerziell für das erste "goldene Hip Hop-Jahr" sorgen, ist auch E-Dub mit Partner Parrish Smith als EPMD (Erik And Parrish Making Dollars) "full in effect".
Mit ihrem bahnbrechenden und erfolgreichen Debüt "Strictly Business" legen sie die Grundstein für all das, was Rap heute rein formal und stylish auszeichnet. Sermons lahmer, monoton nuschelnd-cooler Flow und agressiv-funkige Bass-Grooves. Mit Bangern wie "You Gots To Chill" und "It's My Thing" sahnt das Werk eine Goldauszeichnung ab (damals noch für 300.000 Einheiten). Es folgen mit "Unfinished Business", "Business As Usual", "Business Never Personal" bis zum ersten Split 1992 drei weitere gute Alben. Mit "Business Never Personal" endet auch die langjährige Zusammenarbeit mit Def Jam.
Doch Erick bleibt trotz über zwei Millionen verkaufter Platten hungrig und arbeitet weiter an seinen Rap- und Beat-Skillz. "Ich habe Non-Stop Reime geschrieben. Es muss einfach von Gott kommen. Ich möchte EPMD nicht schlecht machen, aber alles Gute geht einmal zu Ende (In Sachen Comebackversuchen ähnelt der gute Erick Basketball-Gott Michael Jordan, doch dazu späte mehr, der Verfasser.). Sermons erste "gute Tat" legt dieser noch 1992 mit Redmans Debüt "Whut?! Theee Album" und ein Jahr später erscheint seine eigene, erste Soloscheibe "No Pressure", die neben Redman auch Rap-Rookie Keith Murray sowie die Westcoast-Emcees Ice Cube und Kam featured. Lyrics wie "The Green-Eyed Bandit coming funky with the tune/Yes I'm blowing up like Tom Berenger in Platoon" von der ersten Single "Stay Real" sprechen eine deutliche Sprache. Auch sein Sound hat sich merklich weiterentwickelt, wie E-Dub selbst erläutert: "Bald werden alle guten Breakbeats aufgebraucht worden sein. Deswegen habe ich mit ein Drumset gekauft, so dass ich meine eigenen Beats und Grooves loopen kann." Zudem beginnt er die gewundenen Keyboard-Sounds von Colin Wolfe zu benutzen, der schon Dr. Dre für "The Chronic" zuvor als Quelle dient.
Auch aus diesem Grunde steigt Erick Mitte der Neunziger zu einem der gefragtesten Produzenten auf. Redman, Jodeci, Xzibit, Method Man, Heavy D, Keith Murray, Shaquille O'Neal, En Vogue, Run DMC, Blackstreet, Boss, ABC, Illegal und TLC stehen auf seiner Liste. Da grenzt es fast an ein Wunder, dass er neben seiner zweiten Soloplatte "Double Or Nothing" aus dem Jahre 1995 auch noch Zeit findet die Def Squad-Crew ins Leben zu rufen. Mit Redman, Keith Murray und Ex-Blackstreet-Star Dave Hollister löst er zumindest in New York einen mittelgroßen Hype aus. Zwar scheitert die durch Das EFX zur Hit-Squad kurzzeitig erweiterte Posse an kleinen Streitereien (zwischen EFX und dem Rest), doch Redman, Keith, Hollister und Sermon schaffen es trotzdem das Debüt "El Nino" an den Start zu bringen, inklusive einem "Rappers Delight"-Cover, dass auch auf deutschen Videokanälen rotiert.
1998 folgt dann die Überraschung: EPMD feiern mit "Back In Business" ein gutes, wenn auch nicht überragendes Comeback, dass jedoch zwei Jahre später mit "Out Of Business" wieder abrupt endet. Doch wie bereits nach dem ersten Split hält sich Erick nicht lange mit der Vergangenheit auf und veröffentlicht noch im selben Jahr "Def Squad Presents: Erick Onassis". Zwar als Def Squad-Release gekennzeichnet und mit Gastauftritten von Slick Rick, Too Short und Eazy E veredelt handelt es bei dem Werk doch genau genommen eher um ein Sermon-Solo. Seinen größten weil populärsten Coup landet der Veteran jedoch mit dem "Blackout"-Album von Method Man und Redman. Nach eigenen Aussagen verdankt er es diesem Werk, dass die Kids ihn immer noch kennen und akzeptieren. Wieder einmal trägt Erick seine Beats auf das nächste Level. Für jemanden, der seit zwanzig Jahren im Hip Hop am Start ist, eine erstaunliche Leistung.
Das nächste "echte" Album erblickt dann ein Jahr später das Licht der Welt und hört auf den Namen "Music". Der Titeltrack gibt die leicht veränderte, neue Richtung vor: Die funky Beats bleiben, doch der Soul-Anteil steigt mit Marvin Gaye-Vocals merklich und toppt so die Billboard R'n'B-Charts und steigt zu einer der am öftesten im Radio gespielten Singles auf. Ein Jahr später wirft Sermon den Nachfolger "React" hinterher. Beide Scheiben erscheinen auf Clive Davis J Records, das zudem noch EPMD-Kollege PMD sowie auch EPMD selbst unter Vertrag nehmen. Das siebte EPMD-Album soll "We Mean Business" heißen und 2004 in den Läden stehen. Zuvor jedoch stehen für Sermon erst einmal Keith Murrays Def Jam-Debüt, Redmans nächstes Werk und das Def Squad-Album auf dem Programm.
Old-School-Legende und Top-Produzent Erick Sermon aka E-Dub aka The Green Eye Bandit stand LAUT am Telefon Rede und Antwort.
Das hatte ich mir auch nie träumen lassen: während des (un-)verdienten weihnachtlichen Heimaturlaubs ein Interview mit EPMD-Legende Erick Sermon zu führen. Der rappende Starproduzent droppte im letzten Dezember sein viertes echtes Soloalbum "React" und arbeitet momentan an den neuesten Werken von Redman und Keith Murray. Einmal New York - Kiel und zurück. Nur per Telefon natürlich.
Okay Erick, beginnen wir mit dem neuen Album. Auf den ersten Blick fiel mir auf, dass du die Old School-Lady MC Lyte am Start hast.
Yeah, eigentlich sollte Da Brat den Part übernehmen, doch es gab vertragliche Probleme mit ihrer Plattenfirma. MC Lyte ist dafür jetzt ein vollwertiges Def Squad-Mitglied geworden, und in naher Zukunft wird man auch wieder etwas von ihr hören.
Lass uns über ein paar Songs von "React" sprechen. Was bedeutet der seltsame, indische Gesang im Refrain des Titeltracks?
Rappt: "Whateva' she said, then I'm that If this here rocks to y'all, then react". Das ist mein Part, was die Frau im gesampelten Hook singt, weiß ich jedoch nicht, denn Just Blaze hat den Track produziert. Auf jeden Fall darf man "React" nicht so ernst nehmen. Es handelt sich ja nur um eine spaßige Party-Nummer. In der letzten Sitzung mit meiner Plattenfirma habe ich ihnen den Song vorgespielt, auch dort hat keiner den Chorus gecheckt - Trotzdem fuhren alle darauf ab.
Ein weiterer interessanter Song ist "Love Iz", der ausnahmsweise mal nicht typische Klischees über die Liebe bedient.
"Love Iz" ist ein souliger Track, der Al Greens "Love And Happiness" featured und eine Art Fortsetzung von meinem 2001er Hit "Music" mit Marvin Gaye darstellt. Die Lyrics handeln davon, was Liebe alles sein kann: Respekt, Leidenschaft, Lob an deinem Arbeitsplatz, Hip Hop, nach Hause kommen – was immer du willst. Love Is A Fan.
Bei "Hip Hop-Radio" übst du Kritik an der einseitigen Mainstreamauswahl von Rap-Stationen wie Hot 97. In Deutschland haben wir auf einem Rock/Pop-Level übrigens ähnliche Probleme.
Bei "Hip-Hop Radio" habe ich Geschichten über einen Jungen, ein Mädchen und ein 10-jähriges Kind miteinander verbunden. Es geht darum, dass ihnen das Radio diktiert, was sie zu hören haben, welche Klamotten sie zu tragen haben etc. So wird den Fans nur ein beschränkter Tunnelblick auf die Hip Hop-Kultur ermöglicht, und sie werden daran gehindert sie selbst zu sein. Früher war Hip Hop dagegen auch im Radio noch vielfältig präsent: A Tribe Called Quest, Biz Markie, Public Enemy, Slick Rick, Big Daddy Kane – es gab so viele verschiedene Styles. Heute klingt jedoch alles sehr gleich und eintönig. Das ist sehr gefährlich.
Ist Besserung in Sicht?
Nicht nur aus kreativer Sicht, sondern auch auf Grund des kommerziellen Aspekts muss sich etwas ändern, denn Hip Hop wurde mittlerweile in Sachen Verkaufszahlen von Rock, R’n’B und Pop überholt und rangiert nur noch an vierter Stelle. Abwarten.
Wie wichtig ist für dich der kommerzielle Erfolg in diesem Stadium der Karriere?
I Don't Care. Wenn du ein Superstar bist, stehst du unter ständiger Beobachtung. Ich hatte diesen ganzen Rummel schon vor Jahren und brauche das nicht mehr. Mittlerweile befinde ich mich in einer Phase meines Lebens, in der ich versuche, das Musikbusiness zu verstehen und hinter die Türen zu blicken.
Du bringst viele Def Squad-Shout Outs auf "React". Was können wir von Keith Murray, Redman und Dir erwarten?
Im Moment arbeite ich an den Alben von Keith Murray und Redman. Keith Murray erste Single "U Know It", die Just Blaze produziert hat, sorgt bereits für Furore auf den Mixtapes. Redmans Neue und das zweite Def Squad-Werk sollen im Sommer folgen.
Apropos Just Blaze. Zum ersten Mal erhältst du Unterstützung von anderen Produzenten wie Rick Rock, Megahertz oder eben Just Blaze. Wie kam diese Zusammenarbeit zu Stande?
"Keith Murray stürmte mit einem ganzen Packen CDs verschiedener Produzenten, die ihm sein A&R gegeben hatte, in mein Studio. Während wir uns durch die Beats zappten, meinte ich dann "Yo, die Tracks sind fett, da wähle ich mir auch ein paar für mein Album aus." Wenn ich diese CD nicht in die Hände bekommen hätte, würden auch weiterhin keine anderen Produzenten bei mir an den Start gehen. Ich bin mit Blaze und Megahertz auch gar nicht im Studio gewesen, sondern habe nur mit Rick Rock direkt zusammen gearbeitet.
Was kannst du von den jungen Beatmaker-Talenten lernen bzw. umgekehrt?
Ich repräsentiere immer noch die Old School-Ära des Hip Hop - Sprich ich sample immer noch vorrangig im Funk- und Soulbereich wie bei EPMD. Nimm nur die Songs "Music" mit Marvin Gaye und "Love Iz" mit Al Green. Und in letzter Zeit orientieren sich die Künstler wieder an alten Platten. Jay-Z bzw. seine Produzenten Kayne West und Just Blaze benutzen auf den Blueprint-Scheiben viele Samples. Missy und Timbaland mixen Old School-Loops in ihre Sounds und Nas sowieso.
Wie motivierst du dich nach all den Jahren im Rapgame?
Ich bastele jeden Tag an meinen Beats, und so lange meine Leute sagen, dass ich immer noch ein Händchen für gute Songs besitze, werde ich weiter produzieren. Nimm zum Beispiel das Method Man And Redman-Album "Blackout". Mit diesen Produktionen bin ich damals weiter im Gespräch geblieben. Und das Gleiche wird hoffentlich auch bei der kommenden Keith Murray-Scheibe passieren. Außerdem motiviert mich natürlich auch weiterhin die Liebe zum Hip Hop. Wenn wir zum Beispiel bei den EPMD-Shows in den letzten Jahren unsere alten Klassiker gespielt haben, gingen auch die 15-Jährigen total ab. Das ist schon cool.
Wird es irgendwann ein neues EPMD-Album geben?
Ich verstehe mich mit Parrish immer noch sehr gut. Zudem stehen wir beide als Solokünstler und als EPMD bei Clive Davis' J Records unter Vertrag, so dass es zu einer Reunion kommen könnte, wenn die Zeit reif ist (Anmerk. des Verf.: Parrish (PMD) veröffentlicht dieses Jahr sein drittes Soloalbum, auf dem Erick Sermon, K-Solo, V.I.C., Kutmasta Kurt, DJ Premier und The Alchemist gefeatured werden. Neuesten Gerüchten zu Folge soll das siebte EPMD-Werk "We Mean Business" heißen und Anfang 2004 in den Läden stehen).
Welchen Emcee favorisierst du neben Redman und Keith Murray?
Eminem, Nas und Scarface. No Doubt. Eminem by the way ist ein Genie. Zwar kritisieren ihn viele ob der harten Texte, zum Beispiel über seine Mutter, doch Em hat Mic-Skillz und kreative Ideen bis zum Abwinken.
Hast du denn seinen "8 Mile" gesehen? Er erwähnt dich ja sogar in einem Battle-Rhyme.
Ja, davon habe ich gehört. Für den Film hatte ich jedoch noch keine Zeit.
Mit welchen Künstlern außerhalb des Hip Hop würdest du gerne zusammenarbeiten?
Oh, da gibt es so einige. Debbie Harry - Sie ist Hip Hop pur!!, Pink und echte Soulsänger wie Stevie Wonder, Joe, Jill Scott oder Glenn Lewis.
Lezte Frage: Werden wir dich auch bald live on stage in Deutschland sehen? Immerhin drücken sich mit Jay-Z, Nas und den Roots in letzter Zeit die großen Hip Hop-Acts die Klinke in die Hand.
Ich hoffe, dass es klappt. Gespräche in diese Richtung laufen auf jeden Fall. Anvisiert ist der April, denn ich möchte der einzige US-Hip Hop-Künstler sein, der zu der Zeit auf Tour ist. "All eyes on me, you know what i'm sayin." Ich war vor langer Zeit einmal in München, und es war sehr cool. Ich würde mich sehr freuen, wenn alles glatt liefe. Du kommst dann vorbei, und wir machen noch ein Interview. Okay?
Wort drauf, Erick.
Music (2001), Def Squad Presents: Erick Onassis (2000), Double Or Nothing (1995), No Pressure (1993)
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