laut.de-Biographie
Das Ich
Der Berliner Stefan Ackermann und der Münchner Bruno Kramm gründen die Band Das Ich 1989 in Bayreuth. Beide haben schon in anderen Bands Erfahrungen gesammelt und gehen dementsprechend professionell an die Sache heran. Mit ihrer ersten Veröffentlichung "Satanische Verse" schlagen sie im Underground mächtig ein. Richtig Auftrieb gibt ihnen dann das spätere Kultalbum "Die Propheten" mit den Songs "Gottes Tod" und "Kain und Abel", die in Szene-Clubs hoch und runter gespielt werden. Die Musik von Das Ich ist eine eigenwillige Mischung aus elektronischen, sinfonischen und Industrial-Elementen, die ihre Ausnahmestellung auch aufgrund von Ackermanns in deutsch verfassten Texten verdankt. Mit dem Magazin Zillo, das den Song "Gottes Tod" in die Tracklist des Samplers "German Mystic Sound Sampler Vol. 1" aufnimmt, findet die Band einen frühen Förderer.
Die extravaganten, theatralischen Konzerte sprechen sich in der Szene schnell herum. Mit dem zweiten Album "Staub" gehen Das Ich direkt auf US-Tour und spielen auch auf Peter Gabriels Womad Festival sowie auf der Documenta in Kassel. "Staub" hält sich sechs Wochen lang in den Media-Control-Charts. Nachdem Daniel Galda schon auf der Tour zu "Die Propheten" als zusätzlicher Keyboarder zur Band gestoßen ist, stößt Chad Blinman auf der US-Tour als Drummer hinzu, um dem Vorurteil einer Konservenband entgegen zu wirken. Das Live-Album "Feuer" dokumentiert eindrucksvoll, wie Das Ich auf der Bühne funktioniert und dass sie sich von anderen Elektronik-Bands deutlich unterscheiden.
Danach steht mit "Die Liebe" eines der beeindruckendsten Werke an. Es entstand in Zusammenarbeit mit den schwäbischen Death Metallern Atrocity und verquickt zeitgemäß Metal mit Elektronik. Eigentlich beginnen 1996 schon die Arbeiten am "Egodram"-Album, diese werden aber unterbrochen, um den Soundtrack "Das Innere Ich" für den Undergroundfilm "Das Ewige Licht" zu schreiben. Danach gehen Ackermann und Kramm auf eine weitere erfolgreiche Tour durch die Staaten, ehe die Aufnahmen zu "Egodram" wieder aufgenommen werden.
"Egodram" ist das erste Album, das nicht auf Bruno Kramms eigenem Label Danse Macabre erscheint, sondern über Edel Records. Für die Single "Destillat" drehen Das Ich ein Video, das auf VIVA2 häufig zum Einsatz kommt und jahrelang in Gothic-Clubs rotiert. Zum ersten Mal führt ihre Tour sogar bis nach Mexiko.
Die Vertonung von Gottfried Benns Gedichtsammlung "Die kleine Morgue" ist ein lang gehegter Traum der Band, den sie 1998 realisieren. Die Platte "Morgue" verhilft nicht nur zu einem Auftritt im international renommierten Schauspielhaus Zürich, auch das Schweizer Fernsehen produziert für seinen Kulturkanal eine Dokumentation über das ambitionierte Projekt.
Vor der Jahrtausendwende erscheint mit "re_laborat" eine Doppel-CD, auf der sich die Größen der Elektro-Szene eingehend mit dem Material der Bayreuther befassen. Zu den Künstlern zählen unter anderem VNV Nation, Silke Bischoff/18 Summers, Girls Under Glass, Deine Lakaien, Wumpscut und The Eternal Afflict.
2001 veröffentlicht Kramm sein Soloalbum "Coeur" an. Doch ein Jahr später folgt mit anti'christ das nächste offizielle Studioalbum von Das Ich. Weitere Longplayer heißen "Cabaret" (2006) oder "Alter Ego" (2007), außerdem veröffentlichen Das Ich mit "Addendum" noch eine Neuauflage älterer Titel, die vergriffen waren.
2011 erleidet Ackermann eine schwere Hirnblutung. Der Sänger liegt mehrere Wochen im Koma und muss sich zahlreichen Operationen unterziehen. Dadurch pausiert die Band und Kramms Tätigkeit verlagert sich auf das Betreiben seines Danse Macabre-Labels und Medienpolitik. Auf Danse Macabre erscheinen Platten von Goethes Erben, Relatives Menschsein, The Beauty of Gemina und Wiederveröffentlichungen von Tommi Stumpff. Kramms politisches Schaffen findet vornehmlich als Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen statt.
2014 tritt er in die Piratenpartei ein und tritt zwei Jahre später bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus als Spitzenkandidat an. Nach einem desaströsen Wahlergebnis wechselt Kramm zurück zu den Grünen. Im selben Jahr stellt er sich solidarisch an die Seite Jan Böhmermanns, indem er vor der türkischen Botschaft dessen skandalbewährtes Erdogan-Schmähgedicht öffentlich rezitiert und sich medienwirksam verhaften lässt.
Im Herbst erringt Kramm gemeinsam mit Ackermann als Kläger nach drei Jahren einen gerichtlichen Erfolg gegen die GEMA. Die Verwertungsgesellschaft ließ bisher Musikverlage pauschal mit 40 Prozent an ihren Tantiemen teilhaben, die restlichen 60 Prozent teilten sich Komponist und Texter der Musik. Das Gericht folgte seiner Klage, dass diese Gewinnausschüttung den Urhebern der Musik unrecht tue.
Kramm ist außerdem stellvertretender Leiter des KI-Verbandes in Mitteldeutschland und Mitglied im Digitalisierungsrat der Landeshauptstadt Potsdam. Auch in Workshops sieht er als Speaker seine Aufgabe darin, gesellschaftliche Vorbehalte gegen KI abzubauen. Bereits 2020 gründet er in Magdeburg das Tech-Startup Infinite Device, das die Vermarktung der AIoT-Plattform Infinimesh betrieb. Auch bei Infinite Audio AI ist er involviert und entwickelt Audio-KI-Anwendungen für den Security-Bereich.
2025 melden sich Das Ich musikalisch zurück. Das Album "Fanal" zeigt die Wegbereiter der Neuen Deutschen Todeskunst nach 15 Jahren Pause in alter Form. Wie gewohnt erklingen Ackermanns Texte über gesellschaftliche und philosophische Themen mit Einflüssen von Friedrich Nietzsche und Gottfried Benn in bildhafter Sprache über düsterem Elektro-Dark-Wave. Es geht um zerfallende Gesellschaften und den Einfluss von Künstlicher Intelligenz.
Im September 2026 stirbt Kramm mit nur 58 Jahren überraschend nach einem Konzert in Granada. Im Anschluss an das Konzert bricht er backstage bewusstlos zusammen, Reanimationsversuche bleiben erfolglos. Sein früher Tod trifft Fans und Wegbegleiter völlig unvorbereitet. Die schwarze Szene verliert mit Kramm eine prägende Figur und eine einflussreiche Stimme.






















3 Kommentare mit einer Antwort
https://www.spiegel.de/kultur/musik/bruno-…
"Er formte den Sound der Neuen Deutschen Todeskunst."
Eigentlich sollte eine funktionierende Gesellschaft ja doch auf dem "zwanglosen Zwang des besseren Arguments" basieren. Und nicht die Isolation, den Verfall und die Sprachlosigkeit angesichts des Todes feiern.
Nichtsdestotrotz:
R.I.P. Bruno Kramm
Einfach nochmal reinhören und überlegen, ob die Lyrics das wirklich "feiern".
mein Beileid!