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Er ist einer der ganz großen Turntable-Artists weltweit und vielleicht der einzige DJ-Popstar aus Deutschland, der es über den Technoboom hinaus zu bleibender Anerkennung gebracht hat. Verdientermaßen muss man sagen, denn kaum jemand hat sich der Clubkultur mit immer neuen Ideen und Konzepten derart verschrieben, wie Sven Väth. Die Clubkultur ihrem progressiven Anspruch gerecht werden zu lassen, ist seine große Leidenschaft.
Am 26.10.1964 in Obertshausen bei Frankfurt geboren, wird Väth seiner Heimatstadt eng verbunden bleiben und sie mit seinem "Sound of Frankfurt" über die Landesgrenzen hinaus populär machen. Doch bis dahin dauert es noch ein bisschen. Anfang der 80er sieht Frankfurt noch ganz anders aus. Im "Dorian Gray" tanzen die Waver und New Romantics zu Human League, Depeche Mode und OMD. Nicht sonderlich anders sieht es im "Vogue" aus, wo Väth ebenfalls hinter den Plattentellern steht und ab Mitte der 80er vermehrt amerikanischen House auflegt.
1986 wird dann der Grundstein für die weitere Karriere gelegt: mit Michael Muenzing und Luca Anzilotti (Snap) produziert er das Projekt OFF. Als "Electrica Salsa", die zweite OFF-Single in ganz Europa Spitzenplätze in den Charts erobert, ist aus dem DJ Sven Väth der Popstar Sven Väth geworden. Nach zwei Alben ist Schluss mit OFF, doch Väth ist schon kurze Zeit später mit seinem neuen Projekt "Mosaic" wieder in den Charts zu finden. Parallel dazu legt er in seinem eigenen Club "Omen" (ex-Vogue) Acid auf, bis im Sommer 1990 Techno in Deutschland ankommt und Väth sich voll und ganz der neuen Musik verschreibt. Die Partymusik hat mit Väth ihren besten Partylöwen gefunden.
Schnell mausert sich das "Omen" zur ersten Adresse in Sachen Techno: Trance und House werden zusammengebracht. Der "Sound of Frankfurt" und sein Erfinder Sven Väth werden zum Markenzeichen der jungen Bewegung, als "Accident In Paradise" 1992 international in die Charts einsteigt und zur meistgefeierten Platte des Jahres avanciert. Mit Co-Produzenten gründet er die drei Labels Eye Q, Harthouse und Recycle Or Die und prägt mit zahlreichen Releases (u.a. als Barbarella, Essence Of Nature, Metal Master, Astral Pilot, The Ascent Of Nature) die neue Musik. Auf dem Höhepunkt des Technobooms 1994 kommt das zweite Soloalbum von Sven Väth in die Plattenläden: mit "The Harlequin, the Robot and the Ballet Dancer" verfolgt er die schon beim Vorläufer erkennbaren multimedialen Ansätze konsequent weiter. Layout, Musik, Video, Tanz, Sprache, Mode, der Club: Väth arrangiert alles zur bunten Technowelt und setzt damit Maßstäbe.
Als 1997 der große Hype vorbei ist, stehen Eye Q und Harthouse vor dem Bankrott und Sven Väth wechselt zu seinem neuen Label Virgin. Gleichzeitig arbeitet er an seinem Ideal, verschiedene Medien zusammen zu bringen weiter: Cocoon ist geboren. Doch erst als das Omen am 18. 10. 1998 zur letzten Abfahrt lädt, wird die Idee "Cocoon" zum konkreten Projekt. Zunächst als Clubkonzept im U60311 umgesetzt, treibt das Cocoon-Pflänzchen schnell aus: Booking Agentur, mobiles Clubkonzept, Radioshows, Homepage, Label, Merchandise, ... Geschickt nutzt Väth seinen Namen, um seine Idee von Techno zu verwirklichen, und bietet vielen jungen Künstlern wie Anthony Rother, Chris Liebing oder Johannes Heil eine erste Plattform.
Was sich mit "Fusion" ankündigte, findet mit "Six In The Mix" und "Contact" seine Fortsetzung: stilistische Vielfalt von fetten Bigbeats über straighten Techno bis hin zu blubberndem Electro sind das Spielfeld von Sven Väth. Im Jahr 2000 veröffentlicht er drei so unterschiedliche Alben wie das Konzeptalbum "Contact", die Werkschau "Retrospective 1990-1997" und den Clubmitschnitt "In The Mix", als wolle er sein Motto noch einmal unmissverständlich unters Volk bringen: Vielfalt statt Einfalt.
Das 2003 er Album "Fire Works" bringt die Remixe zu "Fire" kompakt auf den Punkt . Darauf findet man eine Auswahl von Remixen aktueller Produzenten, wie dem Neapolitaner Marco Carola, Villalobos, Legowelt und Tobi Neumann.
Seit 2000 ist Sven Väth mit seinem Cocoon-Club-Konzept im Amnesia auf Ibiza. Dort etabliert er die Cocoon-Events erfolgreich im Nachtleben der Insel. Zahlreiche Gäste schauen dort, alljährlich vorbei, wie zum Beispiel Alter Ego, Miss Kittin, Richard Bartz oder Der Dritte Raum. Die besten Tracks des Sommers erscheinen jeweils im Herbst auf Väths musikalischem Ibiza-Rückblick "The Sound Of The ... Season".
Sven Väth über seinen DJ-Status, Auftritte in China und den "Gude Laune"-Hype.
Mit "The Sound Of The 10th Season" erscheint dieser Tage die zehnte Auflage von Sven Väths sommerlichem Ibiza Party-Sampler. Wir sprachen mit dem Frankfurter über seinen DJ-Status, Auftritte in China und den "Gude Laune"-Hype.
Neun Jahre ist es her, seit wir zuletzt mit Sven Väth ein Interview führten. Damals sprach man im Zusammenhang mit seiner balearischen Partyreihe noch von einem "Ibiza-Experiment". Heute ist die Party-Saison längst eine Techno-Institution. Auch im zehnten Jahr ist Väth noch die große Nummer auf der Insel. Unser Telefongespräch verzögert sich um zwanzig Minuten, denn Väth ist ein ausgiebiger Erzähler und schwer zu unterbrechen. Im Falle meines schön herausgearbeiteten Eintracht Frankfurt-Fragenkatalogs wird mir das später leider nichts nützen, denn: "Ich bin gar kein Fußball-Fan". Und ins Stadion gehe er auch nicht. Also weg mit den Maik Franz- und Bruchhagen-Fragen.
Wir haben uns vor fast genau neun Jahren das letzte Mal gesprochen, damals anlässlich deiner "Retrospective 1990-1997"-Platte. Auf die Frage, welche Kollaborationen du dir in der Zukunft vorstellen könntest, nanntest du drei Dinge: Eine Zusammenarbeit mit dem Aktionstheater La Fura Dels Baus, eine Dokumentation über die Trommel und Schamenentum in Südamerika und eine Kooperation mit Brian Eno. Warst du an einem dieser drei Ziele sehr nah dran?
Also, ich habe über alle drei Sachen lange sinniert, bin dann aber doch meiner Cocoon-Vision gefolgt. Das eine oder andere könnte also noch passieren. Ich weiß noch, dass ich in der Zeit-Magazinrubrik "Ich habe einen Traum" einmal über die Dokumentation gesprochen habe. Das wäre aber natürlich ein sehr zeitintensives Projekt geworden, wofür in den letzten neun Jahren keine Zeit war, da ich mit Vollgas in meine Cocoon-Vision hier in Frankfurt-Fechenheim investiert habe.
Zeitgleich habe ich mir meinen Ibiza-Traum erfüllt, für den ich damals mit der ersten Saison ja gerade die Saat gesät hatte. Und die ist aufgegangen, wir sind in Ibiza etabliert. Wir haben auf der Insel bestimmt the hottest nights mit den interessantesten Künstlern.
Hast du auch einmal mit der Schauspielerei geliebäugelt, ähnlich wie dein Kollege Paul Kalkbrenner jüngst in "Berlin Calling"?
(stöhnt) Ach, ich habe den Film noch nicht mal gesehen, muss ich gestehen. Aber Schauspielerei ... Sicher, ich habe immer gerne Videos gemacht und vor der Kamera performt und mir wurde auch oft gesagt, ich wäre vom Typ her für die Bühne geeignet, aber meine Leidenschaft bleibt halt die Musik. Dieses Feld zu beackern, ist eigentlich Arbeit genug.
Auf deinem neuen In The Mix-Sampler "The Sound Of The 10th Season" sind wieder ziemlich viele eher unbekannte Acts vertreten. Gehört es zu deiner Philosophie, diese Künstler einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen? Schließlich bedeutet es für viele einen Karrierekick, von dir gefeaturet zu werden.
Vorsätzlich pushe ich die sicher nicht. Nach der Saison ist für mich einfach völlig klar, welche Tracks auf ihre Art die markantesten waren. Das müssen nicht immer die lautesten gewesen sein. Es war für mich auch interessant zu sehen, dass es diesmal auf den zwei CDs die internationalste Zusammenstellung seit Anbeginn der Serie geworden ist. Gerade auf der ersten CD, da steht England neben Argentinien, der Schweiz, Türkei, Holland, Slowenien oder Spanien, da ist ja nicht mal ein deutscher Künstler dabei.
Das zeigt, dass unser Sound gerade international ziemlich wahrgenommen wird und viele Leute Ibiza doch als Referenz sehen. Ich denke, Ibiza besitzt musiktechnisch noch immer die größte Strahlkraft. Ob in Südamerika oder Australien: Für Fans, Musikliebhaber und Feierköpfe ist eine Ibiza-Saison immer noch ein Reiseziel. Umso schöner, wenn man dann auch Sachen aus solchen Ländern spielen kann.
Spürt man auf Ibiza denn nichts von der Krise?
Wir hatten dieses Jahr eine Wahnsinns-Saison, das war aufgrund all der schlechten Nachrichten im Vorfeld so tatsächlich nicht zu erwarten. Wir wurden aber total positiv überrascht und unsere 10 Jahre-Ibiza-Geburtstagskerzen brannten lichterloh.
Gute Frage. Europaweit gesehen ist Berlin sicherlich gerade das Mekka des Rave-Tourismus. Berliner Freunde erzählen mir, dass sie in den Clubs gar niemanden mehr kennen, weil da nur noch Touristen rumrennen. Ich kann das nicht beurteilen, im Watergate habe ich jedenfalls viel Spaß gehabt. Aber bei mir reichts leider nur für einmal im Jahr (lacht).
Würdest du auch im Berghain auflegen?
Nee, würde ich nicht. Die sind mir dort zu underground-arrogant. Für die bin ich zu populär.
Du bist ja sehr viel in Asien unterwegs. Wie sind denn dort deine Eindrücke? Wie äußert sich dort die Stimmung?
Hauptsächlich bin ich ja ganz bewusst in Europa unterwegs. Einige Länder habe ich auch komplett gestrichen, die bereise ich nicht mehr. Bei einigen habe ich es aufgegeben.
Welche sind das?
Die USA zum Beispiel, auch China und die arabischen Länder. Interessante Beobachtungen gibt es dafür in Südamerika. Die Leute in Brasilien, Peru oder Kolumbien sind wild und frisch, die Nachfrage dort ist riesig. Diese Menschen haben natürlich eine ganz andere Beziehung zu Tanzmusik als wir. Gleichzeitig gibt es wahrscheinlich keine Fans, die einem so leidenschaftlich, aufmerksam und voller Hingabe zuhören wie die Japaner. Wenn man dort spielt, fegt einem ein regelrechter Liebesschwall entgegen.
Die Italiener kommen dagegen sofort mit ihren Foto-Handys an, da existiert überhaupt keine rote Linie mehr. Die fassen dich gleich an, knutschen und fotografieren. Neben Südamerika finde ich persönlich Rumänien und Bulgarien derzeit am spannendsten. In Osteuropa passiert auch gerade einiges.
Hast du die USA und China aufgrund ihrer geografischen Größe aufgegeben?
Also in China ist es natürlich schwer mitanzusehen, wie die Regierung das Volk unterjocht und die Menschenrechte mit Füßen tritt. Man wird da oft geblendet, was den chinesischen Wirtschaftsboom in diesen tollen Riesenstädten angeht. Wenn ich alleine an die Tibet-Sache im letzten Jahr denke, dann veranlasst mich das nicht, mit guter Laune nach China zu fliegen und dort Menschen zum Tanzen zu bringen.
Und wenn ich mal dort gewesen bin, treffe ich meistens auf Diplomaten-Kids oder Studenten aus dem Westen. Die Chinesen wiederum scheinen den Zugang zu dieser Musik nicht richtig zu finden, die sind um zwölf schon hackedicht, liegen in der Ecke und kotzen. Da gibts eine Art Missing Link.
Hast du schon mal in Südafrika aufgelegt?
Nein. Die sind ja traditionell sehr auf die englische Musikwelt fokussiert. Das geht da eher in die Mainstream-Trance- bzw. cheesy House-Richtung. Ich habe zwar mal Anfragen aus Johannesburg oder Capetown bekommen, aber das reizt mich im Augenblick nicht.
Tja, 2011 feiere ich mein 30-jähriges DJ-Jubiläum (lacht). Es ist wohl die Leidenschaft, der Spaß und der Pioniergeist. Eine Vision zu leben, die andere Leute motiviert und ansteckt, an Plattformen mitzubauen, gerade für junge Künstler. Mir ging es schon immer darum, Brücken zu schlagen. 1988 habe ich das Omen eröffnet, das Mekka für Techno und House zeitgleich mit dem Tresor und dem Planet in Berlin. 1990 kam das Label Eye Q Records, dann Harthouse und Recycle Or Die.
Es muss ja nicht immer alles in den Mainstream abrutschen, um Erfolg zu haben. Das geht auch im so genannten Underground. Dieses Jahr war das erfolgreichste Jahr für Festivals in Deutschland. Ob Sonne Mond Sterne, Melt oder Nature One: Fast alle waren ausverkauft und wir sprechen hier von nichtkommerzieller Musik. Das ist toll.
DJ Tanith hat in seinem Blog kürzlich alle DJs aufgelistet, die in Scooters "Hyper Hyper" vorkommen und versucht, deren heutige Aktivitäten nachzuzeichnen. Du kommst da vergleichsweise ziemlich gut weg, denn viele dieser DJs sind ja längst vergessen. Woran könnte das abseits deiner Visionen liegen?
Also wenn du jetzt auf das Finanzielle zu sprechen kommst: Geld war für mich immer nur ein positiver Begleiteffekt. Es ging immer zuerst um die Lust, das voranzutreiben, was man selbst gut findet. Von all dem Geld, das ich verdient habe, habe ich immer einen Teil reinvestiert, in meinen Club oder in meine Eventagentur. Die interessante Frage dabei ist ja: Wo ist die Vision, in die man investieren kann?
Wir hatten dieses Jahr weltweit 80 Cocoon-Events. Man muss auch etwas zurückgeben. Was meine Kollegen betrifft, frage ich mich oft: Warum hat dieser oder jener DJ eigentlich keinen Club? Wieso ziehen die sich zurück anstatt selbst etwas zu gestalten?
Über Westbam schreibt Tanith: Er hat das Pech, dass jede authentische Techno-Doku ohne ihn auskommen will.
Auweia. Also Westbam ist auf jeden Fall eine Säule in unserer elektronischen Music Culture Germany und hat auch einiges dafür getan. Mit seinen Unternehmungen war Maximilian (Westbams richtiger Name, Anm. d. Red.) eine Zeitlang am Zahn der Zeit, hat aber dann irgendwann die Ausfahrt verpasst. Vielleicht hat ihn auch sein Beraterstamm zu Entscheidungen beeinflusst, die dazu geführt haben, dass er heute nicht mehr so präsent ist.
Hältst du generell Kontakt zu Musikern, die heute noch relevant sind? Es wurde ja mal geschrieben, dass dein Geländewagen oft neben dem von Stephan Weidner (Ex-Böhse Onkelz) parkt.
Wir sind umgezogen. (lacht) Meine Cocoon-Agentur ist jetzt im Ufo-Gebäude in der Carl-Benz-Straße. Generell kann ich sagen: Gerade vorgestern war ich mit Frank Lorber beim Abendessen, den sehe ich oft, genau wie den Roman Flügel. Ricardo Villalobos ist ja leider nach Berlin gezogen. Der ein oder andere Frankfurter Künstler schaut aber auch regelmäßig im Club vorbei, Anthony Rother und Johannes Heil zum Beispiel.
Und mit dem Freebase gibt es in Frankfurt einen richtig geilen Plattenladen, um den sich in den letzten Jahren eine große Musik-Posse gebildet hat. Ob nun Cécille Records oder Raum Musik mit Künstlern wie Reboot oder SIS oder Dorian Paic - Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet zeigt wieder Flagge. Leute setzen ihre Kreativität hier wieder um, anstatt sie nur zu verfeiern.
Lässt dich dein Status als arrivierter DJ auch über Dinge lächeln wie den "Gude Laune"-Internet-Hype, der entstanden ist, nachdem ein Clubber deine Show-Ansagen ins Netz gestellt hat?
Weißt du, ich liebe meine Performance und wenn ich auf die Bühne gehe, passieren eben Sachen, die aus Emotionen heraus entstehen. Das sind Momentaufnahmen. Wenn ich jetzt in Mexiko auflege und plötzlich fünf Mexikaner in T-Shirts zur mir kommen, auf denen "Gude Laune" steht, dann muss ich natürlich lachen.
Oder in Ungarn, wo Kiddies Fahnen tragen mit der Aufschrift "The Message is: Gude Laune". Man darf das alles nicht so ernst nehmen. Ich wollte das selbst auch nie ausschlachten. Damals kamen tatsächlich Majorlabels auf mich zu und fragten, ob man daraus nicht einen Song machen könnte. Ich meinte nur: Sagt mal, habt ihr sie noch alle?
Mit "Feierei" hast du in dem Zusammenhang ja quasi ein neues Wort kreiert oder wenigstens salonfähig gemacht.
Ach, ich weiß nicht, das ist natürlich in erster Linie hessisch. Wir Hessen haben für alles unsere Schlachtrufe.
Deutschlands DJ Nr. 1 ist im Moment wieder einmal in aller Munde. Zwei neue CDs, "Retrospective 1990 - 1997" und "In the Mix" dokumentieren die wilden Omen-Jahre beziehungsweise die erste erfolgreiche Cocoon-Clubbing Saison auf der Partyinsel Ibiza. Das allein schon wäre Grund genug, Sven Väth zu Wort kommen zu lassen.
Doch die neuen Releases sind nicht das einzige, was dem umtriebigen DJ derzeit ein Lächeln auf's Gesicht zaubert. In der heimischen Clublandschaft und bei unseren eidgenössischen Nachbarn in Zürich schon lange geschätzt und für seine unbändige Feierlaune bekannt, hat sich Sven Väth nun auch im Big Apple als Partykönig etabliert. Seit einem Jahr ist er regelmäßig im New Yorker Twilo zu Gast; kein Wunder also, dass dieser erste Geburtstag am 15. Dezember mit einer fetten Party gefeiert wurde.
Unterstützt von Frank Lorber (Cocoon) und Richard Bartz (Kurbel Records) unterzog der "Technopapst" das beste Soundsystem der Stadt einer mehrstündigen Bewährungsprobe. Eines der knackigsten und unwiderstehlichsten Sets, das ich bisher von ihm gehört habe, arrangierte die inneren Organe der tanzenden Partycrowd mit jedem Beat neu. Väth at his best.
Den meisten Amerikanern lediglich von seinen Love-Parade-Auftritten ein Begriff, genießt Sven Väth, neben Paul Van Dyk der einzige deutsche Resident im Twilo, noch immer Exotenstatus in New York. Doch weiß die traditionell eher housige Clubszene der Stadt Väths Qualitäten durchaus zu schätzen, wie die verschwitzten Gesichter auf der Tanzfläche bewiesen. Die zweite Cocoon-Clubbing@Twilo-Geburtstagsparty scheint nach diesem Event schon fest gebucht zu sein.
Noch bevor dieser Glanzauftritt in New York über die Bühne ging, trafen wir den Star-DJ in Berlin, wo er bei geselligem Teetrinken auch die Zeit fand, unsere Fragen zu beantworten.
LAUT: Zuerst einmal zum Cocoon Club: Hat sich dein Party-Experiment auf Ibiza so entwickelt, wie du dir das anfangs vorgestellt hast?
Auf jeden Fall. Wir sind dieses Jahr das erste Mal über eine ganze Saison dort gewesen. 1999 hatte ich schon vier Testveranstaltungen gefahren und obwohl ich ein alter Hase auf Ibiza bin, war ich doch überrascht von der positiven Resonanz. Unser richtiger Techno-Sound mit Artists wie Jeff Mills, Carl Cox, Richie Hawtin, Dritter Raum, Alter Ego usw. kam super an, genau wie unser House-Floor mit sehr krediblem House-Line-Up. Also, es war ein voller Erfolg. Das ist auch der Grund, warum wir nächstes Jahr wieder reingehen. Parallel zur Retrospektive erscheint übrigens auch mein "In The Mix"-Album vom Ibiza-Sommer. Dafür habe ich mir die hottesten Tunes der Saison genommen und sie zusammen gemixt.
LAUT: Du bist ja quasi Herr eines kleinen Wirtschaftsimperiums mit der Cocoon Booking Agentur plus Club, dem Frankfurter U60311 oder dem Zürcher Matrix; hast du nun aus deinen Fehlern gelernt, da deine Labels Harthouse oder Eye Q vor Jahren in der Pleite endeten?
Ich will mal so sagen: Fehler habe ich zu der Zeit eigentlich nicht gemacht, ich habe mich – rechtzeitig – von meinem Partner Heinz Roth getrennt, der Eye Q hier in Berlin weitergeführt hat. Drei Monate später musste er dann die Pforten schließen, was für die Künstler natürlich bitter war. Demgegenüber stehen aber sieben erfolgreiche Jahre, wo man Musikgeschichte geschrieben hat, auch mit Harthouse und Recycle Or Die. Der Abgang war vielleicht etwas unrühmlich, aber sonst kann sich das schon sehen lassen.
Mit Cocoon gehe ich zwar ähnliche Wege, aber andererseits ... weißt du, das Problem mit Partnerschaften ist, dass es viele Interessen und Meinungen gibt. In der Vergangenheit habe ich da auch viel daraus lernen können, das geht bis in die Achtziger zu OFF zurück. Aber jetzt habe ich mir gesagt: Pass auf, Sven, jetzt machst du genau das, worauf du Bock hast. Keiner kann mir irgend etwas vorschreiben. Und nun fahre ich einen sehr guten Kurs mit Cocoon, der Agentur, dem mobilen Clubkonzept, dem Label, der Internetseite, ...
LAUT: ... das Design deines Netzauftitts (cocoon.net) ist sehr gelungen. Hattest du IT-Freaks in deinem Freundeskreis, die du engagiert hast oder bist du selber involviert?
Also, das sind eine Handvoll Typen, die ich schon aus Frankfurt kannte. Wir haben alle Ideen zur Seite beigetragen und die Zusammenarbeit ist dann gereift. Außerdem musst du wissen: wir saßen ein Jahr an der Homepage! Es war sehr teuer und arbeitsintensiv, aber jetzt bin ich wirklich happy damit. Wir bekommen auch viele Mails und Lob von draußen über das minimalistische Design, den Sound und so. Das Tolle an so einer Page ist ja, dass es immer etwas zu tun gibt und man nie fertig ist.
LAUT: Bist du demnach ein Internet-Freak, macht das neue Medium dich an?
Mich macht es an, aber ehrlich gesagt, fehlt mir dafür die Zeit. Ich checke unsere Seite und auch mal andere, aber ich sitze nicht lange davor. Andererseits bin ich auch froh, dass ich draußen unterwegs bin. Ich bin halt doch mehr der Traveller, der Kontakt zu den Menschen halten muss.
LAUT: Auf deiner Seite gibt es neben T-Shirts beispielsweise auch Schuhe online zu bestellen. Ist das für dich eine weitere Facette des Universalprodukts Techno?
Eigentlich schon, denn ich war ja schon immer sehr an Mode und Style interessiert, das konnte man ja auch mitverfolgen. Schon früh habe ich meine Klamotten selbst entworfen oder auch Plateauschuhe mit Lichtern hinten drin, einmal einen Buffalo-Schuh, alles Mögliche. Schuhe waren für mich immer etwas besonderes, denn ich stehe halt lange in Schuhen. Ich bin am Laufen, Marschieren, Tanzen und dann hat sich das über einen Freund von mir angeboten. Die Firma Accupuncture kam auf mich zu und wir haben zusammen diesen Cocoon Club-Schuh designt.
LAUT: Eine exklusive Sache?
Natürlich. Die Auflage beträgt weltweit nur 2000 Stück. Aber das sind eben Goodies, die nebenher laufen, weil sie Spaß machen. Ich treffe so viele Leute weltweit, da ist es toll, sich einmal mit Designern hinzusetzen. Und sowas dann über die Homepage zu verkaufen, ist dann einfach ein bisschen was für die Liebhaber, denke ich.
LAUT: Zu deiner Retrospektive: Die Auswahl der Stücke gestaltete sich doch bestimmt schwierig. Liegen nun deine Lieblingstracks vor uns oder die liebsten Remixe?
Dazu muss ich sagen, dass im Januar nächsten Jahres eine zweite Version des Albums mit zwei CDs erscheinen wird, ein Liebhaber-Package. Darauf werden dann die ruhigeren Tracks von mir sein, u.a. "The Day After", "The Birth Of Robbie" und "The Caravan Of Emotion". Aber klar, die Auswahl der Stücke war ziemlich hart, bei soviel Musik, die man schon aufgenommen hat.
LAUT: Und die Remixer, hast du die aus deinem Freundeskreis herausgepickt oder bist auch auf Leute zugegangen, von denen dir nur ein bestimmter Remix reingelaufen ist?
Genau so habe ich das gemacht. Ich habe die Leute angerufen, von denen ich musikalisch überzeugt bin, habe gefragt, was sie davon halten und so. Das war nicht weiter schwierig.
LAUT: Die Retrospektive endet 1997. Warum hast du die Alben "Fusion" (1998) und "Contact" (2000) außen vor gelassen?
Mit 1997 schließe ich die Zeit ab, die ich mit Eye Q, Harthouse und dem Omen erlebt habe. Deswegen soll die Retrospektive mit meinen Klassikern speziell die ersten sieben Jahre in den Neunzigern beleuchten. Ja ja, das verflixte siebte Jahr ... (lacht) Im Booklet gibt's dann schöne Bilder von damals und solche Sachen, es ist einfach eine Hommage, ein Tribut an die Zeit, aber auch ein musikalischer Abschied.
LAUT: "Contact" klingt ja so elektroinfiziert wie keines deiner Alben zuvor. Mir persönlich gefällt es gerade wegen der minimalistischen Einflüsse so gut wie kein anderes. Bist du während der Arbeiten auf bestimmte Alben oder Remixe zuhause besonders abgefahren?
Nicht wirklich. "Contact" mag zwar vordergründig einen Retro-Touch haben, gerade durch "Dein Schweiss" oder Kraftwerk-Anleihen wegen Producer Anthony Rother, aber es war keine geplante Aktion. Andererseits, im Sommer 1999 in Ibiza gab es die ein oder anderen Erlebnisse, als wir mit Kumpels im Garten abhingen und uns Platten von Plaid und Two Lone Swordsmen reingepfiffen haben. Das sind meine Lieblingsprojekte auf Warp Records. Das war sicher eine Inspiration, als wir nach dem Urlaub ins Studio gingen, vor allem für den Track "Privado".
LAUT: Wie kommt eigentlich ein solch verzwirbeltes Stück wie "Ein Waggon Voller Geschichten" zustande? Weißt du schon vorher, wie etwas zu klingen hat oder sind das vorwiegend Studiospielereien?
Ich arbeite immer sehr spontan. Beim "Waggon" hatten wir ein Elektrodrumming, danach kam die Bassline zustande und dann haben wir so herum editiert und programmiert. Irgendwann kam mir dann der Slogan "Ein Waggon Voller Geschichten, auf den Schienen ins All", und ich sagte "komm, gib mal das Mikro her" und fing an zu labern: "get your ticket ..." usw. (überlegt)
Ja, weißt du, da schwingt dann schon ein bisschen sowas wie Magic mit im Raum, das kann man nicht in Worte packen. Das sind solche Schwingungen und wenn die da sind, dann läuft's einfach.
LAUT: Hört Sven Väth privat auch Gitarrenmusik?
Eigentlich bewege ich mich schon eher im elektronischen Bereich, wobei ich die Red Hot Chili Peppers schon seit Jahren gut finde, muss ich sagen. Früher war es mal so, dass ich mit dem konkreten Vorsatz, mir ein Gitarrenalbum zuzulegen, in Plattenläden gerannt bin. Ich habe mir damals auch Nirvana gekauft, aber heute ist das nicht mehr so.
LAUT: Bleibt bei 24 Stunden Musik und Vielfliegerei noch Zeit für Hobbys übrig?
Ich mache doch mein Hobby ... (lacht) Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Nein, also ich reise gerne, das bringt der Beruf ja auch mit sich. Schwimmen und Joggen ist wichtig und ab und zu segle ich.
LAUT: Thema Drogen: Glaubst du dass deine früheren Erfahrungen notwendig waren, um dort zu sein, wo du heute als Künstler stehst?
Ähh, ich sag' mal, ich möchte nichts von dem missen, was ich gemacht habe und ich bereue niemals die Vergangenheit, wie ich sie gelebt habe. Anscheinend sollte das alles so sein. Heute bin ich froh, dass Drogen nie einen solch wichtigen Stellenwert in meinem Leben eingenommen haben, dass ich keinen Ausweg mehr gefunden hätte. Denn sonst wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Teilweise finde ich es auch erschreckend wenn ich sehe, mit welcher Normalität heute über Drogen gesprochen oder gar konsumiert wird. Andererseits muss das wohl so sein, denn wichtig ist natürlich, dass die Aufklärung, besonders an den Schulen, gefördert wird.
LAUT: Du sprachst vorhin von deinem neuen Produzenten Rother, war die Abkehr von Ralf Hildenbeutel als Freund und Langzeit-Producer eine Entscheidung aus Innovationsgründen?
Mit Ralf habe ich schon so viele Alben produziert, dass ich dachte, es sei an der Zeit, eine neue Richtung einzuschlagen. Zumal Ralf auch den Lifestyle nicht mehr so gelebt hat, wie wir das früher gemeinsam gemacht haben, das ganze Clubding zum Beispiel oder auch seine Abkehr von Earth Nation. Wir merkten einfach, dass wir beide in verschiedene Richtungen drängten. Es war eben einfach genug nach so langer, aber auch erfolgreicher Zeit.
LAUT: Kein böses Blut?
Nein, nein, überhaupt nicht.
LAUT: Noch einmal zur Elektro-Legendenverehrung: die Chemical Brothers rühmen New Order, Miss Kittin und Terranova integrieren "Blue Monday" und "You Spin Me Round (Like A Record)" in ihre Sets ... Kannst du dieses Retro-Ding nachvollziehen und teilst du auch noch diese Liebe zu alten Klassikern?
Ja, ... (zögert) ich hatte natürlich auch meine New Wave-Zeit, in der ich auf solche Sachen abgefahren bin, aber eigentlich bin ich in diesem Fall nicht so der Nostalgiker. Ich schaue lieber nach vorne, bin neugierig und forsche nach neuen Sachen. Klar, man kann sich auch von alten Sachen inspirieren lassen, da gab’s ja wirklich tolles Zeug. Aber ich bin jetzt nicht so der Retro-Typ wie vielleicht Hell mit seinem Gigolo-Sound, was zwar auch gut ist, aber nicht wirklich mein Style.
LAUT: Von Kraftwerk erscheint dieser Tage bereits eine zweite 12" mit "Expo 2000"-Remixe von u.a. Orbital. Hättest du dich geehrt gefühlt, wenn du gefragt worden wärest, einen Remix anzufertigen?
Nicht wirklich, denn der Track hat mir nicht gefallen. Ich war, oder sagen wir besser, ich bin Kraftwerk-Fan, werde es auch immer bleiben, aber die neuen Sachen berühren mich nicht.
LAUT: Gibt es dann noch einen Kindheitstraum, irgend ein Angebot, dass dich heute noch vom Hocker reißen würde?
Ach, da gibt's schon noch einiges, was ich gerne machen würde und wo es sich lohnen würde, dafür noch Zeit zu investieren. Da gibt es zum Beispiel dieses spanische Aktionstheater "La Fura Dels Baus", mit denen würde ich gerne einmal an einem Theaterstück schreiben. Dann könnte ich mir vorstellen, eine Dokumentationsserie über Schamanentum in Südamerika zu drehen, um die lange Tradition der Trommel zu beleuchten. Von da könnte man dann den Bogen zu der heutigen Massenhysterie bezüglich Beats und Techno spannen. Die Rhythmen unserer Club Culture, auf die wir tanzen, gibt es ja schon seit Tausenden von Jahren.
Naja, du merkst schon, da gibt es noch genug Dinge, auf die ich Lust habe. Ich war früher auch lange ein großer Fan von Brian Eno, denn der hat einfach immer abgefahrene Sachen gemacht. Eno hat mich damals auch inspiriert, in die Ambient-Richtung zu gehen.
LAUT: Vertrittst du den Grundsatz "Einmal DJ, immer DJ" oder machen sich, getragen von deinem Retrospektive-Album, schon langsam Gedanken an den Ruhestand bei dir breit?
Oh, noch nicht (lacht). Ich hoffe, ich werde noch einige Jahre weitermachen können.
LAUT: Techno soll also nicht ins Museum?
Um Himmels willen, nein, ganz im Gegenteil (lacht).
Das Interview führte Michael Schuh.
In The Mix (2000), Contact (2000), The Sound Of The First Season (2000), Fusion (1998), The Harlequin - The Robot & The Ballet-Dancer (1994), An Accident In Paradise (1993)
| Fr | 26.07.2013 | Sven Väth Helene Beach Festival (Frankfurt/Oder) |
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