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Bevor Moloko 2002 die Arbeiten am vierten Studioalbum "Statues" antreten, sind Roisin Murphy und Mark Brydon bereits kein Paar mehr. Seit 1994 teilte das Duo außer der Bühne auch das Bett, und als die Liebe plötzlich versiegte, wollte die Plattenfirma noch ein Album. Blöd. So entsteht "Statues" unter völlig neuen Begleitumständen und dass es Moloko dennoch schaffen, eine ihrer besten Arbeiten abzuliefern, spricht wohl für ihre Professionalität.
Als es dann um die obligatorische Tourplanung geht, verschärfen sich die Probleme. Brydon spürt als Murphys Verflossener wenig Lust, mit seiner Ex ein Album zu promoten, weswegen Roisin (sprich: Rosheen, gälisch für "kleine Rose") alleine durch Europa reist und sich auch später auf der Tournee nach den Konzerten meist alleine zurück zieht oder aber nochmal einen Schwung Interviews gibt (so auch für laut.de auf dem Southside Festival).
Dennoch erinnert sich Murphy später mit Freude an die "Statues"-Tournee: "Es war großartig. Gegen Ende spielten wir diese riesigen 8000er-Hallen. Das Geld, das ich dadurch verdiente, hatte ich für die Zeit danach auch dringend nötig", verrät sie 2005 dem britischen Guardian. Die Rückkehr vom alltäglichen Tour-Wahnsinn mit einer befreundeten Crew in die Leere ihrer Londoner Wohnung kommt für Roisin einem Schock gleich. Ohne den Halt einer festen Beziehung im Rücken erkennt die Sängerin plötzlich, dass sie über all die Jahre nur lose Bekanntschaften anstatt richtige Freunde um sich scharte.
Der Lebensweg der 1974 im zwei Stunden von Dublin entfernten Arklow geborenen Roisin Murphy verlief bis dahin mit dem Tempo eines Düsenjets. Aufgewachsen in der behüteten Enge einer Provinzstadt, flüchtet sie als Teenie nach Manchester, wo elektronische Musik Anfang der 90er Jahre einem explosiven Aufbegehren der Jugend gleich kommt. Für das Power- und Ausgehgirl Roisin mit den Vorbildern Kim Gordon und Kim Deal genau der richtige Mix. Um diese Zeit dürfte sie auch Abstand von ihrem ursprünglichen Wunsch genommen haben, Künstlerin oder Fotografin zu werden, denn immer mehr fühlt sie sich der Clubmusik verpflichtet. In Sheffield angekommen, kreuzt sich ihr Weg 1993 schließlich mit dem des Produzenten Mark Brydon und die Moloko-Erfolgsgeschichte nimmt ihren Lauf.
Anstatt sich 2004 nach dem (vorläufigen) Ende ihrer Band einem Kunststudium zu widmen, wie sie es im laut.de-Interview ein Jahr zuvor bereits andachte, trifft sie sich mit dem Londoner Produzenten Matthew Herbert, der in der Vergangenheit bereits Remixe für Moloko ("Sing It Back", "The Flipside") anfertigte. Zunächst wollen beide nur ein wenig gemeinsam experimentieren, um sich gegenseitig zu beschnuppern, doch nach und nach merkt Murphy, dass der Kompositionsprozess auch ohne Langzeitpartner Brydon funktioniert. Ihr Gefühl für ungerade Melodien lässt sie bald auf äußerst experimentierfreudige Weise über Herberts Arsenal entrückter Sample-Zerstückelungen hinweg rauschen, und weder Fahrradklingeln, Knistergeräusche noch quäkende Bläsersätze halten ihre Performance auf.
Insgesamt weist das letztlich auf zwölf Song angewachsene Solo-Debüt "Ruby Blue" einen deutlichen Jazz-Ansatz auf, wenngleich der Funk Molokos natürlich immer noch häufig genug durchschimmert (Auf Vinyl erscheint das Werk in drei Teilen unter dem Titel "Sequins EP"). Die Elektronik ist jedoch nicht länger grundlegend für Beatstruktur und Arrangements, als vielmehr eine luftige Beigabe, die mal mehr ("Ruby Blue"), mal weniger ("Leaving The City") in Erscheinung tritt. Unter Rückgewinnung von altem Selbstbewusstsein posiert Murphy für das Cover in gewohnt extravagantem Pailetten-Fummel für den kurz zuvor in einem Pub aufgelesenen Großformatmaler Simon Henwood.
Als alte Rampensau macht die Irin natürlich auch einige Livetermine klar. Mit einem Satz Blechbläser im Line Up beweist die Ex-Moloko-Sängerin allen Zweiflern mit Bravour, dass sie auch auf der Bühne durchaus ohne ihren Ex-Kollegen Mark Brydon bestehen kann. Im laut.de-Interview verrät Murphy im November 2005, dass sie nach wie vor von der Idee fasziniert ist, "Popmusik zu kreieren, die Grenzen überschreitet, die neu und aufregend klingt, modern und eben nicht wie etwas bereits Dagewesenes". Ein neues Studioalbum soll nach dem Willen der Sängerin 2006 entstehen.
Im Frühjahr 2007 verdichten sich dann langsam die Gerüchte, wonach Murphy mit neuen Songs kurz vor der Veröffentlichung steht. Mal wieder ist es MySpace, wo die Auftaktsingle "Overpowered" sowie deren B-Seite "Sweet Nothings" als erstes zu hören sind, derweil Murphys Homepage noch ins neue Design übersetzt wird. Beide Songs belegen Murphys Ankündigung, sich wieder verstärkt elektronischen Beats widmen zu wollen. Das Acid House-lastige "Overpowered" ähnelt somit auch wieder mehr ihrer Moloko-Vergangenheit.
Das Video zum Song, das Murphy in skurriler Bühnenverkleidung durch die Straßen Londons schlendernd zeigt, stammt von Regisseur Jamie Thraves, der bereits für Radiohead, Blur und Death Cab For Cutie gearbeitet hat. Der Song ist ab Anfang Juli zu erwerben, das gleichnamige zweite Album folgt im Oktober bei Roisins neuem Label EMI.
Als Produzenten vertraute sie dieses Mal dem Londoner Drum'n'Bass-Spezi, Remixer und DJ Paul Dolby, der unter seinem Pseudonym Seiji wohl etwas besser bekannt ist. Der frühere Cellist gilt als offener Geist, was seine Arbeit unter mehreren Pseudonymen (Opaque, G-Force und Bugz In The Attic) verdeutlicht und dürfte daher musikalisch schonmal auf Murphys Wellenlänge liegen. Neben ihrer Platte schloss er gerade die Arbeiten an seinem elektronischen Instrumentalalbum "DJ Tools" ab, das auf Sonar Kollektiv erscheint.
Im Herbst 2007 geht Roisin mit ihrem neuen Album auf Europa-Tour. Bei einem Auftritt in Moskau Ende Oktober übertreibt sie es mit dem Headbangen ein wenig und schlägt mit dem Kopf so fest auf eine Stuhlkante, dass sie sich am Kopf verletzt und das Konzert abbrechen muss. Nachdem sie für die erforderliche Operation mit Vollnarkose nach Großbritannien zurückgekehrt ist, sagt sie die einige Termine ab.
Die Ex-Moloko-Sängerin über einen Abend in Moskau und ihr Leben als Solokünstlerin.
Die Ex-Moloko-Sängerin Roisin Murphy befindet sich gerade auf großer Solo-Tournee und beweist allen Zweiflern mit Bravour, dass sie durchaus ohne ihren Ex-Kollegen Mark Brydon bestehen kann.
Wer bereits eines von Roisin Murphys Konzerten besucht hat, dürfte in der siebenköpfigen Band mit dem Keyboarder und dem Drummer zwei alte Bekannte der Moloko-Zeit entdeckt haben. Neu dabei sind unter anderen ein Trompeter, ein Saxophonist und ein Posaunist. Auch nach ihrer Karriere bei Moloko sieht sich Murphy nicht imstande, an neuen Herausforderungen zu scheitern. Vor ihrem großartigen Konzert in Zürich sprach sie mit laut.de über eine Nachtclub-Party in Moskau, erste Internet-Erfahrungen und ihr neues Leben als Solokünstlerin.
Du bist nun schon eine Weile mit deiner Band solo unterwegs. Was ist für dich der größte Unterschied im Vergleich zu früheren Tourneen?
I'm the boss!
Fühlt sich das gut an?
Ja, aber ich brauchte eine Zeitlang, um mich daran zu gewöhnen. Sätze zu sagen wie "Nein, ich will das und das lieber so und so haben". Das geht nicht von heute auf morgen, so dass ich den Mut dazu erst entwickeln musste. Aber der Band gefällt es so, sie wünschen geradezu, dass ich die Befehlsgeberin bin.
Hast du in der neuen Situation gerade die schönste Zeit deines Lebens als Künstlerin?
Ich habe immer die schönste Zeit im Leben, wenn ich auf Tournee bin. Ich liebe das Auftreten. Die besten Momente meines Lebens hatte ich auf der Bühne. Ich weiß, das klingt komisch, aber ich meine das wirklich so.
Vor dem Hintergrund deines Solodebüts besteht dein aktuelles Liveset aus 10 bis 12 Songs. Erinnert dich das ein wenig an deine Anfänge vor zehn Jahren?
Auf gewisse Weise schon. Aber heute habe ich natürlich viel mehr Erfahrung als damals. Wenn du an dem, was du in den Proben eingeübt hast, weiter hart arbeitest, erlebst du spätestens nach der Hälfte der Tournee das magischste Gefühl der Welt. Und ich denke wir haben in den Proben alles richtig gemacht, das Zusammenspiel der Band betreffend und die Dramaturgie. Es klingt paradox, aber gerade jetzt, da wir uns alle an die Songs gewöhnt haben, entsteht aus ihnen hin und wieder etwas ganz Neues.
Ich finde, die neuen Songs sind in ihrer Ausrichtung etwas ruhiger gehalten als frühere Moloko-Stücke, jedenfalls experimenteller. Ändert sich dadurch etwas an deiner Bühnenshow, musst du zum Beispiel weniger Gas geben?
Ha, von wegen! Das Set ist eines der intensivsten, die ich jemals gespielt habe. Du wirst es heute Abend sehen. Es beinhaltet natürlich melancholische Momente, aber insgesamt ist es deutlich tanzbarer ausgelegt als ruhig.
Es kommen ja sicher vorwiegend Moloko-Fans auf deine Konzerte, wie sind denn die Reaktionen?
Ja, da sind schon sehr viele richtige Fans. Ich habe aber das Gefühl, die Leute sind heute noch enger bei mir, als das früher der Fall war. Sie kennen alle Texte und wissen einfach alles über mich. Ich spreche ja mit vielen, wenn ich nach den Shows am Merchandise-Stand Tourprogramme unterschreibe. Ich habe mir früher nie groß Gedanken darüber gemacht, wie sehr Menschen hinter einem Künstler stehen, das scheint erst jetzt zu mir durch zu kommen. Das hat sicher auch damit zu tun, dass ich jetzt das Internet nutze. Bis vor drei oder vier Monaten hatte ich nicht einmal einen Computer, doch jetzt gehe ich auf meine Seite und spreche mit den Fans. Ich bin sehr dankbar für die Treue der Menschen.
Ich war auch im Forum deiner Seite und habe gesehen, dass du mit dem Nickname "I Am Roisin" eingeloggt bist.
Das ist kein Nickname, sondern die blanke Tatsache (lacht). Als ich das erste Mal im Forum antwortete, glaubten mir die Leute nicht, dass ich es wirklich bin, also musste ich es heraus schreien (schreit): "I AM ROISIN".
Zurich, oh my god, ich habe allein an diesen Club hier unzählige Erinnerungen. Hier im Dressing Room sind die Wände mit Plakaten verschiedener Shows zutapeziert und ich habe gerade nachgezählt, dass ich heute zum fünften Mal hier spiele. Ich war hier mit "Do You Like My Tight Sweater", "I Am Not A Doctor", "Things To Make And Do" und "Statues".
Dann bist du ja noch nie in einem anderen Zürcher Club aufgetreten.
Nein, zumindest nicht dass ich wüsste. Das Tolle hier ist, dass das Hotel genau nebenan liegt. Nach der Hälfte einer Tournee ist es herrlich, wenn dein Hotelzimmer praktisch neben dem Dressing Room liegt. Du steigst abends einfach aus dem Bett und gehst runter auf die Bühne. Und eine Waschmaschine gibt's auch. Du merkst, wir freuen uns immer, wenn wir hier ankommen.
Ihr habt auch in Moskau gespielt. Wie kam das zustande?
Oh, wir waren da schon dreimal. Es ist großartig. Gott, hatten wir neulich Spaß dort. Wir spielten in einem wunderschönen Nachtclub, dort gab es anschließend eine große Party für uns. Der ganze Laden war voller Käfige und Tanzpodien und irgendwann waren lauter Bandmitglieder auf den Dingern und in den Käfigen. Die Tänzer des Ladens waren ziemlich fertig, da sie nicht fassen konnten, wie gut die Jungs tanzten.
Und du hast dir das alles in Ruhe angeschaut?
Nein, natürlich war ich mittendrin, bei meinen Jungs und den Tänzerinnen aus dem Club. Ich glaube sogar, die hatten etwa Schiss vor mir.
Ist dein Album eigentlich in den USA erschienen?
Nein, nur als Import.
Gibt es dahingehend Pläne?
Nicht mit dieser Platte. Wenn ich das wirklich wollte, dann müsste ich einen weltweiten Deal an Land ziehen und dürfte mich nicht wieder auf diese Lizenzscheiße einlassen. Es gab in der Vergangenheit ständig Stress damit, du musstest immer selbst nachfragen, ob an einer erneuten Lizensierung Interesse bestünde. Ich müsste also bei der nächsten Platte einen internationalen Vertrag unterschreiben. Mal abwarten.
Sagen wir so: ich weiß nicht, ob die anderen von Plänen wissen ... (lacht)
Hauptsache du kennst sie. Spielt Matthew Herbert darin eine Rolle?
Wahrscheinlich nicht. Verstehe mich richtig: ich würde nie sagen, mit Matthew nicht mehr arbeiten zu wollen. Aber für die nächste Platte gibt es jetzt schon wieder so viele Menschen, mit denen ich mich treffen will, naja okay, immerhin gibt es ein paar wenige, die ich gerne um mich haben würde.
Verrätst du uns einen Namen?
Nein, das bringt Unglück.
Dir ergeht es also ähnlich wie Madonna, die sich ja auch ständig nach neuen Produzenten umsieht. Dieses Mal hat Stuart Price weitgehend die Rolle von Mirwais eingenommen.
Ich kenne ihr Album nicht, und ehrlich gesagt interessiert es mich auch nicht. Ich hatte noch nie dieses Madonna-Feeling. Aber was mich angeht: Ich habe nun mal das Glück, dass gerade Leute aus dem Bereich der elektronischen Musik mit mir arbeiten wollen. Historisch gesehen könnte das vielleicht daran liegen, dass sich bisher noch nicht so viele anständige Singer/Songwriter in diesem Genre ausgetobt haben. Es ist also ein großes Glück, dass die meisten Leute, mit denen ich zusammen arbeiten will, auch mit mir arbeiten wollen.
Das klingt schon sehr präzise. Schweben dir soundtechnisch bereits Ideen vor?
Ich denke ich war eine ganze Weile mit elektronischer Dance Music beschäftigt und wenn ich mal alt und verweifelt bin, kann ich mich immer noch an Lagefeuer-Liedern heran wagen und damit eine Menge Kohle machen (lacht). Aber im Augenblick bin ich nach wie vor von der Idee fasziniert, Popmusik zu kreieren, die - vielleicht - Grenzen überschreitet, die neu und aufregend klingt, modern und eben nicht wie etwas bereits Dagewesenes.
Welche Musik inspiriert dich dabei?
Das ist schwer zu sagen, momentan höre ich gerne Compilations von Magnus, einem Kerl aus Island, der frühe 80er Disco und solches Zeug zusammen mischt. Mein Traum ist, eine Platte aufzunehmen, die diese Naivität und Ausgelassenheit einfängt und gleichzeitig einen Bezug zur Jetztzeit hat.
Ich habe gelesen, dass du nach der Rückkehr der letzten Tournee mit Moloko nach Hause gekommen bist und dich ziemlich allein gefühlt hast, da du ewig lange weg warst und deine Heimat nicht genau definieren konntest. Fürchtest du ein ähnliches Erlebnis nach dieser Tour?
Nein. Ich werde mich gut fühlen, denn ich bin verliebt. Ich spreche täglich mit meinem Freund und habe jetzt auch ein Haus in Irland, in das ich zurück kehren kann. Nach der Tournee spanne ich erst mal ein bisschen aus, dann kommt Weihnachten mit der Familie und dann geht auch die Arbeit wieder los.
Na, freut mich zu hören, dass du den Plan, Kunst zu studieren, anscheinend erst mal verschiebst. 2003 auf dem Southside Festival hattest du uns das als Idee für die Zukunft verraten.
Ja stimmt, aber dafür habe ich nun wirklich gerade überhaupt keine Zeit. Ich glaube, ich bin gerade so sehr wie noch nie mit meiner - verändert ihre Tonlage - Karriere, ich finde gerade kein besseres Wort, beschäftigt, und das bedeutet mir alles einfach sehr viel. Ich habe jetzt als Solokünstlerin eine Vision, und es liegt an mir, sie den Menschen zu überbringen. Irgendwie ist das eine Befreiung.
Southside Festival, Juni 2003: Das vereinbarte LAUT-Interview vor dem Moloko-Auftritt muss ausfallen, denn die Band steht stundenlang im Stau. Dass das Gespräch schließlich doch noch statt findet, ist in erster Linie der unbändigen Energie von Sängerin Roisin Murphy zu verdanken.
Eine Stunde vor dem Auftritt lungern Kollege Mengele und ich in der Nähe des Moloko-Dressing Rooms herum und spielen die Frage durch, ob Miss Murphy nach einem Konzert um Mitternacht wohl noch Lust auf Pressefuzzis verspürt, als sich selbige plötzlich in Bühnen-Montur vor uns aufbaut: "No problem guys, I like doing interviews after the show". Sollte in diesen Worten auch nur die kleinste Spur Ironie mitschwingen - man nimmt es der Frau nicht ab.
Roisin Murphy ist haargenau die Powerfrau, die auch auf dem aktuellen Moloko-Plattencover abgebildet ist. Selbst nach einem furiosen 60-Minuten-Auftritt fegt sie backstage rastlos umher, um mit uns einen geeigneten, ruhigen Interview-Platz zu finden, was aufgrund der Bühnen-Lautstärke Radioheads leider unmöglich ist.
Erstmal Glückwunsch für euren Power-Gig eben. Während des zweiten Songs "Come On" hattet ihr aber ein technisches Problem, das euch sogar kurzzeitig dazu zwang, die Bühne zu verlassen. Besonders Mark sah verdammt angepisst aus ...
Das ist uns in Holland auch schon passiert. Dort haben uns die Techniker gesagt, dass es nicht unser Fehler gewesen ist. Vielleicht hat Mark gedacht, diesmal hätten wir es verbockt. Mit der Anlage gabs aber scheinbar schon den ganzen Tag Probleme. Somit wars also wieder ein Technikproblem.
Heute war der erste Gig eurer Festivaltour durch Europa. Bevorzugst du Auftritte vor größerem Publikum?
Nein. Das ist beides spannend. Vor allem wenn sich die Orte abwechseln: Hier ein Clubgig, dort ein großes Festival, mal im Zelt, mal draußen im Tageslicht; dadurch bleibt die Spannung erhalten.
Im Gegensatz zu euren Tourneen, wo du regelmäßig vor Moloko-Fans trittst, musst du auf Festivals ja richtig arbeiten, oder?
Oh, heute zum Glück gar nicht. Das war ja die reinste Moloko-Crowd. Die Leute kannten alle Texte und waren von der ersten Minute an voll dabei, ich musste mich nicht besonders anstrengen. Aber manchmal, gerade auf größeren Bühnen und wenn man tagsüber spielt, kann es schon sehr hart sein. Doch den Kampf ist es eigentlich immer wert.
Schaust du dir andere Bands auf Festivals an oder fehlt dafür die Zeit?
Leider klappt das nicht immer, denn wir geben ja auch noch Interviews ... (grinst)
... und dann noch während Radiohead spielen.
Yeah (lacht). Ich will Radiohead unbedingt sehen, hoffentlich klappt es in Glastonbury. Letzte Woche habe ich mir Manu Chao auf einem Festival in Belgien angeschaut und sie waren absolut brilliant.
Wie funktionieren die Songs eurer neuen Platte live?
Besser als alle Songs unserer alten Platten. "Statues" ist offener in Bezug auf Tempo und die Songs sind emotionaler und direkter wodurch sie einfacher in den Live-Kontext zu übertragen sind.
Schon das Album an sich vermittelt ein enormes Live-Feeling.
Ich denke es war uns von Anfang an bewusst, dass wir mit "Statues" eine Platte machen wollten, die auch auf die Bühne zugeschnitten ist. All unsere Platten tragen ein gewisses Wesen in sich und je mehr Alben wir aufgenommen haben, desto näher kommen wir an das, was wir heute live machen.
Mein Lieblingssong ist eure neue Single "Forever More" mit diesem fetten minimal-elektronischen Anfang. Wie kam das zustande?
"Forever More" ist eigentlich eine Fusion aus zwei Songs. Wir hatten die eine Bassline (singt) 'Da-da-dap - Da-da-dap' in einem Song und im anderen hatten wir dieses (knurrt) 'waoh-waoh-waoh, waoh-waoh-waoh, waoh-waoh-waoh' drin. (grinst) Auch die Textzeilen stammen aus den beiden Songs. Als es schließlich um die Arrangements und das Mixing ging, wurde Mark und mir bewusst, dass beide Elemente für einen einzigen Song bestimmt sind. Und so überlegten wir, wie man beide Konzepte zu einem einzigen, großen Song zusammen fügen könnte. Es sollte einfach so sein.
Glaubst du, dass euch speziell bei diesem Song Künstler aus der minimal-elektronischen Ecke beeinflusst haben?
Ja, klar. Wir lieben elektronische Musik generell genauso wie die verschiedensten Arten von Livemusik. Insgesamt gesehen sind an einem Ende der Skala natürlich Kraftwerk ein großer Einfluss, genau wie P-Funk am anderen Ende ... ahh, da fällt mir gerade eine Geschichte ein: Vor ein paar Jahren spielten wir in Köln auf einem Festival. Ein Typ von Kraftwerk war auch da, einer der Sänger (Karl Bartos, Anm. d. Red.), der dort auch spielte. Bevor wir auf die Bühne mussten, besuchte er uns backstage, um ein bisschen zu quatschen. Wir waren natürlich fix und fertig und konnten es fast nicht glauben.
Und Mousse T., den wir schon länger kannten, arbeitete zu der Zeit gerade mit Bootsy Collins zusammen und plötzlich stand auch der noch in unserer Garderobe. Halt nein, er kam nach der Show zu uns rein und sagte nur (verstellt ihre Stimme tief): "Yeeeaahhh". (lacht) Und wir dachten nur: (kreischt) 'Fucking Hell'. Das sind so ziemlich die beiden Extreme, die beiden Ausgangspunkte, die uns einst dazu bewogen haben, Musik zu machen. Mit unserer neuen Platte haben wir meiner Meinung nach ein wenig die Soul-Richtung eingeschlagen. Vielleicht klopft ja Aretha Franklin eines Tages noch an unsere Tür. (lacht)
Ein Freund meinte nach dem Gig vorhin, ihn erinnere die Dramatik innerhalb eurer Songs etwas an die Art, wie George Clinton performt. Vor allem in die Liveversion von "Forever More" habt ihr unzählige Breaks reingebaut, die das Publikum einfach komplett ausflippen lässt. Siehst du das ähnlich?
Oh ja, auf jeden Fall denke ich das. Obwohl ich zugeben muss, dass die Songs bei uns nicht das Improvisationslevel von George Clinton erreichen. Wir gestalten unser Programm im Vorfeld und natürlich versuchen wir, das Maximale aus den Songs herauszuholen, indem wir sie ständig justieren, optimieren und indem wir neue Dinge hinzufügen, die Songs sozusagen mit Bergen und Tälern ausfüllen.
Der elektronische Teil in "Forever More" macht im Laufe des Songs einem opulenten Disco-Orchester Platz. Für mich ist es sowas wie eine moderne Sinfonie.
Da muss ich vor allem unseren Keyboarder Eddy lobend erwähnen, der sich viele der Arrangements auf der Platte ausgedacht hat. Er ist einfach ein absolut verrücktes Genie.
Die zunehmende instrumentale Fülle in "Forever More" wird im begleitenden Videoclip sehr schön visualisiert: Anfangs tanzt du alleine in einem Tunnel und gegen Ende folgt dir eine ganze Meute an Tänzern, die deine Bewegungen nachahmen. Warst du für die Choreographie zuständig?
In gewisser Weise ist es meine eigene Choreographie. Ich wurde zunächst alleine gefilmt, wofür wir vier Motion Control-Kameras benutzten. Von dem Ergebnis schauten sich dann unsere Tänzer all meine Bewegungen ab. Anschließend nahmen wir deren Performance auf und für das Endprodukt wurden die Einzelteile zusammen geschnitten. Da sich die Kameras auch selbst bewegen, konnten die Tänzer mit den selben Bewegungen gefilmt werden wie ich gefilmt wurde. Es ist also das Gegenteil einer Choreographie. Ich könnte sowas ohnehin nicht lernen, denn meine Linke weiß nie, was meine Rechte tut.
Natürlich muss ich auch auf das geniale Cover-Artwork von "Statues" zu sprechen kommen. It really kicks ass!!! War es ein spontaner Schnappschuss?
Ursprünglich war das ein Fotoshooting einer engen Freundin für ein Magazin. Sie ist eigentlich Mode-Fotografin, arbeitet aber eher wie eine Regisseurin. Sie hat übrigens auch das "Familiar Feelings"-Video für uns gemacht. Jedenfalls ist sie immer daran interessiert, mich als Model zu bekommen, so lange das Magazin damit einverstanden ist. Und so war es eben. Für ein ganzes Wochenende ist also ein Haufen Models in Süd-England zusammen gekommen. Dabei haben wir uns von der Stimmung her in die Lage einer unbekannten Band versetzt, die kurz vor dem Durchbruch steht. Das Bild war der letzte Shot an diesem Tag, wir waren alle im See, tranken und tickten völlig aus und so entstand letztlich das Bild.
Die Fotografin kennt mich einfach so gut, dass sie etwas sehr Intimes aus mir heraus kitzelt. Sie kann einen Moment einfrieren und genauso gut kann sie eben auch Energie einfangen. Ich bin absolut sicher, dass es das beste Bild ist, das je von mir gemacht wurde. Ein Freund von mir war dann letztlich der Auslöser für die Cover-Wahl, er sah das Bild in dem Magazin und meinte nur: "Das ist das Albumcover, wo ist das Problem?" Also holten wir die ganze Band nochmal an diesen Ort und machten noch ein paar Aufnahmen.
Auf "Statues" finden sich auch Balladen wie der gleichnamige Song, dessen Gitarrenlinie mich etwas an The Cure erinnert. Wann verfällst du beim Songschreiben in solch traurige Stimmungen?
Hmm, dieser Song geht vor allem auf Marks Konto und zum Zeitpunkt des Komponierens befand er sich in einer sehr melancholischen Stimmung. Für mich wohnt der Melancholie aber immer auch eine gewisse Schönheit inne. Ich sehe unser gesamtes Album als einen Versuch an, Melancholie zu umarmen. Der Song "Statues" hat auch etwas Erhabenes, gerade weil er vor Melancholie förmlich zerfließt.
In "Come On" singst du an einer Stelle "that which doesn't kill you will make you stronger". Würdest du dich als kampfeslustige Frau bezeichnen?
Ja. (grinst) Hey, ich bin Irin. Wir haben alle diese kämpferische Natur. Ich meine, wir haben die Engländer rausgekickt (lacht), diese verdammt kleine Nation ... Und wir haben den Terrorismus erfunden, also was soll ich sagen?
Deine Texte haben stellenweise schon poetischen Charakter. Favorisierst du bestimmte Dichter?
Nein, ich bin kein großer Leser und ich kann dir auch keinen Lieblingstext von mir nennen. Aber je älter ich werde, desto mehr bemerke ich an mir eine Zugänglichkeit für solche Sachen wie Gedichte. Mit Jazz ist es ähnlich. Es ist eines der schönen Begleiterscheinungen am Älterwerden, dass du plötzlich die Geduld für Gedichte oder eben Jazz aufbringst. Manchmal fühle ich mich sogar dazu bereit, nochmal aufs College oder auf die Uni zu gehen. Du musst wissen: Ich war nie eine gute Studentin, aber mittlerweile denke ich, dass ich heute eine gute sein würde. Wie auch immer, der schöne Aspekt am Älterwerden steht im Vordergrund: Du verlierst zwar graue Zellen, aber du wirst geduldiger.
Du denkst aber nicht ernsthaft an ein Studium, oder?
Well, zumindest denke ich ziemlich oft darüber nach ...
Was würde dich denn interessieren?
Definitiv Kunst. Ich würde sehr gerne Gegenstände erschaffen.
Das Interview führten Michael Schuh und Martin Mengele.
Erster deutscher Roisin-Fanclub mit Infos aus allererster Hand. Mitgliedschaft gratis!
http://www.roisinmurphy-fanclub.de
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Roisin live in Köln am 22.11. ladi1978 |
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07.01.09, 18:15 music maker |
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