2017 ist jeder Tag Frauentag: Monatlich erscheinende Listen, grob sortiert nach Genre oder Thema, präsentieren 365 Interpretinnen und Bands.

Konstanz (laut) - Musik ist Männersache? Von wegen! Wir machen 2017 jeden Tag zum Frauentag und bringen euch, grob sortiert nach Genre oder Thema, übers Jahr verteilt 365 Künstlerinnen und weiblich besetzte Acts nahe. Jeden Monat eine Liste.

Langsam wird es jedoch unübersichtlich. Damit ihr den Durchblick bewahrt, haben wir unsere "Die Frau in der Musik"-Reihe hier noch einmal sortiert. Einen Ausblick auf die geplanten Episoden bekommt ihr obendrauf.

  1. Soul & Funk
  2. Deutsche Texte
  3. Rap & Hip Hop
  4. Elektronik
  5. Punk, Post-Punk, New Wave
  6. Pop
  7. Metal
  8. Shoegazing & Dreampop

... to be continued:

Folge 9: Rock, Art-Rock & Folk
Folge 10: Alternative & Independent
Folge 11: Reggae
Folge 12: Jazz

Folge 1: Soul & Funk

Wozu das Ganze? Sven Kabelitz, Initiator der Reihe, erklärt in der Vorrede seine Motivation:

"Sobald Frauen in Kritiken, Interviews oder News in den Mittelpunkt rücken, werden sie regelmäßig auf ihr Äußeres reduziert. Um verdienten Respekt zu erhalten, muss eine Frau weitaus mehr leisten als ihr männliches Gegenüber. Frauen sind 'süß', 'sexy' und 'heiß', können sogar 'fast so gut' wie Männer rappen und Gitarre spielen. Für manche Genres wie Folk dürfen sie dann wieder bloß nicht zu gut aussehen."

"Selbst eine Legende wie Janis Joplin lässt sich innerhalb von zwei Sätzen ruckzuck auf einen Blowjob reduzieren, den sie angeblich einst Leonard Cohen gab ("Chelsea Hotel #2"). Selbst, wenn der Sänger diesen Zusammenhang später bestritt. Wie eine Freundin treffend zusammenfasste: 'Willkommen im Leben als Frau: Du kannst eine der größten Sängerinnen überhaupt gewesen sein, woran sich die Kerle erinnern, ist, wem du mal einen geblasen hast.'"

Folge 2: Deutsche Texte

Indie- und Electro-Pop, Noise- und Psychedelic-Rock, Post- und Meta-Punk, Electroclash und Chanson, selbst Schlager: ein wilder Ritt durch die unterschiedlichsten Genres. Als Thema und verbindendes Element dient diesmal der deutschsprachige Gesang.

Judith Holofernes rätselt im Vorwort über die möglichen Ursachen dafür, warum es so schwer ist, Musikerinnen für ihre Live-Auftritte zu finden, schließt aber optimistisch: "Aber vielleicht ist der vielbesungene Niedergang der konventionellen Plattenindustrie ja auch eine Chance, weniger hierarchische, menschenfreundlichere Strukturen zu schaffen, die netten Leuten ­ und Frauen im Besonderen - ganz schlicht mehr Spaß machen könnten. Auf jeden Fall: Mädchen, lernt Schlagzeug spielen. Oder Gitarre, aber richtig. Ihr werdet euch vor Jobs nicht retten können."

Linus Volkmann, Autor und Musikjornalist, fragt sich nach einem Interview mit Schnipo Schranke, die keinerlei Bock zeigten, ihre Sicht "als Frau" zu erläutern: "Wieso muss denn jede weibliche Band zu diesem Thema Stellung beziehen? Die rigorose Absage hinsichtlich dieses leeren Journo-Reflex' ist einfach nur ihrer Zeit voraus – und schon an einem Ort, von dem alle Frauen (und zurechnungsfähigen Typen) träumen. Ein Ort, wo es nämlich wirklich egal ist, welche Geschlechter die Bühne besetzen. Da bis dahin aber noch viele Schlachten und Diskussionen geführt werden müssen, freut man sich allerdings trotzdem über die weiblichen Role-Models im Männerheim Popkultur."

Folge 3: Rap & Hip Hop

Unter Kopfnickern dürfte es besonders schwierig sein, genügend weibliche Künstler aufzutreiben? Von wegen! Hier fanden sich so viele, dass sie gar nicht alle Erwähnung finden konnten, wenn auch nicht unbedingt im deutschsprachigen Raum.

Darauf, dass sich das auch irgendwann ändert, hofft Rapperin Sookee: "Ich hätte auch Cello lernen oder Countrysängerin werden können. Ich kann mich auch aus Hip Hop verpissen, wenns mir nicht passt. Ich hab irgendwo mal gelesen: 'Rap hat keine Probleme, Rap hat Sookee.' Tolle Ambivalenz, nicht wahr? Oder aber, ich bleib' solange auf der Bühne wie ich Bock drauf hab'. Denn ich bestimme genauso, was Hip Hop ist. Entgegen aller Vernichtungsphantasien. Deal with it."

Kollege Kool Savas, von Sookee eben noch als Paradebeispiel für sexistische Texte herangezogen, outet sich derweil als Feminist: "Ich bin schon Feminist, bis zu einem gewissen Maß. Aber ich bin auch Realist. Ich glaube, dass Frauen und Männer grundlegend verschieden sind, und ich find' das auch nicht schlimm. Ich find' das sehr schön. Wenns nicht so wäre, wäre es komisch für mich. Es soll niemandem zum Nachteil ausgelegt werden, aber ich denke schon, dass es grundlegende Unterschiede gibt, allein schon bei der Herangehensweise. Wie man Dinge macht, wie man seine Kunst lebt."

Folge 4: Elektronik

Der Streifzug durch Electro-Pop, House oder Minimal Techno zeigt: Hier fanden sich schon immer innovative Frauen, die ihren männlichen Kollegen künstlerisch eine lange Nase drehen. Obwohl es die Gesellschaft ihnen ungemein erschwerte, brachten weibliche Freigeister das Genre bereits voran, als die Jungs von Kraftwerk noch bestenfalls ein Leuchten in den Augen ihrer Eltern waren.

"Elektronische Musik interessierte mich nie unter dem Aspekt, ob sie von einer Frau oder einem Mann produziert wird", macht Elle P keinen geschlechtsspezifischen Unterschied. "In der Vorderkammer meines Pulsschlags flimmerte immer die Notwendigkeit und Laune, Musik zu machen, zu komponieren, ohne auf das Endprodukt oder auf mich als Produkt plus Vermarktung zu schielen."

Hans Nieswandt räumt mit dem Vorurteil auf, elektronische Musik sei Männersache: "Frauen haben bei diesem Unfug zum Glück nie mitgemacht, obwohl es ab den späten 60er Jahren, spätestens mit Wendy Carlos, viele Pionierinnen der elektronischen Musik gab." Allerdings: "Keine von ihnen wurde ein Star. Die faszinierenden Geschichten von Elaine Radigue, Suzanne Ciani, Laurie Spiegel oder Doris Norton werden erst jetzt, im Zuge der retromanischen Begeisterung für legendäre Charaktere, wieder ausgegraben. Es sind nicht nur heroische, abgefahrene Bioghraphien, sie inspirieren auch neue Generationen von Musikerinnen und Programmiererinnen."

Folge 5: Punk, Post-Punk, New Wave

Ein Blick auf Punk, Post-Punk, New Wave und die Riot Grrrl-Bewegung, ein Querschnitt von den sumpfigen Anfängen im CBGB's bis hin zu aktuellen Veröffentlichungen.

Sandra und Kerstin Grether von der Berliner Electro-Rock-Chanson-Band Doctorella schreiben über Punkrock als Segen und Fluch für die Frauen, die sich in diesem Genre versuchen, und kommen zu dem Schluss: "... dass nicht nur in der Mathematik, sondern auch im feministischen Punk minus mal minus eben Plus ergibt: sich in die doppelt-unterdrückende Zuschreibungshölle zu begeben, damit zu leben und zu experimentieren, hat die Rebel Girls des Punk nicht schwach, sondern sogar so stark gemacht, dass sie immer neue feministische Wellen mitbegründen konnten! Ist der Ruf erst ruiniert ... oder auch: wer sich einmal nackt im Schlamm wälzt, wie die Slits auf dem Cover ihres Debüt-Albums 'Cut', dem glaubt man eben doch."

Dennis Lyxzén, Sänger und Vordenker der legendären Hardcore-Punk-Band Refused, schreibt aus der Perspektive des Mannes in der größtenteils weiblich besetzten Formation INVSN: "Für mich ist die Zusammenarbeit mit Frauen ganz natürlich, die Gruppendynamik verändert sich, wenn eine Frau in der Band ist. Es ist alles relaxter und vielleicht auch eine Spur offener. Ich spiele aber nicht mit Frauen in einer Band, damit der Frauenanteil steigt, sondern weil wir sehr gut miteinander auskommen, teilweise schon jahrelang befreundet sind und weil ich die Musikalität der Bandmitglieder und Bandmitgliederinnen schätze. Ich denke, sobald der Punkt erreicht ist, wo es einfach egal ist, welches Geschlecht man hat, wo man nicht mehr darüber nachdenkt, dass es doch toll wäre, noch eine Frau in der Gruppe zu haben, das ist der Moment, wo wir am Ziel sind." Noch ein weiter Weg bis dahin ...


Folge 6: Pop

Pop, dieses oft bespuckte Genre, prägt unseren Zeitgeist wie kein zweites. Keine andere Musikrichtung erfindet sich so oft neu. Über den Pop und seine Interpretinnen wird man noch in Jahrzehnten sprechen. Dennoch: Hinter den Hits stehen meistens männliche Produzenten und Songwriter.

Leslie Clio lässt an ihrer Überlegung teilhaben, wie ihre Idole ihren eigenen Werdegang geprägt und beeinflusst haben: "Ich weiß nicht, wer ich wäre, hätte es in meiner Kindheit und Jugend, meinem Leben nicht diese zahlreichen Musikerinnen gegeben, zu denen ich aufgeschaut habe und die ich alle zu einem Teil von mir gemacht habe. Mit zwölf ins Internat, seltenes Verhältnis zur Mama, keine großen Schwestern, Cousinen oder Tanten, habe ich mir fast mein gesamtes Frauenbild durch Musikerinnen erschlossen, mir Musikerinnen zu Vorbildern gemacht, mich an ihnen orientiert. Frauen, die mir durch ihr Sein, ihre Musik, ihr Auftreten gezeigt haben, wie und wer man als Frau in dieser (Musik-)Welt sein kann, und ich kann mich dabei an keinen Moment erinnern, an dem ich eben nicht genau das sein wollte."

Killerpilz Jo Halbig blickt statt in die Vergangenheit in die Zukunft: "Ich habe ein Traumszenario: Die großen Popstar-Frauen verlegen irgendwann ihren Fokus weg von Choreographie und schnellen Hits, hin auf Band-ige Arrangements, Band-ige Performances, nehmen selbst die Gitarren in die Hand, rocken die Schlagzeuge und gehen somit nicht nur den nächsten wichtigen Schritt für die Popmusik, hin zu mehr Lebendigkeit und 'Rock'n'Roll' im Mainstream ... sondern werden so ganz nebenbei zu Vorbildern einer neuen Instrumente-spielenden Generation von jungen Sängerinnen, die wir dann in zehn bis fünfzehn Jahren alle auf den Bühnen der Welt bewundern. HAIM und Larkin Poe machen es vor. Ich freu' mich drauf!"

Folge 7: Metal

Im Metal haben Frauen mit besonders hartnäckigen und entsprechend widerlichen Klischees zu kämpfen. Kaum ein Text zu weiblichen Metal-Acts kommt ohne die abwertende Gönnerhaftigkeit der Kerle aus, die ihn verfasst haben. Selbst die Pressetexte ihrer eigenen Platten quellen vor Rechtfertigungen über. Beispiel gefällig? "Es ist kein Geheimnis, dass sich die Gruppe aus lauter Mädels zusammensetzt, aber du würdest das ihren Songs niemals anhören." Kann ja auch keiner damit rechnen, dass Frauen ihre Instrumente beherrschen. In Pimmelhausen kann nicht sein, was in Pimmelhausen nicht sein darf. Schlimm!

Die ebenso wahnsinnige wie begnadete Great Kat erntete für ihre furchtlosen, hemmungslosen Streifzüge durch Klassik und Metal sogar Morddrohungen. Da kann man schon mal in GROSSBUCHSTABEN VERFALLEN: "BÖSARTIGKEITEN von EINGESCHÜCHTERTEN MÄNNERN, die ZU STEIN ERSTARRTEN, angesichts eines BESTENS AUSGEBILDETEN WEIBLICHEN VIRTUOSEN, der HEREINSPAZIERTE und sie allesamt wie UNQUALIFIZIERTE WEICHEIER aussehen ließ! Die VIRTUOSITÄT der Great Kat an GITARRE und VIOLINE, kombiniert mit ihren BRUTALEN LYRICS und der MÖRDERISCH INTENSIVEN HOCHGESCHWINDIGKEIT in Songs wie 'SPEED DEATH', 'METAL MASSACRE' und 'METAL MESSIAH' ließ die Männer sich VOR ANGST IN DIE HOSEN SCHEISSEN!" Zweifellos.

Mille Petrozza von Kreator sieht Sexismus nicht als eine Metal-spezifische Angelegenheit: "Die Probleme, die Frauen in der Musik begegnen, beschränken sich nicht auf den Metal, das ist ein generelles Problem von Leuten mit einem völlig überholten Denken. Das ich das zum Kotzen finde, ist klar. Das sollte aber jeder zum Kotzen finden, denn es ist ein völlig weltfremdes Denken, zu sagen: 'Oh, schau' mal, die Frau kann ja auch!' So ein Schwachsinn. Es ist in allen Bereichen so, dass es einfach nicht so ist, dass jemand nur aufgrund der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht etwas besser machen könnte."

Folge 8: Shoegazing & Dreampop

Stellvertretend für alle Shoegaze- und Dreampop-Künstlerinnen stößt sich Jo Bevan von Desperate Journalist im Vorwort daran, dass Frauen in der Musik immer noch als Ausnahmeerscheinungen wahrgenommen und dargestellt werden. "Das stimmt auf keinen Fall und stört mich persönlich auch sehr. Jetzt und auch schon immer waren viele Frauen in der Musik involviert. Nur weil die Leute ihnen nicht immer so viel Aufmerksamkeit und Stellenwert wie ihren männlichen Gegenstücken zuteil werden ließen, bedeutet das ja nicht, dass sie nicht da gewesen wären, nichts geschaffen, geschrieben, in Angriff genommen hätten, und nicht an den Synthesizern, Szenen und Magazinen gesessen wären, die die Musik von damals bis heute in neue und spannende Richtungen gelenkt haben. Ich glaube, das ist das größte Anliegen, das ich als Teil von Desperate Journalist mitbekommen habe. Es gibt einen Haufen Männer, die uns anscheinend mögen, weil sie auf 'Girl Bands' stehen und auch wenn natürlich jeder seinen eigenen Geschmack hat, diese 'Geschlecht als Genre'-Geschichte fühlt sich für uns als Band in unserem Eigenwert doch herabwürdigend an. Wir klingen weder wie Sleater-Kinney, Bikini Kill, The Selecter, Hole, Cranes oder Wolf Alice. Ich mag Radiohead doch nicht als 'Männerband', ich mag sie, weil sie fantastisch sind. Ich wünsche mir, dass auch Bands mit weiblichen Mitgliedern ein solcher Respekt entgegengebracht würde."

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