2017 ist jeder Tag Frauentag. Sortiert nach Genre oder Thema, bringen wir euch 365 Interpretinnen und Bands näher. Heute: Musik auf Deutsch.

Konstanz (skb) - In der zweiten Folge der Reihe "Die Frau in der Musik" erwartet euch mit Indie- und Electro-Pop, Noise- und Psychedelic-Rock, Post- und Meta-Punk, Electroclash und Chanson ein wilder Ritt durch die unterschiedlichsten Genres. Selbst Schlager, der bei genauer Hinsicht ja auch nur eine Spielart des Pops darstellt, findet hier ein Zuhause. Als Thema und verbindendes Element dient diesmal der deutschsprachige Gesang.

30 + 1 Frauen auf Deutsch

In der ersten Folge der Reihe habe ich mich bereits ausführlich über Sinn und Bedeutung des Themas ausgelassen. Damit wir uns nicht im Kreis drehen und hier nicht ständig dasselbe steht, teilen von nun an Gäste ihre Beobachtungen, Gedanken und Meinungen zu der Rolle der Frau in der Musik mit uns. Ich gebe das Wort an Judith Holofernes und Linus Volkmann weiter.

Judith Holofernes:
(Musikerin, Autorin und das Chaos)

Wie selbstverständlich ist es 2017, dass Frauen in Bands spielen? Selbstverständlicher als in den 60er Jahren, immerhin. Das schon. Heißt: Ab und zu gibt's mal eine Frau, die ihr Instrument richtig rum halten kann. Der wird dann eine pieksige Krone aufgesetzt, und für den Rest ihrer Karriere zeigen blinkende Neonpfeile auf ihre Brüste.

Ich weiß, im Moment scheinen ein paar wirklich coole Bands mit hohem Frauenanteil ans Licht zu kommen: Gurr, Die Heiterkeit ... Aber trotzdem gibt es anteilsmäßig immer noch verschwindend wenige Band-Musikerinnen.

Ich zum Beispiel bin seit vier Jahren auf der Suche nach einer Lead-Gitarristin. Nicht aus Quotenüberlegungen, sondern weil ich die Backingvocals auf meinen Platten live gerne mit Frauenstimmen umsetzen möchte, es mir aber nicht leisten kann, zusätzlich zu einer sechsköpfigen Band noch Leute auf der Bühne stehen zu haben, die nur singen und mit den Fingern schnipsen. Und natürlich finde ich es toll, nach all den Jahren, in denen die mitreisende Babysitterin den Frauenanteil im Bus verdoppelt hat, endlich mal (auch) mit Frauen unterwegs zu sein.

Wenn ich rumfrage nach guten Muskerinnen, fallen immer wieder die selben drei Namen. Und die dazu gehörenden Frauen sind natürlich längst (mehrfach) an andere Bands vergeben, heißt: Die spielen dann aber auch überall, im Zweifel bei Farin Urlaub. Inzwischen habe ich zwei tolle Frauen in meiner Band, die spielen aber beide andere Instrumente als ursprünglich gedacht, weil: Wer Frauen in der Band haben will, muss eben kreativ werden.

Kat Frankie hat mir neulich von einer österreichischen Statistik erzählt, laut derer nur 10% aller Profimusiker dort Frauen sind ... und von denen wiederum 70% (!) Sängerinnen. Das ist in Deutschland bestimmt ziemlich ähnlich verteilt. Ich habe mich deshalb am Ende, in meiner Verzweiflung, tatsächlich an "hauptberufliche" Frontfrauen gewendet - weil die eben leichter zu finden sind, als reine Bandmusikerinnen, Schlagzeugerinnen, Bassistinnen, Gitarristinnen.

Aber warum ist das immer noch so? Wann passiert das? All die kleinen Mädchen, die den ganzen Tag singen und auf irgendwas rumklopfen - wovon lassen die sich den Spaß verderben?

Ist es der Zensor im eigenen Kopf, der sie zurückschrecken lässt vor allem, was mit Ehrgeiz, Wollen, Platzeinnehmen, Lust am eigenen Strahlen verbunden ist? Die Angst, in eventuell aufkommender Souveränität am Ende gar irgendwie unniedlich rüberzukommen? Oder aber: die alte Scheu vor technischen Geräten (Verstärker, Computer, Mini-Heizlüfter in arschkalten Proberäumen)?

Oder: die erste Bandprobe mit fünf Jungs, in der am Ende der Lauteste, Schnellste, Sicherste gewinnt und alle seine Ideen durchkriegt? Oder die erste Party im Jugendzentrum, wo irgendein Typ ihnen ungefragt ihren Amp erklärt? Die erste Tour, wo ihnen die Roadies alles einfach so einrichten, wie sie finden, dass sie es haben wollen sollten, aber niemals so, wie sie es gesagt haben? Oder der Moment, wenn sie das erste Mal checken, dass der nette Tourbusfahrer aus wirklich unsympathischen Gründen gerne Urlaub in Thailand macht?

Oder wissen sie einfach tief in ihren Eingeweiden, wie viel subtile Geringschätzung ihnen jeden Tag begegnen wird, wenn sie dann endlich in die erste Reihe vorgedrungen sind? Zu Plattenfirmen, Redaktionen, auf Festivals, in Interviews, bei Radiosendern? An all diesen Orten gibt es hauptsächlich tolle, nette Leute. Aber (Surprise!) es gibt auch immer wieder echte Ausreißer nach unten, und, ja: Die können einen ganz ordentlich runterziehen.

Das gesamte Musikbusiness, so wie es (gerade noch) funktioniert, tickt eindeutig männlich. Und das heißt nicht unbedingt nur männerdominiert. Sondern: vom männlichen Prinzip dominiert. Für coole, schlaue Männer also eigentlich auch völlig unerträglich. Für jeden, der findet, dass Konkurrenz, Gewinner, Verlierer, Shareholder, Old School-Kapitalismus eben, nicht wirklich mit dem zusammen gehen, was Musik ihnen eigentlich bedeutet.

Aber vielleicht ist der vielbesungene Niedergang der konventionellen Plattenindustrie ja auch eine Chance, weniger hierarchische, menschenfreundlichere Strukturen zu schaffen, die netten Leuten ­- und Frauen im Besonderen - ganz schlicht mehr Spaß machen könnten. Auf jeden Fall: Mädchen, lernt Schlagzeug spielen. Oder Gitarre, aber richtig. Ihr werdet euch vor Jobs nicht retten können.

Linus Volkmann:
(Autor, Musikjournalist und glühender OFC-Anhänger)

Als ich Daniela und Fritzi von Schnipo Schranke im Interview auf 'das Thema' ansprach, wehte ein spürbarer Hauch der Begeisterungslosigkeit durch den Raum. Es klang dann gar nicht anti-emanzipatorisch sondern eher resigniert, als sie beschieden, dass ihre Band mit Feminismus gar nichts am Hut habe.

In solchen Gesprächen bekommt man ein schlechtes Gewissen. Wieso muss denn jede weibliche Band zu diesem Thema Stellung beziehen? Die rigorose Absage hinsichtlich dieses leeren Journo-Reflex' ist einfach nur ihrer Zeit voraus – und schon an einem Ort, von dem alle Frauen (und zurechnungsfähigen Typen) träumen. Ein Ort, wo es nämlich wirklich egal ist, welche Geschlechter die Bühne besetzen.

Da bis dahin aber noch viele Schlachten und Diskussionen geführt werden müssen, freut man sich allerdings trotzdem über die weiblichen Role-Models im Männerheim Popkultur. In Bezug auf deutschsprachigen Pop hat da diese Song-Serie von Sven Kabelitz viel zu bieten – und sie macht coole Frauen sichtbar, die im männlichen Genie-Kult rund um Phänomene wie die Hamburger Schule (Lowtzow, Spilker, Distelmeyer) allzu oft übersehen werden.

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50 Kommentare mit 25 Antworten, davon 39 auf Unterseiten

  • Vor einem Monat

    Irre ich mich oder kam in der Liste Nena nicht vor? Man muss sie ja nicht gutfinden, aber in so einer Liste sollte sie schon drin sein.

    • Vor einem Monat

      Weil ...?
      Nena muß nicht unbedingt. Daß der Osten ein wenig unterrepräsentiert ist, hat mich Wessi mehr gestört. Bettina Wegner (zugegebenermaßen eher unwahrscheinlich), Tamara Danz (zumindest überdenkenswert) oder Nina Hagen (aber hallo!) hätten ruhig noch aufgenommen werden können.
      Gruß
      Skywise

    • Vor einem Monat

      Weil...sie das Aushängeschild der Neuen Deutsche Welle ist, darüberhinaus noch Hits hatte, international erfolgreich war, 25 Millionen Tonträger verkauft hat und damit zu den erfolgreichsten deutschen Künstlern der Musikgeschichte gehört.

      Aber bei Nina Hagen stimme ich zu, die fehlt wirklich.

  • Vor einem Monat

    Liste wirkt recht unvollständig. Marlene Dietrich fehlt. Vermisse Leute wie Nena (schon alleine aufgrund des weltweiten Erfolgs), oder auch Cora E und Joy Denalane (für ihr Wirken im dt. Rap und RnB).

    Spoiler: Knef zurecht ganz vorne, von den Texten her ein ganz anderes Level als alle anderen Listenmitglieder. Es wäre grade in der heutigen Einheitsbrei-Poplandschaft mehr als erfrischend, wenn wieder jemand von Knefs Kaliber mit dabei wäre.

  • Vor einem Monat

    Ruhig Blut. :) Es kommen ja noch zehn weitere Listen. Einige Interpretinnen habe ich deswegen bewusst zurück gehalten, da ich sie dort für besser aufgehoben halte.

    • Vor 26 Tagen

      Klar doch. AGF bei Glitch, Allroh bei Rock, Ellen Allien bei DJ, Doro bei Metal, etc... könnte ich mir vorstellen. Trotzdem vermisse ich einige gerade hier bei den deutschen Texten. Dota und Barbara Morgenstern zum Beispiel.
      Aber wie sollte es auch anders sein, wenn nur 30 Plätze pro Liste zur Verfügung stehen?