2017 ist jeder Tag Frauentag. Sortiert nach Genre oder Thema, bringen wir euch 365 Interpretinnen und Bands näher. Die Vorreden stammen heute von Sookee und Kool Savas.

Konstanz (laut) - Leichtsinnig behaupteten wir in der ersten "Die Frau in der Musik"-Folge, es brauche im Hip Hop mehr Eigeninitiative und Zeit, um talentierte Musikerinnen zu finden als in anderen Genres. Pustekuchen: Das Gegenteil war der Fall. Während der Recherche kamen so viele Künstlerinnen zusammen, dass weitaus mehr draußen bleiben mussten als Erwähnung finden.

Dabei kam es zu einigen schmerzhaften Entscheidungen. Prominente Wegbereiterinnen (Salt-N-Pepa) kamen ebenso unter die Räder wie lustige Luftpolsterfoliejacken (Gnucci) und einige deutschsprachige Rapperinnen (Kitty Kat, SXTN, Finna, Jennifer Gegenläufer, Faulenz*A). Mitgenommen haben wir statt dessen diese ...

30 + 1 Frauen im Hip Hop

Die Vorrede überlassen wir auch heute zwei Menschen vom Fach: Sookee hat ihre Qualifikation in Bezug auf Genderthematik, Hip Hop und die Kombination beider Themen in der Vergangenheit ausgiebig unter Beweis gestellt. Kool Savas, auch von ihr für durchaus sexistische Texte ins Visier genommen, vertraute lange Jahre den Fähigkeiten eines der wenigen weiblichen Producer, die uns überhaupt eingefallen sind.

Sookee
(Rapperin, Slampoetin, pro homo und Quing of Berlin)

Eines steht fest: Frauen sind keine besseren Menshen. Aber ich kenne ausgesprochen wenige Rap-Songs von Frauen, in denen das lyrishe Ich berichtet, dass es einen Sexualpartnerin nach dem Koitus mit einer brennenden Zigarre foltert, auf ihrem*seinen Genital nach dem Sex ein Kriposiegel klebt oder dass die entsprechende Person einfach direkt zu Tode gefickt wird. (Nachzuhören unter anderem bei Kollegah, Morlockk Dilemma und Kool Savas.) Alles Metapher? Alles Klishee? Oder besser noch: Alles Kunst!!1!!!11!

Meinetwegen. Fühlt sich aber trotzdem oft genug beshissen an, in so einer Umgebung selber ans Mic zu gehen. Zumal die Kommentarspalten ähnliche metaphorish-kunstvollen Klishees hervorbringen. Gegen Frauen und Queers im Allgemeinen, oder eben - falls das entsprechende Video ausnahmsweise mal von einer Frau stammen sollte - gegen die Protagonistin selber.

Wenn man sich dann nicht dran erinnert, dass hier Diskurse miteinander reden, wird es shon shwierig, nicht wirklich zu überlegen, welche Handlungsaufforderung die beste ist: "Verpiss dich in die Küche!" - "Du kannst mir einen lutshen!" - "Geh dich umbringen!"

Aber genug der übersensiblen Meckerei. Hip Hop, Kunst, neoliberales Durchhaltevermögen. Man muss nur lang genug dran bleiben und sich ein dickes Fell wachsen lassen. Vor allem letztlich denen gegenüber, die in der Crowd oder den Redaktionsbüros ein bisschen mitleidig irgendwie einsehen, wo das Problem ist, aber es ist eben Battlekultur. Das wisse man ja.

Mein Battle besteht darin, diesen ganzen Battle-Ottos mit ihren bekackten Rape-Jokes solche Erfahrungen nicht an den Hals zu wünschen. Besonnen bleiben in einem Umfeld, wo "privat immer alle total nett sind". Wie im echten Leben.

Und wie im echten Leben werde ich mich weiterhin mit Frauen und Queers solidarisieren, realistishe Lobeshymnen auf sie singen, sie als MCs, DJs, Producerinnen, Beatboxerinnen, Expertinnen, Fans, Promoterinnen, Managerinnen, Writerinnen, Sängerinnen, Journalistinnen abfeiern und weiterempfehlen. Mich auf sie beziehen, sie als Autoritäten anerkennen, sie zu Vorbildern erklären, meine Ressourcen mit ihnen teilen, Features mit ihnen machen, mit ihnen touren, sie pushen, sie kritisieren und mich über jede einzelne, die auf, vor oder hinter der Bühne da ist zu freuen. So lange, bis sich alles normalisiert und sich der Wunsh nach Selbstverständlichkeit endlich erfüllt hat.

Außerdem werde ich weiterhin verbündete Männer in diesem ganzen Zirkus dafür respektieren, dass sie den Arsh in der Hose, haben nicht bei dieser peinlichen selbstreferenziellen Gewaltgeilheit mitzumachen. Was meint ihr, wie viele smarte, grundanständige Männer sich dafür zutiefst shämen, was so manch ein Rapper explizit oder implizit (Sexismus geht übrigens auch ohne das entsprechende Vokabular. Nachzuvollziehen etwa bei Cros "Easy") im Namen von Rap als Provokation oder Satire verkaufen will.

Ich hätte auch Cello lernen oder Countrysängerin werden können. Ich kann mich auch aus Hip Hop verpissen, wenns mir nicht passt. Ich hab irgendwo mal gelesen: "Rap hat keine Probleme, Rap hat Sookee." Tolle Ambivalenz, nicht wahr?

Oder aber, ich bleib' solange auf der Bühne wie ich Bock drauf hab'. Denn ich bestimme genauso, was Hip Hop ist. Entgegen aller Vernichtungsphantasien. Deal with it.

Kool Savas
(King of Rap, Battle-Otto und Feminist)

Aus dem Stegreif fällt mir außer Melbeatz komischerweise auch keine Produzentin ein, nee. Woran das liegen könnte? Frauen finden das vielleicht einfach nicht so krass interessant. Frauen, die Musik machen, spielen ja auch seltener irgendwelche Instrumente. Frauen sind viel öfter Vokalisten. Wenn man der Sache auf den Grund gehen will: Männer sind ja eh sehr technische Wesen. Wir spielen früh mit Lego. Wir sehen viele Sachen relativ emotionslos und lernen erst einmal die technische Seite.

Am Anfang fällt es ja schwer, auf einer emotionalen Basis Musik zu machen. Du musst erst mal die Technik lernen. Sprich: Du musst erst dein Instrument beherrschen. Beim Produzieren ist es genauso: Du musst den Computer beherrschen, die Programme und so weiter. Das Singen ist eigentlich das Einzige, wo du relativ unbedarft rangehen und sagen kannst: 'Ich mach' das jetzt einfach, aus dem Bauch raus.' Ich glaube fast, darauf ist das zurückzuführen. Ein Mann setzt sich hin und lernt einfach mal so richtig detailliert die Scheißgitarre, bis er da einen Ton rauskriegt, und fängt dann an, sich selbst darin zu verwirklichen.

Das kann man jetzt natürlich sicher nicht absolut verallgemeinern, aber zum großen Teil, glaube ich, könnte es daran liegen. Ich bin schon Feminist, bis zu einem gewissen Maß. Aber ich bin auch Realist. Ich glaube, dass Frauen und Männer grundlegend verschieden sind, und ich find' das auch nicht schlimm. Ich find' das sehr schön. Wenns nicht so wäre, wäre es komisch für mich. Es soll niemandem zum Nachteil ausgelegt werden, aber ich denke schon, dass es grundlegende Unterschiede gibt, allein schon bei der Herangehensweise. Wie man Dinge macht, wie man seine Kunst lebt.

Die Tatsache, dass Mel 'ne Frau ist, hat unsere Zusammenarbeit trotzdem weniger beeinflusst. Eher schon, dass wir ja auch privat sehr viel miteinander zu tun hatten und es da natürlich eine emotionale Ebene gab. Das hat uns auch nicht immer gut getan. Wir haben uns deswegen relativ häufig gestritten. Zum Beispiel hat sie musikalische Entscheidungen von mir persönlich genommen, das war schade. Gerade in der Anfangszeit, weil sie halt auch ziemlich locker-flockig an alles herangegangen ist und oft auch mal irgendwas einfach gemacht hat, kam vor, dass zum Beispiel im Arrangement Sachen waren, bei denen ich meinte: 'Ne, das passt jetzt irgendwie nicht.' Da war sie dann schon auch stinkig. Das war natürlich schwer, weil ich ja auch zehn Jahre mehr Erfahrung hatte, schon viele Songs aufgenommen hatte, während sie ganz neu in diesem Ding aktiv war. Ja, das gab schon manchmal Probleme.

[Moooment. Hat Kool Savas gerade wirklich gesagt, er sei Feminist? Begrüßenswert - aber manche seiner Texte legen das nicht unbedingt nahe. Wir haken nach.]

Jaaa, was man da textlich macht und das, was die Leute an Informationen aus den Texten ziehen, das sind zwei Welten. Ich hab' das alles immer viel abstrakter gesehen, selbst bei Tracks wie "LMS" oder so. Auch nicht immer so tiefsinnig, auch mal ohne Message. Subebene, aber nicht unbedingt 'ne Submessage. Ich hab' das schon immer getrennt. Für mich ist ein R'n'B-Sänger auch nicht automatisch ein weicher Typ. Genauso wenig halte ich einen Heavy Metal-Typen oder einen Rocker gleich für einen harten Draufgänger. Ich kann das alles schon auch komplex sehen.

Eine Frau, die immer alles direkt persönlich nimmt, hat es im Hip Hop mit Sicherheit schwerer als da, wo man ein bisschen locker-flockig Popmusik macht. Aber ich denke, es kommt immer auf den Charakter des Einzelnen an, ob die Leute sich davon abfucken lassen oder nicht. Ich denke noch nicht einmal, dass Hip Hop selbst sexistisch ist, sondern die Jugend, unsere ganze Gesellschaft ist extrem sexistisch. Das spiegelt sich nur in einer Musikrichtung wie Rap, wo man kein Blatt vor den Mund nimmt und auch gerne mal auf die Kacke haut, noch einmal viel stärker wider.

Ich denke, insgesamt rappen heute viel mehr Menschen als früher. Deswegen gibt es automatisch auch einen größeren Anteil rappender Frauen. Invincible find' ich zum Beispiel sehr cool, deren Song "Sledgehammer": meganice. Oder diese Gavlyn ... Es gibt inzwischen Frauen, die megainteressante Sachen machen. Die gab es früher auch. Aber ich hab' das eigentlich nie so krass differenziert. Ich hab' damals auch schon YoYo gehört, Wenn Queen Latifah irgendwas Geiles gerappt hat, fand ich das auch schon cool. Oder 'ne Heather B. Oder Bahamadia. Mir persönlich fällt nicht so auf, ob es da eine Entwicklung gibt, weil ich da nicht so darauf achte. Wenn ich mich wirklich damit beschäftigen würde, könnte ich wahrscheinlich eine genauere Antwort geben. Ich glaube, es ändert sich eh alles, die ganze Zeit. Alle werden immer offener. Die ganze Gesellschaft wird offener, in allen Bereichen. Daher wahrscheinlich auch im Rap.

Fotos

Kool Savas und Sookee

Kool Savas und Sookee,  | ©  (Fotograf: Niko Dittmann) Kool Savas und Sookee,  | ©  (Fotograf: Niko Dittmann) Kool Savas und Sookee,  | ©  (Fotograf: Niko Dittmann) Kool Savas und Sookee,  | ©  (Fotograf: Niko Dittmann) Kool Savas und Sookee,  | ©  (Fotograf: Niko Dittmann) Kool Savas und Sookee,  | ©  (Fotograf: Niko Dittmann) Kool Savas und Sookee,  | ©  (Fotograf: Niko Dittmann) Kool Savas und Sookee,  | ©  (Fotograf: Niko Dittmann) Kool Savas und Sookee,  | ©  (Fotograf: Niko Dittmann) Kool Savas und Sookee,  | © Springstoff (Fotograf: ) Kool Savas und Sookee,  | © Springstoff (Fotograf: ) Kool Savas und Sookee,  | © Springstoff (Fotograf: ) Kool Savas und Sookee,  | © Springstoff (Fotograf: ) Kool Savas und Sookee,  | © Springstoff (Fotograf: ) Kool Savas und Sookee,  | © Springstoff (Fotograf: ) Kool Savas und Sookee,  | © Springstoff (Fotograf: ) Kool Savas und Sookee,  | © Springstoff (Fotograf: ) Kool Savas und Sookee,  | © Springstoff (Fotograf: )

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Die Frau in der Musik Folge 2: Deutsche Texte

2017 ist jeder Tag Frauentag. Sortiert nach Genre oder Thema, bringen wir euch 365 Interpretinnen und Bands näher. Heute: Musik auf Deutsch, die Vorreden stammen von Judith Holofernes und Linus Volkmann.

laut.de-Porträt Sookee

"Hip Hop kann immer nur so homophob und sexistisch sein wie die Gesellschaft, in der er stattfindet." Davon zeigt sich Sookee überzeugt. "Ich hatte dringend …

laut.de-Porträt Kool Savas

"Kool Savas ist der Endboss, gegen mich ist Krieg 'ne Fete / Ich mach' stark auf bester Freund und ramme Schwanz in deine Käthe." (Aus "Schwule Rapper", …

11 Kommentare mit 37 Antworten, davon einer auf Unterseiten

  • Vor 7 Monaten

    Da fehlen noch Antifuchs,Gavlyn und vor allem Nazz von 58muzik :)

  • Vor 7 Monaten

    Hier mit dieser Liste einen auf progressiv machen und anderswo, in den dunkelsten Ecken der Fäden ziehenden Kommentarfunktion hinterrücks altehrwürdige User löschen. Es ist dieses Obama-Syndrom.

    • Vor 7 Monaten

      Mal ganz davon abgesehen, dass Jean Grae fehlt, die wahrscheinlich mehr dafür getan hat, dass Frauen im Rapgame mittlerweile einigermaßen ernst genommen werden, als 50% der aufgelisteten Namen zusammen. Und ihr überlegt rum wegen Kitty Kat.

    • Vor 7 Monaten

      +1, habe Jean Grae auch vermisst! Shame on laut, mehr denn je dieser Tage.

  • Vor 7 Monaten

    Das lustige ist doch, dass in dieser Liste niemand fehlt. Ebenso wie die Reihe kann sie am Ende gar nicht komplett sein. Jeder weitere Name, der hier fällt, ist ein Gewinn, der noch einmal untermauert, dass es eben viel mehr Musikerinnen gibt, als manch einer denkt.

    • Vor 7 Monaten

      Nur mal so (und no hard feelings), weil dieses Argument hier bei solchen Listen sehr häufig gebracht wird:

      Wenn jemand bei einer solchen Liste sagt, dass xy fehlt, steckt darin gewöhnlich bei einem gesetzten Limit, wie hier 30(+1) Einträgen, implizit die Forderung, dass jemand anderes dafür rausfällt. Es wird also nicht die fehlende Komplettion der Liste kritisiert, denn, dass es die nicht geben kann, ist ja schon klar, da man implizit anerkennt, dass es sich um eine Auswahl handelt. Die Kritik bezieht sich stattdessen auf die Relation von Ausgewählten zu Auswahlkriterium.

      Beim Beitrag des Affen wird z.B. durch den letzten Satz ("Und ihr überlegt rum wegen Kitty Kat.") deutlich, dass sein Argument nach diesem Schema funktioniert, weil er sich damit eindeutig auf die Auswahl bezieht.

      Eine solche immanente Kritik kann man nicht mit dem Hinweis darauf zurückweisen, dass eine Liste, die eine Auswahl trifft, niemals komplett ist, da die kritisierende Person ja schon selbst in den Prämissen davon ausgeht.

      Man kann das "komplett" natürlich auch auf das Auswahlkriterium beziehen, aber sich da Kritik zu versperren ist halt nicht besonders offen.

      Natürlich galt es auch nach Standing im Biz zu entscheiden, deswegen habt ihr ja auch eine Iggy Azalea reingepackt. Deshalb freue ich mich, um das hier auch mal zu erwähnen, darüber, dass Dej Loaf und Little Simz in der Liste sind. Aber auch nach diesen Aspekten hätte Jeam Grae dazugehört, ich halte das für eine validen Kritik.

      Und du hast natürlich ganz recht, dass hier zusätzliche Namen genannt werden, ist ein Gewinn einer aktiv kommentierenden Community. ;)
      Ich werfe mal noch Kreayshawn, Gangsta Boo, Nyemiah Supreme und Cardi B in die Runde. :D

    • Vor 7 Monaten

      gangsta boo hätten wir tatsächlich auch mitnehmen können, stimmt. :D

      ... wie vierzig andere, allerdings. was der kabelitz sagt: jede, die ihr hier als fehlend nennt, macht die liste besser. also nur weiter.

    • Vor 7 Monaten

      Selbst mir, dem das Genre quasi am Allerwertesten vorbei geht, kämen ein paar Namen in den Sinn, die auch aufgezählt hätten werden können, zumal ich sie gerne höre: Jlin und Otep Shamaya etwa.
      Dank und Lob für die Zusammenstellung der Liste. Diesmal mit besonders vielen mir bislang unbekannten Künstlerinnen. Ich hatte schon befürchtet im März käme keine mehr.

    • Vor 7 Monaten

      Danke. Es werden andere Genres und Themen kommen, in denen am Ende noch viel mehr fehlen.

    • Vor 7 Monaten

      Ich versuche halt irgendwie einen interessanten Mittelweg zwischen den Zugpferden und ein paar Empfehlungen zu finden.

    • Vor 7 Monaten

      yo kabelitz.. alles ok bei dir? oder soll ich dir, bei der menge an Östrogenen, die du so versprühst, vorsichtshalber ne packung binden schicken? :confused:

    • Vor 7 Monaten

      :lol:
      Bin - wie jeder hier weiß - natürlich ein riesiger Fan von Female MCs, die am Mic so richtig zerbersten.

    • Vor 7 Monaten

      du gehst in deiner neuen rolle ja richtig auf :D

    • Vor 7 Monaten

      Wieso meinst du? War doch schon immer ein total großer Fan von talentierten Frauen am Mic!!!