Porträt

laut.de-Biographie

Lydia Lunch

Lydia Lunch ist nicht nur eine Ikone der Punk/Postpunk/No Wave-Szene. Die quirlige Amerikanerin darf man getrost als perfekte Allroundkünstlerin bezeichnen. Sängerin, Spoken Word-Poetin, Schriftstellerin, Schauspielerin, Soundtrackkomponistin, Buchautorin, Regisseurin und Vorreiterin der Riot Grrrl-Bewegung, so lauten nur ein paar Attribute ihrer Karriere.

Lydia Lunch & Cypress Grove - Under The Covers
Lydia Lunch & Cypress Grove Under The Covers
Herrlich kaputte Cover: Nick Cave meets Morricone.
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Dabei sah der Beginn ihrer Laufbahn alles andere als rosig aus. 197, im Alter von 16 Jahren, zieht es Lydia Anne Koch von Rochester nach New York City. Vollkommen abgebrannt und mit nichts im Gepäck außer "einem roten Koffer, einem Wintermantel und 'nem verdammt üblen Ruf" kommt sie im Big Apple an.

Dort landet sie gleich an der richtigen Adresse, einer Art Künstler-Kommune, in der sich auch viele Musiker der aufkeimenden New Yorker Avantgarde/No Wave-Szene bewegen. Kreativität und Armut sind an der Tagesordnung. Willy DeVille verpasst ihr in dieser Periode den Künstlernamen Lydia Lunch, weil sie für ihn und andere befreundete Bands (The Dead Boys) zum Überleben oft Essen stiehlt.

Bereits die ersten musikalischen Gehversuche mit ihrer Combo Teenage Jesus And The Jerks zeigen die rohe, zornige und dabei vollkommen unbekümmerte Richtung ihres künftigen Schaffens. Damals ein totaler Kommerzflop, genießen diese frühen Platten heute echten Kultstatus. Ein weiteres frühes Highlight veröffentlicht sie 1980 mit dem Solodebüt "Queen Of Siam", das neben einer berühmt-berüchtigten Version von "Gloomy Sunday" auch Szeneklassiker wie "Atomic Bongos" enthält.

Ein besonderes Merkmal Lunchs ist ihre sprühende Kontaktfreudigkeit und das sympathische Charisma. Kaum eine Künstlerin hat so viele Legenden ihres Fachs zum Freund (Swans, Nick Cave, Einstürzende Neubauten, Henry Rollins, Sonic Youth, etc.). Zahllose Kollaborationen sind der verdiente Lohn für diesen Wesenszug. Mal ist sie die Muse ihrer Kumpel (etwa "From Her To Eternity"), mal stellen jene sich in den Dienst von Lunchs Alben und Auftritten.

Ein paar dieser Werke ragen deutlich aus dem eigenen Katalog heraus. Mit William S. Burroughs realisiert sie das grandiose Spoken Word-Werk "Better An Old Demon Than A New God" (1984). Ebenso empfehlenswert ist das sechs Jahre darauf erscheinende "Our Fathers Who Aren't In Heaven" (mit Henry Rollins & Hubert Selby ("Last Exit Brooklyn")). Beide Platten bilden die Essenz ihrer Sprachtexte.

1987 erscheint mit "Honeymoon In Red" eine ihrer wichtigsten musikalischen LPs. Die Songs hat sie gemeinsam mit der kompletten Birthday Party inklusive Cave anno 1982 aufgenommen. Es klingt ein wenig, als gehe der schroffe Underground eine Liaison mit dem Geiste Brels ein.

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Auch thematisch handelt es sich hierbei um ein Schlüsselwerk in Lunchs Katalog. Kommerzialisierte Frauenfeindlichkeit bekommt ihr verdientes Fett ebenso weg wie das puritanische Denken und religiös motivierte Benachteiligung. Im Gegensatz zu den meisten zeitgenössischen Feministinnen verleugnet Lunch Sinnlichkeit, Gewaltsymbole und Erotik jedoch nicht, sondern baut beides offensiv als festen musikalischen und ästhetischen Bestandteil in ihre Kunst ein. "Honeymoon In Red" gilt später als der Urknall des Riot Grrrl-Movements.

Mit dem engen Freund Rowland S. Howard (The Birthday Party, Crime & The City Solution, These Immortal Souls) setzt sie zu Beginn der 90er Jahre noch einen drauf. "Shotgun Wedding" offeriert dem Hörer schwerblütige Bonnie & Clyde-Nummern, die jeder Lou Reed/Tom Waits-Fan anchecken sollte. Auch die gemeinsamen Konzerte der beiden bieten nahezu messianische Intensität.

2004 spielt sie zunächst in Asia Argentos gelobtem "The Heart Is Deceitful Above All Things" und zieht danach zurück nach Europa. Als neue Heimat erwählt sie sich Spanien im Allgemeine, Barcelona im Besonderen. Die Ausstrahlung ihres neuen Lebensraums hat auch musikalische Auswirkungen.

Vor allem jene Gegend, in der Sergio Leone manche seiner berühmten Spaghetti-Western drehte, Almeria, wirkt sich mit der Zeit nachhaltig auf ihre Musik aus. Mit den beiden Alben "A Fistful Of Desert Blues" und "Twin Horses" gelingt ihr zusammen mit dem Gitarristen Cypress Grove eine tolle Melange aus Blues und Western tauglicher Morricone-Geste. Beide Platten knüpfen nahtlos an die Qualität an, die sie mit dem zwischenzeitlich verstorbenen Rowland S. Howard vorlegte.

Im Laufe der Zeit avanciert das Duo Lunch/Grove vom Projekt zur dauerhaften Angelegenheit und echtem Stützpfeiler in Lunchs ohnehin beeindruckendem Spätwerk. Pünktlich zu ihrem 60. Geburtstag veröffentlichen beide mit "Under The Covers" im Sommer 2017 ein weiteres staubtrockenes Highlight voll dreckigem, abgerocktem Wüstenblues. Diesmal covert Lunch alles Mögliche (Hank Williams Jr., Allman Brothers, Gun Club) und Unmöglche (Bon Jovi) sowie eigene Lieder. Gemeinsam interpretieren Lunch und Grove die Vorlagen so überzeugend, man glaubt kaum, dass die Tracks überwiegend nicht von ihnen stammen.

Alben

Lydia Lunch & Cypress Grove & Spiritual Front - Twin Horses: Album-Cover
  • Leserwertung: 5 Punkt
  • Redaktionswertung: 4 Punkte

2015 Twin Horses

Kritik von Ulf Kubanke

Morricone und Leone schauen Lydia über die Schulter. (0 Kommentare)

Termine

Mo 04.12.2017 Bremen (Lila Eule)
Mi 06.12.2017 Esslingen (Jugendhaus Komma)
Di 12.12.2017 Berlin (Quasimodo)

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