Porträt

laut.de-Biographie

Jacques Brel

Er muss es irgendwann zu Beginn der 50er Jahre gespürt haben. Der Anfangs-Zwanziger Jacques Brel ist bereits verheiratet, hat drei Kinder und strebt zielsicher einem durch und durch bürgerlichen Leben in seiner Heimat Belgien entgegen. Doch diese Vorstellung will so gar nicht zu dem revolutionären Tatendrang passen, der den Jung-Sozialisten von Zeit zu Zeit überkommt. 1953 siegt der nicht mehr zu erstickende Impetus, Brel lässt Frau und Kinder in Flandern zurück und wandert nach Paris aus, in seiner Tasche einige Songskizzen, die sich über die Jahre angesammelt haben. Sein Traumberuf steht fest: Chansonnier.

Am 8. April 1929 im Brüsseler Vorstädtchen Schärbeck geboren, sieht sich Brel bereits früh mit dem Leben in der bürgerlichen Mittelklasse konfrontiert. Brels Eltern schicken ihn wie schon seine Brüder auf eine Privatschule, doch Klein-Jacques bleibt gleich mehrmals sitzen. 1947 findet seine Schulkarriere ein jähes Ende und Brel arbeitet fortan in Vaters Kartonagen-Fabrik.

Viel mehr begeistert den jungen Wilden allerdings die Bekanntschaft mit Hector Bruyndonckx, auf den er in der Jugend-Organisation "Franche Cordée" trifft. Den dort herrschenden Leitspruch "Plus est en toi" (In dir steckt mehr) sollte Brel bald ausführlich auf seine eigene Zukunftsplanung übertragen. Der Legende nach bringt Bruyndonckx den jungen Jacques dazu, seine seit 1948 angefertigten Texte mit Gitarrenbegleitung vorzutragen (obwohl sich der vorerst nicht traut, unter richtigem Namen zu singen) und fungiert weiter als Förderer, als das Talent des Jünglings immer deutlichere Züge annimmt.

In der Jugendgruppe lernt Brel auch Thérèse Michielsen, genannt Miche, kennen, die er im Juni 1950 vor den Traualtar bittet. Doch nach der Geburt der drei Kinder Chantal, France und Isabelle und ersten Eindrücken familiären Zusammenlebens zieht es Jacques 1953 endgültig weg von seinen Lieben im langweiligen Flandern und hin ins aufregende Metropolen-Leben von Paris. Auf kleinen Variété-Bühnen in verrauchten Clubs, aber auch auf einer Nordafrika-Reise mit Sydney Bechet trägt Brel über einen Zeitraum von fünf Jahren seine poetischen Chansons vor, bis ihn endlich die Welt der großen Showbühnen willkommen heißt. Im privaten Leben ist mittlerweile Suzanne Gabriello an seiner Seite, mit der Brel bis 1960 eine leidenschaftliche Affäre unterhält.

Die Wellen der Begeisterung, die der charismatische Choleriker ab 1958 über Nacht im Pariser Olympia entfacht, beschreibt der französische Figaro mit den mächtigen Worten "Ein Orkan namens Brel". Brels Geheimnis ist die Authentizität, die er bei seinen Live-Auftritten vermittelt: wenn der brav seitengescheitelte Lieblings-Schwiegersohn im Anzug am Mikro loslegt, verschwindet jegliches Ambiente um ihn herum.

Alles dreht sich nur noch um den grimmassierenden Erzähler, der pointierte Geschichten von der Liebe und der Sehnsucht auf Lager hat, der das Altern und den Tod in einer bislang nich gekannten, tragisch-melancholischen Vortragsform thematisiert. Natürlich polarisieren vor allem seine gesellschaftskritischen Wutanfälle, die in erster Linie auf das Kirchliche und das (belgisch) Kleinbürgerliche abzielen.

Die Wucht seiner Minidramen begeistern über die Jahre eine Vielzahl von Künstlern, u.a. Marc Almond, Scott Walker und David Bowie. Nach und nach erwächst Brel so zu einem der wichtigsten Gesellschaftskritiker neben dem Schriftsteller Boris Vian oder Sartres Existenzialistenzirkel im Frankreich der 60er Jahre. In "Amsterdam" erzählt er vom Leben der Seemänner in der holländischen Hauptstadt, sein häufig zitierter Riesenhit "Ne Me Quitte Pas" zeigt einen beinahe unterwürfigen Brel, während der Chanteur in "Les Bourgeois" durchaus selbstironisch jugendliche Revolutionsgedanken aufs Korn nimmt. Ärger mit den eigenen Landsleuten provoziert Brel mit seinem Titel "Les Flammands" (Die Flamen), in dem er die alte Heimat als langweilige Spießergegend enttarnt.

Nach etwa fünfzehn Jahren durchgängiger Bühnenpräsenz gibt Brel 1967 sein Abschiedskonzert im Olympia. In der Folgezeit arbeitet der Komponist abseits der Konzerthallen als Filmschauspieler, Theaterdarsteller, Musical-Autor ("L'Homme de la Mancha") und Regisseur ("Le Far West"). Frauengeschichten pflastern nach wie vor seinen Weg. Im Privatleben gibt es gleich drei zur Auswahl: Sowohl seine alte Liebe Miche, als auch eine gewisse Marianne und die junge Maddly Bamy sind dem Sänger seelischer Beistand.

Mit Bamy verlässt Brel Mitte der Siebziger sein französisches Zuhause per Segelschiff und legt mit seiner "Askoy" auf den Marquesainseln an: mit ihr lebt er von nun an in der Südsee. Dort entsteht 1977 seine erste Platte nach zehn Jahren, die gleichzeitig seine letzte sein sollte: "Les Marquises". Am 9. Oktober 1978 erliegt Jacques Brel im Alter von 49 Jahren dem Lungenkrebs, nachdem er eine Zeit lang in einem Pariser Krankenhaus behandelt wurde. Sein Grab liegt dennoch auf dem Friedhof von Atuana auf der Marquesas-Insel, ganz in der Nähe der Grabstätte des Malers Paul Gauguin. Die Verehrung für den Sänger ist seither ungebrochen: In Brüssel wartet sogar ein Jacques Brel-Centre täglich auf Besucher.

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