laut.de-Kritik

Gegen Trump, alle anderen Emcees und sich selbst.

Review von

Machen wir es kurz: "Section.80" ist ein Backpack-Klassiker, "Good Kid" sein "Illmatic" und "Butterfly" das sterbenslangweilige Opus Magnum für linksliberale Pitchfork-Pimps. Und "Damn."? "Damn." kommt einfach als verdammt gutes Rap-Album, das die Hit-Dichte des Debüts, den Straßengrind vom Nachfolger und die Black Power vom Grammy-Abräumer mit modernen Beat-Strukturen vereint. Endlich.

Allein die harte Synthie-Single "Humble", produziert von Mike Will Made It, und ein kurzer Blick auf die weitere Producer-Truppe um Alchemist, Cardo und 9th Wonder schicken die jazzig-funkigen Sounds des 2015er-King Kunta in den Orbit der Indie-Blogs.

In der Langfassung heißt das: Am Mic ist Kendrick wie Bayern München unter Pep. Er bietet keinen 08/15-Style an, er fordert Gegner wie Zuhörer, sich selbst wie Studiokollegen. Variabler flowend als jeder Emcee vor ihm, verpackt Lamar seine intensiven und vielschichtigen Lyrics dieses Mal in Radio-, Fitness- und Auto-taugliche Hits.

Auf "Love" taucht er tief ins 80er Soul-Pop-Revival von Future Hendrix, sucht mit Rihanna auf einer trap-kuscheligen Liebesballade die "Loyalty" und croont bei "God" besser als Drake, wenn auch unterstützt von Bekon, der in den besten Momenten gar an den viel zu unterschätzten Mr Hudson erinnert.

Kung-Fu Kenny mischt wieder als Sterblicher mit im Game. Nach den "Butterfly"-Jubelarien der Genre-übergreifenden Musikjournaille wähnte man den Kalifornier ja schon im erhabenen Genie-Club um Prince, Madonna und Co. und jenseits aller Rap-Profanität. Mit Zeilen wie "I'm willin' to die for this shit / I done cried for this shit, might take a life for this shit / Put the Bible down and go eye for an eye for this shit" kehrt er nun in den aggressiven Battle-Rap zurück.

Drei Gegner visiert er an: Trump und den rassistischen Teil der amerikanischen Gesellschaft, alle anderen Emcees und seine eigenen Sünden. Seine Auge-um-Auge-Aussage aus dem zünftigen, irgendwo zwischen 40 und RZA holpernden "Elements" holt er aus dem Alten Testament und krakeelt sie in die verrückte Welt hinaus.

In Zeiten von Donald und anderen Diktatoren wird Widerstand Pflicht. Kendrick wirft dafür seine Liebe zum Neuen Testament gleich im "Blood"-Intro aus dem Bentley. Über fast fröhliche Soul-Streicher erzählt er, wie er einer alten Dame auf der Straße hilft, nur um dann von ihr erschossen zu werden. Direkt im Anschluss sampelt er Fox News-Moderator Geraldo Rivera, als der seine provokante, politische BET-Performance 2015 on Air kritisiert – und switcht in den zweiten, fiebrigen und ultraharten Mike Will Made It-Beat "DNA".

Klarer geht es nicht, Kendrick ist zornig und bläst zum Angriff auf das erzkonservative Amerika. Wie in "Yah". "I'm not a politician, I'm not 'bout a religion / I'm a Israelite, don't call me Black no mo' / That word is only a color, it ain't facts no mo'." Er sieht die Afroamerikaner und alle Unterdrückten vor demselben Schicksal stehen wie die Juden zu Zeiten von Moses und Co.

Kendrick mag zwar kein Politiker sein, doch auch er weiß: Jeder braucht Verbündete. Zwar wütet er in "Feel", während nebenher ein leicht-wabernder Sade-Tune läuft: "Ain't nobody prayin form me." Doch im progressiven Amerika findet er gegen Trump altbekannte Freunde, repräsentiert von Bono und U2.

"XXX" ist zuerst ein böse humpelnder Old School-Beat mit Run DMC-Scratches und Public Enemy-Sirenen, in dem Kendrick die fast aussichtslose Situation in Schlagwörter kleidet: "It's murder on my street, your street, back streets / Wall Street, corporate offices / Banks, employees, and bosses with / Homicidal thoughts: Donald Trump's in office." Im zweiten Teil gesellt sich neben tonnenschwerem Boom Bap Mister Vox zum Rapper aus Compton. Die Hook sagt alles: "It's not a place / This country is to be a sound of drum and bass / You close your eyes to look around." Musik kann die Welt besser machen, zumindest jede kleine.

Kendrick ist jedoch kein stumpfer Prediger. Er kennt seine Feinde im Inneren und beendet das Album mit zwei Storytelling-Tracks auf Nas-Niveau. Im vom Alchemist-zerbrechlich produzierten "Fear" erzählt er drei Geschichten über die Furcht. Der erste Teil handelt von der Furcht eines Kindes, das mit häuslicher Gewalt aufwächst, in der zweiten Strophe kleidet Kendrick die Angst eines jeden Jugendlichen im Ghetto in eindrucksvolle Bilder: "I'll prolly die because I ain't know Demarcus was snitchin' / I'll prolly die at these house parties, fuckin' with bitches / I'll prolly die from witnesses leavin' me falsed accused / I’ll prolly die from thinkin' that me and your hood was cool." Im dritten Vers ist es dann die eigene Furcht, die Furcht von Mister Lamar Duckworth.

Mit "Duckworth" endet "Damn." verdammt groß. 9th Wonder packt die ganze Karriere-Klaviatur seiner Boom Bap-Beats aus, und Kendrick erzählt stimmig die anscheinend wahre Geschichte, als sein Top Dawg-Labelboss Anthony Tiffith fast Kendricks Vater Ducky am Drive-In-Schalter von KFC getötet hat. Zusammengefasst: Wenn Drake Nas wäre und zugleich der Sohn von Ice Cube, dann wäre er Kendrick Lamar.

Seine Leistung veranlasste Radio-DJ Paul Rosenberg zur frechen Äußerung, Kendrick sei der größte Rapper aller Zeiten. Das ist natürlich Quatsch. Noch. Die Diskussion rollt. Aber Kendrick holt auch dank "Damn." weiter auf. Die Top Five meiner Dead Or Alive-Liste hat er schon erreicht. Wen es interessiert:

1. Nas
2. 2Pac
3. Biggie
4. Jay-Z
5. Kendrick Lamar
6. Eminem
7. Rakim
8. Ghostface
9. Scarface
10. Ice Cube
11. André 3000
12. Big Daddy Kane
13. Lil Wayne
14. KRS-One
15. Common

Trackliste

  1. 1. Blood
  2. 2. DNA
  3. 3. Yah
  4. 4. Element
  5. 5. Feel
  6. 6. Loyalty feat. Rihanna
  7. 7. Pride
  8. 8. Humble
  9. 9. Lust
  10. 10. Love feat. Zacari
  11. 11. XXX feat. U2
  12. 12. Fear
  13. 13. God
  14. 14. Duckworth

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25 Kommentare mit 63 Antworten

  • Vor 5 Monaten

    Nas auf 1 macht dich definitiv zum Ehrenmann. ;)
    Albung ist gut, DNA. ist neben Humble das dickste Brett und im Gegensatz zu Butterfly kann man das Album halt auch durchhören ohne zwischendurch immer diese ewigelangen Passagen ohne jeglichen Rap zu durchwaten...einzig U2 Feature hätte halt nicht sein müssen.

  • Vor 5 Monaten

    K-Dot hat mit "Damn" wieder ordentlich abgeliefert. Für mich persönlich besser als TPAB weil zugänglicher und weniger sperrig, wobei ich die Bedeutung des Vorgängers nicht in Abrede stellen will. Im Grunde genommen wieder ganz großes Kino was Mr. Lamar abliefert.
    Bisschen OT: In der hiesigen Szene fehlt leider ein Gegengewicht wie Kendrick zu den ganzen YouTube-, (vermeintlichen) Gangsta-, Backpack-, Trap- und Clownrappern.

    • Vor 5 Monaten

      Deutscher Rap ist peinlich. Leider. Klar gibts Leute, die definitiv ihr eigenes Ding überzeugend durchziehen, aber das ganze Paket aus Beats, Skills, inhaltlicher Dichte und Image gibts einfach nicht.

    • Vor 5 Monaten

      Früher war ich Deutschrap-Fan voller Inbrunst. Heutzutage kommen maximal 2 gute Alben im Jahr raus, die ich mir geben kann. Der Rest ist meistens lieblos hingerotzer Dreck um den schnellen Euro zu machen und nähert sich von der Qualtität und der Daseinsberichtigung aufgrund des wirtschaftlichen und nicht des künstlerichen Faktors immer mehr dem Schlager an auch wenn das viele Rapper und Fans gar nicht hören wollen.

  • Vor 5 Monaten

    Humble gefällt mir tatsächlich ganz gut, obwohl ich mit Kendrick vor und nach GKMC nichts anfangen konnte.

  • Vor 4 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 3 Monaten durch den Autor entfernt.

  • Vor einem Monat

    Section.80 würde ich ne 4/5 geben, GKMC 5/5, TPAB 4,5/5 und Damn ne 425/5. Damn hat mich am Anfang extrem gepackt, weil sehr zugänglicher Sound. Element ist ein richtig guter Track, bis auf die Hook. Weitere Highlights: DNA, Pride, Fear, Duckworth. Leider gibt es auch einige misslungene Lieder wie das viel zu zuckrige Love oder das drakehafte God. Insgesamt aber ein sehr starkes Pop-Rap Album, dass man aber relativ schnell tot hören kann, ganz im Gegensatz zu GKMC, das einfach nie alt wird.