Porträt

laut.de-Biographie

Jonwayne

Was für den einen der klinisch-perfekte Klang einer Musikdatei ist, ist für den anderen das leichte Rauschen des Vinyls. Und für wieder einen anderen der womöglich leiernde Klang einer Kassette, das Abpassen des richtigen Augenblicks beim Spulen, die ständige Angst vor einem Bandsalat. Jonwayne gehört zu dieser raren Spezies. Dabei ist er als Kind der 1990er weit nach dem goldenen Zeitalter des Tapes geboren.

Trotzdem hört sein erster Release auf Stones Throw auf den Namen "Cassette" - und ist eine ebensolche. "Released only on cassette, playable on a cassette player", keine Kompromisse, stellt das Label bei der Veröffentlichung klar. Ob Jonwayne diesen Schritt erläutern wolle? "Eigentlich nicht." Auch hier gilt: keine Kompromisse.

Damit fällt das plötzliche Auftreten des Beatbastlers und Rappers aus La Habra in Kalifornien ebenso kurios und spannend aus wie sein Werdegang. Dass er im Januar 2012, kurz nach seinem 21. Geburtstag, einen Vertrag über drei Langspieler bei Stones Throw unterschreibt und in Szenekreisen als riesiges Talent gefeiert wird, ließ sich wenige Wochen zuvor nämlich kaum absehen.

Jonwaynes Glück geht ein weniger positives Ereignis voraus. Kutmah erwacht eines Morgen im Frühjahr 2010 von energischem Klopfen an seiner Tür. Die Polizei bringt den illegalen Einwanderer in ein Gefängnis in New Mexico, von wo aus er später nach Großbritannien abgeschoben wird. Mit einer Benefizveranstaltung versucht die DJ-Szene von Los Angeles zuvor vergeblich, einen der ihren zu retten. Jonwayne soll die Veranstaltung moderieren, wünscht sich Kutmah.

Die beiden lernen sich bei der legendären Party-Reihe The Low End Theory kennen, die nicht nur Künstler wie Flying Lotus oder The Gaslamp Killer bekannt gemacht hat, sondern auf der auch Musiker wie Thom Yorke oder Erykah Badu geheime DJ-Gigs geben.

Jonwayne ist erst 17, als er Kutmah eine CD mit eigenen Werken in die Hand drückt. Dieser wiederum arbeitet gemeinsam mit DJ Nobody, dem Veranstalter der Party-Reihe, in einem Plattenladen. Ehe sich Jonwayne versieht, ist er selbst Teil des Line-Ups.

Eine Gästeliste wie bei Kutmahs Benefizveranstaltung hat er dort aber noch nicht erlebt. Mayer Hawthorne kommt, um aufzulegen. Ebenso Label-Kollege Dam-Funk und Stones Throw-Chef Peanut Butter Wolf. Er wolle ihm doch bitte Material zuschicken, bittet er Jonwayne, nachdem er ihn auf der Bühne hat rappen hören. Ein Traum wird wahr.

Nur ein paar Jahre vorher entdeckt der Teenie Madlibs "Beat Konducta"-Reihe für sich. Flying Lotus' "Pet Monster Shotglass" von dessen Klassiker-EP "1983" dient als Beat zum ersten Raptext, den Jonwayne schreibt. Zuvor trifft er bei einem Workshop für Nachwuchskünstler auf den Produzenten Avi, der ihn mit anderen angehenden Musikern aus West Covina zusammenbringt. Zu diesem Zeitpunkt hatte der körperlich füllige Jonwayne dem Football bereits abgeschworen, um sich auf Poesie und Theater zu konzentrieren.

"Es war beängstigend", erinnert er sich bei LA Records an PB Wolfs Aufforderung, "der Ball war in meiner Hälfte und nur ich konnte entscheiden, was ab diesem Punkt geschehen würde. Ich fühlte mich wie in einem Schachspiel oder sowas." Drei schnell eingespielte, nicht weiter bearbeitete Raps genügten, um den Labelchef zu überzeugen.

Dabei hätte sich Wolf einfach Jonwaynes vorher bei Alpha Pulp veröffentlichte Alben anhören oder einen der vielen Umsonst-Mixes von seiner Homepage laden können. "Mein Zeug klingt wie die Synthie-Erkundungen in den 70ern und 80ern. Ich bin sehr beeinflusst von den Moog-Alben aus den 1960ern", verweist Jonwayne auf den Synthesizer von Robert Moog, der die Musikwelt aus den Angeln gehoben hat.

Damals begann auch der Siegeszug der sogenannten Musicassette. Mehr als 40 Jahre später ist sie zumindest auf dem westlichen Markt praktisch nicht mehr existent. So bleibt "Cassette" natürlich eine Ausnahme. Die Beatsammlung "Oodles Of Doodles" schimpft sich zwar Mixtape, erscheint jedoch nur auf CD und als MP3. Für die drei anstehenden Alben kommt zusätzlich nur Vinyl infrage.

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