Porträt

laut.de-Biographie

Jamie Lidell

Eine Entwicklung vom englischen Landei über den gefragten Londoner Dancefloorproduzenten hin zu einem der besten Live-Performer der elektronischen Musikszene findet man nicht alle Tage. Wenn der Protagonist der Presse bezüglich seiner Gesangsqualitäten zudem Vergleiche mit Prince, Stevie Wonder oder gar Marvin Gaye entlockt, lohnt ein Blick auf seinen Werdegang doppelt.

Jamie Alexander Lidderdale ist kein Kind der Großstadt. Geboren im September 1978 im beschaulichen Huntingdon, wächst er fernab jeglichen Trubels auf dem Land auf. Es bleibt Vermutungen überlassen, ob es eben diese Ruhe ist, die danach schreit, ausgefüllt zu werden. Oder ob die Schulaufführung, in der Klein-Jamie ein Eichhörnchen dargestellt haben soll, tatsächlich stattgefunden hat.

Ohne Zweifel besucht Jamie aber eine Schule; er erhält dort unter anderem Schlagzeug- und Percussionunterricht. Jetzt noch den zungenbrecherartigen Nachnamen aussprachefreundlich verkürzt, und der Grundstein für Jamie Lidells musikalische Karriere ist gelegt.

Vielseitigkeit ist Trumpf im Showgeschäft, Jamie lässt sich von der Musik von Prince und Funkadelic beeinflussen. Nebenher lernt er Posaune und Gitarre und startet Versuchsreihen, an wie viele Effektgeräte gleichzeitig man letztere anschließen kann, bevor ein Arzt gerufen werden muss. Eine Erbschaft investiert er komplett in Studioequipment. Synthesizer, Verstärker und Drummachines bilden die richtige Grundausstattung - für ein Philosophiestudium in Bristol.

In den kommenden Jahren entstehen die ersten Studioaufnahmen. Jamie Lidell hat es, mit einem Umweg über London, nach Brighton verschlagen. Subhead gelten als die Punk-Rocker unter den Techno-Heads.

Zahlreiche ihrer Veröffentlichungen (unter anderem auf dem Berliner Label Tresor) zeigen Einflüsse von Hip Hop, Breakbeat, Freestyle und Electro auf harten Technosound. Jamie Lidell steht in derart engem Kontakt zu Jason Leach und Phil Wells von Subhead, dass er zuweilen als drittes Mitglied gehandelt wird.

Unter den Fans von Subhead findet sich auch der in Chile geborene Produzent Cristian Vogel. Lidell und Vogel lernen sich kennen, Jamie beginnt, Computer in seine Arbeit mit einzubeziehen. Wenig später heben sie das gemeinsame Projekt Super_Collider aus der Taufe.

"Head On", das erste Super_Collider-Album von 1999, erntet viel Applaus. Das Nachfolgealbum "Raw Digits" erscheint 2003.

Musikalisch sprengen Super_Collider alle Genregrenzen. Die ab und an verwendete Bezeichnung "digitaler P-Funk" etikettiert das explosive Noise-Gemisch mit souligen Vocals (allesamt von Jamie Lidell) noch am zutreffendsten. Daneben publiziert Lidell als G. Lister und unter anderen Pseudonymen Techno- und Dancefloortracks.

Sein erstes Soloalbum "Muddlin Gear" erscheint 2000 auf Spymania Records, dem Label, das auch die frühen Resultate von Squarepusher präsentiert. "Muddlin Gear" ist kein Kandidat für die Liebe auf den ersten Blick.

Wer sich auf die wüste Mixtur einlässt, bemerkt die Spuren Tod Docksteaders, des amerikanischen Experimentalisten, dessen Arbeiten aus den 60ern in den frühen 80er Jahren wieder veröffentlicht wurden, und der als Ur-Opa der Szene sämtliche Elektronikmusiker der folgenden Dekaden beeinflusst hat. Daneben hinterlassen Marvin Gaye, John Coltrane, Pharoah Sanders und Sun Ra ihre Visitenkarten. "Muddlin Gear" ist ein Gesamtkunstwerk, wenn auch eins von der anstrengenden Sorte.

Bis zur Fertigstellung des nächsten Albums vergehen fünf Jahre. Getrieben von der Erkenntnis, seine Stimme sei das Instrument, mit dessen Hilfe musikalische Einfälle schneller und unmittelbarer umzusetzen seien als mit jedem anderen, feilt Lidell an seiner Gesangstechnik. Das Resultat hört man auf "Multiply": Gesangslinien, gesamplet und geloopt, über funky Melodien.

Jamie Lidell lebt und arbeitet mittlerweile in Berlin. Neben seiner eigenen Musik bereichert er als Begleitmusiker Produktionen von Künstlern wie Mocky und Gonzales, die ihm auch immer wieder live auf der Bühne zur Seite stehen. Dort erst läuft Lidell zu wahrer Größe auf und entpuppt sich als wahre Rampensau.

Nicht jedes britische Landei darf die Bühne für Soulbrother No.1, Mr. James Brown, vorwärmen: Bei den Stuttgarter Jazz Open 2005 erledigt Jamie Lidell diese Aufgabe mit Bravour. Inzwischen gilt er selbst als überaus gefragter Festival-Act und Publikumsmagnet.

2006 teilt er seinen Fans mit "Multiply Additions" einen Nachschlag zu: Wie der Titel vermutan lässt, beinhaltet die Zusammenstellung Remixe und Live-Versionen, komplettiert den Vorgänger "Multiply" und hilft, die Wartezeit zu überbrücken.

Das nächste Album "JIM" nämlich, das folgt erst im April 2008. Fest verwurzelt im erdigen Boden der 60er, schlägt Jamie Lidell, der seit jeher keinerlei Berührungsängste mit moderner Elektronik pflegt, einen Bogen in die Gegenwart. Seinen von Soul, Blues und Rock'n'Roll inspirierten Nummern verleiht er so stets einen unerwarteten Dreh. "Little Bit Of Feel Good", der Titel der Vorab-Single, stapelt tief: "JIM" birgt weit mehr als nur ein bisschen Vergnügen.

Ohne den Soul hinter sich zu lassen, schlägt Jamie Lidell für "Compass" wieder experimentellere Töne an. Seine Stimme steht jedoch unverändert im Mittelpunkt der keiner Konvention gehorchenden Produktionen. Neben Gonzales wirken diesmal unter anderem Beck, Feist, Pat Sansone von Wilco sowie Drummer James Gadson mit.

"Now I know the only compass that I need is the one that leeds me back to you", singt Jamie Lidell im Titeltrack. Eigentlich braucht der Mann gar keinen Kompass mehr: Er hat seinen eigenen Weg abseits ausgetretener Pfade längst gefunden. Der führt ihn über einen Zwischenstopp in New York ausgerechnet in die Welthauptstadt des Country, nach Nashville in Tennessee.

Auf seinen Sound wirkt sich dieser Schritt ebenfalls aus, auch wenn der akustische Cowboy-Hut im Schrank bleibt. "Ich hatte endlich Platz, um all mein Equipment auszubreiten", schildert er seinen Umzug. "Wir haben nach und nach das ganze Haus in ein Studio verwandelt."

Entsprechend treten auf seinem selbstbetitelten Album, das Anfang 2013 erscheint, die elektronischen Elemente wieder stärker in den Vordergrund. Seiner Liebe zum Funk tut dies jedoch keinen Abbruch:

"Als Teenager hatte ich nur einen einzigen Helden, und das war Prince", erklärt Jamie Lidell. "Prince ist die Blaupause für alles Spätere. Er hat Sly Stone, George Clinton und all die anderen krassen Typen und ihre Styles zusammengedacht und gezeigt, wie grandios das klingen kann. Wenn du damit aufwächst, denkst du nicht: 'Oh, Motown und House, dazwischen muss es doch eine klare Grenze geben!'"

"Überhaupt gibt es keine klaren Grenzen, sie sind hinfällig", fasst Jamie Lidell seine eigene Philosophie zusammen. "Alles, worauf man steht, darf rein in den Pott und in diesem Gebräu aufgehen, das man gemeinhin als Funk bezeichnet."

News

Alben

Jamie Lidell - Compass: Album-Cover
  • Leserwertung: 5 Punkt
  • Redaktionswertung: 5 Punkte

2010 Compass

Kritik von Dani Fromm

Surrealer Akustik-Trip mit Beck, Feist und anderen illustren Gästen. (0 Kommentare)

Jamie Lidell - JIM: Album-Cover
  • Leserwertung: 5 Punkt
  • Redaktionswertung: 4 Punkte

2008 JIM

Kritik von Dani Fromm

Parade von Ohrwürmern mit Wurzeln tief im Soul. (0 Kommentare)

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