laut.de-Kritik

Surrealer Akustik-Trip mit Beck, Feist und anderen illustren Gästen.

Review von

Aus einem Schritt rückwärts zwei riesige Sätze nach vorn zu machen: ein Kunststück, wie es nur einem in sich widersprüchlichen Geist wie Jamie Lidell gelingt. Sein viertes Album bewegt sich weg von den - nicht minder gelungenen - Soul-Reminiszenzen seiner beiden Vorgänger "JIM" und "Multiply", zurück in Richtung "Muddlin Gear" und noch weiter in Super_Collider-Gefilde.

Statt sich aber auf bereits Dagewesenes zu beschränken, erschließt Jamie Lidell sich und seiner Hörerschaft ganz neue musikalische Welten. Den Kompass kann man für die Reise dorthin getrost vergessen. Er würde ohnehin nichts nützen.

Wie ein Ausrufezeichen steht "You See My Light" am Ende des Albums - zwar mit zarter Feder gezeichnet, deswegen jedoch um so nachdrücklicher. Zwischen diesem Schlussakkord und dem deutlich elektronischer geprägten Beginn mit "Completely Exposed" spannt Jamie Lidell schätzungsweise dreieinhalb verschiedene Universen auf, die massig Platz für ein geradezu absurdes Sound-Sammelsurium bieten.

Dengelnde Gitarren und wie Tischtennisbälle klackernde Beats stecken in "Your Sweet Boom", in "The Ring" wird fleißig in die Hände geklatscht. Orgelsounds, gluckerndes Wasser, eine Melodie wie aus der Spieldose: alles drin. Wie schräg und sperrig es aber auch werden mag: Überall entwickeln sich absolut zwingende Grooves.

Klappernde Kastagnetten und Streicher, wie sie pompöser in keinem Karl-May-Film anzutreffen wären, zieren den Titeltrack - aber auch eine balladentaugliche Akustikgitarre. "Coma Chameleon" wartet mit hallenden Schlägen wie direkt aus der Fabrikhalle auf.

Jeder Track ändert mehrfach Charakter und Atmosphäre. "It's A Kiss" erblüht in seinem Verlauf beispielsweise wie ein Garten, den allerdings nicht die Sonne, sondern silbernes Mondlicht bescheint. Einen Strauß akustischer Sternschnuppen hält Jamie Lidell zusätzlich parat. Könnte ja eventuell langweilig werden.

Unwirkliche Klänge, wohin man hört. Verzerrte Perspektiven, wohin man schaut. Zuweilen fühlt man sich in all dem wabernden Gewobbele wie auf einem freundlichen Pilztrip. Manchmal ist man sich nicht einmal sicher, ob man gerade wirklich eine Hammondorgel, eine Flöte, eine Sitar gehört oder sich das Instrument am Ende nur eingebildet hat.

Dann wird es plötzlich wieder handfest: "Enough's Enough" wirkt mit seinem funky hoch- und runterkletternden Basslauf wie aus dem Archiv der Jackson 5 gemopst. Jamie selbst singt hier wie der junge Michael.

"I Wanna Be Your Telephone" birgt - neben einer zeitgemäßen Neuauflage der Knopf-an-deiner-Bluse-Metapher - härtere, fast technoide Klänge. Dabei reitet die Nummer gnadenlos das Laid Back'sche "White Horse". Im Hintergrund stöhnt es wie weiland Donna Summer, die Disco-Queen. Dem DJ gleichen Namens dürfte das wüste Durcheinander ebenso einen wohligen Seufzer entlocken.

In der Vielfalt der musikalischen Ausgestaltung machen sich die zahlreichen Gäste bemerkbar. Neben Beck, der seine Finger in der kompletten Produktion hatte, treten unter anderem Feist, wieder einmal Gonzales, Wilcos Pat Sansone oder James Gadson, der bereits für Bill Withers oder Quincy Jones trommelte, in Erscheinung.

Genauso facettenreich gibt sich - mal mit, mal ohne Effekt - Jamie Lidells Gesang voller Herzblut und Hingabe: Prince und Stevie Wonder - an den Haaren herbei gezogen erscheinen diese hochkarätigen Vergleiche auch diesmal nicht.

"Now I know the only compass that I need ist the one that leeds back to you", heißt es im Titeltrack. Mumpitz! Jamie Lidell braucht auch im üppigsten Sound-Dickicht keinen Richtungsanzeiger. Er findet seinen Weg abseits ausgetretener Pfade mit schlafwandlerischer Sicherheit. Und ich? "I Can Love Again".

Trackliste

  1. 1. Completely Exposed
  2. 2. Your Sweet Boom
  3. 3. She Needs Me
  4. 4. I Wanna Be Your Telephone
  5. 5. Enough's Enough
  6. 6. The Ring
  7. 7. You Are Waking
  8. 8. I Can Love Again
  9. 9. It's A Kiss
  10. 10. Compass
  11. 11. Gypsy Blood
  12. 12. Coma Chameleon
  13. 13. Big Drift
  14. 14. You See My Light

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