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Es gibt drei herrlich amüsante Ratschläge, die einem englischen Journalisten zur West-Londoner Trabantenstadt Staines (Middlesex) einfielen, aus dem die Dance-Rockband Hard-Fi stammt: 1: Lass dort niemals dein Auto unbeaufsichtigt stehen. 2: Lass dort niemals dein Auto beaufsichtigt stehen. 3: Fahre niemals dort hin. Richard Archer (Gesang, Gitarre), Ross Phillips (Gitarre) und Kai Stephens (Bass) können diese Ratschläge nicht beherzigen, sie sind dort aufgewachsen. Sacha Baron-Cohen scheint das ähnlich zu sehen, bescherte dem Städtchen als Ali G und besonders mit dem Film "Indahouse" die bislang größte Gratis-Promotion.
Das könnte sich mit dem Erfolg von Hard-Fi nun ändern. Musikalischer Chef der Truppe ist Sänger Archer, der vor Hard-Fi bereits eine Band namens Contempo in London hatte, denen aber kein Erfolg beschieden war. Nach dem Tod seines Vaters gründet der wieder nach Staines zurück gekehrte Archer 2002 die Band Hard-Fi. Zunächst spielt er auf der Gitarre ein paar Songs ein, die er dann in einem Hi-Fi-Laden der Stadt über eine gute Anlage abspielen lässt. Irgendwann dämmert dem angestellten Ross Phillips, dass sich Archers Interesse für die Stereoanlagen in Grenzen hält und er kritisiert sein Gitarrenspiel. Als Phillips behauptet, es selbst viel besser zu können, ist er in der Band. Mit Jahrgang 1982 ist er nun der Jungspund der Truppe, die ansonsten fünf Jahre älter ist.
Basser Kai Stephens lässt seinen Job beim Autoverleih Rentokil sausen, als ihn Archers Angebot erreicht (bringt aber einen VW Bus in die Band mit ein), während der aus Lancaster stammende Drummer Steve Kemp als langjähriger Bekannter Archers eine naheliegende Wahl darstellt. Aus Mangel an Studios in ihrer Umgebung verkriecht sich das Quartett in eine ehemalige Taxizentrale, das sie in ihr Homestudio Cherry Lips umbauen.
Der Hard Fi-Sound lässt von Beginn an ein natürliches Selbstverständnis durchscheinen. Wie so viele große britische Bands will auch die Staines Gang nicht nur als Rockband gelten, sondern sämtliche Styles schön open-minded durchmischen. So kann man The Clash, The Jam, The Specials, New Order und Daft Punk aus dem Soundgebräu heraus hören. Die Heimat Staines ist für Songwriter Archer das, was Camden für Madness war: Hauptinspirationsquelle für Texte, die kurz darauf Jugendlichen aus ähnlichen sozialen Verhältnissen aus der Seele sprechen werden.
Staines hat keinerlei alternative Ausgehmöglichkeiten, es gibt nur einen Nachtclub und jede Menge Dönerbuden, Gewalt, schlechte Jobs und ungewollte Schwangerschaften; Themen, die Archer begierig für die Hard-Fi-Texte aufgreift. Lächerliche 300 britische Pfund (knapp 400 Euro) kostet die Band das Minialbum "Stars Of CCTV", das sie auf geliehenem Equipment einspielen und auf ihrem selbst gegründeten Label Necessary Records veröffentlichen. Nachdem 500 Exemplare des Minialbums in Umlauf geraten, mausern sich Hard-Fi-Gigs zu A&R-Treffen. Jeder will die Band signen. Die Mund zu Mund-Propaganda erreicht Zustände, die Eingeweihte an den Wirbel vor Suedes Debütalbum 1992 erinnern.
Schließlich meldet sich sogar Uncle Sam alias Rick Rubin aus dem fernen Amerika, um der Band zum Songmaterial zu gratulieren und seine Dienste anzubieten. Die Band behält derweil einen kühlen Kopf, sagt dem Maestro ab, entscheidet sich für das Atlantic/Warner-Angebot und lehnt auch deren Vorschlag, die Songs nochmal in den teuren Abbey Road-Studios aufzunehmen, höflich aber entschieden ab. Der Kompromiss ist, dass man das Minialbum im eigenen Studio um ein paar Songs ergänzt, das schließlich als "Stars Of CCTV"-Album, wie wir es kennen, 2005 in England auf den Markt kommt. Als Produzent fungierte der Manager Wolsey White, den der Kerrang! als Phil Spector des Lo-Fi kürt.
Dass die Jungs ihren Streetstyle nicht nur als Image vorschieben, belegt spätestens Mitte des Jahres die Anekdote, dass Kai Stephens nicht mit der Band auf US-Tour gehen kann. Grund: Der über einem Pub aufgewachsene Hard-Fi-Basser ist bei britischen Behören noch aktenkundig, da er sich einmal in Staines mit Koks hat erwischen lassen. Dem Erfolg der Band steht dieser Zwischenfall nicht mehr im Wege. Nach der Record Release Party im Cheekies (Juli 2005), dem einzigen Nachtclub am Ort (wo man auch das Video zu "Hard To Beat" dreht), muss nur noch ein Rückschlag verkraftet werden. Sänger Archers Mutter stirbt nach längerer Krankheit und lässt dadurch einen geplanten Hard-Fi-Auftritt auf dem Glastonbury Festival platzen.
Dafür eröffnen sie zwei Mal in der riesigen Milton Keynes Bowl für Green Day und freuen sich über eine Nominierung für den renommierten Mercury Music Prize, den letztlich Antony & The Johnsons einheimsen. Dennoch steigt "Stars Of CCTV" in der ersten Januar-Woche 2006 erneut in die britischen Charts ein und klettert zunächst bis auf Rang vier, schließlich aber auf eins. Die Single "Cash Machine" sorgt derweil für einen weiteren Schub.
Im Februar sind Hard-Fi für Brit Awards in den Kategorien "Best Rock Group" und "Best British Group" nominiert, die beide die Kaiser Chiefs absahnen. Archer und Kollegen nehmens locker, reisen ein weiteres Mal erfolgreich durch die USA, wo das Debütalbum erst im März erscheint und starten auch in Europa nochmal durch. Nachdem die England-Tournee bereits nach fünfzehn Minuten ausverkauft ist, buchen Hard-Fi im Mai fünf Nächte hintereinander Londons Brixton Academy. Dies schafften bisher nur The Clash, Bob Dylan, Massive Attack und The Prodigy.
Das Jahr 2006 gerät für die Jungs zu einer beeindruckenden Erfolgsstory: fünf Singles landen in den britischen Top 20 und von "Stars Of CCTV" verkaufen sie weltweit über eine Million Einheiten und erhalten in ihrer Heimat eine Doppelplatin-Auszeichnung. Als Verschnaufpause vor dem nächsten Album erscheint noch die DVD "In Operation".
Der lange angedachte Album-Nachfolger "Once Upon A Time In The West" entsteht im Jahr 2007 wieder in demselben Industriegebiet in ihrer Heimatstadt Staines. Etwas mehr Luxus gönnen sich die Vier dann aber doch und ziehen aus dem alten Taxi-Büro eine Tür weiter in größere Industrieräume. Konsequenterweise ändert sich auch am bekannten Hard-Fi-Stilmix nichts Wesentliches: Schwer rollende Bassläufe und krachende Powerchords treffen auf programmierte Beats.
Anschließend bleibt es lange ruhig um den Staines-Vierer. Erst 2011 melden sich Hard-Fi mit "Killer Sounds" zurück, das erneut einen funkelnden Stilmix auffährt: Von House, Blues über Funk bis Disco ist alles dabei.
Richard Archer und Steve Kemp über Schwermetall-Kollegen, lange Wartezeiten und Zukunftsmusik.
Fast drei Jahre lang saßen die britischen Indie-Pop-Rocker von Hard-Fi auf heißen Kohlen in der Hoffnung, dass sich das gewünschte Produzenten-Duo für Album Nummer drei "Killer Sounds" Stuart Price und Greg Kurstin endlich für die ungeduldigen Insulaner freimachen konnte. Irgendwann war es dann soweit, und zwischen den heimatlichen Cherry Lips-Toren, dem Londoner Acton-Studio und dem Sunset Sound in Los Angeles entstand ein feuriger Silberling, der vielseitiger und experimentierfreudiger kaum sein könnte.
Wer heutzutage im Musik-Biz fähige Leute in ein Projekt involvieren möchte, der muss mitunter eine Menge Geduld aufbringen. Die britischen Indie-Pop -Rocker von Hard-Fi wissen davon, spätestens seit den Aufnahmen zu ihrem neuesten Longplayer "Killer Sounds", ein Lied zu singen.
In Berlin treffen wir auf redselige Protagonisten, die es kaum mehr abwarten können, bis ihr Drittwerk endlich den Weg in den Handel findet. Ein redseliger Richard Archer und ein nicht minder auskunftsfreudiger Steve Kemp plaudern im Interview über schießende Gitarren, frustrierende Wartezeiten und digitale Revolutionen.
Hallo ihr zwei, habt ihr mittlerweile schon Unterricht beim legendären Ace Frehley genossen?
Richard: Ace Frehley? Nein, wieso?
Steve: Und in was?
Da gibt es doch diesen kreativen Kerl in Columbia, der aus alten Gewehren Gitarren baut, oder?
Richard: (Lacht) Ah, jetzt verstehe ich.
Ihr habt euch, zumindest was den Titel eures neuen Albums "Killer Sounds" angeht, von diesem Typen und seiner Arbeit inspirieren lassen. Und wer sonst könnte euch besser erklären, wie man mit feuersprühenden Gitarren umgeht als Ace Frehley.
Steve: Da hast du natürlich recht.
Richard: Die Geschichte dahinter ist schon sehr beeindruckend. Der Typ kommt aus einer ziemlich kriminellen Ecke von Columbia. Sein Ziel ist es, den alltäglichen Kreislauf von Kalaschnikows und anderen schweren Gewehren zu unterbrechen, um etwas Kreatives daraus zu machen. Das hat mir sehr imponiert. Ich hatte mir überlegt, wie es denn wohl wäre, so eine Gitarre auf der Bühne zu haben, aber irgendwie kam es mir dann doch suspekt vor.
Steve: Ich glaube, es ist schwierig, wenn man sich dabei vor Augen hält, welche Vergangenheit dein "Instrument" vielleicht bereits innehat.
Richard: Dennoch ist der Grundgedanke positiv, und das hat, neben der extrem kreativen Komponente, letztlich dazu geführt, dass wir diese Story mit in unseren Arbeitsprozess haben einfließen lassen.
Steve: Wir sind leider keine Heavy Metal-Band. Da würde das wohl super passen.
Richard: Absolut. Ich meine, wenn du Heavy Metal machst, kannst du dir alles erlauben, und die Leute finden es trotzdem cool. Das hat schon was von künstlerischer Freiheit.
Fühlt ihr euch als Indie-Rock-Band demnach eingeschränkt?
Richard: Also, was die Gitarren angeht, ja (lacht).
Richard: Nun, zunächst waren wir fast eineinhalb Jahre auf Tour, nachdem "Once Upon A Time In The West" im Herbst 2007 erschien. Danach brauchten wir etwas Zeit für uns, um unsere Köpfe wieder frei zu kriegen. Also reisten wir viel und ließen uns inspirieren von Gegenden, die wir bis dahin noch nicht kannten. Wir waren viel im Süden der Staaten unterwegs. Das war eine tolle und aufschlussreiche Zeit für uns, weil sie uns auch wieder auf den Boden brachte. Wir haben uns Studios angesehen, wie das legendäre Sun-Studio in Memphis und waren einfach auf einem sehr entspannten Road-Trip unterwegs.
Steve: Manchmal bleibt von einer langen Tour mental nicht viel übrig und du brauchst einfach Neues. Das wollten wir damit bezwecken, und es hat wunderbar funktioniert.
Richard: Diese Phase war auch sehr wichtig für mein Songwriting. Ende 2008, Anfang 2009 habe ich erste Ideen für neue Songs festgehalten. Wir haben unsere beiden ersten beiden Alben komplett selbst produziert. Das war auch gut so, aber diesmal wollten wir unbedingt mit verschiedenen Produzenten arbeiten. Es war uns einfach wichtig zu erfahren, was aus vermeintlich fertigem Material noch entstehen kann, wenn man äußere Einflüsse zulässt. Wir wollten aber nicht mit irgendjemandem arbeiten, sondern mit Stuart Price und Greg Kurstin, deren Arbeiten wir sehr schätzen. Das Problem ist einfach, dass solche Leute sehr beschäftigt sind und es ewig dauert, bis du sie an der Angel hast. Letztlich haben wir fast ein Jahr nur damit verbracht, den nötigen Kontakt herzustellen. Das war schon sehr frustrierend. Das Album zu mixen hat alleine sechs Monate gedauert. Wenn du fähige Leute involvieren willst, musst du Geduld haben. Das war ein Lernprozess für uns.
Mit "Killer Sounds" habt ihr nahezu auf allen Ebenen Veränderungen angestrebt, die ihr schließlich auch umgesetzt habt. Nicht nur der Aufnahme-Prozess wurde runderneuert, sondern auch die "Außendarstellung". Vergleicht man nämlich das Artwork eurer beiden ersten Alben mit dem von "Killer Sounds", liegen auch hier Welten dazwischen.
Richard: Ja, das stimmt, wobei die ersten beiden Cover einfach nur eine andere künstlerische Form haben und dadurch nicht zwingend einfacher oder gar liebloser sind. Uns wurde für das neue Album nahegelegt, das Art-Thema der ersten beiden Alben fortzuführen, aber wir dachten uns, warum? Wir haben viele Prozesse, die zur Entstehung von "Killer Sounds" beigetragen haben, im Vergleich zur Vergangenheit, verändert. Warum also nicht auch das Artwork?
Steve: Die Idee war einfach die, das Artwork in Einklang mit dem Inhalt des Albums zu bringen. Der Sound auf "Killer Sounds" ist sehr kontrastreich und vielschichtig. Kein Song klingt wie der andere und es werden Klänge miteinander gepaart, die vermeintlich nicht passen, es aber, unserer Meinung nach, dann doch tun. Genauso verhält es sich mit den Totenköpfen auf dem Cover. Du hast dieses morbide Grund-Thema und verbindest es mit dem vielleicht größten Kontrast, der sich anbietet, nämlich lebendigen Farben und Formen. Dadurch entsteht etwas Neues, etwas Faszinierendes. Dieser Kontrast spiegelt exakt das wieder, was auf dem Album zu hören ist.
Auch textlich seit ihr diesmal einen Schritt weiter gegangen, oder?
Richard: Ja, absolut. Auf unserem Debut haben wir unser Leben in Staines als thematischen Mittelpunkt besungen, während wir auf "Once Upon A Time In The West" den Blick nach außen gewagt haben. "Killer Sounds" ist lyrisch mit Sicherheit das vielfältigste Album bisher. Es geht um sehr unterschiedliche Dinge. Wir haben versucht viel aufzusaugen und uns als Protagonisten darzustellen. Es geht um Dinge, die du siehst und hörst. Alltägliche Situationen, in die du versuchst dich hineinzuversetzen, auch wenn du sie vielleicht selber noch nicht wirklich erlebt hast. "Sweat" ist zum Beispiel ein Song über die Ängste, die man hat, wenn man sich mit seinem Job befasst. Man arbeitet und arbeitet und hat dennoch keine Garantie, ob am Ende des Monats pünktlich Geld überwiesen wird. Es geht um diese Drucksituation. "Feels Good" beschreibt das ultimative Verlangen. Sei es Sex oder sonst irgendetwas. Auf "Love Song" geht es darum, wie man sich fühlt, wenn man in einem Club ein Mädchen sieht, das einem den Atem raubt. Die Bandbreite auf dem Album ist sehr groß. Der Titeltrack wurde inspiriert durch die Tatsache, dass viele Soldaten nicht in, sondern nach einem Krieg ihr Leben verlieren. Sie sind verzweifelt, weil sie das Erlebte nicht verarbeiten können. Niemand steht ihnen zur Seite. Sie werden drogenabhängig oder begehen Selbstmord. Wie gesagt, wir haben auf "Killer Sounds" viel zugelassen. Sei es textlich oder musikalisch.
Steve: Ich würde nicht sagen, dass es experimenteller ist als die anderen, eher offener und vielschichtiger. Experimentell klingt mir persönlich zu gewollt. Wir "wollten" auf dem Album weniger, vielmehr ging es uns darum uns zu öffnen. Wir sind derzeit etwas gelangweilt von der Tatsache, dass eine klassisch besetzte Band auch klassisch klingen muss. Es gibt so viele geniale House-, Reggae- oder Dub-Songs da draußen. Warum sollte man sich dem verwehren? Wir haben diesmal versucht, alles einzubinden, was uns persönlich gefällt.
Richard: Wichtig ist doch nur, dass du deine Glaubwürdigkeit behältst und die verschiedenen Songs trotzdem nach einer Band klingen.
Steve: Schau dir David Bowie an. Der hat nun wirklich alles schon einmal ausprobiert und dennoch klingt alles, und sei es noch so abstrakt, wie David Bowie. So sollte es sein.
War David Bowie demnach eine Inspirationsquelle für "Killer Sounds"?
Steve: Ja, definitiv. Wir lassen uns generell von Künstlern inspirieren, die keine Angst haben, Dinge auszuprobieren.
Ist diese Form von "künstlerischer Freiheit" ein Luxus den man sich erst erlauben kann, wenn man sich etabliert hat?
Steve: Nun, ich denke, dass unsere beiden ersten Alben auch schon Ansätze davon hatten. Aber es war natürlich eine ganz andere Ausgangssituation. Als wir das erste Album aufgenommen haben, hatten wir keinerlei Erwartungen. Wir haben uns gesagt, wenn wir vielleicht 60.000 Kopien im ersten Jahr verkaufen, dann können wir auf jeden Fall ein zweites Album machen. Diese Zahl stand aber bereits zwei Wochen nach der Veröffentlichung von "Stars Of CCTV" zu Buche. Plötzlich steckst du mittendrin in einer Maschinerie, von der du dir vorher keine Vorstellung gemacht hast. Du gehst auf große Tour, kommst irgendwann wieder und merkst, dass sich auf einmal eine Hundertschaft von Leuten um deine Belange kümmert. Da entsteht natürlich Druck, der dich auch künstlerisch einengt, ob du es willst oder nicht. Diesmal war es wesentlich relaxter, auch weil unser letztes Album sehr erfolgreich war. Insofern konnten wir auf "Killer Sounds" exakt das umsetzen, was wir wollten.
Diesen "Luxus" haben in den vergangenen Jahren einige Bands genutzt, um ihre Vermarktung zu perfektionieren. Ich spreche hier von Radiohead oder Kaiser Chiefs, die das Internet als Plattform nutzen, um sich und ihre Musik zu präsentieren. Seht ihr das ähnlich?
Richard: Das ist schwierig. Ich glaube, dass beide Bands verschiedene Motive verfolgt haben. Natürlich war der Prozess bei Radiohead ein innovativer, und ich will mir nicht anmaßen zu beurteilen, welche Beweggründe wirklich dahintersteckten. Letztlich hat es funktioniert und das Bewusstsein für digitale Musik verändert. Solch ein revolutionäres Unterfangen lässt sich natürlich einfacher bewerkstelligen, wenn du bereits zwanzig oder dreißig Millionen Platten verkauft hast. Den Kaiser Chiefs ging es, meiner Meinung nach, um wahre Überzeugung für einen neuen Markt. Sie haben es sehr kreativ angepackt und umgesetzt. Ich fand das toll. Ist das ein realistisches Zukunfts-Modell für euch?
Steve: Ich werde dir sagen, wie die Zukunft aussehen wird. Vielleicht liege ich komplett falsch, aber ich bin überzeugt davon, dass die gesamte Unterhaltungs-Branche demnächst verschmilzt.
Wie sähe das genau aus?
Steve: Ganz egal, ob Fernsehen, Musik, Filme oder was auch immer: Du bezahlst vielleicht pro Monat eine feste Summe und kannst dir dafür aus jeder Branche aussuchen was du willst. Das individuelle Einkaufen wird es nicht mehr geben. Alles kommt auf einen Teller.
Ok, die Zeit ist leider um, habt vielen Dank für das Gespräch.
Steve: Sehr gerne.
Richard: Wir haben zu danken.
Steve über ein Popstar-Leben zwischen Rick Rubin und Scarlett Johansson.
Nach ihrem überraschenden Debüterfolg "Stars Of CCTV" (2005) erscheint dieser Tage die CD/DVD "In Operation", auf der ein komplettes Hard-Fi-Konzert sowie Musikclips und Remixes zu finden sind.
Bevor die Briten Ende Juni nochmal für zwei Festivaltermine nach Deutschland zurückkehren, sprachen wir mit Drummer Steve Kemp über die Höhen und Tiefen des Popgeschäfts, Boulevard-Gossip und die "UK-Rock-Hysterie" in Amerika.
Rick Rubin lobte euer Debütalbum über den grünen Klee und soll sich sogar selbst als Produzent angeboten haben. Wie lange habt ihr gebraucht, um dieses Angebot abzulehnen?
Er hat uns nicht direkt ein Angebot unterbreitet, somit gab es für uns auch nichts zum Absagen. Nachdem Def Jam mit als erstes Label an uns Interesse zeigte, brachte er sich ins Gespräch, aber das bezog sich auch nicht konkret auf ein Produktionsangebot. Das wäre schon ein Hammer gewesen, wenn wir Rick Rubin abgewiesen hätten, denn er ist definitiv ein großer Mann und wir lieben den Abwechslungsreichtum seiner Produktionen. Vielleicht klappts ja beim nächsten Mal.
Er hat also eure Demos damals gehört?
Ja, das Minialbum, das wir auf unserem Label Necessary Records rausbrachten, bevor wir von Atlantic lizensiert wurden. Zuerst hatten ja nur amerikanische Labels an uns Interesse. Und Rubin meinte dann, es könnte ein Meilenstein werden.
War das 2004?
Ja. Ich denke, es war November oder Dezember.
Glaubst du, dass für Hard-Fi ein bodenständiger, unglamouröser Ort wie Staines essenziell für die Aufnahmen neuer Songs ist?
Das glaube ich nicht. Unser erstes Album entstand mehr aus einer Notwendigkeit heraus, als dass es eine bewusste Wahl war. Wir benutzten gebrauchte und halb kaputte Instrumente, einfach weil wir kein Geld hatten. Dafür hatten wir viel Zeit. Und da wir keine Lust hatten, einfach dazusitzen und zu warten, bis jemand kommt und Interesse zeigt, haben wir es eben selbst gemacht. Als wir dann den Vertrag in der Tasche hatten, fanden wir, dass es keinen Sinn machen würde, mit dem alten Material nach Abbey Road zu gehen. Daher machten wir es bei uns zuhause fertig. Das kann beim nächsten Mal aber auch ganz anders aussehen.
Gibt es schon Pläne für den Nachfolger?
Momentan sieht es eher so aus, dass wir wieder mit unserem letzten Produzenten zusammen kommen und es wieder bei uns aufnehmen. Aber sicher ist noch nichts.
Was eure Heimat Staines in West-London angeht, habt ihr euch ja mächtig als Imagepolierer der kulturellen Szene hervor getan, oder?
Weiß nicht. Alles was man mit Staines vor uns in Verbindung brachte, war Ali G. Und das war im Endeffekt nichts als eine humoristische Persiflage einer ruhigen und langweiligen Stadt. Ich bezweifle, dass Staines wegen uns jetzt cooler ist, aber vielleicht wissen nun ein paar Leute mehr, wo die Stadt liegt.
War es denn okay, dass sich Ali über eure Stadt lustig gemacht hat?
Klar, viele Leute fanden es großartig, und die, die sich darüber aufregten, wie er Staines runter machte, saßen am Ende im Kino in der ersten Reihe. Jeder musste halt in den Film gehen, allein um zu sehen, ob das eigene Haus gefilmt wurde.
Um ganz ehrlich zu sein: Die Vorstellung, wieder nach Staines zurück zu kehren, erscheint mir momentan wie ein wunderbarer Traum. Ich hätte nichts gegen eine mehrtägige Pause einzuwenden. Aber dafür bleibt keine Zeit, 2006 ist komplett durchgeplant. Im September, wenn die Festivalsaison rum ist, könnten wir mit dem neuen Album beginnen. Aber wenn es dann in Amerika super läuft, müssen wir eben wieder dorthin. Es ist gerade unvorstellbar, nach Staines zu kommen und dort einfach nur abzuhängen. Wenn es so weit ist, wird es sicherlich nach der ganzen Rumreiserei sowas wie einen Kulturschock bei mir auslösen, aber wenn das mal vorbei ist, freue ich mich sicher, einfach gar nichts zu tun.
Wie läufts denn in Amerika für euch?
Wenn man bedenkt, dass wir bis März gar kein Album in den Läden drüben hatten, läuft es fantastisch. Die Leute kommen einfach nur vorbei, um unser Konzert zu sehen. Die meisten kennen nur einen oder zwei Songs von uns. "Cash Mashine" ist dort ein ziemlicher Radio-Hit, was großartig ist. Es macht einen natürlich stolz, ohne Album in Amerika zu touren und selbst irgendwo mitten im Niemandsland, sagen wir Kansas City, ausverkaufte Clubs vorzufinden. Hoffen wir, dass es so bleibt.
Denkst du, dass ihr auch von der UK-Rock-Hysterie profitiert, die nach Franz Ferdinand und Bloc Party in den Staaten herrscht?
Das mit Franz Ferdinand ist jetzt schon etwa drei Jahre her und Bloc Party sind besonders in den Metropolen wie New York und L.A. am Start. Richtig groß sind Coldplay. Ich denke schon, dass das Interesse für Rockmusik aus England gerade sehr gefragt ist, in allen Ländern. Es ist ja auch eine frische, junge Szene.
Und habt ihr euch mittlerweile daran gewöhnt, dass sich die Leute auch für euer Privatleben interessieren? Jüngst gab es da ja diese Gerüchte über Richards Affäre mit Scarlett Johansson.
Richard hatte zu keinem Zeitpunkt eine Affäre mit Scarlett. Das alles ist echt seltsam, man kennt diese Promi-Geschichten aus Klatschblättern von früher und plötzlich steht man selbst drin. Mit einer Story, an der kein Funken Wahrheit dran ist: Richard hat Scarlett ja nicht einmal getroffen. Ich glaube, er hat sie zu einer Show von uns in London eingeladen, weil sie zufällig in der Stadt war, aber das wars auch schon. Insgesamt also ein Lehrstück für die Arbeitsweise von Boulevardmedien.
Aber auch prominente Künstler sind an euch interessiert. So soll Damon Albarn schon auf einem eurer Konzerte gesichtet worden sein. Bekommt ihr sowas mit?
Oh ja, Damon Albarn haben wir zum Beispiel schon ein paar Mal getroffen. Wir respektieren ihn sehr für das, was er in den letzten zehn Jahren geleistet hat. Und noch mehr für seine neuen Sachen: Die Gorillaz haben wahrscheinlich das beste Album des letzten Jahres gemacht. Es ist sehr schmeichelhaft für uns, wenn Leute, deren Bands eine bemerkenswerte Geschichte vorweisen können, zu uns kommen und unser Album loben.
In London habt ihr sogar die Specials-Originalmitglieder Neville Staples und Jerry Dammers zu euch auf die Bühne gekriegt. Wie habt ihr das geschafft, zumal Dammers als sehr öffentlichkeitsscheu gilt?
Yeah, das war eine "Rock Against Racism"-Veranstaltung im Scala. Das letzte Mal als die beiden ihren Song "Ghost Town" vor Publikum gespielt haben, war ebenfalls eine Show gegen Rassismus im Jahr 1981. Mit uns waren sie also erstmals nach 25 Jahren wieder gemeinsam auf der Bühne, was natürlich ein ganz besonderer Moment war, denn wir sind glühende Fans der Specials.
Angeblich war auch Specials-Sänger Terry Hall im Publikum, aber mit Dammers scheint er noch immer nicht zu harmonieren, was?
So siehts leider aus. Die beiden haben wohl auch noch nach über zwanzig Jahren ein paar unausgesprochene Dinge, die zwischen ihnen stehen. Nix zu machen. Aber ich fands auch so klasse.
Billy Bragg spielt seine Songs ja vorwiegend auf der akustischen Gitarre und so kam irgendwann die Idee einfach auf, sich an einen seiner großartigen Songs ranzuwagen. "Seven Nation Army" von den White Stripes ist ein moderner Rock-Klassiker. Als wir es in den Proben anfingen zu spielen, entwickelte sich schnell eine eigene Version mit diesem Hard-Fi-Vibe. Von da an nahmen wir den Song ab und an mit ins Programm und er kommt ganz gut an.
Gibts da noch andere Cover-Kandidaten?
Klar, aber die verrate ich jetzt sicher nicht. Bleib am Ball!
Bei den Brit Awards ward ihr zweimal nominiert, musstet den Preis aber an die Kaiser Chiefs abgeben. Große Trauer im Hard-Fi-Camp?
Nein, gar nicht. Wir waren ja auch dort, zumindest physisch, denn die meiste Zeit waren wir ziemlich betrunken. Das mit den Kaiser Chiefs geht in Ordnung, sie haben hart gearbeitet. Wir dachten uns eh, dass sie gewinnen und setzten keinen Penny auf uns. Und so kams dann auch. Wir hatten trotzdem unseren Spaß.
Würdest du trotzdem behaupten, der Gewinn der Brit Awards hätte Hard-Fi ein gutes Stück nach vorne gebracht?
Wir haben uns nicht gegründet, um Brit Awards zu gewinnen, sondern um Platten zu verkaufen und als Band so gut zu werden wie eben möglich. Uns ist es wichtiger, dass Leute auf unseren Konzerten Spaß haben, als was Kritiker über uns schreiben. Wenn man uns für solch einen Preis nominiert, ist das schön. Es ist aber keine Sache, auf die wir jahrelang hingearbeitet hätten.
Das passt ja zu Barry Burns von Mogwai, der damals Brit Award-Gewinner Chris Martin attackierte und im Gegenzug die Arctic Monkeys lobte, die erst gar nicht zu der Veranstaltung anreisten und stattdessen lieber einen Auftritt absolvierten. Richtige Entscheidung?
Absolut! Wenn sich Leute schon Tickets gekauft haben, wäre es eine Schande, ein Konzert abzusagen, um bei irgendeiner Verleihung Schampus zu saufen. Es wäre respektlos. Von daher: Well done, Arctic Monkeys. Wir hatten an dem Tag übrigens nichts zu tun, nicht dass du denkst ... (lacht)
Auftritt Kollege Dobler. Der laut.de-Drumspezialist hat natürlich auch noch ein paar Special-Fragen im Anschlag.
Mich als Drummer interessiert natürlich dein spezieller Drumstil: Was unterscheidet deine Art des Spielens von anderen englischen Drummern, beispielsweise deinen Kollegen von Maximo Park oder den Kaiser Chiefs?
Die Drummer in den von dir erwähnten Bands singen live sehr viel, vor allem der Kaiser Chiefs-Typ. Das mache ich gar nicht. Ich finde, ich haue stärker rein als die anderen beiden. Ja, ich spiele härter als Maximo Park und Kaiser Chiefs. Es sind beides tolle Drummer, aber insgesamt arbeite ich härter als sie. (lacht)
Gerade was dein Hi-Hat-Spiel betrifft, ich meine, wie du Sechzehntel-Noten oder offene Hi-Hats einsetzt, klingt dein Ansatz ziemlich grooveorientiert. Ist das der Dance Music-Charakter, der auch in Hard-Fi drinsteckt?
Vielleicht, jedenfalls wuchs ich mit Dance und Hip Hop auf. DJ Shadow, der auf seinen Platten echte Drums samplet, ist genauso ein Idol für mich wie es große Drummer wie John Bonham sind. Vielleicht kommt daher mein Groove-Verständnis. Unsere Songs sollen aber für sich selbst stehen und ich würde es nicht mögen, wenn ich sie mit unnötigen Eskapaden aufbauschte. Der Song muss einfach nur besser klingen.
In "Hard To Beat" ist aber definitiv ein French House-Einfluss drin. Oder sagen wirs gleich: Daft Punk.
Da hast du richtig hingehört! Als wir diesen Song geschrieben haben, lief bei uns sehr viel Daft Punk und French House. "Hard To Beat" ist quasi eine Hard-Fi-Hommage an French House.
Okay. Letzte Frage: Viele Musiker aus dem Ausland wie Gary Numan stehen sehr auf Rammstein. Besitzt du auch deutsche Platten?
Naja, Rammstein sind jetzt nicht mein Ding, aber natürlich habe ich früher Kraftwerk gehört. Auch was Minimalelectro angeht, seid ihr ziemlich weit vorne. Ich mag auch so abseitigeres Zeug wie Neu! Gut, ist schon 'ne Weile her, aber deutsche Musik war, genau wie French House, sehr wichtig für meine musikalische Entwicklung.
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Hard-Fi bringen neues Album!!! blalapanic |
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Stars of CCTV sukkubus |
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02.09.06, 19:07 missUNDAZTOOD |
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