Porträt

laut.de-Biographie

Das Department

Ein politisches Bewusstsein gehört Anfang der Neunziger zur deutschen Hip Hop-Kultur wie Breakbeat zum B-Boying. In den Zeiten der Wende, die von Nazi-Anschlägen auf Ausländer und großdeutscher "Das Boot ist voll"-Propaganda geprägt ist, wächst Rap/Hip Hop in Deutschland zu einer eigenen Jugendkultur. Und die positioniert sich zuerst ganz klar mit einer kritischen Einstellung im linken Underground, von den Fantas mal abgesehen. Advanced Chemistry fühlen sich "fremd im eigenen Land" und prangern mit "Operation Artikel drei" ganz konkret politische Probleme an. Die Absolute Beginner machen Songs über Bullen, Freiheit und Großdeutschland. Die Fresh Familie setzt sich wegen unmittelbarer Betroffenheit mit dem Rassismus auseinander, und Main Concept klagen die Polizeistadt München bzw. die CSU an. Such a Surge schwimmen gegen den Strom.

Fascho-Skins und Anschläge gibt es heute mehr den je, Asylanten sind weiterhin Menschen zweiter Klasse, und Graffiti-Sprüher droht immer noch der Knast. Doch es regt sich Widerstand gegen den unpolitischen Trend. Hip Hop hat endlich begriffen, dass es die momentan wichtigste Jugendkultur darstellt. "Nazis Raus"-Aktionen sind wieder wichtig, man siehe das Brothers Keepers-Projekt oder die Hip Hop gegen Rechts-Tour durch Städte in Ostdeutschland. Ein Phillie MC, auch wenn er zu Recht wegen der flachen Texte und zu offensichtlicher Marktstrategie kritisiert wird, bringt am Ende seines Anti-Nazi-Songs jeweils ein Zitatsample von Anarchist Academy und Kool Savas und lässt sie zu einer Einheit werden. Jan Delay, Tefla und Jaleel oder Denyo 77 gehen mit ihren Tracks etwas subtiler vor.

Man merkt es aber ganz deutlich, die Zeit von endlosen "Ich bin der Beste"-Raps geht dem Ende entgegen, mehr und mehr ist inhaltliche Substanz gefragt. Und da kommt das Department ins Spiel. Diese nehmen den verwahrlosten Platz von Anarchist Academy ein und positionieren sich ganz weit in der linken Hälfte des Hip Hop-Spektrums, ohne jedoch den wichtigen Style-Faktor außer acht zu lassen.

Das Department wird im Sommer '99 vom Trio Hinnack, Bruder und Kronstädter in Berlin gegründet. Die Endzwanziger haben schon vorher die verschiedensten, musikalische Erfahrungen gesammelt. Der waschechte Berliner Bruder rappte bzw. brüllte bei der Funk-Rap-Truppe CPS und bei der Hardcore-Band Gunjah. Hinnack spielt so ziemlich jedes handelsübliche Rockinstrument, und Kronstädter steht seinen Mann bei diversen Reggae-und Crossoverformationen. Man lernt sich während der Aufnahmen zum Hip Hop-Hörspiel "Hüttenkäse" kennen. Bruder stellt die politischen Rahmenbedingungen, da seine gesellschaftliche Sozialisation im Georg von Rauch-Haus erfolgt, dem ersten besetzten Haus Berlins (1971). Hier nehmen die drei Querdenker den Song "Wir müssen hier raus" für das Ton-Steine-Scherben-Tribute-Album "Keine Macht für Niemand 2000" auf. Zudem arbeitet das Department noch an Samplerbeiträgen, Filmmusiken, Remixe, sowie die 5-Track-EP "Heimaudioattacke" bei Jive-Records.

Doch ihr Debut lässt noch ein bisschen auf sich warten. Das liegt aber nicht an etwaiger Faulheit, sondern an dem Labelwechsel von Jive zu V2, wie Bruder in der 2001 Mai-Ausgabe der Juice klarstellt. "Also der Labelwechsel erfolgte hauptsächlich wegen unseres A&Rs bei Jive. Der war damals der Meinung, dass wir noch nicht so weit gewesen wären, eine Tour zu absolvieren. Wir aber haben diese Tour mit Bravour gemeistert, sind als Band zusammengewachsen, hatten viel Spaß und haben viele Kontakte geknüpft. Der A&R jedoch hat uns gegenüber Dritten madig und schlecht gemacht, das geht gar nicht." Und so erscheint das Album "Brennstoff" erst im Juni 2001. Die Single "Besondere Kennzeichen: Keine" rotiert ganz gut auf MTV und sorgt so für eine solide Grundlage für ihr Debut, auf dem sie tatkräftige Unterstützung bekommen. Sera Finale vom Mikrokosmos, die kurdische Sängerin Sen, Souri von Stereoton, Four Music-Reggae-Rapper Clueso, die englischsprachigen Hardcore-Rapper von KMC und die Crossoverpioniere H-Blockx. Da in der Plattenbesprechung schon alles gesagt ist, gibt jetzt noch ein paar kurze, hochinteressante Statements des Departments. Hier setzen sich Menschen wirklich und intelligent mit der Hip Hop-Kultur im allgemeinen und speziellen auseinander, ohne in abgedroschene Plattitüden zu verfallen.

Zum Thema Graffiti: "Graffiti ist ein Ausdruck davon, sich den öffentlichen Raum zurückzuerobern. Der Versuch, kreativ Dinge umzusetzen. Der Kampf gegen die Verunreinigung des Stadtbildes durch gekaufte Werbeflächen."

Zum Thema Sampling: "Hip Hop lebt vom Samplen verschiedenster Musikstile, und ohne die gäbe es auch den Hip Hop nicht." (Juice Mai 2001)

Zum Thema fehlende sozialkritische Aussagen im Hip Hop: "Jeder rappt logischerweise nur über das, was er erlebt. Wenn ich aber aus der Mittelschicht komme und immer genug zu fressen habe, dann rappe ich natürlich nicht darüber, wie es ist, wenn man Hunger hat." (Juice Mai 2001)

Zum Thema Kool Savas und Battle-Rapper: "Kool Savas ist ein supernetter Kerl, der sich aber von dem Kool Savas unterscheidet, der auf der Bühne oder Platten den krassen Macker markiert, um überhaupt Leute zu erreichen. Wenn man sich dann mal mit Leuten wie ihm unterhält, merkt man, dass man mit denen bei radikalen Thesen und Gedanken sogar einer Meinung ist." (Juice Mai 2001)

Im Jahr 2002 trennt sich das Department wegen musikalischer Differenzen zwischen Hinnack auf der einen und Bruder und Kronstädta auf der anderen Seite. Letztere wollen weg vom Hip Hop-Sound und frönen mit der auf Lasso Music erscheinenden "Guerillero"-EP dem experimentellen Ragga.

Interviews

News

Alben

Das Department - Brennstoff: Album-Cover
  • Leserwertung: Punkt
  • Redaktionswertung: 3 Punkte

2001 Brennstoff

Kritik von Stefan Johannesberg

Die Berliner entfachen endlich wieder ein politisches Feuer im Hip Hop. (0 Kommentare)

Videos

Video Video wird geladen ...

Noch keine Kommentare