laut.de-Kritik

Die Einstiegsdroge in den Punkrock.

Review von

Beim achten Track endet das Trance-ähnliche Delirium of Disorder. Kurz. Gitarren-Geschrammel im Dreier-Akkord. Bass-Läufe in Nascar-Geschwindigkeit. Mitreißende Chöre "with a lot uhhs and ahhs in just the right places". Verboten schnelle Beats hatten sich in nur zehn Minuten wie Akupunkturnadeln in jeden Körper der Generationen X und Golf gebohrt. Messerscharf und ein bisschen pieksend zwar, aber extrem befreiend im Abgang.

"Ich kenne wirklich keinen, dem die Scheibe nicht gefällt", schreibt dann auch Autor Mathias Herr und meißelt 1989, ein Jahr nach Erscheinen des dritten Bad Religion-Albums, im Heavy Metal-Lexikon den Satz zu "Suffer" schlechthin ins tote Pre-Internet-Holz.

Die Kalifornier um Sänger Greg Graffin erspielten sich bereits Anfang der 80er trotz Standort-Nachteil im Poserrock-Paradies einen guten Ruf als Postpunkband. Besonders das Debüt "How Could Hell Be Any Worse" rumpelt schön undergroundig und mitreißend im mittleren Tempo durch die Szene. Ur-Väter des Sounds wie die Adolescents lassen grüßen.

Nach einem wirren Progrock-Werk ("Into The Unknown") und einer von Drogen und anderen Krisen bedingten Pause kehren sie 1987 in der Urbesetzung Graffin, Gurewitz, Hetson, Bentley und Finestone zurück und zeigen mit "Suffer", kurze Zeit später noch erweitert um die nur minimale Nuancen schlechteren Alben "No Control" und "Against The Grain", was passiert, wenn die Geschmäcker aller "kids are united".

Der pubertäre James-Hetfield-Möchtegern erfreut sich am speedigen Tempo und der für Punk-Verhältnisse innovativ-glasklaren Produktion, die Bei-WOM-im-Indie-Bereich-Diggende trägt das legendäre Longsleeve mit dem durchgestrichenen Kreuz unter dem Ledermantel, der Diesel-Jeans-Popper darf am Gymi auch mal bei den coolen Jungs mitreden und die Hardcore-Punks erfreuen sich neben den politisch-kritischen Texten am steigenden Frauenanteil in den AJZs.

Für die Vorstadtkids ist Bad Religion wie Kiffen, und "Suffer" 1988 die Einstiegsdroge in den Punkrock, und das, obwohl Bad Religion nur "zwei Songs haben, einen schnellen und einen langsamen", wie Brian Baker, seit 1994 BR-Gitarrist und Hardcore-Legende (mehr Legende als ein bei Bad Religion, Government Issue und Dag Nasty spielendes Minor Threat-Gründungsmitglied sind höchstens noch der persönliche Tourkoch von Henry Rollins oder Harry Flanagans erster Tätowierer) im 4P-Fanzine-Interview launig eingesteht. Mit besagten "zwei Songs" definieren Greg und Co. ein ganzes Genre und dominieren es nach Belieben.

Die schnelle, harmoniesüchtige, auf "Suffer" mit Klassikern wie "Do What You Want", "You Are The Government" oder "1000 More Fools" erstmals so dominante Songvariante führt schnell zur paradoxen Bezeichnung "Melodic-Core". Auch wenn ihre Nachbarn, die Descendents, die Erfindung des Genres in einem späteren Interview für sich beanspruchen: "Wir starteten damals sehr melodisch, wechselten dann zu Hardcore und irgendwann mischten wir beides und spielten Melodic Hardcore", so Sänger Milo Aukerman über das ebenfalls als Klassiker geltende Album 82er-Album "Milo Goes To College". Bad Religion packten sechs Jahre später jedoch mehr technische Hardcore-Skills und Attitüde in ihren Sound als die eher im (ähnlich umstrittenen) Pop-Punk angesiedelten Kollegen.

Die Gralshüter der Szene bluten über Jahre auf der Meta-Ebene den Mosh-Pit ihrer kleinen Welt voll und winden sich vor Schmerzen ob der Verpoppung des Hardcore-Punk-Lebensgefühls. Die Melodei sei einerlei. Für den deutschen Agitpop-Journalisten Martin Büsser ist dieses Genre daher auch weder Punk noch Hardcore:

"Indem diese Musik das Kaputte, das Destruktive und Fehlerhafte von Punk verloren hat, damit also das Punk-Spezifische, spielt sie nur noch mit den Elementen der Vergangenheit, trifft nicht mehr das eigentlich ästhetische Prinzip. Bad Religion sind, nur weil sie nicht im Radio gespielt werden, keinen Deut besser als ihre Partyrock-Vorgänger Cheap Trick und Kiss", schreibt er in seinem "If The Kids Are United"-Buch.

Die ewigen Fragen, zumindest in den 80ern und 90ern: Darfst du als Punk Erfolg haben? Darfst du das radikale DIY eines Ian MacKaye gegen das Geld eines Majorlabels eintauschen? Sind gefällige Melodien, um progressive Botschaften zu transportieren, Pop und damit Establishment? Die Musiker selbst sehen das meistens recht einfach und klar. So wundern sich Hüsker Dü noch heute, warum der gebrochene Low-Fi-Sound der Anfangstage verglichen mit dem viel reiferen Spätwerken so einen Hype einheimst.

Auch für BR-Gitarrist Gurewitz, Hauptverantwortlicher in Sachen Produktion, schlägt im Interview mit dem Ox-Fanzine die Qualität der Musik das vermeintlich rohe Punk-Feeling: "Eine Band muss nicht beschissen klingen, um ihre Energie rüberzubringen. Man muss nur aufpassen, dass man ihre Energie nicht unter einem Schleier oberflächlicher Effekte versteckt. Wenn man das Auftreten einer Band erfasst, dann entspricht das einer exzellenten, scharfen Fotografie, und du schaffst es noch besser, die Energie der Band zu vermitteln."

Vor dieser Perfektion getrieben, verwenden Graffin und Gurewitz auf das Entwickeln der Harmonien und Chöre noch einmal genauso viel Zeit wie auf das Schreiben des eigentlichen Songs. Die rebellische Attitüde in den Texten droht so zuweilen vor lauter Uuhs und Aahhs etwas unterzugehen. Unverdient: Graffins Fähigkeit, in so hoher Geschwindigkeit intelligente Gedanken und so viel Gefühl zu transportieren, bleibt bis heute unerreicht. Er fliegt über die Beats wie ein Prediger durch Bibelverse.

Im Titeltrack beleuchtet der promovierte Evolutionsbiologe in wenigen Versen Adornos "Es gib kein richtiges Leben im falschen"-Problem: "The businessman whose master plan controls the world each day / Is blind to indications of his species' slow decay / Can't you see his life is just like yours?" Er zeigt im "Do What You Want" dem Kreationsmus und Weltungergangspredigten kurz und knapp den Stinkefinger: "Hey I don't know if the billions will survive / But I'll believe in God when 1 and 1 are 5", und peitscht das antriebslose, junge Individuum in "You Are The Government" mit seiner "Wir sind das Volk"-Version zu mehr Engagement jenseits des eigenen Gartenzauns.

"Ich denke, dass viele unserer Fans zornige Nerds sind, also Außenseiter, genau wie wir. Für sie schreiben wir unsere Songs. Ein Humanist und Intellektueller zu sein, das ist heutzutage das Maximum an Rebellion, das man in einer von Antiintellektualismus, Machotum und Religiösität geprägten Welt aufbringen kann ... Als ich selbst ein Teenager war, war Musik das einzige auf der ganzen Welt, das mir Hoffnung gegeben hat", so Bassist Jay Bentley im Interview mit Metalinside.de.

Hier tritt sie also zutage, die Verschiebung des politischen Breitengrads zwischen Europa und Amerika. (Checkt euren Bernie Sanders!) Während die Hardcore-Szene in den 90ern oft im linken bis anarchistischen Lager steht, sind gerade die Westküsten-Punks wesentlich liberaler eingestellt, von den rechten Tendenzen in New York ganz abgesehen.

Wenn man 1992 mit Bad Religion-Bandshirt im Religionsunterricht saß, haute das noch nicht einmal den katholischen Lehrer vom Hocker. Von Autonomen alter Schule erntete man höchstens Spott (Slime - "Linke Spießer", But Alive – "... die Feigheit hat einen Namen: linksiberal"). In vielen Teilen der USA dagegen galt man damit bereits als subversives Anti-Establishment-Element.

Im Spannungsfeld aus technischem Anspruch, Attitüde und inhaltlichen Ansätzen agieren Bad Religion ihre gesamten Karriere über. Zu "Suffer"-Zeiten fällt das noch nicht so stark ins Gewicht. Die Geschwindigkeit fetzt alles aus dem Weg. Der zweite, langsame Track (Remember: Sie hatten ja nur zwei!) spielt vorerst nur eine untergeordnete Rolle. Allein "Best For You" und "What Can You Do" grooven im mittleren Tempo.

Den Blueprint markieren hier erst "21 Century Digital Boy" oder "Punk Rock Song". Später sparen Bad Religion des Öfteren an Power und Speed. Auch die politische Agenda schwächelt Mitte der Neunziger auf Alben wie "Recipe For Hate" oder "Stranger Than Fiction". Es folgen der Rückzug ins Private als Biedermann und der Abschied von den Wurzeln.

"Suffer" bedeutete daher nicht nur laut Fat Mike "the record that changed everything". Es hatte schon alles vorwegnommen, alles gezockt, alles komponiert, alles besungen. Der Melodic-Core wohnte bereits in der Rock'n'Roll Hall Of Fame. Das eigene Label Epitaph, Burning Heart oder Bands wie Rancid, NOFX, Pennywise und andere Epigonen wiederholten nur die legendäre Formel, auch wenn noch immer gilt: "No Bad Religion Song can make your life complete" ("No Direction"). Wie auch? Sie hatten ja zwei. Zwei, die bis heute jeder mag.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. You Are (The Government)
  2. 2. 1000 More Fools
  3. 3. How Much Is Enough?
  4. 4. When?
  5. 5. Give You Nothing
  6. 6. Land Of Competition
  7. 7. Forbidden Beat
  8. 8. Best For You
  9. 9. Suffer
  10. 10. Delirium Of Disorder
  11. 11. Part II (The Numbers Game)
  12. 12. What Can You Do?
  13. 13. Do What You Want
  14. 14. Part IV (The Index Fossil)
  15. 15. Pessimistic Lines

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