Mit süßer, feenhaft-unschuldiger Stimme intoniert Annett Louisan in ihrer ersten Single "Das Spiel". "Dass du dich verliebst / weil du's mit mir tust / dass es dich so trifft / hab ich nicht gewusst / es war nie geplant / dass du dich jetzt fühlst / wie einer von vielen".
Und zeichnet damit das Bild einer begehrten, verführerischen jungen Frau, die zwar durchaus bereit ist, diesen Ruf auch für sich persönlich zu bestätigen, jedoch: Mehr als eine Nacht darf ein Mann nicht bei ihr erwarten. Verliebt er sich, zieht sich das Objekt der Begierde nur scheinbar unglücklich in sein Schneckenhaus zurück. Mit sanfter, aber bestimmter Anmut wird der Liebhaber aufgeklärt, dass der Fehler im System, in diesem Falle innerhalb seines Herzens liegt – und keinesfalls etwa in der Lebenseinstellung seiner Angebeteten.
Selten hat man bei einer deutschsprachigen Künstlerin bereits beim Albumdebüt eine so vielfältige und glaubhaft ausgereifte Mischung aus Koketterie, samtenem (Musik)-Augenaufschlag und gleichzeitiger Selbstsicherheit erlebt. Annett Louisan kommt im April 1979 in Havelberg in der damaligen DDR zur Welt. Sie wird von ihrer Mutter aufgezogen. Ihren Vater lernt sie viel später kennen, und dies nur einmal während eines kurzen Treffens. Er hat keinen Einfluss auf die Erziehung des jungen Mädchens. Nach der Wende zieht Annett mit ihrer Mutter nach Hamburg.
Die Heranwachsende interessiert und beschäftigt sich mit Musik und Malerei, was auch dazu führt, dass Annett nach Abschluss der Schule ein Kunststudium beginnt. Geld ist knapp, und so finanziert sie das Studium durch Gelegenheitsjobs als Studiosängerin. Sie wirkt bei unterschiedlichsten Produktionen und Musikrichtungen mit. Die Bandbreite beinhaltet dabei verschiedenste Genres wie Trance und Klassik. Sogar das Einspielen von Weihnachtsliedern zählt zu ihrem Repertoire.
Schließlich lernt sie Musiker kennen, die ihr bei der Produktion eines eigenen Demobandes unter die Arme greifen. Das 105 Music-Label von Sony wird auf auf die junge Künstlerin aufmerksam. In Frank Ramond findet sie den richtigen Produzenten und, was ebenso wichtig ist, den Partner, der ihre Ideen für die eigenen Songs in passende Texte kleidet. Ende Oktober 2004 erscheint das Debütalbum "Bohème" und auch die Singleauskopplung "Das Spiel", mit der Annett sofort auf verschiedenen Radiostationen punktet.
Die Musik von Annett Louisan ist ein aufregender Mix von Strukturen, deren Wurzeln ebenso im französischen Chanson wie auch in der eleganten Tradition des klassischen amerikanischen Songwritings liegen, angereichert mit Folkelementen und durch einige wohldosierte Jazzanleihen zusätzlich veredelt. Assoziationen an so unterschiedliche Frauen wie Marylin Monroe oder Marlene Dietrich werden wach, wenn sie mit ihrer unbekümmerten Mischung aus weiblichem Kalkül und einem feinsinnigen Gespür für Atmosphäre und Ironie Zustandsbeschreibungen der ewigen Dinge zwischen Mann und Frau bissig und warmherzig zugleich interpretiert.
Annett Louisan präsentiert sich als spannende, vielversprechende Newcomerin, deren Weg mit Interesse zu verfolgen sein wird. Auch wenn ihre erste Single in die Irre führt - einer durfte nämlich doch mehr erwarten als eine Nacht. Das ist der 24-jährige Gazi Isikatli, mit dem Annett seit Ende 2004 verheiratet ist. Immerhin vier Monate verheimlicht die Louisan, dass sie im richtigen Leben bereits vergeben ist. Da wird sich mancher Fan, der die Koketterie zu ernst nahm, fühlen, "wie einer von vielen"!
Im Jahr 2005 startet die junge Künstlerin zu einer erfolgreichen und umjubelten Tour. Nicht wenige zeigten sich zunächst skeptisch, ob die doch sehr zurückgenommenen Lieder und die Sängerin selbst in der Lage wären, die Anforderungen an ein großes Konzert zu erfüllen. Doch mit dem ihr eigenen Charme und den sie begleitenden Klassemusikern überzeugt Annett auch strengste Kritiker. Der Gewinn der Goldenen Stimmgabel und des Neo-Awards unterstreichen den Status, den Annett Louisan mittlerweile inne hat.
Im Oktober 2005 erscheint - fast genau ein Jahr nach dem Debüt - das zweite Album "Unausgesprochen". Annett und ihr Produzententeam führen die Arbeit mit vielen neuen Schattierungen fort. Zusätzlich zeigt die Weiterentwicklung in Sachen Arrangement und Textarbeit, dass noch viel Potenzial in der aparten Wahlhamburgerin steckt. Der Fan darf weiterhin herausragende Veröffentlichungen der vielseitigen Sängerin erwarten.
Bereits zum Ende 2005 ist die ab Februar 2006 beginnende zweite Tournee ausverkauft. Zusatztermine werden angesetzt. Neue Ehrungen stehen schon im Januar ins Haus. Für ihr Debüt "Bohème" erhält Annett Doppelplatin, und der Nachfolger "Unausgesprochen" wird mit Gold und später erneut Platin bedacht.
2007 stehen zunächst weitere Konzerte an. Nach der erfolgreich absolvierten "Unausgesprochen"-Tour übernimmt Annett einen Gast-Gesangspart in dem Song "Kokettier Nicht Mit Mir" mit Götz Alsmann. Auch an einem neuen Album wird gearbeitet. Am 31.08.2007 erscheint schließlich der Drittling "Das Optimale Leben" mit 15 frischen Songs, die erneut auf eindrucksvolle Weise Annetts besondere Stellung im deutschsprachigen Musikraum unterstreichen.
Wachsender beruflicher Erfolg und künstlerische Anerkennung sind die eine Seite der Erfolgsstory von Annett Louisan. Privat läuft es nicht so positiv: In einer kurzen Pressemitteilung gibt sie 2008 die Scheidung von Ehemann Gazi bekannt. Dies bleibt nicht die einzige einschneidende Veränderung - auch von ihrem bisherigen Markenzeichen, der blonden Mähne, trennt sie sich und kehrt zu ihrer ursprünglichen Haarfarbe braun zurück. Lange Jahre in Hamburg ansässig, zieht es sie nun nach Berlin.
Mit im Gepäck: Eine neue Liebe. Der kanadische Sänger und Songwriter Martin Gallop tourte bereits mit der Künstlerin und zeichnet für einige Songs des im Oktober 2008 erscheinenden vierten Albums "Teilzeithippie" verantwortlich. Auch hier machen sich Wandlungen und Veränderungen bemerkbar, was Stil und Ausführung der Musik angeht. Für Annett fraglos auch eine Art Experiment: "Ich bin so gespannt, wie diese neuen Arbeiten bei Fans und Kritikern ankommen! Aber jetzt ist einfach die Zeit für einen Wandel gekommen. Ich möchte nicht stehenbleiben."
Von Liebes-Patzern, Zigaretten-Lust und Problemen mit der Bild-Zeitung.
Keine Spur von One-Hit-Wonder: Mit "Das Optimale Leben" legt die Wahlhamburgerin ihr bereits drittes Album vor - erneut von glänzendem Charts-Einstieg flankiert. Doch nicht alles ist Gold, was glänzt.
Im Gegensatz zu vor rund zwei Jahren gibt es diesmal keine Chance auf ein direktes Treffen mit Annett Louisan: Zum Zeitpunkt der Präsentation des neuen Albums "Das Optimale Leben" ist ihr Terminkalender prall gefüllt. Doch dank der Unterstützung einer freundlichen Promotion-Mitarbeiterin erhalte ich rasch die Zusage zu einem Telefon-Interview.
Am genannten Tag bereite ich mich in Ruhe vor und bringe mein High-Tech-Arsenal in Stellung: Neben dem mit einer Mithör-Funktion ausgestatteten, rund 15 Jahre alten Actron-AB-Schnurtelefon platziere ich das ebenfalls nicht mehr sonderlich junge Cassetten-Mithörgerät, das mir bereits bei anderen Gelegenheiten treue Dienste leistete. Die Zettel mit Stichworten liegen bereit, auch eine fast volle Schachtel Lucky Strike Filter, und ein Becher mit Milchkaffee. Ob sich die Künstlerin überhaupt noch an den damaligen Termin mit laut.de erinnert? Eingedenk der Heerscharen von Medienleuten, die seitdem über sie herfielen, sicher ein wagemutiger Gedanke.
Es klingelt nahezu auf die Minute genau. "Hallo, hier ist Annett". Ich beginne, mich kurz vorzustellen, werde jedoch sanft unterbrochen: "Hey, wir kennen uns doch! Du warst doch damals mit mir im Hamburger Büro ..." Im weiteren Verlauf entwickelt sich unser Telefonat nahezu wie eine direkte Fortsetzung des damaligen Gesprächs - offen, ungezwungen, und in einer freundlichen Atmosphäre.
Annett, als erstes ein ganz schlichter Einstieg: Neues Album, Promotion-Rummel, Termine und Interviews ohne Ende - Wie geht es dir?
Also, ich habe mittlerweile bestimmt zum hundertfünfzigtausendstenmal das Wort "Optimal" ausgesprochen. (lacht) - Nein, es geht mir persönlich wirklich sehr, sehr gut. Ich bin unglaublich glücklich mit dieser ganzen Entwicklung. Ich habe ja ein bisschen Pause gemacht nach der letzten Tour, mich ein bisschen zurückgezogen, und tja, dann fängt man wieder bei Null an - es gibt ja keine Vorschusslorbeeren, und das neue Album wird halt gut oder nicht. Das muss man erstmal gut hinbekommen, und da habe - eigentlich zum erstenmal in all dieser ganzen Zeit - so etwas wie Druck verspürt. Aber nicht von außen, sondern mehr von innen. Da hat so ein bestimmter persönlicher Reflektionsprozess erst so richtig eingesetzt, das brauchte ich auch.
Und dann der Blick auf die erste Chartsplatzierung: Das hat sicher Spaß gemacht ....
Ja, und wie! Das ist so ein bisschen wie Olympiade. Man trainiert mit Leuten, man macht sich fit, dann bekommt man die ersten Resultate. Also, gleich Platz 2 - da war ich noch nie! Und: Das lässt ja für die Zukunft noch Platz nach oben. Man darf so etwas wie diesen tollen Einstieg aber nie voraussetzen. Das Geschäft ist so schnelllebig. Eben warst du noch neu, jetzt bist du auf einmal alt, egal, wie alt du tatsächlich bist; das geht irgendwie so wahnsinnig schnell, und da muss man sich erst einmal darauf einstellen, wie alles eigentlich so abläuft.
Damals, bei unserem ersten Interview, fragte ich dich, wie du eigentlich in der sogenannten etablierten Garde aufgenommen wirst - als Newcomer, der dann auf einmal auf Aftershow-Partys und ähnlichem erscheint. Deine Antwort war: "Da haben schon manche geguckt und gefragt: Huch, wo kommt die denn die auf einmal her?" Das hat sich inzwischen sicher geändert.
Das hat sich wirklich geändert! Dazu muss ich sagen, dass mit den Leuten, mit denen man zusammen sozusagen frisch in eine Klasse gekommen ist, schon ein besonderes Verhältnis entstanden ist. Ich freue ich mich immer sehr, die wiederzutreffen, nun schon zum 3. und 4. Mal, das ist dann ein besonderes Gefühl der Verbundenheit. Auch so ein ganz kleines Gefühl der Routine schleicht sich ein - was ich aber sehr positiv finde - weil man an diesen Gesprächspartnern auch merkt: "Wieviel hat sich inzwischen eigentlich getan?" Die können einem auch wieder ein ganz anderes Außenbild vermitteln.
Stichwort Weiterentwicklung: Ich hatte damals, zu Beginn deiner Karriere, ein Konzert in Kiel besucht. Anfang diesen Jahres dann ein Konzert in Hamburg - da hat sich viel getan in der Zwischenzeit, was deine persönliche Sicherheit auf der Bühne und Präsentation überhaupt angeht.
Als ich angefangen habe, bin ich wirklich so ins richtig kalte Wasser gesprungen. Ich hatte vorher ganz, ganz wenig Bühnenerfahrung. Und dann waren auf einmal zweitausend Leute da, und die sind alle nur wegen mir gekommen. Da geht dann der Vorhang hoch - und irgendwie bei mir: "Scheiße! Oh Gott!" Doch mein Publikum hat mich stets auf Händen getragen. Es war so wie ein riesengroßer Saal voll gefühlter Verwandter, die mir auch jede Unsicherheit verziehen haben. Und mir die Chance gegeben haben, mich zu entwickeln. Das musst du auf der Bühne lernen, das ist einfach nicht von Anfang an da. Das ist bei niemandem einfach so da. Das erzählen mir auch Leute, die etwa seit zehn Jahren auf Tour sind, wie sie angefangen haben, und was jetzt daraus geworden ist. Die Zeit des Reifens muss man sich geben, und mein Publikum hat es mir gegeben. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar.
Dein persönliches Team hat ja bislang so etwas wie ein goldenes Händchen bewiesen: Was sie anpackten, wurde ein Riesenerfolg - ohne Hype und fette Promotion im Hintergrund. Da warst zunächst du, dann folgte Roger Cicero, und nun demnächst Barbara Schöneberger in den erfolgsverwöhnten Händen von Frank Ramond, Matthias Haß und den anderen des Teams ...
Ich weiß um die Aufnahmen mit Barbara Schöneberger, aber ich kenne das Album noch nicht! Allgemein aufs Team bezogen, ist schon ganz schön was in Bewegung gekommen seit "Boheme". Die Ohren sind irgendwie offener für deutschsprachige Texte. Jeder Musiker, jeder Texter, jeder Künstler hat natürlich eine ganz eigene, besondere Handschrift. Inhaltlich und musikalisch haben wir aber nichts gemeinsam. Es ist die Kunst eines Produzenten, das Beste und Individuellste aus einem Künstler herauszuholen. Man erkennt es irgendwie sofort, so wie eine Stilrichtung. Nehmen wir etwa die große Motown-Zeit, da hat man irgendwie auch immer gleich erkannt, woher es kam. Der ganz eigene Stil eines Künstlers oder Produzenten, der bleibt haften und hat so einen hohen Wiedererkennungswert.
Oh nein. Ich bin schon Fußball-Fan, und ich muss hier aber in aller Deutlichkeit sagen: Ich bin St. Pauli-Fan! Und mit St. Pauli mache ich keine Scherze und stelle mich da natürlich nicht mit einem Bayern-Trikot ins Stadion! Allerdings bin ich keine fanatische Anhängerin. Ich habe in den letzten Jahren leider sehr wenig Zeit gehabt, tatsächlich einmal ins Stadion zu gehen, aber allgemein dabei bin ich in Sachen Fußball auf jeden Fall. Bei Weltmeisterschaften und anderen wichtigen Spielen - da werde ich zum Tier beim Zuschauen! Zu dem Song - und der angesprochenen Textzeile - im Speziellen muss ich aber gestehen: Da ist uns etwas ganz Unangenehmes passiert. Ich singe von der "Südkurve" - doch es muss natürlich "Nordkurve" heißen! Das ist so peinlich! Die beinharten HSV-Fans stehen schließlich nicht in der Südkurve! Doch so was fällt zunächst niemandem auf. Erst, wenn die Platte schon aus dem Presswerk kommt, meldet sich einer: "Das stimmt doch eigentlich gar nicht, was du da singst!" Man denkt: "Oh, neiiin ..." wehe, wehe, aber da muss man durch ...(lacht)
Oh, das ist mir auch nicht aufgefallen! Aber jetzt, wo du's sagst ... das hätte klingeln müssen bei mir! - Bleiben wir bei den Texten: Wird es, vielleicht schon beim nächsten Album, auch mal einen Song geben, bei dem du allein für die Lyrics verantwortlich zeichnest? Und: Würdest du dir das zutrauen?
Also, ich sehe mich als Teamworkerin, und das ist auch das, was unsere gesamte Arbeit insgesamt auszeichnet. So haben wir angefangen, und - wie auch bei "Bohème" und "Unausgesprochen" - bestehe ich ja gar nicht darauf, alles allein zu machen. Feedback ist wichtig - eine Rückmeldung. Das ist in meinem Fall besser, als wenn man allein losläuft. Seit der Erfolg da ist, gibt es ja inzwischen auch viel mehr Jasager als Neinsager, was einen schon verrückt machen kann, und was ich so auch gar nicht als angenehm empfinde. Die Teamarbeit, gerade was Kritik untereinander angeht, ist da für mich sehr wichtig, ebenso behutsame Weiterentwicklung mit neu dazugestoßenen Leuten. Was etwa beim neuen Album die gesamte Orchestrierung angeht, bei der wir neue Wege beschritten.
Zu den Texten: Frank ist ja nun einer der Produzenten und Schreiber, die sich schon sehr, sehr lange mit deutschsprachigen Songs beschäftigen. Er ist ein absoluter Könner und hat ein großes Sprachtalent, und gerade, was die humorvollen Pointen angeht, ist er einfach spitzenmäßig. Ich bin da mehr für die gefühlvollen Sachen zuständig, wenn man das mal so aufschlüsseln soll. Wir beeinflussen uns da gegenseitig auch sehr gut. Wenn man sich sehr lange mit etwas befasst, wird man automatisch auch einfach besser, gerade, was so kleine Kunstgriffe angeht, da arbeiten wir eng miteinander. Wir inspirieren uns gegenseitig, und Frank hilft mir dabei, einige Sachen auch eben zu verfeinern. Was zum Beispiel den Charakter des Songs angeht, die Platzierung der Pointen, Wortspiele und all diese Sachen, Frank arbeitet dann die Geschichte aus. Da ist ein Menge Vorarbeit drin, und es läuft nicht so nicht so wie das klassische "Poet am Schreibtisch", sondern es ist ein Sammelsurium aus sehr vielen, unterschiedlichen Dingen.
In Sachen Nuancen und Vielfältigkeit hat sich da auch eine Menge bei dir weiterentwickelt. Beispielsweise mit einem Song wie "Kleine Zwischenfälle", den ich persönlich für einen der stärksten halte, mitsamt seinem ganzen Aufbau und dem dazugehörenden Arrangement.
Das freut mich! Das ist so ein Song, den viele Leute gar nicht so auf der Pfanne haben, der gehört ebenfalls zu meinen Lieblingen. Man muss auch immer versuchen, die Leute in einen Song hineinzuziehen wie in einen Film.
Im letzten Alben-Song, "Der Kleine Unterschied", taucht Altmeister James Last als Mit-Komponist auf - wie kam es dazu?
Das war ein Glücksfall! Auf meiner ersten Tour hatte ich ja aus dem Buch "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken" zitiert, und das wurde dann von Leander Haußmann fürs Kino adaptiert. Völlig unabgesprochen kam dann von ihm das Angebot: "Ich würde gern Annett Louisan für den Titelsong haben - James Last macht den Soundtrack dazu, komponiert das - könnt ihr da nicht mal irgendwie zusammenkommen?" Und dann haben wir's gemacht.
Ein ganz anderes Thema: Du bist doch sicher noch - wie auch ich - dem aktiven Rauchen zugetan. Wie empfindest du die derzeit grassierende Bundes-Hatz auf uns Glimmstengel-Freunde?
Ich möchte nicht militant sein als Raucherin. Und es sollte Höflichkeit und Rücksicht auf beiden Seiten bestehen. Was ich natürlich bemerke, ist, dass gerade derzeit eine besondere Aggressivität gegenüber Rauchern besteht; oder eine irgendwie geartete Erlaubnis zur Aggressivität gegenüber Rauchern, die immer mehr voranschreitet, und die ich einfach nur schrecklich finde. Aber es hat auch was Positives: Man trifft sich inzwischen vor den Häusern dieses Landes wieder, um seinem Laster zu frönen, und verbündet sich da untereinander!
Das ist leider Deutschland: Statt zu differenzieren, wird manchmal einfach nur eine große Keule ausgepackt.
Ja. Man wird irgendwie sofort kriminalisiert, und solche Sachen dürfen dann natürlich keinen Spaß mehr machen. Ganz großartig finde ich auch diese gelben Vierecke auf den Bahnhöfen. Das habe ich in Köln oder Frankfurt erlebt, dass der ganze Bahnsteig praktisch leer war, bis auf dieses Viereck, und man von vorbeigehenden Leuten richtig angestarrt wurde. Da stehen halt diese Leute in diesem irgendwie imaginären Viereck, das ist irgendwie so was von skurril, unglaublich. Ich selbst bezeichne mich als absolute Genussraucherin, und ich weiß natürlich, dass das schlecht ist - aber es gibt auch genügend andere schlechte Sachen.
Aber ja! Bücher sind oft auch eine große Hilfe, die Realität mal komplett zu vergessen. Ich hatte in den letzten Jahre große Einschlafprobleme, denn wenn tagsüber so eine Adrenalin-Achterbahnfahrt läuft, ist es oft schwer, abends mal richtig abzuschalten. Was steht nun so darin? Zum Beispiel "Der Mann, der sich Carlos Gardel nannte" von Horacio Vázquez-Rial, das kann ich sehr empfehlen! Das musst du unbedingt mal lesen, ein großartiges Buch! Ich kann dir aber gar nicht genau erklären, worum es geht, doch es ist einfach nur schräg. Dann natürlich der absolute Klassiker, wenn man Annett Louisan verstehen will, und auch die Inspirationsquelle all ihren Schaffens darstellt lacht, dann muss man unbedingt "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" lesen.
Huh. Da habe ich mich noch nie rangetraut ...
Ein wunderbares Buch! Ebenfalls unbedingt lesen! Man sollte es aber nicht unbedingt mit dem Film vergleichen. Weitere Favoriten sind Heinz Strunk: "Fleisch Ist Mein Gemüse". Ein Klassiker! Dann: "Stolz und Vorurteil", meine ganz persönliche Kitsch-Vorliebe von Jane Austen. Gern auch immer wieder! Aktuell lese ich gerade "Die alltägliche Physik des Unglücks" von Marisha Pessl. Dieses Buch habe ich mir mal spontan am Bahnhof gekauft. Ich habe durch meine aktuelle Platte so viel über Glück und Unglück parlieren müssen, und der Titel hat mich deshalb einfach inspiriert und habe deshalb zugegriffen. Ich habe es noch nicht durch, aber es ist eine sehr schöne Geschichte, und Marisha Pessl ist eine Debüt-Schriftstellerin.
Die Presse. In diesem Falle Springer, und ganz speziell die Bild-Zeitung. Irgendwie schwingt da für den Beobachter ab und an durch, dass zwischen dir und dem Blatt irgendwie was nicht stimmt. Die Bild mag dich irgendwie nicht ... was ist da denn eigentlich mal gelaufen?
Anfang des Jahres, ein paar Tage vor Annetts Konzert in Hamburg, veröffentlichte das Blatt eine knappe Story mit der Überschrift: "Ich will doch nur mampfen" mit einem absichtlich sehr unvorteilhaft ausgewähltem Foto, auf dem Annett in ihrem weißem Kleid etwas sehr rundlich wirkte.
Gar nichts! Das ist es ja. Ich habe eben halt nur freundlich - auch anderen Leuten, anderen Blättern - gesagt, dass ich für Boulevard- und Homestories einfach nicht zu haben bin. Wie soll ich es näher beschreiben? Aber da muss man durch, wenn man als Person in der Öffentlichkeit steht. Es gibt eben bestimmte Zeitungen, die leben überwiegend von solchen Geschichten, und wenn sich Leute diese Boulevardblätter kaufen, dann wollen sie auch nichts Tiefgründiges lesen. Wenn man in der Beziehung nicht so viel zu geben hat, ist es schwer, einen Menschen zu thematisieren, das verstehe ich durchaus! Und Schadenfreude ist bekanntlich für viele Menschen die größte Freude, dagegen kann ich nichts tun, und dagegen will ich auch nichts tun. Da muss man einfach durch. Ich werde als Frau in den Medien in allererster Linie auf die Größe und das Körpergewicht reduziert, und auf die Haarfarbe. Aber: Wenn man nichts anderes gefunden hat als das bei mir, dann ist das in Ordnung. Und dabei fand ich das weiße Kleid so schön, aber vorteilhaft war es damals sicher nicht! Das waren die berühmten fünf Winter-Kilos. Genauer beschrieben sind diese auch in meinem Song "Mein innerer Schweinehund". Interessanterweise hat die Bild-Zeitung aber eine Alben-Kritik zu "Das Optimale Leben" geschrieben, die sehr gut ausfiel! Das hatte mich dann auch schon sehr gefreut.
Vor ein paar Wochen bekam die Redaktion eine Mail, die sich darum drehte, ob unsere Biographie zu dir stimme, besonders der angegebene Geburtsort. Darum die ganz wichtige Frage: Du bist doch in Havelberg geboren, oder nicht?
Doch! Absolut richtig! So steht es auch in meinem Pass! Wenn es nicht stimmen sollte, müsste ich meine Mutter noch mal fragen. (lacht)
Zu deiner Mutter: Im Titel "Kleine Zwischenfälle" geht es um die Umstände, die dazu führen, dass man später das Licht der Welt erblickt. Trägt der Part der Mutter darin ähnlich autobiographische Züge, wie damals im Song "Daddy" das Verhältnis zu deinem Vater? Oder ist es hier lediglich eine "Song"-Mutter?
Also, die Namen, Daten und speziellen Zwischenfälle sind natürlich nur eine Fiktion. Im Kern ist das Ganze aber sehr, sehr persönlich, das trifft zu. Wenn du mich fragst, was daran nun tatsächlich wahr ist, dann ist das schon so, dass ich so etwas wie ein kleiner Zwischenfall war und eben nicht geplant auf die Welt kam. Worüber ich aber sehr offen und locker sprechen kann. Darum habe ich diesen Song auch gemacht: Weil allgemein viele Leute oft so schockiert auf diese Tatsache reagieren, selbst nicht "geplant" zu sein, dachte ich einfach mal, na gut, der Titel ist für alle die Leute, die so etwas latent zu ernst und zu wichtig nehmen. Das Leben an sich sollte man nie in Frage stellen, aber alles andere kann dann schon einmal ein großer Zufall sein.
Ich glaube, wir müssen allmählich leider schon zum Ende kommen, wenn ich auf die Uhr blicke ...
Ja! Ich habe da gleich anschließend den nächsten Anruf, um 13:30 Uhr.
Noch so viel Fragen! Nehm' ich zum Abschluss diese: In einem Interview las ich, dass du zu Beginn deiner Karriere viel nach dir selbst gegoogelt hast. Mit welchen persönlichen Gedanken lief das ab?
Oh. Also, das ist schon sehr abgefahren, wenn innerhalb von zwei, vier und sechs Wochen auf einmal die Anzahl der Annett-Louisan-Resultate von 200 auf zunächst 5000 und dann 700.000 wächst. Mein Güte, das war extrem aufregend! Aber ich glaube, das haben alle Leute um mich herum gemacht. Dann liest man sich das auch ganze Zeug durch, was über einen geschrieben wird, aber das habe ich aufgegeben. Das Internet ist natürlich auch ein Pool für alle mögliche Art von Leuten, und gerade die negativ Eingestellten sind oft auch die lautesten.
A propos laut: Hast du auch auf laut.de nach Texten über dich gesucht?
Also, laut.de ist ja nun oft auch sehr, sehr kritisch, da hab' ich ja bislang noch Glück gehabt mit dem Redakteur! (lacht) Wenn ich das mit so manch anderen Sachen vergleiche, die ihr schreibt...
Ein Gespräch mit dem deutschen Shooting-Star über Erfahrungen, Vorurteile, eine Playboy-Anfrage und blonde Geheimnisse.
Erfolgreichste deutschsprachige Sängerin des vergangenen Jahres, Doppelplatin, Echo-Auszeichnung, ausverkaufte Tourneen: Annett Louisan kommt leise, aber gewaltig. Und spricht Klartext im Interview mit laut.de.
Hamburg, Anfang Dezember 2005. Ein diffuser Morgen, an dem sich die Natur nicht entscheiden kann, eine ausgeprägte Jahreszeit zu präsentieren. Ein konturloses Zwielicht hat längst die freundlichen, golden schimmernden Herbsttage verdrängt. Trübe und graue Schleier halten die Stadt in ihren Fängen, während ich auf dem Weg zu meinem Interviewtermin mit Shootingstar Annett Louisan bin.
Die Büroräume ihrer Plattenfirma 105music liegen im vierten Stock eines Altbaus. Mühsam beginnt also das Erklimmen der immer länger erscheinenden Treppen, bis ich mit Schweißperlen auf der Stirn endlich an der Eingangstür ankomme. Direkt daneben grinst mich eine offene Fahrstuhltür hämisch an. Dieser Morgen beginnt also mit kleinen Unannehmlichkeiten.
Freundlich werde ich von einer Mitarbeiterin begrüßt, die mir einen Sitzplatz und Getränke anbietet. Ich entscheide mich für ein Mineralwasser. Der Interviewtermin ist auf 11:00 Uhr angesetzt. Bereits um 10:55 erscheint Annett. So manch Journalistenkollege hat mit Starpünktlichkeit im allgemeinen da sicher ganz andere Erfahrungen gemacht.
Unser Gespräch findet unter vier Augen auf bequemen Stühlen in einem freundlichen Büro statt. Annett trägt eine Jeans, ein schlichtes, aber dank seiner dezenten Einblicke raffiniertes Oberteil – ein erster, symphatischer "Girl Next Door"-Eindruck, der sich im Laufe der folgenden Zeit sogar noch verstärkt. Die Sängerin wirkt offen, herzlich, strahlt Wärme aus – und eine ganz spezifische Sinnlichkeit. Ihre schönen Augen sind der Hauptanziehungspunkt: Groß, offen, interessiert und aufmerksam.
Hattest du nach der Veröffentlichung von "Bohème" mit dem irrsinnigen Erfolg gerechnet?
Klar, ich glaubte, dass das Album gut ist, aber auf eine spezielle Art und Weise. Ich glaubte, dass eine gewisse Anzahl von Leuten das mögen würde - eine eher kleine Schar von Menschen. Aber dass das so durchknallt, hätte ich nie gedacht. Der Singlehit "Das Spiel" hat uns natürlich sehr geholfen, aber das war so nicht geplant. Da fließt natürlich auch eine ganz große Portion Glück mit ein. Dass das alles so passt, dass die Leute offen sind und man in einer Zeit der gecasteten "Popstars" im Radio stattfindet. Ich denke, wir haben viele Zuhörergruppen mitgenommen, die wir von vornherein eigentlich nicht unbedingt hatten. Es war ein wunderbarer Anfang. Aber ich glaube, man kann alles, was danach kommt, nicht am Erfolg von "Bohème" messen.
Deine Songs, gerade beim ersten Album, sind vom Arrangement her recht minimalistisch gehalten. Hättest du Lust, diese Titel in einem größeren musikalischen Rahmen, etwa mit üppigem Big Band-Sound, zu präsentieren?
Für so etwas bin ich total offen, solchen Ideen sind bei mir keine Grenzen gesetzt. Ich hatte einmal ein Angebot, meine Songs in einem solchen Rahmen aufzuführen, auf einer Freilichtbühne. Aber das hat terminlich nicht geklappt. Aber es gibt so viele Möglichkeiten, gerade für die Zukunft.
Ein Punkt, der dir häufig vorgeworfen wird, ist, dass du deine Songs und Arrangements nicht in kompletter Eigenregie schreibst. Es ist ja nun so, dass du bereits beim ersten Album als Co-Autorin geführt bist und deine Beteiligung bei "Unausgesprochen" an den Texten sogar noch größeren Raum einnimmt. Aber wie hoch ist dein ganz persönlicher Anteil an den Songs tatsächlich?
Ich bin sehr stolz, dass ich ein so gutes Team um mich herum habe. Es ist so, dass gerade Teamarbeit im kreativen Bereich nicht unbedingt einfach ist. Darum bin ich sehr glücklich, dass ich etwa Frank Ramond, meinen Produzenten, um mich habe, meinen Komponisten Matthias Haß oder den Hardy Kayser, den musikalischen Leiter meiner Band. Das funktioniert sehr, sehr gut. Ich finde es toll, wenn da so viele talentierte Leute dabei sind, die dann viele verschiedene Sachen beisteuern. Ich bin mir nicht ganz sicher, woran es liegt, dass man gerade in Deutschland immer darauf herumhackt, als Interpretin in einem Team zu arbeiten. Ich weiß nicht, ob etwa eine Edith Piaf so hart darauf angesprochen wurde, keinen einzigen Song selbst geschrieben zu haben. Ich halte es daher nicht für verwerflich, dass wir uns in der Band gegenseitig beeinflussen und alles in einen Topf werfen, um das bestmögliche Resultat zu erzielen. Und auch ich bin mit der Zeit gewachsen.
Als ich mit den Arbeiten an "Bohème" begann, wusste ich auch nicht genau, ob ich das überhaupt kann. Ich habe natürlich Hilfe gebraucht. Jetzt, beim zweiten Album, habe ich irre viel dazugelernt. Von Frank etwa, der sich seit über zehn Jahren mit deutschen Texten befasst, wahnsinnig viel Erfahrung hat und alles auch handwerklich hervorragend bringt. Den Anspruch habe ich nicht, dass ich in Zukunft alles alleine mache! Warum auch? Ich stehe ja auch nicht allein auf der Bühne. Ich musiziere gerne mit anderen Menschen. Ich denke auch, das Misstrauen rührt daher, dass viele nach einem Haken suchen. Denn: So einen Haken muss es doch irgendwo geben! Nur weil in Deutschland wahnsinnig viel "Künstliches" produziert wird, vermutet man das automatisch auch bei mir. Natürlich kann ich es den vielen Kritikern nicht einzeln beweisen. Da muss man mit der Zeit einfach sehen, wie sich die Einschätzungen entwickeln.
Also, ich halte mich aus After Show-Partys und Feierlichkeiten meist heraus. Aber am Anfang hab ich schon so eine Atmosphäre verspürt wie "Wo kommt die denn jetzt plötzlich her"? Das liegt vielleicht auch daran, dass ich nun nicht unbedingt in eine fertige Kategorie passe. Dann wundert man sich schon, dass das trotzdem alles funktioniert. Aber eigentlich sind alle sehr umgänglich. Besonders die, die etwa zur selben Zeit bekannt geworden sind. Mit denen ist man ein bisschen verwandt, denn die erleben das schließlich auch zum ersten Mal.
Es ist ja fast schon gang und gäbe, dass die meisten Künstlerinnen früher oder später leichtbekleidet oder vollkommen hüllenlos in einschlägigen Männermagazinen auftauchen. Hast Du schon mal eine Anfrage vom "Playboy" bekommen?
Ja! Ganz am Anfang schon, die waren sofort da. Hab' ich natürlich abgelehnt. Aber man kann auf jeden Fall sagen, dass es auch ein bisschen schmeichelt. Du kannst dich nicht dagegen wehren, dass du denkst: "Na, wie viel bin ich denn wert"? (lacht) Was ich in meiner Arbeit als Teilaspekt sicher mache, ist, mit der Phantasie der Leute zu spielen. Die Zuhörer vermischen die ganz eigenen Vorstellungen und Gedanken mit dem, was sie bekommen; also in diesem Falle jetzt von mir. Kopfkino ist sowieso das schönste! Wenn ich mich zu sehr öffnen würde, gerade auf Fotos, wäre das schlicht langweilig. Und würde auch sehr viel kaputt machen.
(Die Frage nach dem angebotenen Honorar verkneife ich mir, erinnere mich aber an kolportierte Gerüchte, nach denen MTV-Plappermäulchen Sarah Kuttner für ihr brustfreies Engagement einen Betrag von rund 100.000 Euro erhalten haben soll. Wenn es nach Charme und Attraktivität geht, dürfte Annett sicher ein deutlich höher dotiertes Angebot erhalten haben).
Auf dem aktuellen Stefan Gwildis-Album "Nur Wegen Dir" hast du die Backgroundstimme im Song "Große Freiheit" beigesteuert. Du und Stefan seid bei derselben Plattenfirma, aber wie kam es genau zu dieser überraschenden Zusammenarbeit?
Also, Stefan war gerade hier in Hamburg im Studio mit meinem Gitarristen Mirko Michalzik und arbeitete an "Große Freiheit". Während der Session merkten sie, dass da noch was fehlt und suchten nach irgendwas, um den Song aufzupeppen. Da hatte Mirko die Idee, mich anzurufen. Es war nachts um halb eins und ich war zu Hause. Zwar schon im Pyjama, aber ich habe mich sofort umgezogen, bin ins Taxi gesprungen und dann haben wir den Take in einer Stunde im Kasten gehabt. So spontane Sachen machen oft den meisten Spaß.
Thema Duette und Kooperationen: Gibt es Künstler, mit denen du mal besonders gern zusammenarbeiten würdest?
Ganz sicher bin ich da offen, wenn die richtige Idee kommt. Warum nicht etwa Rammstein? Aber der Punkt ist: Da muss man sich treffen, sich mögen und man muss eine Idee haben. Also, das muss vom persönlichen Gefühl her wirklich passen. Die gegenseitige Lust muss da sein. Auch beim Arrangieren. Ich kann mir vieles vorstellen. Ich habe zum Beispiel Laith Al-Deen getroffen, ein wunderbarer Live-Musiker. Das könnte ganz spannend werden. Aber da ist noch nichts spruchreif, das sind bislang alles nur Überlegungen.
Du bist so wunderbar blond. Ist das eigentlich echt?
Wooo....oh! Oh...das...hmm...(lacht). Ich glaube, ich bin aus vollem Herzen blond. Und als Baby war ich auch sehr blond.
Vor einigen Wochen hattest du bei "Verstehen Sie Spaß?" einen Part als "Opfer" ... (Anm.: Unter dem Vorwand eines Live-Auftritts im Nachmittags-TV wurde Annett als Stargast eingeladen. Der Moderator begrüßte sie durchweg als "Annette Louisana". Während einer fingierten Werbepause entschwand der Moderator, und Annett bekam von der Regie die Anweisung, die Show ein paar Minuten allein zu moderieren, da der Moderator nun unpässlich sei. Dann folgten ein nervenaufreibender Zuschaueranruf, eine obskure Gewinnspielfrage und ein Playback-Auftritt, bei dem der Song so umgestellt wurde, dass kaum eine Lippenbewegung zum Band passen konnte).
Ich habe Höllenqualen gelitten. "Annette Louisana" - Ich dachte, oh nein, nicht schon wieder so ein Typ. Aber ich habe es ihm nachgesehen, weil man mich schon vorher darauf aufmerksam gemacht hatte, dass der Moderator irgendwie "krank" sei. Es war schrecklich. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich so ruhig geblieben bin, habe nur nach vorn geschaut und versucht, die Situation an mir vorbeistreichen zu lassen. Aber ich hatte noch drei Tage danach Magendrücken und überlege noch heute: "Warum hast du das alles eigentlich nicht gemerkt?"
Nein. Meine Eltern entschieden ganz einfach, keine gemeinsame Verbindung einzugehen. Meine Mutter hat sich dazu entschlossen, mich zu bekommen und großzuziehen. Mein Vater und ich sind einfach zwei Leben, die auseinandergegangen und nie zusammengeführt worden sind. Aber ich habe ihn kennengelernt; ein einziges Mal gesehen. Natürlich ist der Song "Daddy" auf meinem ersten Album eine sehr persönliche Sache. Aber es dreht sich dabei nicht um diese ganz konkrete, reale Person, sondern darum, dass ich mich, je älter ich wurde, fragte: "Warum gehe ich eigentlich so unemotional mit dem Thema um?" Das sind Konflikte in mir, die ich versuchte, mit dem Song zu bewältigen. Und das war mir vorher so noch gar nicht unbedingt klar. Dieses Thema ist mit der Zeit von den Medien sehr in den Vordergrund gerückt worden, allerdings habe ich das in der Form damit eigentlich nicht bezweckt. Aber der Song bedeutet mir sehr viel und ist mit mein Lieblingstitel auf dem Album.
Vor einiger Zeit warst Du – zusammen mit Eva Briegel von Juli und Steffi Kloß von Silbermond – zu Gast bei 'Beckmann'. Als vierter Gesprächspartner war Altbundespräsident Richard von Weizsäcker anwesend, der am Ende der Sendung die aktuellen CDs von Euch dreien überreicht bekam. Gab es von von Weizsäcker später eine Rückmeldung an Dich? Hattest Du Gelegenheit, ein paar persönliche Worte mit ihm zu wechseln?
Leider nicht. Er war sehr unter Zeitdruck, musste danach auch noch einen Flieger erreichen. Die Sendung wird mittags produziert und abends ausgestrahlt, und wir stießen auch erst kurz vor Aufnahmebeginn ins Studio. Das war schade, denn Richard von Weizsäcker ist eine sehr charismatische Persönlichkeit. Zur Talkshow selbst muss ich anmerken, dass ich im Nachhinein nicht sehr glücklich war mit der Art und Weise, wie diese Sendung angesetzt war.
Woran lag das?
So wusste ich etwa erst zwei Tage vor Beginn der Aufzeichnung, in welcher Runde und in welcher Besetzung diese Sendung stattfinden sollte. Eva und Steffi sind sehr freundlich und unkompliziert. Aber diese Zusammensetzung war uns im Vorlauf nicht angekündigt worden; das war dann bei uns allen so ein "Was?", wenngleich das keine so ausgesprochen hat. Man hat eigentlich versucht, obwohl wir unterschiedlichstes Terrain bearbeiten, uns drei in so eine Art mediale Schublade zu packen. Wahrscheinlich, weil gerade deutschsprachige Popmusik derzeit wieder sehr erfolgreich ist. Und manche Leute von einer "Welle" sprechen.
Stichwort: Die – als Etikett wieder hervor gekramte –"Neue Deutsche Welle". Eine für mich unglückliche Wortwahl, da es nur eine richtige Welle gegeben hat, die mit dem, was heute geschieht, nichts zu tun hat.
Die alte deutsche Welle aus den 80ern hat man ja auch kaputtgemacht. Weil man jedem, der nur irgendwie eine Gitarre halten konnte, eine gegeben hat, und es da nach so vielen guten und skurrilen Songs einfach nur Scheiße gegeben hat. Vielleicht sollte ich auch Angst davor haben, dass wegen dieser Etikettierung all das, was momentan geschieht, ebenfalls deswegen irgendwann den Bach runtergeht. Da wird zu oft auf das 'Nationale' angespielt. Ich meine, wenn man stolz darauf sein soll, dass in Deutschland deutschsprachige Musik stattfindet, finde ich das lächerlich. Das halte ich für sehr daneben, da sind wir in Deutschland einfach hintenan. Überall, in Frankreich, der Türkei oder sonstwo, findet nationale Musik ganz einfach statt, völlig entspannt, ohne Getöse und ohne Diskussionen.
Thema Journalisten. Ich las, dass Du zu vielen kein so unproblematisches Verhältnis hättest. Was ist da in der Vergangenheit schiefgelaufen?
So dramatisch war das alles nicht. Da waren nur ein paar Sachen, die gerade in der Anfangsphase vielleicht etwas unglücklich liefen. Einige wenige hatten halt ihre bestimmte Geschichte oder ihren Ansatz schon von vornherein im Kopf. Da kamen bei so manchem Treffen oft nur die gleichen Eckpunkte. Das waren allerdings die Ausnahmen. Gerade jetzt, beim aktuellen Album, bekomme ich erfreulicherweise ein noch interessierteres Feedback als bei der ersten Platte. Man beschäftigt sich eingehender mit der Musik und den textlichen Thematiken, und das ist ja eigentlich das Entscheidende. Und diese Ernsthaftigkeit im Umgang mit meiner Arbeit freut mich natürlich. Generell habe ich ein gutes Verhältnis zu Journalisten, und auch bei "Bohème" gab es ja schon diese überwiegend positive Aufnahme seitens der Medien.
In dem 'Mann-liegt-vor-mir-wehrlos-am-Boden-' Song "Gedacht ich sage nein" kommen wir Herren der Schöpfung nicht sonderlich gut weg ...
(lacht) Das ist vielleicht schon ein hartes Thema. Aber das Wichtige bei dem Song ist ja, dass man anfängt zu schmunzeln. Es ist ein Spiel mit den Klischees, und die Ausführung des Songs nimmt dem Ganzen dann wieder die Schärfe. Das Flirtverhalten eines Mannes ist nun mal ganz anders als das einer Frau. Ich will da nicht alle in einen Topf schmeißen, aber es gibt halt diese Männer, die auf einer Party wirklich alles anbaggern, was nicht schnell genug auf den Bäumen ist. Und die dann wahnsinnig erschrocken sind, wenn man den Spieß einmal umdreht.
Mir gefiel die erotische Atmosphäre in "Was hast Du vor?", dem Schlusstitel von "Unausgesprochen".
Ist das nicht ein perfekter Song für den Abschluss des Albums? Danach kann man das Licht ausmachen und schlafen gehen. Oder etwas anderes ...
Angesetzt waren 45 Minuten, doch weit über eine Stunde dauerte das Interview mit der Sängerin. Auch zu einer schnellen Fotorunde erklärt sich Annett sofort und unkompliziert bereit. Die Verabschiedung gestaltet sich ebenso herzlich und freundlich wie der Empfang. Die nächsten Gesprächspartner warten schon. Annett steht in der Tür zum Büro, lächelt mir zu, während ich die Jacke überstreife. Sie winkt zum Abschied, ich trete hinaus auf den Flur und gönne mir nun den Luxus des Fahrstuhls. Noch immer erwartet mich auf den hektischen Hamburger Straßen triste Nebel- und Nieselstimmung. Trotzdem scheint sich etwas verändert zu haben; alles wirkt ein wenig heiterer und gelöster. Natürlich, ist ja klar. Denn inzwischen hat dieser Tag für mich das bezaubernde Lächeln von Annett Louisan.
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