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Der aus Frankfurt am Main stammende Daniel Wirtz geht schon in sehr frühen Jahren seine ersten Schritte im Musikbusiness. Seine erste Band gründet er mit 15 und sammelt sowohl als Sänger, als auch als Gitarrist und Songwriter seine Erfahrungen.
In den Fokus der Öffentlichkeit tritt er 1999, als er mit den ehemaligen Rage-Muckern Sven Fischer und den Efthimiadis-Brüder Chris und Spiros unter dem Namen Sub7even eine durchaus erfolgreiche Alternative-Band gründet. Gemeinsam nehmen sie insgesamt drei Alben auf und sind europaweit unterwegs. Allerdings kommt für ihn irgendwann der Punkt, an dem ihm die Texte immer wichtiger werden und er sich gerne in seiner deutschen Muttersprache ausdrücken möchte.
Da er bei Sub7even aber keine Kurskorrektur herbeiführen will, geht er den konsequenteren Weg und startet unter seinem Nachnamen ein Soloprojekt, in dem er textlich einen Seelenstrip hinlegt, der seinesgleichen sucht. Die Idee reift immer weiter. 2007 nimmt Daniel das Projekt ernsthaft in Angriff. Zusammen mit seinem Produzenten Matthias Hoffmann (der auf dem Album neben Daniel auch die Gitarren spielt), nimmt er eine ganze Reihe Songs auf. Die Drums stammen von Christoph 'Fifa' Liening, den Bass übernimmt Christian Hon Adameit.
Um wirklich alles unter Kontrolle zu haben, gründet Daniel schließlich noch sein eigenes Label Wirtzmusik und bringt nach der Single "Ne Weile Her" Ende März 2008 auch sein Solodebüt "11 Zeugen" auf den Markt. Alleine den Vertrieb der Scheibe überlässt er Rough Trade, kümmert sich aber sonst um alles in Eigenregie. Musikalisch liegt er mit der Scheibe irgendwo zwischen Die Happy, Nickelback und Nirvana, ohne dabei irgendwo zu klauen oder Ecken und Kanten zu verlieren.
Ende 2008 wird Daniel sogar für den Live Entertainment Awards 2008 als Club Künstler des Jahres nominiert, muss sich aber leider mit dem zweiten Platz zufrieden geben. Kein Beinbruch, laufen doch bereits die Arbeiten am nächsten Album und die Tourvorbereitungen. Den Sommer über stehen wieder Festivals wie Rock am Ring/Rock im Park oder Bochum Total an. Ende Oktober ist "Erdling" endlich fertig gestellt. Darauf schlägt er die gleichen Töne an wie beim Debüt und verbindet erdigen Rock mit grundehrlichen, direkten Texten.
Das Konzept, sich ohne Label und alleine über den Kontakt zu seinen Fans zu etablieren, geht ein weiteres Mal auf. Die Hallen, in denen er spielt, werden größer und sind dennoch ausverkauft. Zwar schießt sich MySpace, eines der von Daniel am meisten genutzten Promotion-Tools nach und nach ins Aus, doch dem Mann gelingt es dennoch, seinen Bekanntheitsgrad zu halten und zu steigern. Zwei Jahre nach "Erdling" kehrt er Mitte August 2011 schließlich mit "Akustik Voodoo" zurück.
Wirtz über "Akustik Voodoo", Wahnsinn und die Anziehungskraft von heißen Herdplatten.
Was macht einen 'bösen Menschen' aus - Umwelt oder Veranlagung? Wirtz und Edele klären das mal ...
Technik ist nach wie vor Segen und Fluch zugleich. Da hat man schon die Möglichkeit, mit Daniel Wirtz an einem sonnigen Nachmittag in der Frankfurter Innenstadt in einem gemütlichen Café einen gemütlichen Plausch über das neue Album "Akustik Voodoo" zuhalten und einfach nur das kleine, digitale Aufnahmegerät mitzunehmen – und dann zeichnet das Drecksding nichts auf.
Zum Glück ist der Mann freundlich und entspannt genug, um dem dusseligen laut.de-Redakteur eine zweite Chance zu geben und so spricht man sich wenige Tage später bereits wieder am Telefon.
Daniel, nachdem der erste Versuch so glorreich in die Hose ging, starten wir Nummer zwei. Du hast jetzt die ersten Festivals bereits hinter dir. Wurden da auch schon die ersten neuen Songs gespielt?
Im Großen und Ganzen hab ich die letzten Festivals jetzt noch mit dem alten Programm gespielt. Wobei das für viele Leute dort noch komplett neues Material war (lacht). Das neue Zeug wird erst jetzt zur Tour wirklich präsentiert. Allerdings hatten wir "Du Verschwendest Meine Zeit" schon dabei, weil das ne gute Uptempo-Nummer ist, zu der man auf einem Festival gut mitgehen kann. Den Rest gibt es dann in live und 3D erst auf der Clubtour.
Die ersten Reviews wirst du zu "Akustik Voodoo" allerdings schon bekommen haben.
Ja, auf jeden Fall und deine hab ich natürlich ebenfalls schon gelesen. Es freut mich immer wieder, wenn ich sehe, dass sich jemand wirklich mit meiner Musik und meinen Texten auseinander setzt und ich habe tatsächlich den Eindruck, dass das auch bei vielen anderen Journalisten mehr und mehr der Fall ist. Auch solche, die das letzte Album noch weitgehend nebenher abgefertigt haben, nehmen sich mittlerweile etwas mehr Zeit dafür, was ich natürlich richtig geil finde. Keine Ahnung, ob das an der guten Arbeit unserer Promotion Firma Oktober Promotion liegt, die einfach genau wissen, wen sie am besten anschreiben, oder ob die Leute allgemein ein bisschen offener für meine Art Musik geworden sind ... Auf jeden Fall ist der Tenor bislang durch die Bank positiv. Schon fast ZU gut, würde ich sagen (lacht).
Hast du denn in anderen Interviews dann auch Feedback in der Art bekommen, dass die sich für das neue Material eher erwärmen konnten als für die ersten beiden Scheiben?
Nein, das jetzt nicht gerade, aber in meinem persönlichen Umfeld ist das zum Teil der Fall gewesen. Da haben einige nach dem ersten Probehören schon gesagt, dass die neuen Songs das Beste wären, was ich bislang geschrieben hätte. Und die sind da in aller Regel sehr kritisch, was solche Aussagen angeht (lacht). Die eigenen Freunde wirklich zu überzeugen, ist ja meist das Schwerste, aber da sich selbst DIE begeistert zeigen, hab ich ein wirklich gutes Gefühl.
Warum auch nicht? Immerhin wirst du deine Fans mit der neuen Scheibe kaum verprellen, und Platz für neue ist immer. Die dürften sich dann auch über einen eher lustigen Song wie "Goldenes Kind" freuen, der ganz im Sinne von "L.M.A.A." vom Vorgänger steht.
Das ist wohl so eine Nummer, bei der jeder zumindest schmunzeln muss, weil die so krass überzeichnet und ironisch ist. Das ist alles mit einem Augenzwinkern zu verstehen, aber auf der anderen Seite musste das natürlich auch alles mal zur Sprache gebracht werden (lacht). Ich hab mir damit aber auch einen kleinen Wunsch erfüllt, nämlich meine Eltern und vor allem meine Mutter mal mit einem Song von mir zum lachen zu bringen. Das hat mit "Goldenes Kind" herrlich funktioniert.
Gehen dir solche Sachen, die eher mit einem Augenzwinkern zu verstehen sind, leichter von der Hand?
Hm, schwer zu sagen. Leicht ist eigentlich nix, wenn es ans Songwriting geht. Es war einfach der richtige Zeitpunkt, um auch mal so was anzugehen und so einen Song zu schreiben. Wie, wo und warum ausgerechnet jetzt kann ich auch nicht beantworten. Geplant war das nicht, sondern am Ende stand ich einfach mit diesem Song in der Hand da. Sowohl dieser Song, als auch das ganze Album sind einfach die Momentaufnahmen von einem Jahr sich fallen lassen, Seele durchforsten, Resümee ziehen. Und dann versucht man das für den Hörer in eine Reihenfolge zu bekommen, dass es für den ebenfalls Sinn hat, dass es für einen selbst dramaturgisch sinnvoll aufgebaut ist, aber dann war es das im Grunde schon. Wie das genau passiert ... wenn ich das wüsste, würde ich vermutlich viele, viele Nummer 1-Hits schreiben (lacht).
Ich wollte eher darauf hinaus, ob so ein Text schneller geschrieben ist und leichter zu Papier zu bringen ist als die eher nachdenklichen, besinnlichen? Auf Musik übertragen so in dem Sinn von: eine Punknummer schreibt man in einer halben Stunde, an etwas Progressiverem sitzt man ein paar Tage dran.
Also musikalisch macht das überhaupt keinen Unterschied und textlich eigentlich auch nicht. Auch bei "Goldenes Kind" braucht jede Formulierung seine Zeit. Schließlich will ich stilistisch dabei nicht absacken, nur weil es eben mal ein humoristisches Thema aufgreift. Ich denke, das Schwerste an einem leicht klingen Song ist es, die Nummer so leicht klingen zu lassen. Gerade in diesen Texten steckt verdammt viel Arbeit drin, um den sprachlichen und gedanklichen Flow wirklich rund zu bekommen. Oft fange ich extrem bedeutungsschwanger mit den größten Dingern an und koch das dann runter, bis dann die Worte übrige bleiben, die das so scheinbar locker und sinnvoll auf den Punkt bringen. Dabei ist dann total egal ob es eine eher flachsige Nummer wie "Goldenes Kind" ist, oder ein Thema wie "Gebrannte Kinder", bei der man ein wenig tiefer in die Materie taucht. Das macht für mich keinen echten Unterschied.
Der Text zu "Kamikaze" bleibt ebenfalls im Gedächtnis. Für mich stellt sich da die Frage, ist das ironisch gemeint, oder beschreibst du dich damit tatsächlich selbst?
Hahaha, das ist leider reine Selbstreflektion. Da bin ich nicht wirklich stolz drauf, aber das ist nun mal die reine Wahrheit. Man denkt sich zwar immer: hey, du bist jetzt eigentlich erwachsen, du kennst die Regeln und du weißt doch, dass man nicht auf die heiße Herdplatte fasst. Aber selbst, wenn man den Herd abschafft, um idiotensicher zu leben, kommt irgendwann der Punkt, an dem ich wieder los zieh und mir einen mit noch mehr Herdplatten besorge. Dann ist mir alles zu geordnet und ich brauche die Herausforderung, den Wahnsinn, das Chaos. Dann wird wieder aus allen Rohren geschossen, ich setz mich in die Kanone und lass mich abfeuern. Das IST leider so und ich hab die Hoffnung auch schon aufgegeben, dass ich mich in der Hinsicht irgendwann mal ändern werde. Irgendwann kommt einfach der Punkt, an dem ich mal wieder am Rad drehen muss und dann geht das Ganze von vorne los (lacht).
In gewisser Weise. "Kamikaze" bezieht sich natürlich explizit auf mein eigenes Leben, dass ich selbst heute noch mit dem BMX-Rad unbedingt noch mal die Treppe runter fahren muss, um mich richtig auf die Fresse zu legen – nur mal als Beispiel. "Strom Der Zeit" greift eher die Muster im inneren Bereich auf, also wie man mit anderen Menschen in Beziehungen umgeht, die Prägungen die man hat, worauf sich auch "Gebranntes Kind" bezieht. Man bekommt einfach von seiner Abstammung einen bestimmten Stempel schon aufgedrückt. Von seinen Eltern, Großeltern und wenn man noch weiter zurück geht, findet man in seiner DOS-Programmierung vermutlich sogar Einträge aus der Zeit, als der erste Affe mal den Gang auf zwei Beinen versucht hat. Das führt zu der Erkenntnis, dass man eben gewisse Verhaltensmuster hat, gegen die man sich kaum wehren kann. Es ist so, wie es ist. Ob das gut oder schlecht ist, ist nebensächlich. Die Thematik findet sich aber in diversen Texten auf der Scheibe, da es sich wie gesagt um eine Momentaufnahme des letzten Jahres handelt. Wenn man sich so mit einem Thema befasst, erläutert man sich das quasi selber und kommt dabei immer wieder auf andere Aspekte der selben Sache, die sich dann in einem neuen Text manifestiert. Somit sind "Kamikaze", "Gebrannte Kinder" und auch "Hol Mich Heim" quasi Songs, die aus einem Denkfluss entstanden sind, der aus der gleichen Quelle kam. So und jetzt will ich sehen, wie du dieses ganze Gefasel in einen sinnvollen Text umwandelst (lacht).
Das bekomme ich schon hin, mein Lieber. Aber wenn man dir so zuhört, scheinst es für dich im Endeffekt nur auf das Duell Genetik gegen Erfahrung heraus zu laufen.
Wenn man es bis nach unten reduziert, geht es wohl im Endeffekt in diese Richtung.
Also legt die Genetik für dich den Grundstein, was aus einem Menschen wird?
Davon bin ich überzeugt, ja.
Aber würde das nicht bedeuten, dass Menschen quasi schon böse geboren werden?
Puh, das ist ne schwere Frage. Also ich kenne jetzt keinen von sich aus bösen Menschen. Was auch damit zusammen hängt, dass ich natürlich kein Interesse habe, so jemanden kennen zu lernen. Die verschwenden meine Zeit, wenn ich mal mit Titeln um mich werfen darf. Das sind auf jeden Fall wieder schöne Thesen, über die man sehr gut diskutieren kann. Wie siehst du das denn?
Ich will sowas eigentlich nicht glauben. Ich wehre mich gegen die Annahme, dass Kinder schon böse oder mit Hass in sich geboren werden. Für mich sind das Verhaltensmuster, die anerzogen werden und von der Umgebung beeinflusst werden.
Klar, aber dann sind wir ja wieder beim Thema. Wenn du von deinen Eltern diesen bestimmten Stempel aufgedrückt bekommst, weil du zu wenig Liebe oder Aufmerksamkeit bekommen hast, dann bringt dich das doch bereits in eine bestimmte Richtung. Warum haben die Eltern ihrem Kind die entsprechende Liebe und Aufmerksamkeit nicht gegeben? Weil ihre Eltern vielleicht schon genauso waren. DAS ist die Art und Weise, wie ich das meine. Das ist weniger ein Problem vom genetischer Programmierung, sondern einfach von eigenen Erfahrungswerten, die man durch seine Aktionen und Reaktionen an den eigenen Nachwuchs weiter gibt. So bekommt jeder seinen Schlag schon von frühester Kindheit an mit – oder eben nicht.
Klar, eine gewisse genetische Vorbelastung mag man durchaus schon mitbringen und den Rest erledigt das Umfeld und die eigene Erfahrung. "Strom Der Zeit" interpretiere ich für mich dahingehend, dass manche Fehler immer und immer wieder wiederholt werden. Um den Klassiker zu zitieren: "Wer aus der Vergangenheit nicht lernt, ist verdammt sie zu wiederholen". Was mich interessiert ist: was löst so eine Erkenntnis, dass es doch immer wieder gleich abläuft, in dir aus? Macht dich das wütend? Eher lethargisch? Oder denkst du, jetzt erst recht?
Also ich bin jemand, der immer wieder versucht, sich mit der Musik selber an den eigenen Haaren raus zu reißen. Wenn man das Problem erkennt und akzeptiert, ist es bestimmt einfacher, damit zu leben, anstatt ständig zu versuchen, es zu verleugnen. Wenn ich mir dann sage, dass am Ende jeder mit sich alleine klar kommen muss, dann heul ich deswegen aber nicht rum, sondern dann versuche ich erst einmal für mich selber, damit umzugehen. Es ist schon irgendwo eine Schande, dass man weder im Privaten, noch in der Politik oder was auch immer aus den gemachten Fehlern seine Lehren zieht, aber irgendwie zieht sich das doch durch die ganze Menschheitsgeschichte.
Das ist wohl wahr. Hat sich eigentlich in der Herangehensweise an deine Songs irgendetwas verändert? Gehst du mit komplett fertigen Songs ins Studio, oder experimentierst du da auch schon mit gewissen Sounds oder Möglichkeiten?
Bei mir war das bis jetzt schon immer so, dass ich in gewissen Momenten einfach Lust habe, eine Gitarre in die Hand zu nehmen und dann kommt in aller Regel auch was dabei heraus. Das fixier ich dann meistens sofort. Egal, ob das auf nem Diktiergerät ist oder hier auf dem Rechner. Die Aufnahmen liegen dann erst mal rum und irgendwann hab ich auch mal wieder Lust mehr daran zu arbeiten und am Ende habe ich dann zumindest ein Grundgerüst an Songideen. Das kann ein Strophenthema oder eine prägnante Melodie sein. Wenn dann das Studio ansteht, dann zieh ich mich in ein Loch zurück und höre mir die ganzen Sachen nochmal an. Und wenn mich dann davon etwas direkt wieder flasht, dann arbeite ich das auch weiter aus. Meistens muss ich diese Sachen dann nur anspielen und weiß sofort wieder, was ich mir dabei gedacht habe. Das ist für mich dann ein sicheres Zeichen, dass da etwas in mir ist, das raus muss. Daraus entsteht dann der Song, und die Melodie und die Emotionen, die DAS in mir auslöst, beeinflusst letztendlich die Gedanken, worum es in dem Stück gehen könnte. DANN kommt der schwierige Teil, dass man das in Worte fassen muss. Dann fängt man an zu buddeln und kommt von Holz auf Stöckchen und irgendwann hat man 20 Texte, die das Thema immer mehr umkreisen und irgendwann macht man ne Punktlandung und fragt sich, wie man überhaupt dahin gekommen ist (lacht). Das ist dann auch für mich selbst immer so ein Aha-Erlebnis. Der ganze Weg dahin ist aber auch schon interessant. Eigentlich müsste man das mal dokumentieren und irgendwie aufzeichnen, wie ein bestimmter Song überhaupt entstanden ist. Das dürfte da draußen gar keiner raffen, was da an Strecke weggeackert worden ist.
Schon, aber dann müsste ich mir nen 80 Terrabyte-Rechner auf den Rücken schnallen und ne Kamera aufs Hirn. Und außerdem muss ich mir nen Idioten suchen, der das Ganze dann sichtet und bearbeitet (lacht).
Allein schon im Studio wäre es doch mal interessant, wenn ihr da ne Kamera stehen habt und entsprechendes Material verwendet.
Ich habe tatsächlich schon mal überlegt, mit einer Art Webcam im Studio zu arbeiten, dass die Leute mal einen Eindruck von unserer Arbeit dort bekommen. Aber letztendlich will man in dem Moment doch erst mal allein sein. Man sitzt da doch mit runtergelassener Hose und in solchen Momenten könnte ich keinen Zuschauer ertragen, weil das doch ein sehr zerbrechlicher Moment für mich ist. Sobald eine Kamera läuft, ist man eigentlich schon befangen und macht sich über alle möglichen Dinge Gedanken, die einen im Studio eigentlich nicht interessieren sollten. Das stört einfach enorm. Wenn ich gerade einen kreativen Prozess im Studio habe, dann will ich da auch mal in der Nase bohren oder die Haare raufen können, ohne darauf zu achten, wie ich aussehe. Da kommen auch schon mal ein paar schiefe Töne bei raus und das muss dann ja nicht jeder mitbekommen.
Auf "Akustik Voodoo" habe ich immer wieder das Gefühl, dass du deinen Blick nicht mehr maßgeblich nach innen richtest, sondern dich auch mit deinem sozialen Umfeld mehr auseinander setzt. Ist das tatsächlich der Fall, oder drückst du dich einfach anders aus, hast deine Formulierungen also angepasst? Musik hat ja meist auch therapeutische Wirkung. Bist du ein paar Dämonen los geworden?
Hm, ich kann dir da nur bedingt zustimmen, da ich der Meinung bin, dass auch die Texte auf "Akustik Voodoo" weitgehend auf mich selber bezogen sind. Allerdings habe ich sprachlich versucht, das alles ein wenig bildhafter zu gestalten, allgemeiner zu halten. Jeder soll die Möglichkeit haben, sich selber eine Vorstellung davon zu machen. Ich bin nach wie vor die Blaupause für die ganzen Texte, aber ich weiß ja, dass das nicht nur mir so geht, sondern ganz vielen anderen Menschen auch. Also versuche ich mich mittlerweile derart zu artikulieren, dass sich diese Leute in meinen Texten auch wiederfinden und sich damit identifizieren können.
War es für dich also schwieriger oder intensiver, deine Texte jetzt auf diese Art und Weise zu formulieren?
Naja, ich sage mal, dass es zwangsläufig so passiert ist, denn mit Sachen wie "Mon Amour" oder "Heute Weiss Ich" hab ich ja alles zu dem Thema und in der Art schon gesagt. Auch wenn mir jetzt ein ähnliches Gefühl widerfährt, dann muss ich ja dennoch sehen, wie ich das anders verpacken und artikulieren kann. Von daher war das eine ganz logische Entwicklung. Entsprechend wird es mit den kommenden Alben immer komplexer und schwieriger, wie ich manche Sachen jetzt verpacken kann, ohne mich dabei ständig zu wiederholen (lacht).
Ein bisschen muss man sich aber schon fragen, ob du deine inneren Dämonen denn mit deiner Musik tatsächlich bekämpfst, oder ob du überhaupt was aus deinen eigenen Erkenntnissen lernst.
Hey, also komm (lacht). Klar lern ich was draus. Für mich ist immer wieder die Chance, mir die Sachen von der Seele zu schreiben und es funktioniert für mich auch bestens. Ich hoffe natürlich auch, dass das bei dem Zuhörer ebenfalls ankommt und vielleicht sogar auch bei denen klappt. Am Ende mach ich das natürlich maßgeblich für mich. Wenn anderen Leute daran teilhaben und es für sie funktioniert, ist das super. Deswegen auch dieser Akustik Voodoo-Aspekt. Nach dem Motto: das ist etwas, was dich selber rettet, aber vielleicht auch als Antibiotikum bei anderen anschlägt.
Lass uns noch kurz auf das Thema MySpace kommen. Als wir uns das letzte Mal noch über "Erdling" unterhalten haben, war das quasi DEINE Plattform und das maßgebliche Mittel für dich, auf dich aufmerksam zu machen und mit deinen Fans in Kontakt zu treten. Mittlerweile hat sich MySpace selber ins Aus geschossen. Nutzt du dein Profil dort nach wie vor noch?
Ich bin auf jeden Fall täglich mal drauf und schau, dass es parallel zu allem anderen aktualisiert wird, aber man sieht an den Statistiken dort ja ganz deutlich, dass das alles den Bach runter geht und kaum mehr genutzt wird. Ich habe dort immer noch 13-14.000 Leute als Freunde, die ihr Profil dort noch nicht gelöscht haben, aber sonderlich aktiv ist dort eigentlich keiner mehr. Vielleicht haben die mir aber auch einfach nichts mehr zu sagen, wer weiß (lacht). Ich halte es nach wie vor am Laufen, aber der Nutzen ist mittlerweile sehr gering. Ich bin auf Facebook mittlerweile recht aktiv und muss halt jetzt schauen, wo es in Zukunft hingeht. Als Marketingtool werde ich Facebook allerdings nicht nutzen. Auch bei MySpace bin ich nie hingegangen und habe Leute angeschrieben. Alle, die bei mir gelandet sind, haben das von sich aus oder auf Empfehlung von Freunden getan. Daran werde ich auch in Zukunft nichts ändern. Und wenn ich dann mal was zu sagen habe auf meiner Seite, kann ich somit auch relativ sicher sein, dass es diese Leute tatsächlich interessiert und dass die dann auch dran bleiben. Wenn ich da 20.000 irgendwie angeschrieben hätte, die dann mal aus ner Laune raus auf 'gefällt mir' drücken und dann von mir zugetextet werden, denken die doch nur: was nervt der Typ denn jetzt schon wieder ab?
Du hast aber auch einen recht fließenden Übergang zu iMusic1 hingelegt.
Ja, das war eine glückliche Sache. Die haben sich relativ früh mit dem Thema Wirtz anfreunden können und sind ja auch in Frankfurt ansässig. Ich kenn die Jungs alle schon lange und von daher bin ich natürlich froh, mit denen so eng zusammen arbeiten zu können. Genauso wie du und ich uns die nächsten Jahre hoffentlich noch häufiger sehen werden, so ist das eben auch mit iMusic1. Wir kennen uns und man trifft sich hin und wieder. Die waren dann eben auch von dem Video zum Titeltrack total geflasht und hatten was dermaßen Hochwertiges aus Deutschland halt lang nicht mehr gesehen. So führte dann eins zum anderen und die Jungs sind genauso ambitioniert und mit vollem Herzen dabei, wie wir das hier sind. Von daher ist das echt klasse. Wenn dann bei der Premiere des Videos bei denen der Server zusammen bricht wegen Überlastung, dann wissen die ja auch, dass sie irgendwas richtig gemacht haben.
Mit dem Video habt ihr es ja auch richtig krachen lassen.
Ja, aber das war auch wieder so ein Ding unter Künstlern. Jeder, der an dem Video beteiligt war, ist wirklich von Herzen dabei und macht das, weil er da richtig Bock drauf hatte und sich künstlerisch entfalten konnte. Wenn wir das alles hätten bezahlen müssen, wäre das von vorne herein schon am finanziellen Aspekt gescheitert. Die Leute, die in dem Video mitspielen, das sind Akteure vom Antagon Theater in Frankfurt. Das ist ein 20 Jahre altes Straßentheater, die in einer kleinen Kommune am Stadtrand autark leben und für ihre Auftritte quer über den Globus reisen. Die waren einfach Feuer und Flamme und hatten Lust, dabei zu sein. Genauso unser Kameramann. Auch ihn kenne ich schon seit Jahren und er hatte einfach Bock drauf, als ich ihm das Szenario erklärt hatte.
Sieht man dich von Labelseite her eigentlich schon als Gefahr an? Immerhin hältst du dich ohne den ganzen Labelscheiß mehr als achtbar. Das stößt doch manchen sicherlich sauer auf?
Das kann ich mir jetzt nicht wirklich vorstellen. Ich weiß, dass das beobachtet wird, vor allem auch von vielen anderen Bands. Aber letztendlich wäre mir das auch egal. Ich mach hier meinem Kram und muss damit über die Runden kommen, was auch nicht ganz so leicht ist, wie sich das manch einer vielleicht vorstellt. Zumindest versucht mittlerweile niemand mehr, mich auf sein Label zu holen oder mit einem dicken Scheck zu locken. Mich sprechen immer mehr Bands an, wie ich das denn genau mache, was ich mache und wie ich damit über die Runden komme. Viele haben die Schnauze voll davon, von den Labels verarscht zu werden. Es ist natürlich für jeden Künstler der absolute Traum, sein eigener Chef zu sein, ohne dass einem jemand rein quatscht. Man steckt viel mehr Herzblut mit rein und hat bei wirklich jeder Entscheidung das letzte Wort und weiß das viel mehr zu schätzen. Auf der anderen Seite ist es verdammt viel Arbeit, eine große Verantwortung und ein nicht weniger großes Risiko. Letztendlich lohnt sich der Aufwand aber – zumindest für mich als Künstler (lacht).
Dann gib uns mal noch einen Buchtipp mit auf den Weg.
Oha, also für Leute, die auf die typische Wirtz-Lyrik stehen, wo auch ruhig mal ein paar Schimpfwörter auftauchen dürfen, die dürften wohl an "Macht Und Rebel" von Matias Faldbakken Gefallen finden. Sowas hatte ich bis dato auch nicht gelesen.
Über MySpace als Chance, Alien-Invasionen und die Verantwortung der Erdlinge.
Ex-Sub7even-Frontmann Daniel Wirtz plauscht bei einer Tasse Kaffee am Küchentisch über MySpace als Chance, Selbsttherapie-Formen, Alien-Stoßtrupps und die Verantwortung der Erdlinge.
Der ehemalige Sub7even-Fronter Daniel Wirtz hat mit "Erdling" sein zweites Album veröffentlicht. Grundehrlich und von einer gewissen Melancholie geprägt ist der Mann drauf und dran, auch ohne großes Label im Rücken den großen Durchbruch hinzulegen- mit Hilfe des Internets.
Ich treff' mich mit Daniel auf der Grenze zwischen Frankfurt und Offenbach im Studio, wo er und seine Band sich auf die anstehende Tour vorbereiten. Sein Produzent und Kumpel Matthias öffnet mir dir Tür, bringt mich in die Küche und drückt mir erst mal einen Kaffee in die Hand. Wenig später sitzt mir auch schon Daniel gegenüber, zündet sich eine Kippe an und ist bereit zum Gespräch.
Ein guter Freund von mir hat dich mal per MySpace angeschrieben und gefragt, was denn der Spruch auf dem Anrufbeantworter zu bedeuten hat und was der Typ da genau sagt. Das ist ja nicht immer so leicht zu verstehen.
Ja, das war, glaube ich, die am häufigsten gestellte Frage (lacht). Ich wollte so in der Art von Fettes Brot einfach den Effekt haben, dass der Song quasi im Hintergrund läuft und vorne irgendwas reingequatscht wird. Und da die Nummer thematisch ja genau in die Schiene passt, dass ich da einen bräuchte, der über mich abdisst, wollte ich irgendwas ähnliches.
Zuerst wusste ich aber nicht wie, weil selber einlabern is' doof. Ich wollte schon die Badesalz-Jungs anschreiben, ob die das nicht machen wollen. Aber genau zu der Zeit hatte ich dann von einem Kumpel diesen Spruch auf der Mailbox. Der saß mit 'nem anderen Kollegen rotzeblau im Taxi. Dieser andere Kollege hat einen Schmuckladen, in dem man auch so Silberzeug einkaufen kann und der heißt Silberhimmel.
Die wollten beide mit mir einen trinken gehen und da hat der Tom dann diesen Spruch abgefeuert. Und da heißt es hinten raus dann eben, "Du kannst noch nicht mal Schmuck vom Silberhimmel tragen, du Vollfotze, Alda." Das versteht man nicht so, aber das war halt genau das, was ich gebraucht habe.
Ich rief ihn am nächsten Tag an und fragte, ob ich das für meine CD verwenden darf, und er meinte nur: "Wie, was? Ich hab' dich doch nicht angerufen." Der wusste da echt nix mehr von. Ich hab' ihn dann vorbei kommen lassen und er hat sich das etwa 75 Mal im Loop angehört und sich selbst bepisst vor Lachen. Aber das war dann noch 'ne Höllenarbeit, das Ding soweit zu bearbeiten, dass es auf das Band konnte. Das hat sich aber auf jeden Fall gelohnt, wir haben das Teil auch schon als Intro für die Tour verwendet.
Damit haste die Leute halt schnell am Haken. Sowas macht neugierig und dann fragen die nach.
Ja, aber so aus dem Kontext gerissen gab es halt auch einige Leute die meinten: "Was is denn das fürn Arsch? Gib mir mal die Adresse, dann hau ich den weg." Aber, hey! Das is'n Kumpel von mir und wir reden halt so miteinander. Das nimmt das keiner dem anderen krumm. Das hat einfach perfekt gepasst.
Auf jeden Fall. Wirf doch mal einen Blick in meine Review zu deiner neuen Scheibe, dann können wir uns da direkt drüber unterhalten.
(Liest die Review aufmerksam durch und meint dann:) Das mit dem Subway To Sally hab' ich nie so ganz verstanden, aber du hast das in der letzten Review auch schon mal drin gehabt, oder?
Das ist richtig. Es gibt einfach ein, zwei Songs und Momente, in denen sich eure Intonation und die Prosodie sehr ähnlich sind. Die Art und Weise, wie du da die Gesangslinie und die Betonung anlegst, erinnert mich eben an Eric Fish und Subway To Sally. Ich hatte da auch den Eric in meinem letzten Interview mit ihm drauf angesprochen und ihn gefragt, ob ihm dein Name was sagt.
Wir haben mit Sub7even mit denen mal gespielt. Mein Name hat ihm aber nix gesagt, oder?
Ne, anscheinend nicht. Ich würde jetzt aber auch nicht sagen, dass du versuchst, den zu kopieren oder dich an ihm zu orientieren. Es gibt einfach Momente, die mich an Erics Stimme und Art zu singen erinnern.
Dann muss ich bei denen echt mal reinhören und drauf achten. Als wir damals mit denen gespielt haben, war das halt 'ne ganz andere Baustelle. Dieses Mittelalter-Rock-Zeug mir den Klamotten und Feuerspuckerei und allem war schon echt abgefahren, aber ich kam mir auch vor wie auf einem anderen Planeten, weil die im Kettenhemd auch VOR der Bühne standen. Das wurde nur noch getoppt, als ich mal auf dem Wacken Open Air war!
Aber in der Review erwähnst du ja auch die beiden Bonus-Songs, dass die jetzt offiziell mit drauf sind. Das hat den einfachen Grund, dass viele danach gefragt haben. Von der Single "Keine Angst" wurden vielleicht 400 verkauft. Ich fand den Song zu schade dafür, dass ihn nur 400 Leute hören, deswegen ist "Overkill" nochmal mit drauf.
Ich denke jetzt nicht, dass ich damit vielen Fans ans Bein pinkle, wenn der Song jetzt eben für alle Fans auch nochmal auf der Scheibe landet. Und wenn man für die iTunes-Nummer schon mal 90 Cent gezahlt hat, ist das, glaub' ich, auch verkraftbar.
Das denke ich auch. Wie sieht die Sache mit den Onkelz aus? Stephan Weidner hat ja doch eine, ich sag' jetzt mal, vergleichbare Art, sich zu artikulieren. Auch wenn er sich thematisch weitgehend anderen Dingen widmet.
Das auf jeden Fall. Aber ich würde nicht sagen, dass die Onkelz oder Stephan ein großer Einfluss waren. Was mich an den Onkelz immer wieder tief beeindruckt und beinahe umgeworfen hat, war deren Publikum. Diese bedingungslose Treue und wie sie jedes einzelne Wort mitgesungen haben. Das hat mich schon enorm beeindruckt. Mittlerweile hab ich das im deutlich kleineren Rahmen ja auch und es jagt mir jedes Mal noch eine Gänsehaut über den Rücken. Aber textlich würde ich nicht sagen, dass mich Stephan beeinflusst hat.
Das musste einfach sein. Bei Wirtz muss ich keinerlei Kompromisse eingehen, sondern das bin zu 100% ich. Was ich sage, denke und fühle. Alles geht auf meine Kappe, was natürlich auch ein größeres Risiko mit sich bringt, wenn die Sache schief geht. Aber dann weiß ich wenigstens, wer dafür verantwortlich ist, nämlich ich selbst. Ich hab' da meine Vorstellungen, wie das aussehen muss, und davon will ich eigentlich auch nicht abweichen.
Letztes Jahr hab' ich beispielsweise die Anfrage bekommen, ob ich diesen Bundesvision Song Contest beim Raab machen will. Da gab es von meiner Seite aus ein klares 'NEIN!' Das hat meinen Typen fürs Marketing beinahe an den Rand des Herzinfarkts gebracht (lacht). Der meinte nur: "Hast du sie nicht mehr alle? Wie kannst du so eine Marketing-Möglichkeit wegschmeißen?" Das mag ja schon sein, aber ich hab da doch ein feste Vorstellung davon, wo Wirtz funktionieren kann und das war eben nicht beim Raab.
Wenn ich da Erfolg gehabt hätte, dann wär' das in den Köpfen der Leute immer nur 'Das Ding vom Raab' gewesen, verstehst du? Man sollte nirgendwo auftreten, wo das Produkt eigentlich größer ist, als der Auftritt. Wenn die Peppers da auftreten, dann heißt das: "Wow, die PEPPERS gehen zum Raab." Das ist schon nochmal was anderes. Solange du nicht diese Größe hast, musst du in deiner Größenordnung bleiben, wenn du dir selbst treu bleiben willst.
Dann war die riesen Promo auf MySpace aber auch ein gewagter Schritt. Immerhin wurde der Stream mit dem kompletten Album erst gerade eine Woche verlängert.
Naja, MySpace ist ja das Medium auf dem alles angefangen hat. Folglich hab' ich mich da auf meinem Terrain nur hochgearbeitet. Das war ja durchaus auch ein Kampf, das Video an den Start zu bringen. Da kamen dann auch so Kommentare wie: "'N paar Titten könnten schon drin sein." Woraufhin ich mir ernsthaft Gedanken darüber gemacht habe, die Plattform zu wechseln (grinst), aber nachdem ich das Ding dann allein hochgeladen hatte und innerhalb von ein paar Tagen 15.000 Views verzeichnen konnte, sah man dort die Sache auf einmal wieder anders.
MySpace ist ja trotz der enormen Community irgendwie 'ne kleine Insel. Auf der Tour zum letzten Album hab ich auch jeden Abend gefragt: "Wer sind jetzt eigentlich die Nasen, mit denen ich die ganze Zeit online chatte?" Da kamen dann nur 15 bis 20 Hände hoch, oder sogar noch weniger. Wenn man den ganzen Tag da online ist, denkt man immer, die ganze Welt ist da vor Ort. Aber es gibt auch immer noch Millionen von Leuten, die da nicht angemeldet sind. Woher die mich dann kennen, weiß ich auch nicht. Aber als Promotool möchte ich MySpace auf keinen Fall unterschätzen! Da kann man dann doch auch mal auf der Titelseite sein.
Gerade für Bands ist MySpace heutzutage ein unschätzbarer Dienst! Man kann kostenlos alles auf die Seite packen, was für den Fan wichtig ist.
Auch für den Fan ist das klasse, weil du quasi in deinem Wohnzimmer Kontakt zu deinen Faves hast. So direkt und ohne Umwege gibts das doch sonst nicht. Früher hat dir die Plattenfirma 'nen Sack voll Briefe in die Hand gedrückt, wo du zwei rausgezogen und beantwortet hast. Heute bekommst du direkt die Mail oder das Comment und kannst darauf eingehen. Je mehr du das pflegst, desto mehr danken es dir die Leute.
Wenn ich bei den Foo Fighters auf die Seite schreiben würde: "Hey Dave, wie gehts? Was treibste denn so den Tag über?" Und da käme zurück: "Daniel, ich zisch' grad 'n Bier. Wie kommst du den aus Deutschland auf meine Seite? Alles klar bei dir?" Da würd' ich doch durchdrehen vor Freude. Und wenn mich das so freut, dann kann ich mit jeder beantworteten E-Mail bestimmt auch andere Leute glücklich machen.
Was denkst du, wie lange du das noch so durchziehen kannst? Das werden doch immer mehr, oder?
Klar, mittlerweile wird das massiv viel und ich sag' dann auch schon mal: "Passt auf, wir sind im Studio und proben, da kann ich nicht fünf Stunden am Tag online sein." Das kapieren die Leute dann auch und halten sich ein wenig zurück. Da kommt dann deutlich weniger und das funktioniert dann auch. Ich meine, das sind die Leute, die mich am Laufen halten. Die auf Konzerte kommen, ein, zwei andere mitbringen. Das muss man doch auch auf irgendeine Art honorieren.
Außerdem sind das ja auch weitgehend nette Mails, dich ich gerne lese und beantworte. Normalerweise steht da ja nicht: "Du Vollfotze, was bist du denn für'n Depp!?" Von daher macht man das doch gern (lacht). So, aber wenn ich mir deine Review so anschaue, dann würd' ich als Lehrer sagen: Thema verstanden, sehr schön umgesetzt und dem Rest der Welt auch sehr schön erklärt (grinst).
Na, dann is' ja gut. Wenn ich das bisher Erzählte zur Grundlage nehme, dann hast du mit deiner Musik alle Fäden in der eigenen Hand.
Das ist richtig. Ich und mein Kumpel Matthias, der das Album produziert hat, schmeißen die Sache gemeinsam. Wir haben beide schon einige schlechte Erfahrungen im Musicbiz gemacht und wollten das von Anfang an auf eigene Faust durchziehen. Wir haben hier unser Studio, wir haben unsere eigenen Ideen und haben dann noch das eigene Label ins Leben gerufen. Das war erst mal 'ne Scheißarbeit. Wir haben als Promoter noch einen Mann in Hamburg, aber sonst liegt das alles bei uns. Was Buchhaltung angeht, übernimmt das komplett Matthias, wofür ich ihm wirklich seeehr dankbar bin.
Es haben immer wieder Labels angefragt, ob man nicht bei ihnen veröffentlichen will, und ich hab' mich tatsächlich auch mit zwei, drei guten auf ein Gespräch getroffen. Aber da kam dann auch gleich, dass sie überall mitverdienen wollen. An der Tour, an Shirts, an Dings, an Bums. Da kannste eigentlich direkt schon aufstehen und gehen, weil warum sollte ich das machen, wenn ich im Endeffekt nur weniger dafür bekomme? Die Rechte haste auch für die nächsten 15 Jahre gesehen und auf einmal kommt noch der Spruch: "Ja textlich, da müssen wir an der nächsten Scheibe dann aber auch …" Ok, danke. Lass uns einfach einen saufen und Freunde bleiben. Wobei die drei Jungs, mit denen ich mich getroffen habe, dann auch sagten, dass sie mich voll und ganz verstehen und es genauso machen würden.
Wir sind halt für jedes Label da draußen ein Dorn im Auge, weil wir eben autark funktionieren. Es gibt bestimmt einige Bands wie die Hosen, die Onkelz oder Ärzte, die irgendwann gesagt haben: Wir sind jetzt so fett, wir haben unsere Fanbase, wir machen das jetzt selber. Ich bin mehr oder weniger der erste, der es von Anfang an auf eigene Faust gemacht hat und damit ein gewisses Level erreicht hat. Wenn das jetzt durch die Decke geht, ist das Todesstoß für Universal und wie sie alle heißen, weil es zurecht Nachahmer geben wird. Dementsprechend kann ich die Aufregung verstehen, aber vielleicht muss es mal einen Kahlschlag in dem Bereich geben.
In dem Zusammenhang fallen mir Silber aus Mainz ein. Die haben mit ihrer letzten Scheibe auch versucht, nur mit einem Vertrieb zusammen zu arbeiten und das Album selbst zu veröffentlichen. An sich kein schlechter Ansatz. Ich denke, darin liegt die Zukunft, aber das setzt ein gewisses Kapital voraus. Hast du von Sub7even noch entsprechend Rücklagen gehabt oder musstest du auch erst mal Haus und Kinder verpfänden?
Also wir haben da auch weitgehend Haus und Kinder verpfändet. Oder halt der Matthias Haus und Kinder, und ich mich selbst (lacht). Aber am Ende ist ein Plattenvertrag ja auch nichts anderes als ein Darlehen. Und wenn man sich ausrechnet, was 'ne Auflage an 5.000 CDs kostet, die man im Internet bestellt, die Sachen auf 'nen Server lädt und nach 'ner Woche schön verpackt bekommt, das lohnt sich schon. Die kannste auf Konzerten für sieben bis zehn Euro verkaufen und machst trotzdem noch Gewinn.
Wir haben jetzt natürlich alle Gewinne aus der ersten Scheibe in die zweite gepackt und auch den Darlehensvertrag nochmal erhöht, weil wir ja an das Unternehmen glauben. Aber ein Risiko ist das natürlich schon, das aber jeder eingeht, der sich selbstständig macht. Aber ich glaube an den Künstler, hehehe.
Man tauscht also das eine Magengeschwür gegen das andere ein.
Auf gewisse Weise schon, aber als Künstler ist das doch immer so. Geld verdient man erst, wenn man tot ist, und dann eben auch nur die anderen (lacht). Aber das kennen wir alle schon seit ewigen Jahren. Das wussten wir vorher, aber was nutzt dir das viele Geld? Wenn ich mir die Kommentare durchlese, die ich bekomme, das ist gut fürs Karma und gut fürs nächste Leben. Da brauch' ich nicht viel Geld.
Das steht auf meiner Brust tätowiert.
Hattest du das Tattoo schon davor?
Ja, klar. Ich hatte mir nach der ersten Scheibe überlegt, worum es thematisch auf dem nächsten Album gehen könnte. Das Debüt war sehr ich-bezogen, um den Beziehungsschmerz und all das zu verarbeiten. Dieses Mal wollte ich 'ne Headline, die beschreibt, worum es geht. Da war Erdling für mich das Schlagwort. Was alles damit zusammen hängt, wenn man auf diesem Planten lebt, welche Verantwortung man sich selbst und anderen gegenüber hat. Was sind wir, warum sind wir so, wie wir sind, usw.
Wenn ich von mir ausgehe, dann hat jede Tattoo eine sehr bestimmte und persönliche Bedeutung, und ich hab sie mir stechen lassen, um mich an einen bestimmten Moment oder ein entsprechendes Ereignis zu erinnern.
Das ist bei mir nichts anderes. Sagen wir mal so, wenn ich mal 'ne Sportzigarette zu viel geraucht habe, dann komm' ich ab und zu auf den Trichter, dass ich mir Gedanken darüber mache, warum es überhaupt diese ganzen Streitereien, diesen ganzen Hass in der Welt gibt? Nur weil einer 'ne andere Hautfarbe hat, an was anderes glaubt. Warum bekommt man sich als Mensch ständig nur in die Haare? Das gibt es bei keiner anderen Spezies. (Nicht ganz richtig, auch bei Menschenaffen wurde etwas derartiges schon beobachtet, d.Verf.) Du wirst nie einen Ameisenhaufen sehen, der sich selbst vernichtet. Alles ist im Einklang mit sich selbst, seiner Umgebung, der Natur. Nur das höchstentwickelte Wesen spielt Virus und macht alles kaputt.
Dementsprechend identifiziere ich mich einfach mit dem Zum-Planeten-Gehörenden und versuche entsprechend auch, die Verantwortung mitzutragen, dass das alles funktioniert. Man kann nicht einfach alles kaputt machen, nur um selber ein wenig mehr Spaß zu haben. Zum anderen gibt es am Wort Erdling noch den Aspekt, dass Leute eben anscheinend von Aliens entführt wurden und Experimente an ihnen gemacht wurden. Da dachte ich, wenn ich mal entführt werde ...
... Dann hast du sozusagen die Adresse auf der Brust, oder wie? Das erinnert mich an die alten Popkomm-Tage in Köln, als die Musiker von ihren Labels ein in Folie eingeschweißtes Etikett um den Hals bekamen wo drauf stand: "Bin Musiker, wohne da und da", weil sie in der Regel zu besoffen waren, um das dem Taxifahrer mitzuteilen.
Ja, so in der Art (lacht). Ich hab mir dann auch überlegt, wie sieht das aus, wenn ich da so als Erdling neben 'nem Klingonen stehe, das ist dann eher ein wenig hobbitmäßig, aber was solls? Dann steh' halt dazu, du bist halt nur 'n Erdling. Dementsprechend wollte ich das haben. Zuerst wollte ich es in Englisch auf der Brust haben und mein Tätowierer meinte: "Wenn du das auf Deutsch machst, bekommste es umsonst." Damals war ich mit der deutschen Sprache noch nicht so happy aber das hat sich vor sieben Jahren dann geändert. Und vor zwei drei Jahren, musste das halt dann da hin. Allerdings hab ich es dann nicht mehr umsonst bekommen (lacht).
Aber wenn wir grade bei Aliens und so sind: Ich hab' mir echt mal überlegt, wie es denn wäre, wenn wirklich mal so ein Alienstoßtrupp kommt und uns bedroht. Vielleicht brauchen wir das sogar. Vielleicht vergessen wir dann unseren Kleinscheiß und halten alle zusammen, um uns gegen solch eine Bedrohung zu wehren. Vielleicht erkennen wir ja dann, wie unwichtig unterschiedliche Glaubensvorstellungen und Hautfarben sind. Ok, ich geb' zu, ich war da schon ziemlich stoned und hatte das ein oder andere Glas Rotwein inne, aber das ist so die Entstehungsgeschichte von "Erdling".
Wenn man sich den Text zu "Anderer Stern" so anhört, fragt man sich: Hat der Kerl aus seinen eigenen Fehlern nichts gelernt? Oder arbeitest du da nur nochmal ein ähnliches Thema auf.
Wenn, dann eher letzteres. Es ist schon so, dass der Text im Prinzip die gleiche Situation wie in "Mon Amour" aufgreift, die Sache nun allerdings mit einem gesunden Abstand betrachtet. Man fragt sich halt immer mal wieder, was einen geritten hat, sich so zu verhalten, eine Frau dermaßen auf ein Podest zu stellen und sich zum Affen zu machen. Ich hab die Frau eben irgendwann wieder gesehen und hab mich echt gefragt: "Was zur Hölle hast du dir denn dabei gedacht?"
Deswegen auch die Textzeile "Ich frag' mich, wie tief meine Sonne stand, als ich dich traf, dass ein Zwerg wie du so lange Schatten warf". Man kann einfach nicht mehr nachvollziehen, wieso man sich dermaßen erniedrigt hat, um einer bestimmten Person zu gefallen. Allerdings ist mit Denken ja meist nicht viel los, wenn Gefühle im Spiel sind.
Das ist wohl richtig. Dafür sind deine Texte umso nachdenklicher und tiefgründiger. Manchmal muss man sich ja fast schon Sorgen um deinen Gemütszustand machen. Ist das Schreiben genug der Therapie?
Hm, sehr schwierige Frage. Das Schreiben IST definitiv Therapie. Ob es genug ist? Kann ich dir gar nicht so genau sagen. Bislang eigentlich schon, denn ich war zumindest noch nie bei einem Therapeuten (lacht). Aber ich hab' auch ein gespaltenes Verhältnis zu solchen Leuten. Vielleicht sollte ich es ja mal versuchen. Naja, es ist ja wohl kein Geheimnis, dass ich ein sehr grüblerischer Mensch bin. Je mehr man über Sachen nachdenkt und sie analysiert, desto eher läuft man Gefahr, dass man sich im Kreis dreht, nicht zu einer Lösung oder einem Punkt kommt und sich immer tiefer in irgendeinem Gedankenkonstrukt verliert. Das artet dann schnell in Melancholie oder gar Depression aus.
Das Melancholische liegt mir schon im Blut, ob das noch mehr ist – ich weiß es nicht. Je mehr man sich über das Leben und alles andere Gedanken macht, desto eher kommt man doch irgendwann zu dem Schluss, dass das alles irgendwie nicht viel Sinn ergibt. Die ganzen Kriege, Hungersnöte und anderen Katastrophen. Die Gewalt im Alltag und keine Ahnung was noch ... Wo soll das hinführen? Da erscheint irgendwann alles so sinnlos.
Lass es mich mal so sagen: Wenn jemand für sich entscheidet, dass er seinem Leben ein Ende setzen will, weil er mit sich selbst und weiß der Teufel was sonst noch nicht mehr zurecht kommt, dann gehe ich davon aus, dass diese Person sich das genau überlegt hat und es für sie die letzte Konsequenz ist. Damit ist das eine persönliche Entscheidung, die man auf gewisse Weise respektieren muss. Versteh' mich nicht falsch, ich will hier jetzt nicht sagen, dass Selbstmord eine tolle Sache ist! Ich will damit keinem sagen, dass das ein adäquater Ausweg ist. Aber es gibt durchaus Momente, in denen ich sowas verstehen kann.
Ich denke, dass sehr viele Menschen solche Gedanken schon hatten und ich glaube, dass auch viele Leute, je nach Ausgangssituation, sowas auch in gewisser Weise nachvollziehen können. Aber man stiehlt sich als Selbstmörder doch auch immer aus der Verantwortung, weil man eben fast immer irgendjemanden zurücklässt, der mit der Situation nun allein klar kommen muss.
Klar, genau das ist halt oftmals das Problem. Deswegen nutze ich meine Texte ja nicht nur als Therapie für mich, sondern hoffe, dass ich manch anderem damit vielleicht helfen kann, weil er oder sie sich ebenfalls schon in einer Situation wie dieser befunden hat. Ich habe, wie gesagt, oft das Problem, dass ich ein wenig zu grüblerisch bin. Das macht es hin und wieder etwas schwierig.
Interessant, dass dies auch ausschließlich eine Problematik ist, mit der sich nur Menschen oder vielleicht noch Menschenaffen rumschlagen müssen. Ich hatte neulich erst ein Gespräch mit einem guten Bekannten, der mir sagte, dass sein Therapeut bei ihm kaum Heilungschancen sieht, weil er alles zu sehr hinterfragt. Die besten Erfolge erzielt man anscheinend mit Menschen mit niedrigerem Bildungsgrad, die einfach machen, was man ihnen sagt, ohne alles bis ins Detail aufzudröseln.
Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Das ist ja auch eine verdammt schlechte Angewohnheit, wenn man sich über alles Gedanken macht und immer wieder alles hinterfragt. Vor allem Dinge, die man eh nicht ändern kann und mit denen man sich immer wieder nur im Kreis dreht. Man muss dann einfach schauen, dass man den Kopf wieder frei bekommt und sich davon nicht zu sehr in einen Strudel ziehen lässt.
Ich für meinen Teil hab' das Joggen als gute Möglichkeit entdeckt. Da bekomm' ich den Kopf frei, bin draußen in der Natur und komm' auf andere Gedanken. Man sollte halt irgendetwas haben, das einem Halt gibt und auch in schweren Zeiten hilft. Denn im Endeffekt ist ja doch so: Was dich nicht umbringt, macht dich stärker!
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