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Jung, aufgedreht, partyhungrig, musikverrückt: Die undurchsichtige Geschichte der Libertines ist ursprünglich die von mehr als einem Dutzend Gestalten aus dem Osten Londons, von denen letztlich nur vier übrig bleiben. Die nähern sich dafür dem Rockstar-Ruhm ziemlich rasch an.
Zumindest wird das, was um 1997 mit losen Auftritten in noch loseren Bandbesetzungen startet, fünf Jahre später als die britische Strokes-Version gehypt. Pete Doherty (voc, g), Carl Barât (voc, g), John Hassall (b) und der Amerikaner Gary Powell (dr) sind die Libertines, die es aus heruntergekommensten Spelunken zu einem Plattenvertrag mit dem englischen Kultlabel Rough Trade gebracht haben.
Und nach der Insel beginnt sich Ende der 90er auch Resteuropa und sogar Japan für die junge Garage Rock-Hoffnung zu interessieren. Doherty und Barât bilden die Keimzelle und das Songwriter-Gespann der Band. Angeblich lernen sich beide 1996 kennen, als Petes Schwester ihren Bekannten Carl bittet, doch mal nach Pete zu schauen, während sie einen Kurs besuchen muss.
Carl willigt ein und tauscht ein paar Floskeln mit dem hochgewachsenen Kerl in zerrissener Lederjacke aus, um sich schon kurz darauf ordentlich mit ihm zu prügeln. Doch das ist nur eine von zahlreichen Anekdoten, die die Anfangszwanziger bei Interviewterminen auf Lager haben. Der BBC verraten sie, dass sie schon so viele Storys erfunden hätten, dass der tatsächliche Hergang der Geschichte praktisch nicht mehr rekonstruierbar sei.
Von Barât ist überliefert, dass er aus schulischem Gruppenzwang eine Michael Jackson-Phase durchmachte, die genau dann endete, als ihm sein Biologie-Lehrer ein Tape von Velvet Underground in die Hand drückt (Äh, wo gibts diese Biologie-Lehrer?, Anm. d. Red.). Plötzlich erkennt er die Existenz wahrer Seele, die Musik zu bieten imstande ist und er beginnt, eigene Songs auf der Gitarre zu komponieren. Der Unwille der Velvets, sauber gespielte Akkordfolgen aufzunehmen, klingt bald auch auf Libertines-Songs durch.
Petes musikalische Gehversuche ergänzen sich prima mit denen des neuen Kumpels und schnell sind die ersten Songs im Kasten. Nun beginnt sich das Besetzungskarussell munter zu drehen. An den Drums sollen vor Gary bereits ein knapp 60-Jähriger und eine Prostituierte Platz genommen haben, ein weiterer Ex-Libertine verlässt den Drummer-Sitz für eine Combo namens Cactus Camel. Auch am Mikro und der Bass-Gitarre stehen mehrere Wegbegleiter, die sich die Ehre, ein Libertine ("Wüstling", "Freigeist") zu sein, allerdings erst verdienen mussten - was auch immer das bedeutet.
Mit ihrem Einstieg bringen John und Gary jedenfalls eine neue Routine mit ins Bandgefüge, was schließlich zum Deal mit Rough Trade und der Top 40-Debütsingle "What A Waster" führt. Als Produzent fungiert Ex-Suede-Gitarrist Bernard Butler. Schnell sind Englands Gazetten aus dem Häuschen, der NME spricht von seinen neuen Helden gar als dem "besten seit Opium-Lollis". Dies findet auch Ex-Clasher Mick Jones, der das Debütalbum "Up The Bracket" produziert, auf dem sich derart viele Kracher einfinden, dass die Band sich sogar dazu entschließt, "What A Waster" einfach wegzulassen.
The Clash werden als Vergleichspunkte für den rotzig-rauhen Libertines-Sound auch verstärkt heran gezogen, zusammen mit anderen Heroen des Königreichs wie den Kinks, The Jam, Blur oder The Smiths. Das Album geht in England in die Top 30, was die Band dazu veranlasst, ihren Manager rauszuschmeißen, der ihnen mit der Zeit zu streng geworden ist. Im November 2002 supporten die Libertines das große Idol Morrissey in Londons großer Brixton Academy.
Anschließend kommen auch deutsche Clubs zum ersten Mal mit den neuen UK-Lads in Berührung. Obwohl auch hier das Chaos Regie zu führen scheint (die Hamburg-Show dauert nur 30 Minuten), geht es den deutschen Fans zumindest besser als denen im englischen Scarborough. Dort steht die Band zum ersten (und bei weitem nicht zum letzten) Mal ohne Pete auf der Bühne. Noch auf dem Weg zur Show lernt Carl alle Gesangsparts seines Kollegen auswendig. Grund: Er hatte sich vormittags mit Pete im Studio geprügelt.
Als wäre dies bereits ein Vorbote, steht auch das Jahr 2003 unter keinem günstigen Stern für das Quartett. Auf der ersten Amerika-Tournee verfällt Doherty den Drogen, was Barât mächtig missfällt. Falsche Freunde und steigender Konsum führen dazu, dass Doherty immer weiter abdriftet und Ende Juni plötzlich nicht mehr mit seinen Kumpels auf der Bühne steht.
Kurz darauf bereisen die Libertines Japan, was der Zurückgelassene Doherty dazu nutzt, in die Wohnung seines Kumpels Barâts einzubrechen. Seine Beute umfasst eine antike Gitarre, ein Laptop, ein CD-Player und weitere Wertgegenstände, die er bald gegen Bares eintauscht.
Einhergehend mit der späteren Verhaftung gibt Doherty erstmals Crack- und Heroin-Konsum zu. Im Zuge seiner Wut auf die alten Kollegen formt er im August 2003 die Babyshambles, mit denen er, ähnlich den frühen Libertines, spontane Guerilla-Gigs in Londoner Bars und Kneipen gibt, manchmal aber auch nur Gigs ankündigt und nicht durchführt. Im Oktober kommt Doherty nach nur zwei Monaten Knast schneller frei als erwartet. Am Gefängnistor wartet bereits Barât, der nach eigenen Worten verhindern will, "dass ihn seine seltsamen Freunde zuerst kriegen." Am selben Abend geht in einem kleinen Club in der Grafschaft Kent ein Libertines-Reunion-Gig über die Bühne, eine große Geste der Versöhnung.
Die anschließenden Entzugsversuche Dohertys scheitern jedoch allesamt, er verfällt wieder den Drogen und verkracht sich erneut mit seinen Bandkollegen. Ein wahres Wunder, dass unter diesen Umständen innerhalb von zwei Wochen im Frühjahr 2004 noch ein zweites Album entstehen konnte. Allerdings auch nur in Anwesenheit zweier Security-Männer auf, die die Streithähne in Schach halten.
Im Spätsommer erscheint das Werk, für das der eher schüchterne Barât der Presse alleine Interviews geben muss, da Doherty dem Bandgefüge zum Zeitpunkt nicht mehr angehört. Er solle erst seine Sucht in den Griff bekommen, so sein Glaubensbruder traurig. Für die anschließende Welttournee ersetzt ihn Gitarrist Anthony Rossomando, der bereits 2003 sporadisch für Doherty eingesprungen ist. Dieser lässt sich derweil von Kollegen wie Wolfman ("For Lovers") oder Client als Gastsänger buchen. Nebenbei arbeitet er mit den Shambles am ersten Album.
Am 3. November 2004 verkündet Barât das Aus der krisengeschüttelten Band und versammelt kurz darauf die Dirty Pretty Things um sich. Doherty erhält zwar wohlwollende Kritik für seine spärlichen musikalischen Lebenszeichen, mischt aber in erster Linie den Boulevard mit Bildern von Koks-Sessions mit Kate Moss, Drogenrazzias oder Reha-Aufenthalte auf. Anfang 2010 werden die jahrelang schwelenden Reunion-Hoffnungen der Fans tatsächlich Wirklichkeit. Zumindest willigen alle vier Mitglieder ein, für geschätzte 1,6 Millionen Euro im August auf den britischen Festivals Reading und Leeds als Headliner aufzutreten.
The Jam-Ikone Paul Weller kommt daraufhin aus dem Jubeln nicht mehr heraus: "Ich bin kein Freund von Reunions, aber diese Band ist etwas Besonderes. Die Nation braucht die Libertines. Ich finde sie besser als The Clash. Ist das strittig? Es ist wahr. Zumindest was mich betrifft".
Carl Barât ist schön. Und so selbstbewusst, dass er für ein Interview sein Nuscheln absichtlich verstärkt ... und am Ende charmant fragt, ob's schlimm war. So sind die Libertines: Nach außen gehört ihnen die Welt. Nach innen sind sie sensibel und verletzlich; stolpern gerade über die simpelsten Fragen.
Entspannt und verdammt gut aussehend steht Carl Barât vor mir. Das soll der Gleiche sein, der einem so bleich mit seinem verstörten Blick vom Albumcover entgegen starrte? Der, der auf der letzten Tour noch eindeutig jugendlich wirkte? Nun glaubt man kaum mehr, dass dieser Mann, der mit seinen laut klackernden Schuhen die Treppe zum Interview-Raum hoch kommt, erst 26 Jahre alt sein soll.
Vollkommen entspannt sitzt er vor mir und murmelt "ganz schön heiß hier". Und das, wo die Libertines gerade erst von einem Festival im sonnigen Italien kommen. Ohne Peter Doherty. Noch im letzten Jahr schien es unvorstellbar, dass die Libertines ihr Frontmann-Gespann endgültig aufbrechen und ohne das Sorgenkind auf eine vollständige Tour gehen. Inzwischen schaut man eher ungläubig auf ihre zweite Platte und wundert sich, dass die Band es überhaupt geschafft hat, ein zweites Album aufzunehmen.
Das mag vor allem an ihrem neuen Manager Alan McGee liegen: Der Mann, der schon die Zwistbrüder von Oasis bändigte "hat sich uns ausgesucht. Er sah unser Problem und wollte was ändern. Er sah, dass wir Hilfe brauchten ... und er konnte uns sehr helfen." Doch wie hilft man einer Band wie den Libertines, die Carl selber "schwer zu managen" nennt? Bestimmt nicht, indem man als Manager in die Rolle des Verträge-Händlers schlüpft.
Viel mehr war das menschliche Gespür McGees von Bedeutung: "Er hat Peter überredet, in die Reha zu gehen. Als Manager hat er ihn vor gewissen Dingen beschützt." McGee sei es gewesen, der dieses komplizierte Bandkonstrukt auch in schwierigen Zeiten zusammengehalten habe. "Er ist großartig", resümiert Carl seine Einschätzung von Alan McGee. Und während er das sagt, hört er für einen kurzen Moment auf, so unverschämt zu nuscheln. Es scheint ihm wichtig zu sein, dass man ihn hier versteht.
Die Auswirkungen des Engagements McGees mögen zwar gut für Peter sein. Doch Carl nimmt dieses Thema sichtlich mit. Was er am meisten an Peter vermisst, während er ohne ihn durch Europa tourt, darüber muss er erst eine Weile nachdenken. Wurde ihm diese Frage denn nicht schon 1000 mal gestellt? Liegt ihm so viel daran, dass er nach den richtigen Worten erst suchen muss? "Ein Gefühl der Einheit ... unser Erfolg ... wenn wir zusammen arbeiten, kann man spüren, dass wir erreichen, was wir erreichen wollen"
Doch das Songwriting läuft nicht immer so kuschelig ab: Ob zwischen den beiden beim Schreiben eher Kooperation oder Rivalität herrscht, möchte ich wissen. Wieder muss Carl ein wenig überlegen, um auf eine einsilbige Antwort zu kommen: "Beides ein bisschen."
Die Reibereien zwischen Doherty und Barât sind ständig präsent. Hatten die Songs der Libertines auf "Up The Bracket" noch ein klares Gerüst, das sie zusammen hielt, so scheint dieses nun wie die Verbundenheit der beiden Frontmänner auseinander zu fallen. Der Zwist zwischen Carl und Peter spiegelt sich an jeder Ecke wieder. Doch war dieser Schritt zum less-catchy-sein wirklich ein bewusster? "Nein, das so was macht man nicht absichtlich. Es ist einfach anders. Es war ein bisschen aufrichtiger als beim ersten Mal. Denn wir wussten, dass wir die Aufmerksamkeit der Leute hatten", erklärt Barât das Selbstverständnis bei den Arbeiten zum zweiten Album.
Doch könnte die gereizte, gewaltvolle Stimmung, die zwischen den Köpfen der Libertines während der Aufnahmen zum Zweitwerk herrschte, vielleicht auch positive Energien freigesetzt haben? "Gewalt?", fragt Carl ungläubig. Ob der Trouble in der Band auch positive Energie entfesselt, versuche ich es noch mal. "Having troubles? Ich denke nicht! Aber, naja ... ich weiß nicht, ob ich die Frage wirklich verstehe." Ich mache es deutlicher: Wenn ihr euch zum Beispiel im Studio streitet, bringt euch das nicht vorwärts? "Ich würde aber nicht sagen, dass das dann positiv ist. Vielleicht hat das ja was mit Leidenschaft zu tun. Ich weiß es nicht."
Häufig wurde in den letzten Wochen geschrieben, das Album solle die Sicht der Libertines auf ihre eigene Geschichte von Freundschaft, Rückschlägen, und Verzeihen erzählen. Es sei als Gegendarstellung zu den unzähligen Artikeln in der Boulevard-Presse gedacht. Doch davon möchte Carl Barât an diesem Nachmittag in Berlin nichts wissen: "Nein, ich möchte dem Boulevard da nichts entgegenstellen. Ich möchte mit dieser Welt nichts zu tun haben." Das seien nur Geschichten über das Leben und Musik. "Wir wollen einfach, dass die Leute uns zuhören" Was schwer ist, denn "jeder schreibt nur über Peter. Das überschattet leider auch das Album." So findet Carl es "hart Interviews zu machen. Man gibt so viel Persönliches preis. Und wenn man Pech hat, schreiben die Leute wirklich schreckliche Sachen über einen, vor allem die Boulevardpresse."
Entgegen der Einstellung Carls rennt Peter förmlich zu den Klatschblättern und erzählt ihnen brühwarm seine Geschichten von Abhängigkeit, Enttäuschung und Hoffnung. Man könnte meinen, Carl wäre unglaublich sauer auf dieses Verhalten: "Nein, nicht wirklich ... so lange er die Wahrheit erzählt! Was nicht immer der Fall ist ... Und mich dann sehr ärgert."
Auch über Gerüchte, dass Peter auf seiner Babyshambles-Site Libertines-Demos veröffentlicht, ist er nicht wirklich überrascht. Auf dieses Projekt Peter Dohertys angesprochen, seufzt er erst einmal lang. "Da möchte ich nicht wirklich drüber reden." Kein Problem. Genau das scheint oft das Stichwort für Carl zu sein. Sobald man ihm sagt: Ist OK, da musst du nicht drüber reden, genau dann entschließt er sich, es doch zu tun: "Ach, ich weiß nicht", sagt er, und hört sich dabei an, wie eine besorgte Mutter, "ich bin über so was nie wirklich überrascht. Nur enttäuscht."
Mit Peter hat Carl im Moment ohnehin keinen Kontakt. Der müsse erst mal "aufhören, Crack und Heroin zu nehmen", bevor er in die Band zurück dürfe. Ob es wahrscheinlich ist, dass er aufhört? "Im Moment glaube ich nicht daran", nuschelt Carl schnell und unverständlich. Trotz alledem denkt er weiter, die Libertines seien eine sehr romantische Band, träumt seine Märchen von Albion und Arcadia. Und davon, dass alles wieder gut wird: "The band will definitely go on!". Die Frage sei nicht ob, sondern wie es mit den Libertines weitergehe.
Auch der Hype um die Band hat an Carl keine bedeutenden Spuren hinterlassen: Davon merke er ohnehin nur in Interviews was. "Aber nein, das hat nichts mit meiner Welt zu tun." Viel wichtiger als die Klatschmagazine sind ohnehin die Fans, zu denen die Libertines vor allem in England eine ganz besondere Beziehung aufgebaut haben. In ihrer Heimat spielen sie öfter "intimate Gigs", die kurz zuvor auf ihrer Homepage angekündigt werden. Peter Doherty geht mit seinen "Babyshambles" inzwischen schon so weit, die Konzerte bei Fans oder gar bei sich zu Hause zu veranstalten.
Doch was ist die Intention, die hinter diesen Konzerten steckt? Fans haben sie doch ohnehin genug: Immerhin erreichten sie mit ihrem zweiten Album in England aus dem Stand Platz eins der Charts. "Ich mag es, Gitarre zu spielen, Musik zu machen und in Bands zu sein. Und ich mag diese großen Busse, irgendwo anhalten, wieder losfahren, und das ganze andere Zeug nicht so. Aber so ist das wohl, wenn du spielst, on the road bist. Wenn du Musik machen willst brauchst du ein Publikum, das dich hören möchte."
Manager McGee bescheinigte den Libertines nicht nur ein inniges Verhältnis zu ihren Fans, er nannte sie gar die "kulturell bedeutendste Band, vielleicht seitdem Punk aufkam". "Er ist unser Manager, er sagt viele solche Sachen." Man möchte es nicht glauben, kann der überzeugte Carl so ein Statement nicht nachvollziehen? "Doch ich denke schon. Es geht um Leidenschaft. Man muss den Leuten zeigen, dass sie ihren eigenen Weg gehen sollen. Du musst ihnen einen Weg aufzeigen."
Um junge Bands darin zu bestärken, ihren eigenen Weg zu gehen, hat Carl auch ein eigenes Club-Projekt in London. "Ich mache das, um einen schönen Abend zu haben. Und es gibt Leute, die mal auf die Bühne wollen. Es gibt einige brillante Bands, denen ich ein Publikum geben will."
In dem Moment, in dem ich Carl signalisiere, dass ich eigentlich keine Fragen mehr habe, wird er plötzlich lebendig. Sein Nuscheln pendelt sich auf einem erträglichen Niveau ein, er bietet mir eine Kippe an und plaudert drauf los. Dass er sich auf das Konzert heute Abend freue, weil ihm das deutsche Publikum als so "leidenschftlich" in Erinnerung ist.
Und dass diese Coke Light Lemon, die er da gerade trinkt, wirklich widerlich sei: "Die hat in ihrem Leben noch nie ne Zitrone gesehen." Auf einmal ist er locker, scherzt darüber, wie eklig auch Coke Vanilla sei. Dann möchte er etwas über Denkmäler in der Nähe der Berliner Siegessäule wissen. Ob die etwas mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun habe. Apropos: Ist der Libertines-Song "Arbeit Macht Frei" eine Provokation? "Das hat nichts mit Deutschland oder den Deutschen zu tun. Der Song handelt von etwas, das in der Geschichte für Scheinheiligkeit und Heuchelei steht." Alles klar.
Carl klärt mich noch darüber auf, dass der Erbauer der Oberbaumbrücke sich umgebracht habe, weil die Brücke nicht hoch genug geworden sei ... und findet dies einen verständlichen Grund für einen Selbstmord. Doch auch jetzt bleibt er ein wenig skeptisch. Es bleibt die Angst vor der reißerischen Boulevardpresse, die die Geschichte der Band noch weiter ausquetschen möchte.
"Oh what became of the Likely Lads? What became of the dreams we had? Oh what became of forever?" Kann so etwas, wie diese durch ein Hin und Her zwischen Freundschaft und Zerwürfnisse geprägte Band wirklich ewig halten? "Ich weiß es nicht, ich habe es noch nie versucht!"
Das Interview führte Vicky Butscher
In England schon der letzte Schrei und nun für vier Konzerte in Deutschland: The Libertines. In Hamburg war bereits nach 30 Minuten Konzert Schluss.
Jetzt München. Das Atomic Cafe ist ausverkauft. LAUT wagte sich zu einem Gespräch mit den zwei Songwritern der Band vor, die derzeit mit ihrem Debutalbum "Up The Bracket" Furore macht: Pete Doherty und Carl Barât. Trotz Warnung des Plattenfirmen-Abgesandten: "Die sind oft ein bisschen daneben, aber naja ... trotzdem viel Spaß, Michel." Der Mann behielt Recht.
Ihr seid zum ersten Mal in Deutschland auf Tour. Wie seid ihr bisher empfangen worden?
Pete: Gut.
Stille.
Habt ihr Unterschiede zu euren Gigs in England bemerkt?
Pete: Nein.
Vor mir sitzen sie nun, Pete und Carl. Der eine trägt eine zerrissene schwarze Lederjacke, der andere einen tarnfarbenen Army-Parka. Ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster mit der Behauptung, dass sich beide gerade Spannenderes vorstellen könnten, als irgendwelchen Fremden über ihre Vergangenheit Auskunft zu geben. Pete steht kurz auf, um sich im spärlich beleuchteten Raum mit einer Sonnenbrille zu bekleiden, und setzt sich anschließend wieder zu uns. Sein Kollege Carl isst in Zeitlupe an einem Sandwich und achtet peinlichst darauf, mich nicht anzusehen.
Ist die Reaktion in Berlin denn die gleiche wie in London?
Pete: Die Reaktionen auf unsere Shows sind auch in England sehr unterschiedlich, das ändert sich von einer Nacht zur nächsten. Deshalb ist jedes Konzert anders. Verschiedene Clubs, verschiedene Städte, verschiedene Leute. Jung und alt. Journalisten und Trinker. Das sind eben die Freuden des Live-Spielens: du weißt nie, was als nächstes passieren wird.
Euer Debutalbum "Up The Bracket" hat allgemein euphorische Reaktionen und Vergleiche zu legendären englischen Bands wie The Jam oder The Clash hervorgerufen. Ist das nicht eine große Last?
Pete: Ich habe damit kein Problem, so lange die Leute das was sie schreiben auch so meinen. Verstehst du? Wenn sie es nur so dahersagen, ist das etwas anderes. Aber wenn es tatsächlich Leute gibt, die glauben, dass wir Songs geschrieben haben, die an The Jam oder The Smiths herankommen ... also, wenn Leute zu mir kämen um mir das zu sagen, dann wüsste ich nicht, was ich antworten soll. Ich müsste nachdenken. Aber ich hoffe, sie denken es wirklich, denn ich denke es auch. Wir leben nun mal in unseren Songs wie in einem Kokon.
Ist euch wichtig, was über eure Musik geschrieben wird?
Pete: Wir sind die jungen Gläubigen, verstehst du? Wir sind auf eine Art unschuldig und wir sind stolz auf das, was wir tun. Wir wären nicht auf Tour und wir würden auch sonst nichts tun, was wir nicht tun wollten. Reviews zu lesen ist keine Motivation, man kommt ab und an dazu. Wir haben schon vor Jahren Reviews über uns gelesen, als wir noch vor drei Leuten spielten. Aber die meisten Sachen, die geschrieben werden, sehe ich nicht als Reviews an. Vielleicht bin ich nur langweilig, aber es ist doch sehr selten, dass wirklich über die Songs geschrieben wird. Darüber, was jemand fühlt, wenn er sie hört. Oder über Ideen in einem Song. Darüber lese ich nie etwas. Manchmal glaube ich wirklich, dass man vor 20, 30 Jahren zuletzt versucht hat, das auszudrücken, was Songs in einem bewegt haben. Ich weiß auch nicht. Aber unsere Songs sind sehr persönlich und wenn die Antwort darauf dann irgend so ein klinisches Klischee ist, dann ist das ... sehr schade.
Was bedeutet es euch, Platten auf Rough Trade zu veröffentlichen?
Stille. Carl schaut auf den Flur und scheint die Frage bereits wieder vergessen zu haben, vorausgesetzt er hört überhaupt zu. Pete spielt an seiner Sonnenbrille herum. Es vergehen sehr lange Sekunden.
Pete: Es ist eine Familie. Carl (in ein Stück Brotrinde auf seinem Teller murmelnd): Es sind Außenseiter, die aus Liebe arbeiten.
Eure erste Single "What A Waster" produzierte Ex-Suede-Gitarrist Bernard Butler, beim Nachfolger "Up The Bracket" war bereits Ex-Clash-Gitarrist Mick Jones im Studio. Könnt ihr das im Nachhinein selbst glauben?
Sie schauen mich an (sogar Carl) und sagen nichts. Heute ist entweder nicht ihr Tag oder vor allem nicht meiner. Carl findet außerdem, mit seinem gerade geäußerten Satz genug zur Thematik beigetragen zu haben und widmet sich einem neuen Sandwich.
Pete: Vielleicht lief das alles so, weil wir einige der besten und simpelsten Popsongs seit Jahren geschrieben haben. Und noch immer schreiben. Unsere Songs sind schlicht und scheinen gleichzeitig eine solche Qualität zu haben, dass sich Leute von ihnen angezogen fühlen. Das könnte ein Grund dafür sein. Ich kriege zum Beispiel diesen verdammten Song "Up The Bracket" nicht aus dem Kopf. Nie. Ich hatte schon Alpträume wegen ihm. Es ist der unglaublichste Song, den ich je gehört habe. Doch davon mal abgesehen, bin ich gerade sehr müde. (grinst)
Von der Arbeit mit Mick Jones, der letztlich euer ganzes Album produzierte, müsst ihr trotzdem noch erzählen. War es eine einfache Sache, mit ihm zu arbeiten?
Pete: So würde ich es jetzt zwar nicht beschreiben, aber es lief ziemlich gut mit ihm. Es gab wenig Kommunikationsprobleme. Er hat die Songs sofort verstanden.
Carl: Es war nur schwierig, den richtigen Take zu finden.
Er hat euch also angetrieben?
Carl: Er musste uns nicht antreiben. Wir haben ihn angetrieben.
Pete grinst, Carl verzieht keine Miene. Ich erhole mich kurz von Carls Kommunikationsoffensive und fahre fort.
Habt ihr Jones von Anfang an für das Album verpflichten wollen?
Pete: Er kam ursprünglich nur für die Single, aber in der selben Woche wollten wir noch andere Songs aufnehmen. Also fragten wir ihn, ob er vielleicht länger bleiben wolle.
Ward ihr denn mit Bernard Butlers Arbeit bei "What A Waster" im Nachhinein unzufrieden?
Pete: Oh nein, wir sind sehr stolz auf die Arbeit mit ihm. Aber er macht eben sein eigenes Zeug. Und er hatte nicht die Zeit, es liegen zu lassen. (Pause) Außerdem hat er sich mit unserem Manager etwas überworfen. Es begann mit einem Food-Fight und dann wurde es sehr eklig. Am Schluss wurde er von einem Kürbis getroffen und sein Auge war schwarz.
Da wir gerade zu den Anekdoten kommen: es heißt, ihr hattet in England Probleme mit eurem Soundmann und dem Tour-Manager. Der erste ging freiwillig, der zweite wurde von euch gefeuert.
Pete: So ist es wohl.
Atemlose Stille.
Was ist denn so schwierig daran, mit euch zu touren?
Pete: Nichts, auf Tour zu sein macht großen Spaß.
Mich beschleicht das dringliche Gefühl, dass hier ein Thema angesprochen wird, über das lieber geschwiegen werden sollte. Auch der umgängliche Pete wirkt plötzlich leicht genervt.
Diese Anekdote ist also frei erfunden?
Pete: Nein, sie stimmt schon. Du hast die Fakten richtig wiedergegeben. Und nun gibt es nichts weiter dazu zu sagen.
Dann könnt ihr wohl auch nicht nachvollziehen, dass euer Ex-Tourmanager gesagt haben soll, im Vergleich zu den Libertines sind die Strokes auf Tournee Pussycats.
Pete: Doch. Er sagte das, weil er auch schon mit den Strokes getourt ist.
Carl steht auf und verlässt den Raum. Auch eine Antwort. Pete schaut feindselig. Aber gut, wenn der Austausch von Interna nicht erwünscht ist, lassen wir das eben. Das Interview erkläre ich jetzt mal spontan für beendet. Doch kaum will ich den Minidisc ausschalten, kommt plötzlich noch eine Wortmeldung. Eher hätte ich erwartet, dass Carl wieder ins Zimmer kommt und mich seinem Baseballschläger vorstellt.
Pete: Außerdem war er Polizist und das wussten wir nicht.
Nachtrag: Der Auftritt der Libertines geriet dann zum 50-minütigen Garage Rock-Inferno, für das es keine Worte gibt. Wer wenig redet, hat mehr zu sagen, so scheint es. Die auf der Setlist vermerkten zwei Zugaben wurden jedoch nicht gespielt, was vielleicht ausnahmsweise mal am Atomic-Publikum lag, das einen Rock-Nachschub vor allem durch Telepathie zu erlangen hoffte. Großer Moshpit-Sport.
18,90 EUR
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29,99 €
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9,99 €
47,99 €
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14,99 EUR
Voilà , das ganze Libertines-Theater.
http://www.thelibertines.org.uk/
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