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Die Geschichte der Dirty Pretty Things beginnt ungefähr in dem Moment, als Carl Barât seine alte Band - die Libertines - nicht mehr als solche betitelt, sondern sie schlicht "das Problem" nennt. "Mein Leben drehte sich nur noch um die Libertines und den ganzen Ärger", resümiert er gegenüber der BBC. Im laut.de-Interview schluchzt er: "Jeder schreibt nur noch über Peter". Dem muss ein Ende gesetzt werden: die Auflösung der Libertines. Immerhin hatte sich Pete mit den Babyshambles schon eine neue Band gesucht.
Nach dem Zwischenstopp mit der Allstar-Band The Chavs - mit Tim Burgess (Charlatans), Martin Duffy (Primal Scream) und Andy Burrows (Razorlight) absolviert er im Dezember 2004 einen Auftritt in Kent - folgt 2005 der Solovertrag bei Vertigo, einem Universal-Sublabel (u.a. Razorlight). Doch von Anfang an ist eins klar: Er möchte das nicht alleine durchziehen, Carl will eine neue Band. So fragt er seine Libertines-Kollegen Gary Powell (Drums) und Anthony Rossomando (Dohertys Ersatz an der Gitarre), ob sie weiter mit ihm Musik machen wollen. Sie möchten. Fehlt nur noch der Mann am Bass.
Alle drei haben ihren heimlichen Favoriten: Der Cooper Temple Clause-Bassist Didz Hammond. Der zieht zuvor aus der Band-Heimat Reading nach London und hängt oft mit den DPT-Jungs rum. Doch sie trauen sich nicht, Didz zu fragen, er hat ja seine Band. Eines Tages sitzt man in Waterloo bei einem Curry zusammen, die Jungs wollen danach noch ins Studio, und Didz kommt einfach mit. In zwanzig Minuten spielen sie "Deadwood", einen prägnanten Uptempo-Kracher ein, der es später als Opener aufs Album schafft.
Didz und die DPT sind Feuer und Flamme. Die Zusammenarbeit läuft wie am Schnürchen. Nachdem die drei anfangs nur gemeinsam jammen, heißt es zu viert nun: "Ok, record, make it now!". Nach nur einem Monat, in dem sie zu viert Songs schreiben (im Gegensatz zu den Libertines sind hier alle am Songwriting beteiligt) und ausprobieren, geben sie ihre ersten Konzerte in Italien: Fernab der Heimat sind die Gigs ausverkauft, die Libertines-Nachkömmlinge sind heiß begehrt.
Im November 2005 schließen sich Carl, Gary, Anthony und Didz in einem Cottage im Cornwall ein. Ganz mit ihrer Musik beschäftigt, kümmern sie sich allein um die Entstehung neuer Songs. Mit denen im Gepäck geht es im Dezember nach LA, wo DPT mit Dave Sardy (u.a. Oasis, Dandy Warhols, Marilyn Manson, Nine Inch Nails) die Songs fürs Album aufnehmen. Das Sunset Sound Studio, in dem die Sessions stattfinden, ist ein altgedienter Ort der Musikgeschichte: Hier spielten bereits die Doors und die Stones Alben ein.
Nach den Italien-Gigs erscheint das erste Video der Band auf ihrer Homepage. "Bang Bang You're Dead" heißt der Song, den die Dirty Pretty Things im April 2006 auch als erste Single veröffentlichen. Als nächstes stellen sie den Clip zu "Deadwood" online. Im Frühjahr folgt auch eine kurze Europatour. Das Album "Waterloo To Anywhere" erscheint im Mai und erhält weitgehend positive Resonanz.
Auf "Romance At Short Notice" hört Ende 2008 der Nachfolger, den die Band in Los Angeles aufnimmt. Barât weiß die Wahl des Orts durchaus zu begründen: "Weil ich L.A. hasse." Daher sind die neuen Songs auch abseits von Hollywood in angeblich hässlicher Betonwüste zwischen Santa Monica und Venice entstanden. Wenn die Schönheit der Kompositionen aus den Entstehungsorten spricht, dann hatte der Band-Ausflug in die Wüste des Joshua Tree-Nationalparks aber auch seine Spuren hinterlassen.
Der Freigeist-Prinz über Drogen- und Alkohol-Exzesse, Doherty und das Album.
Auf dem Motor im Grünen-Festival trafen wir einen gut gelaunten Carl Barât. Wir fragten ihn nach seiner Beziehung zum Libertines-Kumpan Pete Doherty, wie es ihm nach seinem Zusammenbruch geht und natürlich nach dem neuen Album, das unlängst erschien.
"Oh what became of the likely lads?"
Dieser Frage wollten wir auf dem Motor im Grünen-Festival in Berlin Spandau auf den Grund gehen. Bereits die Ankunft bereitet uns Freude. Denn der Weg zum Freigeist-Prinzen Barât führt uns durch den Innenhof eines Renaissance-Schlosses, in dem am späteren Nachmittag die ersten Bands spielen sollen.
Kaum sind wir in den Katakomben des Schlosses angekommen, schlendert uns auch gleich Carl entgegen. Nach kurzer Vorstellung bittet er höflich, ob wir das Interview nicht lieber in seiner Garderobe machen können. "Da darf man nämlich rauchen".
Kein Problem: Die Garderobe der Dirty Pretty Things ist ein gemütlicher Backstage-Raum mit Sofas und einem guten Sortiment an alkoholischen Getränken. Erstaunlich, denn Medienberichten zu Folge trinkt Carl seit seinem Kollaps im Juni keinen Alkohol mehr, er habe sogar der ganzen Band ein Alkoholverbot erteilt. Zeit, das gleich mal zu klären.
Carl, ich dachte bei euch in der Band herrscht ein Alkoholverbot. Stimmt das?
Carl: (lacht) Nein, nein! Du solltest mal die Boys sehen. Man, das ist richtig beschämend (lacht).
Du wurdest ja Mitte Juni wegen eines Bauchspeicheldrüsenkollapes ins Spital eingeliefert. Was war da los?
Nun ja, ich nahm Pillen gegen meine Kopfschmerzen. Eigentlich nahm ich verdammt viele davon. Danach trank ich eine Menge russischen Vodka. Gut, ich trank in letzter Zeit grundsätzlich sehr viel. Das haute mich dann um. Nun fange ich halt von ganz vorne an.
Das heißt, du selber trinkst überhaupt nichts mehr?
Doch. Aber nicht mehr so viel.
Ich habe gelesen, dass in deinen Augen die Gigs besser sind, wenn kein Alkohol im Spiel ist. Ist das so?
Das soll ich gesagt haben (lacht)? Well, no. Ich habe eigentlich vergessen, wie die Konzerte vorher waren - ohne Alkohol. Es macht mir nichts aus. Es spielt eigentlich gar keine große Rolle - die Musik ist das wichtigste. Aber Alk kann natürlich schon angenehm sein. Das Problem ist, dass ich immer angenommen habe, dass an Konzerten die ganze Crowd genau so betrunken sei wie ich. Und ich dachte, dass ich sie enttäuschen würde, wenn ich nicht betrunken bin.
Hm. Ich glaub schon (überlegt). Doch, ich bin zufrieden damit. Es widerspiegelt sehr gut die Zeit, in der wir es schrieben.
Wie unterscheidet es sich von eurem ersten Werk "Waterloo To Anywhere"?
Es ist ein bisschen herzergreifender. Manche sagen, ein bisschen zu viel. Aber in meinen Augen ist es das nicht.
Ihr habt ja euer neues Album in Los Angeles aufgenommen. Warum seid ihr dorthin gefahren?
Weil es billiger ist als in England.
Mochtest du den Ort?
Nein, es war schrecklich. Wir lebten nicht in Hollywood selbst sondern in einer Gegend, die einer Betonwüste glich.
Gibt es denn - außer Geld - sonst noch einen Grund, ein Album in L.A. und nicht in England aufzunehmen?
Oh, wir wollten einfach raus aus all dem Scheiß, ehrlich gesagt. Doch nach einer gewissen Zeit in L.A. wurden wir alle ein wenig verrückt. Wir gingen raus in die Wüste - ungefähr zwei Stunden von L.A. entfernt ... wie die Doors!
Aha. Und was habt ihr da so getrieben?
Well, wir haben Pilze gegessen und die Monde am Himmel gezählt (lacht). Wir sind da einfach bisschen rumspaziert.
Nachdem ihr das Album eingespielt hattet, bist du für drei Wochen nach Spanien gefahren. Ich las, du fühltest dich dort wie ein Mönch in einer Zelle - nur du und deine Gitarre. Was hast du dort gemacht?
Haha. Das klingt fast ein bisschen kitschig. Es hätte genauso gut Alaska sein können, das spielt keine so große Rolle. Weil im Grunde da nur ich und der Himmel waren. Ich habe da viel nachgedacht, und ich habe viele Bücher gelesen.
Was für Bücher denn?
Ich las viele Romane. Und ich las viel von Bukowski, nur um herauszufinden, dass ich Bukowski eigentlich gar nicht so mag. Weißt du, viele Leute schreiben so lange Listen, in denen sie beschreiben, was sie so getan haben. Das ist langweilig. Ich will keine verdammten Listen lesen. Ich will eine Story. Ich mag zum Beispiel Graham Greenes "The End of the Affair" sehr. Das ist ein verdammt gutes Buch.
Einer eurer Songs heißt "Tired of England". Hattest du England auch schon satt?
Yeah, manchmal. Die Menschen zum Beispiel oder ironischerweise die englische Attitüde ... ach, ich kann gar nicht aufhören rumzunörgeln (lacht). Ich nehme England als einen großen Organismus wahr.
Du hast mal gesagt, dass es in England bald einen politischen Sturm geben wird. Was hast du damit gemeint?
Oh, ich denke, ich habe mich eine Zeit lang wie Nostradamus gefühlt. Well ... Musik reflektiert die Zeit und auch Bewegungen. Du kannst dich echt glücklich schätzen, wenn du in Zeiten einer Bewegung eine gewichtige Stimme hast. Ein Teil einer Bewegung zu sein, ist etwas Großartiges. Mittlerweile haben wir aber überall nur so kleine Szenen. Das kann mit der Zeit ganz schön langweilen. Ich würde eine große Bewegung viel mehr begrüßen.
Kannst du eine solche Bewegung ein wenig genauer beschreiben?
Ich meine damit zum Beispiel den Punk in den 70er. Das war eine Bewegung. Oder Oasis in den 90er.
Glaubst du, dass ein Künstler etwas bewegen kann. In politischer Sicht?
Ich sehe die Rolle des Künstlers eigentlich darin, das kollektive Bewusstsein zum Ausdruck zu bringen.
Ich liebe es, in kleinen Clubs zu spielen. Das ist meistens sehr aufregend. Alle tun sich zusammen, und es entwickelt sich ein richtiges Feuer. Die Musik auf der Bühne ist zwar meistens sehr laut, aber auch verdammt gut. Ich mag es, in diesen kleinen dreckigen Clubs zu spielen, wo jeder nur für diese eine fucking second leben will. Darum geht es.
Was macht ihr eigentlich abseits der Bühne gerne zusammen?
Wir sitzen viel rum und spielen zusammen Gitarre, laufen bisschen rum oder trinken ein Bier. I don't know. Manche der Guys schauen sich auch gerne Filme an. Grundsätzlich sitzen wir aber rum und reden über die verschiedensten Dinge.
Viele wünschen sich eine Reunion der Libertines. Welche Band, deren Mitglieder noch leben, würdest du gerne wieder zusammenführen?
Die müssen alle noch leben? (überlegt lange) Das ist eine verdammt schwierige Frage. All die Guten sind ja schon tot. Hm ...
Na gut. Dann dürfen sie meinetwegen auch schon tot sein.
Hm. The Velvet Underground. Also für die Frage davor. Und sonst - The Beatles.
Wenn wir schon bei Reunions sind. Kannst du dir vorstellen, noch mal mit Pete aufzutreten?
Yeah! Ich denke zwar, dass es harte Arbeit wäre, aber klar, sicher.
Wie ist die Beziehung zu ihm zurzeit?
Wir haben eine gute Beziehung zueinander. Wir konnten nicht viel miteinander reden, da wir uns für eine ganze Weile nicht gesehen haben. Aber Yeah, grundsätzlich haben wir eine gute Beziehung.
Was sind deine nächsten Pläne?
Das ist ein Geheimnis.
Ich habe etwas über ein Album mit Reverend and The Makers gelesen ...
Ach, das ist immer noch ein Geheimnis (murmelt etwas Unverständliches). Es gibt viele Dinge zu tun. Jetzt habe ich ja mehr Zeit. Jetzt, wo ich nicht mehr so viel trinke.
Die Libertines-Nachfolger über dumme Texaner und die "real Strokes".
Gitarrist Anthony spricht über seine Rolle bei den Libertines-Nachfolgern DPT, die "real Strokes", verdummte Rausschmeißer in Texas und die Doppelmoral im Freedom State.
Anthony Rossomando fiel als Doherty-Ersatz der Libertines direkt aus einer eher unbekannten amerikanischen Combo in die Klauen der britischen Hype-Maschine. Wie fühlt es sich an, in der heißesten Band des Königreichs zu landen? Und: What Became Of The Likely Lads? Das und ein paar unschöne Details über seine Heimat, die United States of Amerika, sollte mir Anthony geschwind in 20 Minuten am Telefon erzählen. Ist ihm ziemlich gut gelungen:
Du hast das erste Mal mit Carl gespielt, als er noch bei den Libertines war. Hat es dich am Anfang geärgert, dass du ausschließlich als Doherty-Ersatz gesehen wurdest?
Anthony: Nein, das war ich ja. Ich habe keinen der Songs geschrieben, nicht auf dem Album gespielt ... ich war da, um meinen Freund zu supporten und um in einer Band zu spielen, die eine der besten der Welt war. Ich war ziemlich glücklich, das tun zu dürfen! Wenn ich das nicht gemacht hätte, hätte das eben ein anderer gemacht. Ich war einfach glücklich, dass es mich getroffen hat. Alle Leute, die sehr eng mit den Libertines zu tun hatten – ihre Freunde und Familien, waren unheimlich nett zu mir, sie haben mich mit offenen Armen empfangen. Das war auf jeden Fall um Längen besser als die meisten anderen Sachen, die ich hätte tun können.
Was hättest du denn sonst machen müssen?
Ich war davor als Maler angestellt, habe Häuser gestrichen, bevor Rough Trade mich anriefen. Das ist definitiv besser, als ein Haus anzustreichen. Ich war in guter Gesellschaft. Ich weiß nicht, ob es eine andere Band auf der Welt gäbe, für die ich als Gitarrist eingesprungen wäre. Es hat sich einfach richtig angefühlt. Carl hat mich mit sehr viel Respekt behandelt. Ich denke, er besitzt sehr viel Integrität. Ich glaube an den Spirit, mit dem die Libertines mal angefangen haben.
Aber du hattest die Libertines schon getroffen, bevor du den Anruf ihrer Plattenfirma bekommen hast?
Nein. Ich war in Amerika, habe da gearbeitet und hatte eine Band, die Damn Personals. Wir waren im Nordosten berühmt-berüchtigt für unsere krawalligen Gigs, und ich denke, es hat sich rumgesprochen, dass ich auf dieser Amerika-Tour gut bei den Libertines reinpassen würde. Denn sie konnten Pete nicht mit rüber bringen. Ich habe Carl ein paar Tage später in New York getroffen. Wir haben zusammen rumgehangen und ein Feeling für einander bekommen. Wir haben da rausgefunden, dass wir eine ähnliche Lebenseinstellung teilen.
Ich wusste zu dem Zeitpunkt nichts über die Libertines. Das einzige, was ich kannte, war "What A Waster", das öfter im College Radio lief. Sie waren nicht gerade berühmt in Amerika. Ich wusste nichts von dem ganzen Medien-Zirkus, ich habe nie den NME oder ein anderes britisches Magazin gelesen. Für mich war das einfach so, dass ich in einer Band spielen konnte, von der ich dachte, dass sie ziemlich cool ist (lacht.) Ich denke, Carl mag meine Lebenseinstellung: einfach zu tun, was gerade passt. Ich schien gut bei den Libertines reinzupassen, und Carl schien genau so jemanden zu suchen. Nicht unbedingt den besten Gitarristen, das bin ich immer noch nicht. (Anthony lacht.) Er suchte eher jemanden mit einer ähnlichen Ideologie.
Also wusstest du überhaupt nichts von dieser Hysterie, die die Libertines in England umgab?
Nein, nicht bei diesem ersten Mal. Als ich wegen der Tour zum zweiten Album nach England kam, da habe ich es dann mitbekommen. Aber ich habe immer noch nichts darüber gelesen, ich habe versucht, das zu vermeiden. Ich will die Innensicht behalten. Ich konnte ja jeden Abend mit den Fans darüber sprechen. Das war meine Perspektive. Ich habe versucht, mich nicht allzu viel mit dem Ganzen auseinanderzusetzen, was über die Love-/Hate-Relationship zwischen Pete und Carl geschrieben wurde.
Aber auf der Bühne schlug dir die Hysterie dann doch ins Gesicht? Engländer sind in der Hinsicht ja schon ganz schön extrem ...
Ja, na ja ... ich habe vor allem die Songs lieben gelernt. Die Reaktionen der Fans waren ja immer sehr positiv. Jeder hat mitgesungen, und die meisten Leute waren einfach nur froh darüber, dass Carl es geschafft hat, trotz des Troubles mit Pete auf Tour zu kommen. Wir wussten alle, dass es vorbei sein würde, sobald die Tour vorüber ist. Das war ok so. Ich hatte mich schon darauf vorbereitet, wieder beschissene Hauswände zu streichen... Ich habe mich sehr glücklich geschätzt, dass ich das alles mit den Libertines erleben durfte. Ich denke immer noch, dass ich sehr viel Glück hatte.
Als du dann gehört hast, dass Carl einen Solovertrag bekommen hat: Hast du daran geglaubt, dass er wieder eine Band gründen würde, oder dachtest du, er würde das jetzt mal alleine durchziehen wollen?
Wir haben in den letzten Tagen der Tour, in den letzten Tagen der Libertines, sehr viel darüber geredet. Ich wusste, dass Carl nicht wirklich ein Solo-Projekt starten wollte. Ziemlich schnell ... zur Überraschung aller ... ca. sechs Wochen nach dem letzten Libertines-Gig, hat Carl einen Vertrag angeboten bekommen. Und er meinte nur: 'Ich hab noch keine Sekunde an eine neue Band gedacht'. Es schien eine gute Idee, den Vertrag einfach mal anzunehmen. Aber er redete mit dem Label und sagte: 'Der Vertrag muss mir erlauben, das auf meine Art und Weise durchzuziehen. Ich möchte nicht ein "Carl und die anderen Typen"-Projekt machen'. Er rief mich an und sagte: 'Ich hab gerade einen Solo-Deal unterschrieben. Aber keine Sorge, ich möchte, dass du vorbei kommst und in der Band spielst. Und keine Angst. Es wird nicht so was wie die "Carl Barat Experiences", es wird eine richtige Band.' Und ich sagte nur: 'Das hört sich großartig an. Das ist die ultimative Chance'.
Wessen Idee war es, dass Didz zur Band kann? War er es, der auf euch zukam, oder habt ihr ihn gefragt?
Ich glaube, dass kam alles an einem Tag zusammen. Wir sind mit Didz rumgehangen und er fühlte sich, als habe er sich von seiner Band bereits entfernt. Denn er lebte ja nicht mehr in derselben Stadt wie die anderen Coopers. Er hatte sein eigenes Leben in London. Wir haben viele Nächte zusammen gehockt, gesungen und akustische Gitarre dazu gespielt. So lernten wir uns kennen. Carl und Didz waren Nachbarn. Ich habe Carl ein paar Mal ins Ohr geflüstert: 'Wäre es nicht großartig, wenn wir einfach Didz in die Band nehmen könnten?' Nicht, dass wir ihn aus seiner Band reißen wollten. Es war eher so ein Gefühl, dass alles sehr viel einfacher wäre, wenn wir Didz in der Band hätten. Und Carl sagte: 'Ja, ich weiß, aber er hat seine Band und seine Verpflichtungen.' Und so sagten wir nie was zu ihm. Aber dann fing er an: Nachdem wir Freunde wurden und uns nahe kamen, erzählte er uns, dass er sich Gedanken darüber mache, die Coopers zu verlassen und was Neues anzufangen. London war wie ein Neustart für ihn. Da kam dann alles zusammen, das war Anfang September. Ich kann mich nicht mehr an den exakten Moment erinnern, aber...
Die Ersten waren Carls, wie "Deadwood" oder "Bang Bang" und bei den nächsten hatte er schon Teile geschrieben, wie bei "The Gentry Cave" ... "Gin & Milk" haben Carl und ich zusammen gemacht. Das war vielleicht der erste Song, wir haben das bloß nicht realisiert, denn den haben wir auf einem Kassetten-Rekorder aufgenommen. Das war schon im März oder April vergangenen Jahres. Wir hatten den komplett vergessen und dann wieder gefunden. Lacht. Also: Ja, Carl hatte die ersten Songs und fragte uns, was wir davon halten würden. Er spielte sie mir, Didz und Alan McGee, Manager der Libertines und inzwischen auch der DPT, Anm. d. Red. übers Telefon vor.
Er spielte uns seine Ideen vor, und wir mussten alle zustimmen, dass das verdammt gute Songs sind. Das half Carl, wieder Selbstbewusstsein aufzubauen. Und dann sagte er: Wir müssen zu einem Live-Band-Setting werden. Gary war schon dabei und wir waren 'ready to go'. Wir hatten im September einige Proben unter der Waterloo-Station, unterhalb der Schienen. Das war das erste Mal, dass wir "The Gentry Cove", "Gin & Milk", "Deadwood" und "Bang Bang" spielten und begannen, sie zu arrangieren. Von da an kam der Rest der Platte, ich hatte ein paar Akkorde, spielte sie Carl vor und er machte das Ganze noch ein ganzes Stück cooler (lacht).
Irgendjemand hatte immer einen Schnipsel, den wir cool fanden, und dann versuchten wir gemeinsam, daraus einen Song zu machen. Carl hat die meisten Lyrics geschrieben, Didz steuerte aber auch einige bei. Es hat alles damit angefangen, dass Carl ein paar Songs alleine geschrieben hatte, und dann begannen wir, uns alle sehr viel wohler zu fühlen, vor allem Carl. Jeder schmiss neue Ideen dazu, und so wurden wir eine richtige Band.
Ich habe das Album ja schon hören können. Ich finde es ganz schön straight. Mit deinem Hintergrund (Anthony spielte neben den Damn Personals schon in einigen Ska-Bands) und dem von Didz habe ich mir das ein bisschen experimenteller vorgestellt.
Ah, right. Das kommt, weil diese Platte vor allem so etwas wie Carls Soundtrack ist. Die Stücke, die Didz und ich beigesteuert haben – unsere späteren Sachen – die klangen einfach sehr nach Carl. Am Schluss entstanden sehr viel experimentellere Sounds. Aber da gibt es eben immer die zeitlichen Beschränkungen. Die Songs waren schnell geschrieben und fertig gestellt. Alles ging ziemlich schnell. Das sind Fotografien des Augenblicks.
Ah, "You Fucking Love It" ist auch Carls. Das war auch einer der ersten Songs, das war so "haha". (Anthony lacht künstlich, um zu zeigen, dass sie den schnellen, punkpoppigen Song anfangs gar nicht ernst genommen haben). Aber dann kamen Lyrics dazu, und so machte der Song Sinn. Wir haben nicht versucht, die Welt oder auch nur den Sound grundlegend zu verändern. Es ist ja wirklich unsere erste Platte. Es ist das erste Mal, dass Carl ohne Pete gearbeitet hat. Ich denke, bei der zweiten Platte werden wir das ausweiten. Aber auf dieser ist es ziemlich einfach: 'Bang, bang, bang', und der Song ist vorbei. Wir haben alle recht kurze Aufmerksamkeitsspannen. Wir spielen ziemlich hart und schnell. Wenn wir eine Idee haben, geht das so: (Anthony singt mir auf de-dete-de-dedelede... eine ziemlich schnelle Melodie vor). Und dann sagen wir alle: 'Das ist cool', und normalerweise folgt dann noch eine sehr schnelle Melodie für die Vocals. Das ist der Vibe der Band.
Wir haben schon ein bisschen den Druck gespürt, der auf uns lag. Wir haben daraus etwas gemacht, das etwas aggressiver ist und von einem dunkleren Ort kommt, als wir das erwartet hätten. Wir haben da nicht sehr viel drüber nachgedacht, das ist einfach so rausgekommen. Jetzt haben wir das erste Mal Zeit, irgendetwas von dem Ganzen zu reflektieren.
Die Songs klingen, als wären sie geschrieben worden, um sie live zu spielen.
Ja, hm, ich denke, ja. Das passt. Daran hab ich noch gar nicht gedacht. Es ist eine kurze Platte geworden.
Das ist aber ok so.
Das zeigt auch, wer wir gerade sind. Kurz Songs, die wir runterhauen. Wir haben alle ziemlich viel nervöse Energie in uns. Ich bin zum Beispiel die ganze Zeit rumgelaufen, während ich mit dir gesprochen habe. Genau genommen stehe ich gerade auf einem Stuhl im Badezimmer.
Ok!?
Da bin ich gelandet ... Ich glaube, ich gehe mal zurück auf die Treppe. Das ist ein Spiegelbild des Spirits, in dem wir momentan treiben.
Es erinnert mich an die sehr frühen Songs der Libertines. Was unterscheidet eure Musik von der der Libertines?
Well, das ist definitiv ... man hat mir gesagt, dass wir sehr viel amerikanischer klingen. Aber ich denke, das ist eher dein Job als meiner, diese Frage zu beantworten.
Ok!
Ich weiß nicht, ich habe auf keiner dieser Platten gespielt, kein Libertines-Album aufgenommen. Aber ich bin mir sicher, dass der Aufnahmeprozess bei ihnen anders war. Ich denke, der Grund, dass es dich an Sachen aus den Libertines-Anfangstagen erinnert, ist, dass bei dem frühen Zeug alle an einem Strang zogen und es noch keinen Kampf zwischen Pete und Carl gab. Wir haben uns alle gern, es gibt keinen größeren Streit in der Band. Es ist auch nicht so, dass niemand mehr dem anderen in der Band über den Weg traut. Hoffentlich werden wir auf unserer zweiten Platte nicht so. (Lacht, lauter als die Male davor.)
Es könnte ja dieses Mal einen Battle zwischen Didz und Carl geben ...
Ja (lacht).
Nicht wirklich, oder? Das sind doch überhaupt nicht die Richtigen dafür ...
Ja, ich meine, es ist echt nicht so. Wie arbeiten alle in dieselbe Richtung. Also das ist wahrscheinlich komplett anders als bei den Libertines. Didz und ich haben ziemlich viel zur Platte beigetragen, und sogar Gary hat das eine oder andere an der Platte mitgeschrieben. Hier ist jeder viel mehr eingebunden. Aber vieles ist ziemlich ähnlich: Wir haben Garys Drumming, das scheiß-wild ist. Das klingt in etwa so wie bei den Libertines. Carl hat sich ja auch nicht verändert. Carl ist, wer er ist. Niemand wird uns zwingen, anders zu sein, einfach nur um sich von dem Bisherigen zu unterscheiden. Es sei denn das, was wir gerade tun, kommt nicht mehr aus unseren Herzen und macht etwas anderem Platz.
Wessen Idee war es denn, Dave Sardy, der schon mit den Dandy Warhols, Oasis, Supergrass ... gearbeitet hat, als Produzenten zu nehmen?
Er hat uns gefunden. Er kam bei einem Gig, den wir in Paris gegeben haben, vorbei. Das war Ende September letzten Jahres, unsere fünfte oder sechste Show. Er flog von LA nach Paris, wir trafen ihn nach dem Konzert, und er schien uns ziemlich cool zu sein. Er hat uns garantiert, dass er dem Sound nicht seinen Stempel aufdrücken wird. Ich mag das Zeug, was er mit The Walkmen gemacht hat.
Ja, die sind super!
Ja, großartig, eine meiner Lieblingsbands. Das habe ich auch gleich gedacht: Cool, der hat schon mit The Walkmen gearbeitet.
Die bringen leider ihre Alben nicht in Deutschland raus, kommen hier nie auf Tour, nichts ...
Oh, das ist ja echt beschissen. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass das die beste Band aus New York ist. Das sind sozusagen die "real Strokes" – mit viel clevereren Ideen ... Aber zurück zu Dave. Ich denke, dass es Carl gefallen hat, wie er das neue Oasis-Album aufgenommen hat. Carl fand es super, dass das Album genau nach Oasis klang und sonst nichts. Und sie haben das auch in Amerika aufgenommen. Wir fühlten uns wohl und waren uns sicher, dass er auch uns keinen Stempel aufdrücken würde. Dass er die Band einfach nur nach uns klingen lassen würde.
Ihr seid also nach LA gegangen, um dort mit ihm arbeiten zu können.
Ja, er hat sein ganzes Zeug dort, also haben wir unsere Gitarren genommen, haben uns ins Flugzeug gesetzt und einen Monat mit ihm verbracht, in dem wir die ersten sechs Tracks aufnahmen. Den Rest haben wir dann in Glasgow gemacht. So dass wir auch einen Teil der Platte auf den britischen Inseln aufgenommen haben. Glasgow im Januar – das ist etwas verdammt anderes als LA im November. Das sollte dem Album noch einen anderen Vibe geben. Diese Songs haben wir fast alle im Studio geschrieben und arrangiert. Sie basieren zum Großteil auf Aufnahmen, die wir auf einem Diktiergerät gemacht hatten. Da treffen sich also Dunkelheit und Licht.
Ja! (Er lacht etwas atemlos.) Ich wurde fast festgenommen, nur weil ich auf der Straße getrunken habe. Da herrscht ein komischer Vibe. Es soll ein großes Ding für die Stadt sein, und da kommen Bands aus der ganzen Welt – es ist ein großartiges Festival. Aber die Polizei-Einsätze sind 'verdammt Texas' und rigide. Ich glaube, wir haben das erlaubte Lautstärke-Level überschritten und zu lange gespielt. Sie haben versucht, uns von der Bühne zu bekommen. Unser Tourmanager und der Soundmann wurden von der Polizei bedroht. Sie haben den Cops gesagt, dass die sich verpissen sollen. Dann kam ein Polizist auf die Bühne, dazu acht Rausschmeißer, die gemeinsam nur zwei Gehirne besaßen. Sie stöpselten den Bass von Didz aus. Dann ging Carls Amp aus, und ich habe einfach weiter möglichst lauten Sound gemacht. Außerdem habe ich eine Kippe angemacht, was da auch illegal ist.
Das ist illegal?
Ja, in Texas darf man nicht rauchen.
Was?
Ja, kannst du dir das vorstellen? Der selbsternannte Freedom State. Die fahren alle mit einer Waffe im Auto rum, aber du darfst dir nicht mal in einer Bar ne Kippe anstecken. Ich denke, das ist das Bild, das ein Europäer inzwischen von Amerika hat.
Da herrscht so viel Heuchelei. Aber man muss sich bewusst machen, dass in Amerika bestimmte Gesetze nur in manchen Bundesländern gelten. Das ist ein komischer Mix. Aber Texas hat definitiv den Vibe von Leuten, die die ganze Zeit ihre Waffe in die Luft recken und "Yeehaaaa" brüllen. Da, wo ich herkomme, ist das nicht so. Ich komme aus dem sehr liberalen Nord-Osten. Wir mögen keine Waffen, wir wissen es besser. Naja, das war auf jeden Fall, was bei unserem allerersten Gig in Amerika passierte. Die Flaming Lips spielten vor uns, und der Club hatte einfach nicht die Eier, um it ihnen klarzukommen. Alles dauerte also da schon länger, und wir waren dann diejenigen, die das ausbaden musste, wir waren der Sündenbock. Also, fick diesen Club und fick die Leute da (lacht). Aber ein großes Lob an die Flaming Lips und Clap Your Hands Say Yeah, die da mit uns gespielt haben. Beim NME-Barbecue am nächsten Tag konnten wir dann Gott sei Dank unser Set zu Ende spielen.
Wenigstens ein Gig, der geklappt hat ... Hast du denn da irgendwelche neuen Bands entdeckt?
Nein, ich kannte die meisten Bands schon, die ich mir da angeschaut habe. Oh, doch, ich habe Gogol Bordello entdeckt. Die sind verdammt ungewöhnlich. Die kommen aus der Ukraine und machen Sea-Shanty, Pub-Punkrock gemischt mit Gipsy-Musik. Das war sehr anders und sehr inspirierend. Sonst habe ich vor allem die Bands meiner Freunde angeschaut: We Are Scientists, Arctic Monkeys, Radio 4 ... Ich habe viele Leute aus den Staaten getroffen, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. Das war wie ein Homecoming, einfach eine gute Zeit haben. Hast du noch weitere Fragen? Ich sollte mal Schluss machen.
Nein, das wars. Danke für das Gespräch und viel Spaß beim Konzert heute Abend.
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Wunderschön, hochaktuell und vorbildlich interaktiv.
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