Porträt

laut.de-Biographie

The La's

Zu Beginn des noch jungen neuen Jahrtausends machen wieder Bands aus Liverpool auf sich aufmerksam. The Coral heißen sie, oder The Zutons, The Dead 60s und The Black Velvets. "Scouse Music" ist die Genrebezeichnung, die die fleißige britische Musikpresse gerne verwendet. Benannt nach dem recht eigenartigen Liverpooler Akzent (der seinen Namen wiederum einer regionalen Labskaus-Variante verdankt). Liverpool ist eine pulsierende Musikstadt. Liverpool verehrt seine Pop-Helden. All das geht zurück, natürlich, auf die größte Popgruppe, die die Stadt und vermutlich die Welt je gesehen hat: Die Fantastischen Vier. Doch als Geheimfavorit auf den Popthron der Mersey-Metropole ist jemand anderes zu handeln ...

Mitte der 80er gründen der manische Frontmann Lee Mavers und Bassist John Power ihre Band The La's, benannt nach dem Scouse-Dialektwort für "The Lads" - nur sehr unzureichend zu übersetzen mit "Die Kerle". Ihr eingängiger Gitarrenpop erregt bald die Aufmerksamkeit des ortsansässigen Plattenlabels Go! Discs, Heimat von Billy Bragg, den Housemartins und später The Beautiful South und Portishead. 1987 erscheint "The Way Out", ihre erste Single. Sie wird von niemand geringerem als Smiths-Frontmann Morrissey im legendären Musikblatt Melody Maker hochgelobt, von der Öffentlichkeit jedoch kaum wahrgenommen.

Nicht viel anders ergeht es 1988 der zweiten Single, einem Titel namens "There She Goes". Dann beginnen die Dinge schief zu laufen. Perfektionist Mavers ist mit dem Sound der dritten Single ("Timeless Melody") unzufrieden und verweigert die Veröffentlichung. Auch die Tatsache, dass der NME sie vorab zur Single der Woche kürt, kann ihn nicht umstimmen. Es folgen unendliche Aufnahme-Sessions für ein erstes Album, mit stetig wechselndem Personal an Gitarre und Schlagzeug und einem beeindruckenden Verbrauch an hochkarätigen Produzenten, unter anderen: John Porter (Roxy Music, The Smiths), John Leckie (Pink Floyd, George Harrison, Radiohead) und Steve Lillywhite (U2, Rolling Stones, Simple Minds). Letzterer zimmert, als das Label nach zweieinhalb Jahren und Produktionskosten von angeblich einer Millionen Pfund die Contenance verliert, aus den vorliegenden Aufnahmen ein fertiges Produkt, das 1990 gegen den ausdrücklichen Willen Mavers veröffentlicht wird.

Die Band bekundet öffentlich, sie hasse das Album. Lee Mavers weigert sich, neue Songs aufzunehmen, solange die Platte nicht zu seiner Zufriedenheit neu eingespielt werde. Bis heute. Mavers zieht sich komplett zurück, abgesehen von vereinzelten, stets chaotischen Live-Auftritten und sporadischen, immer wirren Interviews in den 90ern, in denen er unter anderem proklamiert, seine Songs klängen "wie Nazi-Panzer in Ägypten". Außerdem wird kolportiert, er trage stets einen Beutel Staub mit sich, den er von alten 60er-Jahre Verstärken abgekratzt habe und während der Aufnahmesessions auf den Instrumenten verteile, um ihnen den richtigen Sound zu geben. Gerüchte über Mavers Drogenabhängigkeit kursieren nicht ganz grundlos.

Ungeachtet all dessen ist "The La's" nicht weniger als ein Meisterwerk. Die Musikkritiker überschlagen sich und auch der Publikumszuspruch wächst mit den Jahren, nicht zuletzt befeuert durch das komplette Abtauchen des wahnsinnigen Genies Mavers und daraus resultierender Legenden. Ein Re-Release des Debut-Albums erreicht die UK-Top 20, Britpop-Größen wie Oasis oder zuletzt The Libertines verehren die Band.

Dass ausgerechnet die Heroin-Hymne "There She Goes" späten Ruhm erlangen soll, birgt eine besondere Portion Ironie: "Da geht sie wieder, föhnt mich um, pulsiert durch meine Adern, und ich kann es nicht mehr kontrollieren, dieses unendliche Gefühl." Als harmloses Liebesliedchen fatal missgedeutet, verirrt sich der Song auf Soundtracks familienfreundlicher Hollywoodfilme und in Fernsehwerbespots. Die Boo Radleys covern "There She Goes" ebenso unbedarft und charttauglich, wie die Christenpopper Sixpence Non The Richer und Robbie Williams. Das Lied ist dabei übrigens nicht zu verwechseln mit einem Velvet Underground-Stück gleichen Namens, in dem es lustiger- und ausnahmsweise NICHT um Heroin geht.

Nach dem Ende der La's erreicht John Power mit seiner neuen Band Cast einen gewissen kommerziellen Erfolg - wenn auch nie wieder den gleichen enthusiastischen Kritiker-Zuspruch, wie ihn die La's verbuchen konnten. Über Mavers berichten nicht gänzlich unglaubwürdige Quellen, er spiele daheim Demokassetten mit hunderten neuer Songs ein - einer so unfassbar gut wie der andere. 2005 geben die La's ein überraschendes Live-Comeback mit einer Handvoll Club- und Festivalauftritten, unter anderem in Glastonbury. Nach dem ersten Reunion-Gig feuert Mavers den Schlagzeuger und ersetzt ihn durch seinen Gärtner. Vom vielbezeugt grandiosen, neuen Material gibt es so gut wie nichts zu hören.

2008 dann die Sensation: The La's fassen eine Deluxe Edition zusammen inklusive bisher unveröffentlichtem Material. Jede Menge Live-Radio-Sessions und verschiedene Mix-Versionen diverser Produzenten des hochgelobten Klassiker-Debüts. Eine gelungene Zeitreise in das Liverpool von 1990 und ein Beweis mehr, dass diese Platte zeitlos schön bleibt. Nach Ohrenzeugenberichten sitzt das Popsong-Talent Mavers immer noch zu Hause und komponiert einen Song nach dem anderen, aber die Fans werden wohl nie in den Hörgenuss kommen.

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