3. März 2016

"Marilyn Manson und wir wurden verheizt"

Interview geführt von

Die US-Space-Rock-Band Monster Magnet zelebriert auf Tournee gerne alte Platten in kompletter Länge. Nun erscheinen vier Frühwerke in aufwendigen Re-Issues mit Bonustracks.

Dave Wyndorf spricht gerne über seine Vergangenheit. Das wissen wir schon aus eigener Erfahrung. Normalerweise wollen Musiker jedoch in erster Linie über ihre neueste Veröffentlichung sprechen. Da dies im Falle von Monster Magnet nun aber vier alte Platten aus den 1990er Jahren sind, die auf Vinyl und CD mit Bonustracks neu aufgelegt werden, sind die Vorzeichen noch günstiger: Wir sprechen ausschließlich über die Vergangenheit - und ganz ohne schlechtes Gewissen. Wyndorf erweist sich abermals als bestens aufgelegter Gesprächspartner, dessen Redefluss nur das Anstecken von Zigaretten kurzzeitig bremst. Wir erreichen ihn um 9 Uhr New Yorker Zeit.

Hi Dave, alles gut? Wo bist du gerade?

Dave Wyndorf: Ja, ich sitze hier zuhause mit einer Tasse Kaffee und schaue in den Schnee von New Jersey.

Klingt gemütlich. Ich muss leider gleich zu Beginn auf zwei Todesfälle zu sprechen kommen. Kurz nach Weihnachten starb die Rock-Legende Lemmy, im Januar David Bowie. Wo hast davon erfahren?

Das waren schlimme Nachrichten so kurz aufeinander. Von Lemmys Tod habe ich von meiner Freundin zuhause erfahren. Das hat mich jetzt nicht wahnsinnig überrascht, denn ich wusste, dass er schon über einen längeren Zeitraum krank war. Klar war es traurig, Todesfälle sind immer schrecklich. Aber Lemmy, und auch Bowie, waren eben fast schon die Charaktere, über die sie selbst gesungen haben. Drum war es fast so, als wäre Spider-Man gestorben. Für mich ist allein die Vorstellung, in einer Welt zu leben, in der die beiden nicht mehr irgendwo herumlaufen und coole Sachen machen, extrem schwer. Aber hey, meine Helden sterben die ganze Zeit. Dass es gerade diese zwei so kurz hintereinander erwischt hat, war gruselig.

Hast du Erinnerungen mit den beiden, die du mit uns teilen willst?

Aber sicher. In den späten 70ern machte ich meine ersten Rock-Erfahrungen mit der Band Shrapnel, wir spielten meistens in Punkrock-Schuppen in New York. Damals hing ich auch oft in Max's Kansas City ab, diesem berühmten Club, den es heute nicht mehr gibt. Und eines Abends traf ich Lemmy. Der ist ja schon 15 Jahre älter als ich [es sind elf Jahre, Anm. d. Red.], aber wir kamen ins Gespräch und er meinte, lass uns gemeinsam abhängen.

Ich saß mit ihm den ganzen Abend an der Bar und er erzählte lauter verrückte Sachen, ich meine, hey: Es war Lemmy! Dann durfte ich mit ins Hinterzimmer, wo er Unmengen an Speed zog und irgendwann sogar Feuerwerkskörper durch die Gegend schoss. In dem Raum drin, wohlgemerkt. Er fand es witzig. Also für mich hätte dieses Erlebnis komplett ausgereicht, ich war damals ja fasziniert von ihm. Doch dann geht die Tür auf und Wayne Kramer von den MC5 latscht rein. Der kam damals frisch aus dem Gefängnis. Zusammen mit denen durfte ich dann noch in Lemmys Hotel mitkommen, natürlich ins berühmte Chelsea Hotel, wo wir Livetapes von MC5 anhörten, die Wayne Lemmy vorspielen wollte und die nie veröffentlicht wurden. Ich glaube ich habe den ganzen Abend über ungefähr zwei Worte gesagt. Es war eine der großartigsten Nächte meines Lebens.

Danach kann eigentlich nichts mehr kommen. Hast du David Bowie auch getroffen?

Getroffen wäre das falsche Wort, wir waren mal im selben Club in New York. Das war ein paar Jahre später, wahrscheinlich zu "Let's Dance"-Zeiten. Er lief da völlig normal herum, ohne Bodyguards und sah aus wie ein Filmstar. Das hat mich schon immer an ihm fasziniert: Man wusste nie wie alt er war, weil er immer aussah wie ein Filmstar, der aus der Zeit gefallen ist. Supercool. Natürlich habe ich ihn nicht angesprochen. Wenn man schon in einem Raum mit Bowie ist, sollte man froh sein. Man geht da nicht hin und sagt: "Hallo Mr. Bowie, ich liebe ihre Musik". Denn sowas hätte ich sagen können. Ich war auf der "Diamond Dogs"-Tour, bei "Young Americans", "Station To Station" und "Heroes". Alles gesehen.

Dann muss sein Tod ja auch ein richtiger Schlag für dich gewesen sein.

Also das war wohl der größte künstlerische Abgang, den die Welt je gesehen hat. Kennst du einen anderen Künstler, der so abgetreten ist? Heller Wahnsinn. Er ist jetzt sogar noch lebendiger für mich. Bowie hat sein ganzes Leben für uns auf Platte konserviert. Er nahm uns mit, so weit er konnte. Bis zu "Blackstar", das ist ja schon wie ein Abgang ins Licht. Unglaublich.

"Gute Songs fliegen dir nicht zu"

Kommen wir zu deiner Band: In den letzten Jahren hast du Gefallen daran gefunden, alte Alben wie "Spine Of God" und "Dopes To Infinity" live in voller Länge zu spielen. Nun erscheinen gleich vier Platten aus den 90ern als Re-Issues. Welche liegt dir am meisten am Herzen und welche am wenigsten?

Die große Frage. Welches deiner Kinder magst du am liebsten? Ich mag sie alle aus verschiedenen Gründen. Die Arbeit an "Dopes To Infinity" hat am meisten Spaß gemacht. "Superjudge" war eher das Sorgenkind. Ich wusste damals einfach noch nicht, wie der Hase läuft.

Ich persönlich höre am liebsten "Spine Of God" und "Dopes To Infinity". Wie frustrierend ist es eigentlich für einen aktiven Musiker, wenn Leute in erster Linie auf Platten stehen, die man vor mehr als 20 Jahren eingespielt hat?

Wenn ich zu lange darüber nachdenken würde, wäre es sicher frustrierend. Aber ich schaue immer nach vorne. Denn ich will ja, dass sich die Leute für meine neuen Songs interessieren und die alten Fans auch meine neuen Sachen mögen. Wenn dann jemand zu dir sagt, die neue Platte ist Dreck, denkt man natürlich schnell: Oh shit, ich hab's vermasselt ...

Ich habe nicht gesagt, dass deine neuen Platten Dreck sind ...

Nein nein, schon klar. Hey, ich bin selbst Fan. Ich weiß sehr wohl, dass es in der Natur des Musikhörens liegt, dass man seine Lieblingsplatten hat. Nur weil ich in einer Band spiele, heißt das nicht, dass ich keinen Plan habe, wie man sich beim Plattenkauf fühlt.

Leider liegen mir die Re-Issues, für die du neue Liner Notes geschrieben hast, noch nicht vor. Gibt es denn noch neue Anekdoten, die du vorher nie erzählt hast?

Oh je, keine Ahnung. Ich habe einen Typen getroffen und ihm ein paar Stunden lang alte Geschichten erzählt. Daraus sind dann diese Liner Notes entstanden. Meiner Meinung nach hätten sie ruhig noch länger ausfallen können. Es ging mir darum, zu zeigen, unter welchen Umständen die jeweilige Platte damals entstanden ist und was in der Band abging. Die Platten sind ja mittlerweile alle steinalt.

Die Einordnung unseres Sounds in den zeitlichen Kontext kam mir dabei manchmal etwas zu kurz. Diese vier Platten sind zwar zu einer Zeit erschienen, als Majorlabels noch Risiken eingegangen sind, aber deshalb hat nicht jede Band gewonnen. Monster Magnet standen meiner Meinung nach immer etwas abseits des Zeitgeistes. Aber gleichzeitig war es mir immer egal. Wir hatten viel Druck vom Label, aber auch eine Menge Spaß.

Wir haben "Dopes To Infinity" bei uns als Meilenstein gekürt, das ist eine Rubrik für Album-Klassiker. Bei der Recherche habe ich Interviews gefunden, in denen sich der damalige Drummer Jon Kleiman und Basser Joe Calandra über deinen Führungsstil beschwert haben. Hast du Songs von ihnen abgelehnt oder was ging da?

Haha, süß. Also: Jon und Joe haben in all den Jahren, in denen sie Teil von Monster Magnet waren, vielleicht sechs Songs in den Proberaum gebracht - zusammen gerechnet! Was soll ich dazu noch sagen? Ich schreibe 30 Songs für jedes Album und dann wird ausgesiebt. Gute Songs fliegen dir nicht zu. Dieses Prinzip haben sie leider nie verstanden. Ihre Songs waren einfach nicht gut genug für Monster Magnet. Trotzdem sind auf "Dopes" zwei Songs von ihnen, von jedem einer. Also sag nicht, dass ich es nicht versucht hätte.

Das Ding war: Die beiden wollten Kohle machen und dazu brauchst du Songrechte. Seit 1988 waren Jon, Joe und ich zusammen in der Band und 1994 fällt ihnen dann ganz plötzlich auf, dass sie Songs schreiben wollen. Komisch, oder? Davon wollten sie vorher nie was wissen. Doch dann waren wir auf einem Majorlabel und ich besaß die Veröffentlichungsrechte für die Songs, und plötzlich riefen sie: 'Hallo, wir sind auch noch da!'

"Slash ist ein total cooler Typ, sehr warmherzig"

Besonders beleidigt dürften sie ja nicht gewesen sein. Jon Kleiman war danach ja fast noch zehn Jahre Monster Magnet-Drummer.

Er wollte dann eben das Geld von den Konzerten! Aber irgendwann war ihm die Band total egal und ich musste sie beide feuern, weil sie einfach keinen Enthusiasmus mehr für die Sache aufbrachten und wirklich nur noch rumgejammert haben (mit verstellter Stimme): Man, müssen wir heute schon wieder spielen?

Weißt du, ich habe das auch bei anderen Bands beobachtet: Die Leute wollen in einer Rockband spielen, glauben aber, dass sie dafür nicht alles abrufen müssen. Jon und Joe, ich liebe diese Typen und sehe sie immer noch pausenlos, aber sie haben einfach nicht hart genug daran gearbeitet, die Musik besser zu machen.

1995 gab es noch kein Internet und so war man eher noch als heute gezwungen, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Viele Fans von euch kamen daher zu der festen Überzeugung, dass die Menschen hinter diesem Space-Sound selbstverständlich drogenabhängige Verlierer sein müssten. In Wirklichkeit habt ihr "Dopes To Infinity" komplett nüchtern eingespielt, oder?

Absolut. Sämtliche Monster Magnet-Texte von mir basieren auf meinen Erfahrungen aus der Teenagerzeit. Ich nahm damals Acid, LSD oder rauchte Haschisch und ging auf Rock-Konzerte. Was man eben so gemacht hat als Jugendlicher in den 70er Jahren. Monster Magnet gründete ich ja viel viel später. Beim Schreiben war es dann automatisch so, dass ich mich an diese prägende Zeit und in die ganze damalige psychedelische Stoner-Kultur hineingedacht habe, in der ich aufgewachsen bin. Drogen waren dafür gar nicht mehr nötig. Natürlich habe ich es trotzdem mal probiert, aber es funktioniert einfach nicht. Die Musik, die dabei heraus kam, wenn ich auf Drogen war, klang wie The Grateful Dead (lacht).

Du sollst es 1995 auch abgelehnt haben, mit berühmten Produzenten wie Bob Rock (Metallica, "Black Album") zu arbeiten, damit deine für Monster Magnet auserkorene Soundvision gewahrt bleibt.

Ja, ich hatte kein Glück mit Produzenten. Also habe ich es selbst in die Hand genommen.

Was heißt kein Glück? Hätte A&M Records überhaupt die Kohle gehabt, um Produzenten vom Kaliber eines Bob Rock zu bezahlen?

Tja, das werden wir wohl nie erfahren. Der Deal kam ja nicht zustande. Ich bezweifle aber, dass sie mir Bob Rock aus der Portokasse bezahlt hätten. Eventuell drei Jahre später bei "Powertrip". Sie haben für mich Kontakte hergestellt und dann wurde telefoniert. Ich sollte klarstellen, ob es eine gemeinsame Wellenlänge gibt. Kaum hatte ich mich bei denen gemeldet, kam immer gleich die Antwort: 'Alles klar, es geht um 70s Rock'.

Darauf ich: Well, nicht ganz. Folgendes: Ich möchte 60s Garage-Sound mit Garage-Psych und frühem 70er Rock mischen, aber nichts von dem dummen 70er Rock, ok? Sondern MC5 und Stooges, you know? Dazu dann Jack Kirby, Russ Meyer- und coole Biker-Filme, ok?

Es stellte sich sehr schnell heraus, dass niemand von diesen wirklich talentierten Leuten auch nur den Hauch einer Ahnung hatte, wovon zur Hölle ich sprach. Die kapierten meine Referenzen nicht. Ich war maßlos enttäuscht, denn ich dachte ja, dass jetzt ein richtiger Profi daher kommt, der unsere Platte fett macht. Irgendwann kam sogar Rick Rubin aufs Tableau, damals schon einer der größten Produzenten überhaupt. Und nicht mal der kapierte, wovon ich sprach.

Das war der Moment, ab dem ich langsam paranoid wurde. Ich dachte, wenn ich jetzt klein beigebe, kommt am Ende eine Platte raus, die genau so klingt wie all die anderen Rock-Bands. Auf den Gedanken, dass mit dieser Methode vielleicht ein Hit für uns raus gesrpungen wäre, eben weil die Platte dann geklungen hätte wie alle anderen, bin ich damals natürlich nicht gekommen, haha.

Es ging in den 90ern nur um eines: Radio-Airplay. Das war alles, was zählte. Wenn du auf einem Majorlabel warst und deine Songs nicht im Radio liefen, wurdest du nach einem Album vor die Tür gesetzt. Und zwar ganz unabhängig davon, ob du vorher einen Vertrag über sechs Alben unterzeichnet hast. Interessiert keinen. Du bist draußen. Natürlich wusste ich das. Wozu gibt es Produzenten? Produzenten sind auf der Welt, um Kohle zu machen. Sie wollen einen Hit. Und ich habe mit diesen Kerlen gesprochen, mit dem Typ, der Pearl Jam gemacht hat, mit dem von Soundgarden etc. Alle meinten: Ich mache euer Teil zum Hit. Jetzt wäre ich ja der letzte gewesen, der sich gegen einen Hit gesträubt hätte, aber ich wollte ihn sicher nicht zu deren Bedingungen.

Während der Aufnahmen zu "Dopes To Infinity" soll auch Slash mal bei euch reingeschaut haben.

Yeah, ich wollte ihn unbedingt überreden, irgendwas zu spielen, aber er kam nur zum Abhängen im Studio vorbei und war total cool, sehr warmherzig. Er kannte den Betreiber. Slash ist wirklich einer der nettesten Typen, den ich jemals im Rockstar-Betrieb kennengelernt habe. Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe, aber ich wollte ihm immer ne Gitarre in die Hand drücken und er meinte dann: Nääähh, jetzt nicht, meine Limo steht draußen, haha.

Ein anderes Zitat, dass ich von dir gefunden habe lautet: "'Dopes To Infinity' hat sich nicht ganz so gut verkauft, wie ich gehofft hatte".

No no, es hat sich nicht so gut verkauft, wie das Label es sich erhofft hat. Ich hätte nie geglaubt, dass sich Platten mit solchen Inhalten überhaupt so gut verkaufen. Mein Credo war immer: Ihr seid das Label, also verkauft das Zeug auch. Ihr nehmt eine Band unter Vertrag, also ist es euer Job, sie groß zu machen. "Dopes" hat ordentlich verkauft, aber es hat jetzt auch nicht die Weltherrschaft übernommen, wovon die Plattenfirma offensichtlich ausgegangen ist. Dabei habe ich ihnen gleich am Anfang bei der Vertragsunterzeichnung gesagt: Wisst ihr auch genau, was ihr hier macht? Wir sind nicht Metallica! (lacht)

Unsere Musik ist doppeldeutig und bezieht sich auf völlig seltsame, teilweise fast schon esoterische Sachen. Es gab zu dem damals angesagten Rocksound wirklich keinerlei Berührungspunkte oder zumindest sanfte Übergänge, wodurch Radio-Airplay in naher Zukunft wenigstens realistisch schien. Nirvana, Alice In Chains, da gab es doch keine Verbindung zu Monster Magnet. Und was sagt der Label-Typ zu mir, als ich ihm das erkläre: Right und genau deswegen will ich euch ja unter Vertrag nehmen. Ja, bei A&M Records waren schon ein paar coole Leute am Start.

1998 seid ihr mit der "Powertrip"-Single "Space Lord" dann aber mit wehenden Fahnen in den Radio-Kosmos eingefahren. Und gerade als es für euch spannend wurde, machte A&M Records im Jahr 2000 dicht und ihr seid bei Interscope untergekommen. Dort feierte man vor allem Nu-Metal ab. Wie sind deine Erinnerungen an diese unschöne Entwicklung?

Das war natürlich ein harter Schlag. A&M wurde verkauft, das digitale Zeitalter stand vor der Tür, überhaupt veränderte sich das ganze Business schlagartig. Ein paar schlaue Typen haben eben vorausgesehen, dass die Plattenindustrie den Bach runtergehen würde und verkauften schnell noch ihren Laden. Sie hatten verdammt recht. A&M wurde also verkauft und von heute auf morgen wurden all diese coolen und motivierenden Leute gefeuert, mit denen wir jahrelang zusammengearbeitet haben. Man schickte uns zu Interscope wie ein Waisenkind, so nach dem Motto: Hier, nimm du es. Viel Spaß.

Nu-Metal war das Allergrößte und ich spürte ziemlich schnell, dass das für uns kein gutes Ende nehmen würde. Das alles passierte, als wir gerade mitten in den Sessions zu "God Says No" steckten. Alles was das Label damals wollte, waren Bands, die sich ohne Probleme dem vorgegebenen Trend anpassen ließen. Man musste in ein Schema passen und wurde dann mit entsprechend viel Kohle gemolken. Und genau das passierte mit Nu-Metal. Dieses Genre wurde gefunden und die Labels pushten es danach mit aller Macht, in Zeitschriften, im Radio, überall. Bis wirklich jeder wusste, was Nu-Metal ist. Und am Schluss wusste es auch jeder.

So ähnlich lief es früher auch mit Disco. Man braucht immer ein Etikett, das man den Leuten unter die Nase reiben kann. Mit Grunge haben sie es auch versucht, und es klappte auch zu einem gewissen Teil, aber die Grunge-Bands klangen dann eben doch zu verschieden. Bei Nu-Metal war das überhaupt kein Problem. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Marilyn Manson in dieser Zeit. Wir saßen zusammen und waren uns am Schluss beide einig: Wir werden hier gerade verheizt. Sogar Manson konnte damals die in Stein gemeißelte Radio-Regel nicht mehr erfüllen.

Wie waren dann die Umstände, als "God Says No" Mitte 2000 dann erschienen ist? Es hat einfach niemanden mehr interessiert?

Das kommt auf den Ort an, ich denke in Europa lief es gut. In Amerika nicht. Ich bin in Kalifornien in das Interscope-Büro reingelaufen, wie ich es früher bei A&M Records getan hatte, und da saßen sie dann: Kinder in schwarzen Anzügen. Bei A&M hockten vor allem langhaarige Typen, die immer Bock auf lockere Gespräche hatten. Und plötzlich rede ich mit Absolventen von Wirtschaftshochschulen. Das war schon hart. Im ersten Moment dachte ich: Shit, du brauchst eine Zeitmaschine, um ins Jahr 1991 zurück zu kommen und dann drehst du nochmal richtig auf, haha. Aber ich war auch nicht total deprimiert, denn schließlich hatte ich mir ja bis dahin schon einen Namen gemacht. Am Ende war ich einfach froh, noch dabei zu sein.

Das gilt bis heute, Monster Magnet existieren beinahe schon seit 30 Jahren. Vor kurzem gab es mit den Terroranschlägen von Paris aber ein Ereignis, das alle tourenden Musiker zum Nachdenken gebracht hat. War das ein Zwischenfall, der die Sicht auf deinen Job verändert hat?

Es hat einem auf jeden Fall den Kopf wieder an den rechten Platz gerückt. Ich habe sofort an ein Gespräch mit meinem Tourmanager in Europa denken müssen, vor ungefähr fünf Jahren im Tourbus. Es war damals schon klar, dass Terrorismus das große Problem, die große Gefahr unserer Zeit darstellt. Und er meinte: Seit 9/11 ist die einzige Frage nur: Wann passiert es bei uns? Die Anschläge haben mich daher nicht überrascht, so traurig sie auch sind.

Man denkt sich (brüllt): Werd' endlich erwachsen, du Vollidiot - das hier passiert gerade in deinem Hinterhof! Andererseits ist es da sowieso schon passiert, denn ich wohne ja nicht weit weg von New York. Aber Paris war schon sehr sehr persönlich. Eigentlich sollte mein Merchandise-Mann auf der Tour mit den Eagles dabei sein, aber er sagte in letzter Minute ab. Dann ging der andere mit und ist gestorben. Gruselig. Jetzt weiß auch der Letzte, dass Terrorismus sogar den Rock'n'Roll heimsuchen kann.

Hast du auch schon im Bataclan gespielt?

Nein, nie. Ich bin heute fast froh darüber, es wäre einfach zu traurig. Furchtbar. Vor allem weil ich mir genau vorstellen kann, wie ich da oben stehe.

Was macht Dave Wyndorf, wenn er nicht auf Tournee ist? Bist du Dave, der Family Guy oder zwingst du dich zum Songs schreiben?

Ich hocke gerne zuhause rum. Vor allem mit Büchern. Mein Sport ist Lesen. Gut, ich fahre auch mal Rad und gehe spazieren. Ich bin eher ein Eremit, wenn ich zuhause bin. Die letzten fünf Jahre waren sehr anstrengend, ich war entweder auf Tour oder im Studio, abgesehen von vielleicht sechs Monaten. Und in diesem halben Jahr habe ich dann Bücher gelesen, war also eine langweilige, unsoziale Person, wie diese verrückten, alten Männer, die jeden Tag in den Wald gehen. Irgendwann nach so einer Phase kommt dann der Punkt, an dem ich fast explodiere, weil wirklich etwas raus muss und dann sprudeln die Texte einfach.

Gutes Stichwort: Wann sprudelt es denn mal wieder für Monster Magnet?

Hoffentlich sprudelt Ende dieses Jahres was zu euch rüber.

Das ist ja schon bald.

Ja, na gut, ich erzähle viel, es könnte auch Anfang 2017 werden. Aber das ist doch auch schon bald. Nein, ich muss einfach schauen, wann es sich richtig anfühlt. Denn je älter ich werde, desto wichtiger ist es mir, nur Musik zu veröffentlichen, an der ich wirklich absolut nichts auszusetzen habe. Der Druck von den großen Labels früher, den gibt es heute nicht mehr. Warum also zu früh feuern?

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