Porträt

laut.de-Biographie

LSD

"Wer LSD nicht kennt, solls Maul halten", findet DJ Stylewarz und unterstreicht damit die Position, die der Crew aus der Eifel in der Hip Hop-Geschichte gebührt. Mit "Watch Out For The Third Rail" setzen sie 1991 einen Meilenstein, der 17 Jahre nach seiner Veröffentlichung eine Neuauflage erlebt. Mit Recht: Einer der, wenn nicht der erste Hip Hop-Longplayer aus deutschen Landen überhaupt, erteilt nach all dieser Zeit noch immer eine Lektion in Open Mindedness, Musikalität und Handwerkskunst.

In den frühen 80ern schwappt die Welle der Hip Hop-Begeisterung, die sich in den kommenden drei Jahrzehnten weltweit ausbreiten soll, über den großen Teich nach Deutschland. Fasziniert von Anregungen aus Filmen wie "Wild Style", "Beat Streat" oder auch "Flashdance" beginnen auch hierzulande einzelne Begeisterte, Breakdance, Writing, Rap und DJing zu pflegen.

Die Akteure der neuen Bewegung operieren noch einsam und wenig vernetzt im Untergrund. In Heidelberg formieren sich um Torch und Toni L Advanced Chemistry, in Frankfurt legt Moses Pelham den Grundstein für seinen späteren Ruhm. Den Rap-Verrückten wird jedoch kaum etwas geboten, nach dem Bisschen, das es gibt, muss man lange suchen.

"Damals lief alles über Radio, Diskotheken und ältere Brüder, die irgendwoher irgendwelche Tapes hatten", erinnert sich Rick Ski, der gemeinsam mit seinem Bruder Future Rock erste Schritte auf dem noch ungewohnten Parkett unternimmt. "Herbie Hancocks 'Rockit' mit Grandmixer DST hat mich umgehauen", erinnert sich letzterer. Für Rick Ski liefert der Auftritt Grandmaster Flashs in "Wild Style" den Zündfunken.

Selber machen ist angesagt. Mit einem Kassettenrekorder und dem Material aus dem elterlichen Plattenschrank lassen sich erste Tape-Loops zusammen schustern. Ab 1985 versucht sich Future Rock an Sampling-Computern. Beeinflusst von Bomb Squad, 45 King, EPMD und KAOS entstehen erste Beats.

Im Frühjahr 1989 kratzt Future Rock, gerade sein Abi in der Tasche, das Geld für einen Yamaha-Sampler zusammen. "Und dann hatten wir noch so ein pornomäßiges Umhänge-Keyboard, das Torch bis heute besitzt", ergänzt er im Interview mit The Message. Die Wiege des deutschen Hip Hop steht somit in einem 2000-Seelen-Dorf in der Eifel.

"Die Rick-Brüder sind uns unangenehm aufgefallen, weil die immer mit ihrem Golf auf dem Parkplatz vor so einer Schweinerock-Disco herum standen und brüllend laut Rapmusik gehört haben", blickt Ko Lute im Gespräch mit der Juice zurück. Ganz so furchtbar missfallen kann ihm dies aber nicht haben: Mit DJ Defcon, den er über gemeinsame Freunde kennen lernte, bildet er 2 Scardens Of Hip Hop, die bereits ein gefeiertes Tape fabriziert hatten.

Da waren sie also zu viert. Ein Trip nach Berlin bleibt nicht ohne Folgen: In diesem Rahmen bringen die Herren ihre Demo-Bänder einem Vertreter des Kölner Jazz-Labels Rhythm Attack zu Ohren. Dort beschäftigt man sich gerade mit der Zusammenstellung eines Hip Hop-Samplers mit dem Titel "New School". Der Track "Competent" des Quartetts aus der Eifel soll hier seinen Platz finden.

Jetzt muss natürlich ein gemeinsamer Name her. Im Hau-Ruck-Verfahren einigt man sich, vom wem genau der Vorschlag stammt, lässt sich später nicht rekonstruieren, auf LSD, die Abkürzung für "Legal Spread Dope". Der dem Schulenglisch geschuldete Grammatik-Bock wird später zum korrekten "Legally Spread Dope" bereinigt.

Die Jazzer bei Rhythm Attack haben offensichtlich Blut geleckt. Ebenfalls "Competent" betitelt veröffentlichen sie 1989 LSDs erste EP. Noch im gleichen Jahr beginnen die Jungs mit der Bastelei an einem Longplayer. Ausgestattet mit einem C64, dem Programm Supertracks und einer gehörigen Portion gegenseitigen Misstrauens: ein mühsames Geschäft.

Nicht einmal einander verraten sie ihre Samplequellen. Labels werden unkenntlich gemacht und Platten voreinander versteckt. "Der Plan war, noch mehr Samples zu benutzen als Public Enemy und noch mehr Krach zu machen", so Future Rock. Zwei Jahre gehen ins Land, bis die Hunderte von verbratenen Versatzstücken ihren Platz gefunden haben. "Watch Out For The Third Rail" explodiert wie eine Bombe in der sich gerade entfaltenden Rap-Szene.

Torch hinterlässt Begeisterungsstürme auf Ko Lutes Anrufbeantworter ("Jede Sau hört LSD in Heidelberg!"), Hip Hop-Journalist Falk 'Hawkeye' Schacht befindet: "Hardcore, dreckig und dope. So wie Hip Hop sein sollte. Die Platte repräsentiert die Kultur in ihrer Gesamtheit und zählt zweifelsohne zu den kreativsten und unglaublichsten Hip Hop-Platten aller Zeiten - weltweit."

Auch in den USA sorgt "Third Rail" für Aufsehen. Future Rock und Fader Gladiator versorgen bei einem Trip nach New York 1991 die Ultramagnetic MCs mit einer Kopie des Albums. Die Auswirkungen auf deren Longplayer "Funk Your Head Up" sind schwer zu überhören.

Für das zwischenmenschliche Verhältnis in den Reihen von LSD bewirkt der allgemeine Zuspruch jedoch keine Besserung. Dass man sich nicht wirklich grün ist, lässt bereits der Umstand ahnen, dass DJ Defcon auf dem Original-Cover von "Watch Out For The Third Rail" fehlt. Zum Zeitpunkt, da die Aufnahmen entstanden, befand er sich auf einem Schulausflug.

Die Stimmung untereinander bleibt schlecht, daran ändert auch die 1991 erscheinende zweite EP "I Don't Give A Rap" nichts, auf der in "Accompagnato" erstmals auf Deutsch gerappt wird (die Fantastischen Vier, die ihr Debüt zu diesem Zeitpunkt bereits veröffentlicht haben, nimmt schließlich niemand ernst). Die Rick-Brüder, inzwischen mehr und mehr mit Fader Gladiator unterwegs, entschließen sich zur Trennung von Rhythm Attack und treiben die Gründung ihres eigenen Labels Blitz Vinyl voran. Ko Lute, der hier ursprünglich noch mit von der Partie sein sollte, wird telefonisch wieder hinaus komplimentiert: Der Split von LSD ist besiegelt.

Es entbrennt ein Streit um den Bandnamen. Ko Lute, in dessen Erinnerung der Vorschlag der seine war, und Defcon veröffentlichen auf einem Sampler den Track "Zeile Für Zeile" - als LSD. Den Gebrüdern Rick platzt daraufhin die Hutschnur: Auf einem so gut wie gar nicht veränderten Beats Marley Marls rotzen sie "Ohne Warnung" in Richtung der Ex-Kollegen, vermutlich der erste Diss-Track der deutschen Rap-Geschichte.

Nach zwei Jahren der Funkstille melden sich Ko Lute und DJ Defcon noch einmal mit einer EP zu Wort: "The Prototype" veröffentlichen sie 1994 unter dem Namen LSD Proton. Die Herren Rick Ski und Future Rock betreiben bis 1995 ihr Label Blitz Vinyl und engagieren sich mit C.U.S., STF und dem Äi-Tiem in den Reihen der zugehörigen Crew Blitz Mob. In den Folgejahren bleiben beide auf Solo-Pfaden aktiv.

Erst deutlich nach der Jahrtausendwende sitzt man wieder gemeinsam am Tisch. Die lange geforderte Neu-Auflage des Albums, das wie kaum ein zweites die Bezeichnung 'Alltime Classic' verdient, beseitigt zwar nicht die Differenzen, ermöglicht jedoch neue Gespräche und gemeinsame Interviews. Bei Oliver von Felberts Label Melting Pot Music findet sich schließlich die geeignete Heimstatt für das Projekt.

Die "Dope Beat Edition" von "Watch Out For The Third Rail" erscheint im April 2008, erweitert um Bonustracks und sämtliche Instrumentals. DJ Defcon findet endlich seinen verdienten Platz auf dem neu gestalteten Cover. Historische Fotos im Booklet machen die Zeitreise komplett.

Auch mehr als 15 Jahre nach seiner Entstehung verschlägt die gebotene Komplexität Hip Hop-Heads den Atem. Ade Bantu bringt es auf den Punkt: "Ein zeitloser Klassiker der deutschen Hip Hop-Geschichte, der für die Musik und die ganze Kultur steht, als sie sich gut, frisch und voller Leben anfühlte." Oder eben Stylewarz: "Wer LSD nicht kennt, solls Maul halten!"

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